Galgenhumor ist die einzige Waffe

Türkische Posse Dem prominenten Zeichner Musa Kart droht erneute Haft. Schon jetzt wird selbst die aufmüpfige und einflussreiche Satireszene von Angst und Selbstzensur beherrscht
Galgenhumor ist die einzige Waffe
„Statt eines viertägigen Aufenthalts in einem Zimmer mit Meerblick habe ich dann monatelang hinter schwedischen Gardinen gesessen“

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images

Hinter Stachelzaun liegt das Gebäude der oppositionellen Tageszeitung Cumhuriyet im Istanbuler Stadtteil Şişli. Ein Panzerwagen der Polizei steht neben dem Eingang. Er wurde zum Schutz eines Mediums hier abgestellt, deren Management und Redaktion gerade wegen Unterstützung verschiedener Terrororganisationen zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und siebeneinhalb Jahren verurteilt wurde. „Leute wie Euch umzubringen, ist eine segensreiche Tat“, polemisierte der Moderator des islamisch-konservativen Hetzsenders Akit TV noch im Februar.

„Das ist regierungsnahes Frühstücksfernsehen“ scherzt Musa Kart. Seinen Humor verliert der prominente Cartoonist zum Glück nie. Doch seine Zeichnungen schickt er mittlerweile meist von zu Hause. In die Redaktion kommt er nur noch, um den Justiziar der Zeitung zu treffen. „Aber dass du nicht wieder Reisen nach Bodrum buchst“, sagt Anwalt Tora Pekin und klopft Kart auf die Schulter. Galgenhumor ist die einzige Waffe, die den täglichen Irrsinn in der Türkei ertragen lässt. Das Gericht hatte Musa Kart vorgeworfen, er habe einen Kurzurlaub in Bodrum bei einem Reiseunternehmen gebucht, das mit der Hizmet Bewegung von Fethullah Gülen sympathisiere. „Statt eines viertägigen Aufenthalts in einem Zimmer mit Meerblick habe ich dann monatelang hinter schwedischen Gardinen gesessen“, spottet der Zeichner. Drei Jahre und neun Monate Haft drohen ihm nun, sollte das Revisionsgericht die Berufung der Anwälte ablehnen.

Bereits im Oktober 2016 waren die Macher und Mitarbeiter der Zeitung in U-Haft genommen worden. Kart wurde erst nach neun Monaten entlassen. Die Prozesse gegen Cumhuriyet begannen im Juli 2017, als die Staatsanwaltschaft die Macher der Zeitung der Unterstützung der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), der Hizmet-Bewegung und der marxistisch-leninistischen DHKP-C beschuldigte. Absurde Vorwürfe, wie der Anwalt Pekin unterstreicht: „Die Zeitung hat immer wieder kritisch über all diese Organisationen berichtet, die zudem ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Wie sollen die Journalisten sie also alle gleichzeitig unterstützen?“ Den Blattmachern wird darüber hinaus vorgeworfen, die Pläne für den gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 mit vorangetrieben zu haben. Produkte blühender Phantasie, die aber für die Betroffenen ernste Konsequenzen haben. Schon jetzt wird selbst die aufmüpfige und einflussreiche Satireszene von Angst und Selbstzensur beherrscht. Obwohl Musa Kart gar nicht wegen seiner Zeichnungen angeklagt wurde, bremst er sich momentan inhaltlich, sagt er. Auch die zentralen Satirezeitschriften LeMan und Uykusuz geben zu, Selbstzensur zu betreiben.

In der Rangliste der Pressefreiheit steht die Türkei auf Rang 157 von 180 Ländern. Einsam an der Spitze steht sie mit derzeit 148 inhaftierten Medienschaffenden als großer Knast für oppositionelles Gedankengut. Die Regierung versucht mit aller Gewalt am 24. Juni Recep Tayyip Erdoğan zum allmächtigen Präsidenten zu wählen. Seit dem Verkauf des Verlagshauses Doğan, an dem auch Springer Anteile besitzt, an den regierungsnahen Konzern Demirören Anfang April kontrolliert die AKP 98 Prozent der Medien. Zum Verlagshaus gehört auch die auflagenstarke Tageszeitung Hürriyet. Ein noch größerer Skandal als das türkische Possenspiel sind all die Gernegroßen im Kampf für die Pressefreiheit, die, wenn es um’s Geschäft geht, Erdoğan noch die Tür aufhalten.

06:00 06.05.2018

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