Gangstertum auf Gegenseitigkeit

Philippinen Die Terrorgrüße der Abu Sayyaf sind zuweilen bis in die Armee hinein willkommen

Bereits Mitte Januar versprach Gloria Macapagal-Arroyo ein Ende des "totalen Krieges", den ihr aus dem Amt gejagter Vorgänger Estrada dem Moro-Widerstand, vor allem der Moro Islamischen Befreiungsfront (MILF, s. Übersicht), erklärt hatte. Nun aber gilt wieder kategorisch: Keine Verhandlungen, keine Lösegeldzahlung, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das - so Arroyo - sei die einzig probate Politik, um die Geiselnahme im Süden des Archipels zu beenden. Den Kidnappern der Abu Sayyaf (ASG) drohte die Präsidentin, laut Verfassung in Personalunion Oberkommandierende der Streitkräfte (AFP), mit der "Ausmerzung". Wie stets bei so viel martialischer Rhetorik gerät zuerst die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten. In der Region Lamitan und Umgebung herrscht faktisch Belagerungszustand. Trotz mittlerweile knapp 5.000 nach Basilan abkommandierter Regierungssoldaten gelang es den Armee-Einheiten bisher nicht, der Kidnapper habhaft zu werden.

Weshalb eigentlich gelingt es den Abu Sayyaf immer wieder, den übermächtigen "Gegner Staat" hinzuhalten? Brigadegeneral Edilberto Adan bevorzugt zwei Erklärungen: Die Kidnapper hätten Geiseln als lebende Schutzschilde genommen. Sie genössen außerdem die Protektion von Dorfgemeinschaften, "terroristische Basen" eben, die nun einmal nicht im Handstreich zu nehmen seien. Pikanterweise war Wahab Akbar, der Gouverneur von Basilan, selbst ein alter MNLF-Kämpfer (s. Übersicht), bevor er im regionalpolitischen Mainstream reüssierte. Auch er versteht sich aufs Geschäft des Kidnapping. Als im Frühjahr 2000 Khadafy Janjalani, Bruder des erschossenen Abu Sayyaf-Gründers Abdurajak, Mitglieder des Akbar-Clans entführte, revanchierte sich der Gouverneur kurzerhand mit der Festsetzung von Verwandten Janjalanis. Dieses Gangstertum auf Gegenseitigkeit ist seit Jahren eingespielt und erspart - inklusive Lösegeldzahlungen - zeitlich aufreibende Rechtswege. Es war auch Akbar, der versicherte, für die Freilassung einer der Geiseln - einen reichen Geschäftsmann - seien hinter den Kulissen bereits mindestens zehn Millionen Pesos (500.000 DM) geflossen.

Das Phänomen Abu Sayyaf ist einerseits Ausdruck eines eigentümlichen - bis heute ungelösten - Widerstreits zwischen Zentrum und Peripherie. Im 1.000 Kilometer entfernten Manila gelten die Moros als integrationsresistent und bemitleidenswertes Schlusslicht nationaler Entwicklung. Die Moros selbst kontern mit dem Argument, die Spanier als erste Kolonialmacht hätten ihre Sultanate nie unterworfen und auch die USA seien während ihrer Herrschaft (1898 bis 1946) einzig auf "Pazifizierung" erpicht gewesen - militärisch oder mittels gezielter politischer Kooptation. Als die Inseln im Sommer 1946 unabhängig wurden, seien aber die Moros samt Territorium ungefragt als Teil des philippinischen Staatsverbandes vereinnahmt worden. Andererseits formierten sich mit den Abu Sayyaf (ASG) zwielichtige Desperados, deren Anhänger als marginalisierte Habenichts einzig in der Strategie des Terrors eine (Über-) Lebenschance witterten und im anarchischen Süden, wo weitgehend Claninteressen das Geschehen bestimmen, Kidnapping als lukratives Business praktizieren.

Das machte und macht diese Gangs anfällig für Infiltration und Instrumentalisierung. Bis Ende der neunziger Jahre bestanden direkte Geheimdienstverfilzungen mit Personen, die ihrerseits mit dem Südkommando der Armee (SouthCom) in Zamboanga City liiert waren. Außerdem tolerieren regionale Politiker die Abu Sayyaf, zumal im Gegenzug für gewährte logistische Hilfe jeweils ein Obolus von erpressten Lösegeldern - vornehmlich reicher Geschäftsleute - abfiel. Da gemäß dem Friedensabkommen von 1996 insgesamt 7.500 Ex-Kombattanten der MNLF in Armee und Nationalpolizei integriert wurden, die integrées aber vielfach - schon dank verwandtschaftlicher Bande - größere Loyalität zu den Abu Sayyaf als zur Regierung in Manila bekundeten, verwandelten sich auch die zu Subunternehmen staatlichen Terrors.

Bevorzugt werden die Rebellen von bestimmten militärischen sowie zivilen Kreisen stets dann als reale Gefahr heraufbeschworen, wenn es um handfeste Interessen geht - so wie momentan um die Modernisierung der Armee oder die Verhängung eines begrenzten Kriegsrechts. Dadurch wächst der Aktionsradius des Militärs, was erst recht konservativen Gegnern der Arroyo-Regierung (darunter auch hartgesottenen Estrada-Fans) in den Kram passt. Sie nämlich setzen auf die militärische Karte, um vor allem die MILF "aufzureiben", während Präsidentin Arroyo diese durch neue Friedensverhandlungen, die Ende Juni im libyschen Tripolis wieder aufgenommen werden sollen, politisch-diplomatisch zähmen möchte. Schließlich ist Malaysia in letzter Zeit initiativ geworden, um die unterschiedlichen Strömungen des Moro-Widerstandes an einen Tisch zu bringen, so dass sich Neugewichtungen abzeichnen, die Manila unter Zugzwang setzen, endlich eine kohärente Friedensstrategie zu erwägen.n

Die Moro-Organisationen

"Moros" hatten die Spanier abschätzig die mehrheitlich muslimische Bevölkerung im Süden genannt - in Anlehnung an die "Mauren" Nordafrikas. Die von Datu Udtog Matalam mit der Veröffentlichung des Manifests vom 1. Mai 1968 gegründete Muslim später Mindanao Independence Movement (MIM) war Ende der Sechziger die erste muslimische Organisation, die Manila zur Selbstbestimmung drängte.

Die Moro National Liberation Front (MNLF)

... entstand in Abgrenzung dazu 1969 unter der Ägide des aus Sulu stammenden Nur Misuari. Anfang der siebziger Jahre setzte er sich ins Ausland ab und war bis 1987 vorwiegend in Libyen. Politisch-diplomatisch unterstützt wurde die MNLF seitdem von der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC). Das Tripolis-Abkommen von 1976 und das Friedensabkommen vom September 1996 markierten die Abwendung der MNLF von ihrem Maximalziel, in den Südphilippinen eine unabhängige Bangsa Moro Republik zu schaffen.

Die Moro Islamic Liberation Front (MILF)

... 1976/77 von dem an Kairos renommierter Al-Azhar Universität ausgebildeten Hashim Salamat gegründet und 1978 erstmals ins öffentliche Rampenlicht getreten, hat ihre Wurzeln in der Protestbewegung gegen Misuaris Verhandlungsstil in Tripolis und ist mit etwa 25.000 ausgebildeten Kämpfern gegenwärtig die mit Abstand bedeutsamste Formation im Moro-Widerstand. Im Juli 2000 nahm das philippinische Militär nach einer Großoffensive das MILF-Hauptquartier, Camp Abubakar, ein. Im Gegenzug verkündete ihr Vorsitzender Salamat den jihad.

Die Abu Sayyaf

... wörtlich: Vater des Scharfrichters - entstanden Ende der achtziger Jahre nach erfolglosen Friedensverhandlungen Misuaris mit Präsidentin Corazon Aquino - rekrutieren sich hauptsächlich aus Yakan auf der Insel Basilan. Sie haben Kampferfahrungen in Afghanistan aus der Zeit der sowjetischen Besetzung. In den neunziger Jahren machten sie erstmals durch Terroranschläge gegen öffentliche Einrichtungen auf sich aufmerksam.

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00:00 29.06.2001

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