Gans erforscht

Konrad Lorenz Verhaltensforschung zwischen Rassenideologie und Streichelzoo. Die Biografie von Konrad Lorenz fasziniert auch noch 20 Jahre nach seinem Tod

Konrad Lorenz und seine Graugänse: Die Geschichte vom Gänsekind Martina, das den späteren Nobelpreisträger als seinen Gänsevater betrachtete und ihm auf Schritt und Tritt folgte war prägend sowohl für das Mitte des 20. Jahrhunderts noch neue Fach Ethologie, der vergleichenden Verhaltensforschung, als auch für das Bild der Verhaltensforschung in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt für Generationen von Biologiestudenten, die mit auf Mensch geprägten Gösseln im Schlepp über die Wiesen zogen.
Kaum aus dem Ei, erkennen die kleinen Gänse, wer ihre Eltern sind und laufen ihnen zukünftig über Stock und Stein hinterher. Lorenz nannte das Prägung. Der Sinn der Sache: Das Überleben. Kleine Gänse, die ihren Eltern folgen, werden gewärmt, verteidigt und lernen welches Futter schmeckt, wer alleine zurück bleibt, der stirbt. Angeborenes Verhalten als Produkt der Evolution. Das war neu. Bis dahin hatte man das Verhalten von Tieren als reine Reaktion auf Umweltreize betrachtet. Lorenz dagegen sah das für eine Art typische Verhalten als einen Teil des Tieres.

Gänseeier gab es umsonst

Lorenz begann früh, sich für Zoologie und Darwins Evolutionstheorie zu interessieren. Sein Vater, Adolf Lorenz, ein zu seiner Zeit berühmter Orthopäde, hatte sich in Lorenz Geburtsjahr 1903 in der Nähe von Wien eine Villa mit parkartigem Garten errichtet. Sohn Konrad verwandelte diese schon als Jugendlicher in eine Menagerie mit zahmen und halbwilden Tieren. Auf Wunsch des Vaters studierte er Medizin, promovierte dann in Zoologie und widmete sich immer mehr den Verhaltensstudien, doch mit seiner Karriere ging es nicht voran. Zu den Gänsen kam Lorenz ganz profan, weil es Gänseeier nahezu umsonst gab, während er für seine vergleichenden Verhaltensstudien an Enten, Paare verschiedenster Arten kaufen musste.

Seine Tiere und ihr Unterhalt kosteten ständig zu viel. Den Lebensunterhalt für die Familie verdiente Ehefrau Margarethe als Ärztin. Da Lorenz in Österreich nicht voran kam und sich das Habilitationsverfahren hinzog, bemühte er sich schließlich um eine Position in Deutschland. 1940 berief ihn die Universität Königsberg zum Ordinarius für Psychologie, also auf den Lehrstuhl Immanuel Kants. Nach nur einem Jahr dort folgte die Einberufung zum Militär und eine vierjährige Kriegsgefangenschaft in Russland.

Karriere im Dritten Reich

Da Lorenz seine Studien zu Domestikationsprozessen unkritisch auf den Menschen übertrug, trafen einige seiner Schriften genau den Ton der Zeit, er benutzte in seinen Veröffentlichungen Begriffe wie „Rassenpflege“ und „Ausmerzung genetisch Minderwertiger“. Für die Verwendung der Naziterminologie entschuldigt er sich später, einen NSDAP-Mitgliedsausweis habe er nie besessen. Seine politische Einstellung zur Zeit des Dritten Reichs bleibt auch später umstritten.

Nach dem Krieg erscheinen Lorenz' populärwissenschaftliche Bücher, Geschichten über seine Hunde, die Gänse und andere tierische Hausgenossen. In die Anekdoten verpackt er auch den Inhalt seiner Forschung und erreicht so mit seinem Fachgebiet große Bekanntheit. Seine Theorien, zum Beispiel dass Aggressionen ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Verhaltens sei und gelegentlich wie Dampf in einem Kessel abgelassen werden müsse, werden kontrovers diskutiert.

Smart, aber ohne Plan

Lorenz arbeitet bis 1973 in Deutschland in der Forschungsstelle für vergleichende Verhaltensforschung der Max Plack Gesellschaft und erhält im Jahr seiner Emeritierung zusammen mit dem Niederländer Nikolaas Tinbergen und Bienenforscher Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin. Er forscht bis ins hohe Alter, daneben wird er zum Umweltaktivisten, der seine Popularität im Kampf gegen den Bau von Atomkraftwerken in Österreich einsetzt und bis zu seinem Tod am 27. Februar 1989 wortgewaltig gegen die Zerstörung von Natur und Umwelt anschreibt.

Viele von Lorenz Theorien sind inzwischen widerlegt oder modifiziert. Einige der frühen Versuche der Verhaltensforschung erwiesen sich als nicht reproduzierbar, da sie auf reinen Zufallsbeobachtungen beruhten, statistische Methoden waren Lorenz Sache nicht.
Sein Fachgebiet hat sich im Laufe der Zeit verändert: „In der frühen Verhaltensforschung wurde die meiste Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Mechanismen und den evolutionären Zweck von Verhalten aufzuklären“, erklärt Dr. Dustin Penn, Direktor des Konrad Lorenz Institut für Ethologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaft, „heute ist die Verhaltensforschung durch die Fortschritte in anderen Bereichen wie Genetik und Neurobiologie in andere Disziplinen integriert.“

Menschen, Tiere und ihre Umwelt, wie sich Verhalten durch Evolution formt, sind immer noch Gegenstand des Forschungsgebiets. Sogar für die von Konrad Lorenz in seinen letzten Lebensjahren so vehement angeprangerte Umweltzerstörung durch den Menschen sucht die Verhaltensbiologie nach Erklärungen: „Wir sind auf vielerlei Art eine sehr smarte Spezies, aber wir hatten nie wirklich Grund dazu, so richtig weit voraus planend zu handeln“, versucht Dustin Penn zusammenzufassen, warum die Evolution beim Menschen das Verhalten geformt hat, das ihn die Sache mit dem Umweltschutz nur ganz langsam kapieren lässt.

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