Ganz Amerika

Black Politics Ta-Nehisi Coates’ neuestes Buch mache schwarzen Widerstand unsichtbar, kritisiert die Linke. Ist da was dran?
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Eingerahmt durch Coates’ Erzählung seiner Entwicklung als Autor, ist „We Were Eight Years in Power“ eine Geschichte der Rassenbeziehungen

Foto: Anna Webber/The New Yorker/Getty Images

Nina Simone sang 1967 „I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free“, ein Lied, das in der Bürgerrechtsbewegung populär wurde, da es an die Erfahrung allumfassender Unterdrückung erinnerte. Doch letztlich stellt es Freiheit als flüchtigen und unerreichbaren Traum dar. Ta-Nehisi Coates‘ Buch We Were Eight Years in Power entfaltet eine ganz ähnliche Ausstrahlung. Sein Pessimismus löste in den USA eine rege Debatte über Rassismus, Klasse und Widerstand aus. Die polemischste Kritik stammte von dem Harvard-Professor Cornel West. Er bezeichnete Coates als Teil eines „neoliberalen Flügels, der sich zwar militant gegenüber der weißen Vorherrschaft gibt, aber den realen Widerstand unsichtbar macht“. Wenngleich Wests Ton übertrieben war, bemängelte er zurecht, dass sich Coates nicht direkt mit Kapitalismus, Patriarchat und Homophobie auseinandersetze.

Aus der Debatte erwachsen tiefergehende Fragen zu schwarzer Befreiung und Internationalismus. Darüber hinaus ermöglicht sie es, nach „Quellen des Widerstands“ nicht nur in den USA, sondern auf globaler Ebene zu suchen. Ja, Coates’ Text geht nicht weit genug, aber nicht aus den von West genannten Gründen, sondern aufgrund seiner Provinzialität.

Wie ist schwarzes intellektuelles Denken zu beurteilen, das die Stimmen der Unterdrückten und den Beitrag von Freiheitskämpfern ausblendet? Welche Bedeutung hat es, heutzutage über den Zustand von Black Politics und schwarzer Selbstbestimmung zu schreiben?

Eingerahmt durch Ta-Nehisi Coates’ Erzählung seiner Entwicklung als Autor, ist We Were Eight Years in Power eine diachrone Geschichte der Rassenbeziehungen in den USA. Die acht Kapitel des Buches bewegen sich locker durch Bürgerkrieg, Bürgerrechtsbewegung und Barack Obamas Präsidentschaft. Coates entwirft einprägsame Bilder von schwarzer Versklavung, Masseninhaftierung und Rassentrennung. Gleichzeitig versucht er, seinen eigenen Ausgangspunkt zu erklären, und zu erläutern, inwiefern White Supremacy das politische Vermächtnis der USA ist.

Ideologische Perspektive

Das Buch zeigt die Grenzen eines schwarzen, national begrenzten Denkansatzes auf und offenbart, wie hingegen ein internationalistischer Standpunkt den Horizont für Gerechtigkeit erweitern kann. Denn nur gelegentlich verweist Coates auf radikale Politik. Zunächst einmal stellt er fest, dass „es eine tatsächliche Versklavung gab und alles, was daraus folgte, von der ‚Reconstruction‘ (der Phase der Wiedereingliederung der Südstaaten nach Ende des Bürgerkriegs, d. R.) über die Aufrechterhaltung der Rassenhierarchie durch die Jim-Crow-Gesetze bis hin zu Massenverhaftungen“. Mit Letzterem bezieht er sich auf das einflussreiche Buch The New Jim Crow der Bürgerrechtlerin Michelle Alexander, die damit die massenhafte Inhaftierung Schwarzer wegen (Drogen-)Vergehen meint. In den Fußnoten lobt Coates Alexanders Beitrag zur Debatte, behauptet aber, dass die Masseninhaftierungen „nur denkbar waren, wenn man davon ausging, dass gewisse Menschen sowieso nicht für die Freiheit gemacht seien“. Hier wird sein ideologischer Ansatz offenbar: eine Perspektive, die nicht auf dem Kapital und dem Profit, den Sklaverei und Massenverhaftung bringen, als Fundament aufbaut.

Coates’ Übergang vom immateriellen Reich des Hasses hin zu den materiellen Auswirkungen von Rassismus ist im Kapitel Ein Plädoyer für Reparationen am stärksten fundiert. Hier wendet er sich vom Liberalismus ab und stellt letztlich doch direkte Verbindungen zwischen der Diskriminierung von Schwarzen und dem Kapital her: „Da der Reichtum des Landes nach Rassen verteilt war und schwarze Familien räumlich abgeschottet wurden, akkumulierten die Weißen Ressourcen und verzinsten sie, während die Schwarzen in relativer Armut lebten. Nicht nur waren Schwarze mit größerer Wahrscheinlichkeit arm, alle Schwarzen – welcher Klasse sie auch angehörten – lebten eher in armen Stadtvierteln.“ Mittels ethnografischer Beispiele zeigt er hier, wie afroamerikanische Familien erst Sklaven waren, dann Farmpächter und später verschuldet. Durch die Forderung nach Reparationen will er die Schuld der Weißen übergehen und durch eine Umverteilung des Wohlstands ersetzen – ein Konzept, das sich auf die gesamte Arbeiterklasse ausweiten ließe. Der oben zitierte Auszug ist deswegen so wichtig, weil er – im Gegensatz zu Wests Kritik – zeigt, dass Coates durchaus eine Analyse der Beziehung zwischen Rasse und Klasse entwickelt – und zwar durch eine rigorose Fallstudie.

Coates’ Schriften werden allerdings auch von dem überschattet, was die Schriftstellerin Roxane Gay als „eklatantes Fehlen der Berücksichtigung der Intersektion von Rasse und Gender“ beschrieben hat. Im Kapitel Notizen aus dem fünften Jahr beschreibt Coates das Erbe schwarzer Frauen, die Widerstand gegen Sklaverei und die Jim-Crow-Rassentrennung geleistet haben. Eine dieser Vorfahrinnen war Celia, eine schwarze Sklavin, die gehängt wurde, weil sie ihren weißen Sklavenbesitzer ermordet hatte. Eine andere war die Journalistin und Bürger- und Frauenrechtlerin Ida B. Wells, die Anti-Lynch- und Anti-Vergewaltigungs-Kampagnen anführte. Der Text versäumt es indes, schwarze Frauen einzuschließen, die in breiteren Bewegungen eine bedeutende Rolle spielten: bei den Haymarket-Arbeiterprotesten 1886 in Chicago, in der Sozialistischen Partei, den Gewerkschaften und der Kampagne zur Befreiung der Scottsboro-Boys, einer Gruppe schwarzer Jugendlicher, deren fälschliche Verurteilung wegen einer angeblichen Vergewaltigung weißer Frauen 1931 zu einem Präzedenzfall wurde. Der Beitrag dieser Frauen muss gewürdigt werden, weil sie nicht abseits des Wandels standen, sondern integraler Teil des Befreiungsprozesses in den USA waren.

Des Weiteren präsentiert Coates eine Geschichte von Black America, die die afrikanische Diaspora in Nordamerika, Zentralamerika, Südamerika und der Karibik ausschließt. Die Amerikas ruht auf den Geistern der von den Europäern ermordeten indigenen Gruppen ebenso wie auf dem Blut der afrikanischen Sklaven, die das Land beackert haben. Diese opferreichen Phasen der Geschichte haben sich in einen Albtraum verwandelt, der bis heute schwarze Menschen von Brasilien bis Puerto Rico verfolgt.

Vom Afrofuturismus lernen

Doch Coates nähert sich dem Internationalismus, wenn er die politische Veränderung des Bürgerrechtlers Malcom X beschreibt: „Auf seinen Reisen nach Afrika und in den Nahen Osten, aber auch, als er in Oxford und Harvard Diskussionen führte, traf er auf eine Flut neuer Ideen, neuer Denkweisen, die ihn vor und zurück warfen.“ Demnach eröffnete der Internationalismus – mit dem auch die Black Panther Pary flirtete – Radikalen den Raum, über die ihnen auferlegten Grenzen hinauszugehen und Dynamiken des gesellschaftlichen Kampfes zu imaginieren. Die Black Panther Party, deren Mitglied Coates’ Vater war, war ein internationales Symbol des Widerstandes, auch in der postkolonialen Phase in Algerien, sowie bei den Maori, die sich gegen den Kolonialismus der weißen Siedler in Neuseeland wehrten. Insofern ist es kein Zufall, dass Coates einen bedeutenden Anteil an der Wiederentdeckung und Popularisierung des Marvel-Comics Black Panther und seiner Verfilmung hatte. Auch wenn der Film nicht ganz die radikale Haltung der Comics spiegelt, hat er zahlreiche Fragen zum Erbe der Black Panther Party, der Ästhetik des Afrofuturismus und den Grenzen isolationistischer Politik aufgeworfen (siehe der Freitag 16/2018).

Das Ziel der Linken ist es, gesellschaftlichen Bewegungen ein historisch-materialistisches Rahmenwerk aufzuzeigen, das die realen Lektionen von Freiheitskämpfern berücksichtigt, anstatt oberflächliche Rundschläge auszuteilen, die Klasse und Rasse gegeneinander ausspielen. Wenn wir eine verschleierte Geschichte neu interpretieren und konkrete Wege zur Freiheit für alle aufzeigen wollen, müssen wir die Ausbrüche des Kampfes von unten finden – nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Es lässt sich viel vom Afrofuturismus lernen – er lädt uns dazu ein, uns eine Welt auszumalen, in der schwarze Menschen durch Kunst und Wissenschaft eine neue Welt erträumen und erschaffen können. Wenn man Afrofuturismus und Internationalismus ernst nimmt und sie zu einem Teil von radikaler Black Politics machen will, muss man die Vision einer Welt entwickeln, die nicht nur zeigt, wie die Gesellschaft geformt wird, sondern auch, wie alle Menschen frei sein können.

Info

We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie Ta-Nehisi Coates Britt Somann-Jung (Übers.), Hanser Berlin 2018, 416 S., 25 €

Übersetzung: Carola Torti

06:00 03.09.2018

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