Ganz bestimmt aus kontrolliertem Anbau

Realistisch und/oder subjektiv Ein Versuch über den Zusammenhang von "Neuer Berliner Schule" und Ulrich Köhlers neuem Film "Montag kommen die Fenster"

Als die Berliner Regisseurin Angela Schanelec vor fünf Jahren ihren Film Mein langsames Leben auf dem Internationalen Forum des Jungen Films vorstellte, wurden beim üblichen Gespräch im Anschluss an die Vorführung aus dem Auditorium heftige Aggressionen gegen die Filmemacherin laut. Einige Zuschauer fühlten sich offensichtlich angegriffen von der Erzählweise Schanelecs: Vor allem den ruhigen Schnittrhythmus und die langen unbewegten Einstellungen wollten sie als bewusste Provokation der Filmemacherin an das Publikum verstehen. Zusätzlich gestattet - ganz im Gegenteil zu den intimen Versprechungen des Titels - die neutral distanzierte Inszenierung der Figuren den Zuschauern auch emotionale Identifikationen weder im positiven noch im negativen Sinn.

Auch Thomas Arslans Der schöne Tag hatte auf dieser Berlinale seine Premiere. Arslan ist ebenso wie Schanelec Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (DFFB). Und auch er erzählt seinen Film linear in distanzierten durchkomponierten Einstellungen und verzichtet auf Musik oder andere Mittel dramaturgischer Intensivierung. Das ist an sich nicht Neues, formal und inhaltlich ähnliche Filme waren immer wieder auf deutschen Debütfestivals zu sehen. Neu ist aber, dass die jungen Filmemacher und Filmemacherinnen diesmal die Hartnäckigkeit und Ausdauer haben, ihren eigenen Stil über mehrere Filme hindurchzubehalten und so als neue eigene Handschrift im Deutschen Kino erkennbar werden, individuell ebenso wie als kollektives Phänomen.

Ein halbes Jahr später spricht der Münchner Filmkritiker Rainer Gansera in einer Kritik von Arslans Film in der SZ erstmals von einer Berliner Schule, der er neben Arslan und Schanelec auch Christian Petzold zurechnet, der für seinen Film Die innere Sicherheit im Februar 2001 den deutschen Filmpreis in Gold erhielt. Von hier aus hat der Begriff in den nächsten Jahren langsam erst die Filmkritik und Feuilletons erobert, bis er - mittlerweile fast zum Markennamen für deutsches Qualitätskino geadelt - kürzlich zu seiner Ursprungsinstitution zurückkam: Zu ihrem 40-jährigen Jubiläum im September nutzte die DFFB mit einem Symposium zur Neuen Berliner Schule den Begriff zur Werbung in eigener Sache.

Programmatisch selbst erklärt hat sich die "Schule" bisher nie, einzelne Stellungnahmen lassen sich aus Interviews oder der von den Regisseuren Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg herausgegebenen Filmzeitschrift Revolver herauslesen. Analytisch abgrenzen kann man sie vielleicht am Besten ex negativo als Gegenbewegung zu den normierenden Bildsprachen von Kommerzfilm und Fernsehen aber auch den subjektivistischen, meist jugendlichen Selbsterfahrungsfilmen der neunziger Jahre. Dabei haben sich (oder wurden) im Lauf der Zeit auch Filmemacher eingemeindet, die mit Berlin nichts zu tun haben und ihre Ausbildung etwa in München (Hochhäusler und Heisenberg), Wien (Valeska Grisebach) oder Hamburg (Henner Winckler) absolviert haben, in ihrer Ästhetik aber inhaltliche und formale Ähnlichkeiten zeigen. Auch der in Hamburg, Frankreich und Berlin studierte Ulrich Köhler gehört dazu, der von sich selbst sagt, dass er die Gruppenzuordnung zwar inhaltlich problematisch findet, mittlerweile aber sieht, dass es durchaus nützlich sein kann, einer "Schule" anzugehören.

Sein neuer Film Montags kommen die Fenster, eine in Hessen angesiedelte Familiengeschichte, erzählt wie viele der "Berliner" Filme von Menschen aus der Mitte des bürgerlichen Lebens: Ein gleichberechtigtes Paar, sie (Isabelle Menke) arbeitet als Ärztin, er (Hans-Jochen Wagner) versorgt als Hausmann das Töchterlein und klebt die Fliesen. Gerade ist man von Berlin ins hessische Kassel gezogen und renoviert dort gemeinsam ein properes Einfamilienhäuschen. Die neuen Fenster aus Oregon Pine sind sicher aus kontrolliertem Anbau. Und das zweite Kind scheint auch schon auf dem Wege. Merkwürdig nur, dass Nina sich auf die Gästetoilette zurückzieht, um allein und heimlich die Füße hochzulegen. Gar nicht mehr so überraschend dann, dass sie am Abend, als sie eigentlich die kleine Charlotte bei den Großeltern abholen will, nach einem kurzen Blick durch das Panoramafenster auf die dahinterliegende Wohnzimmeridylle wieder ins Auto steigt und davonfährt. "Ich komm nicht zurück", sagt sie dem Ehemann später durchs Handy. Das muss als Erklärung reichen.

Ulrich Köhler machte 2002 mit seinem vielfach preisgekrönten Debütfilm Bungalow von sich reden, der von der Flucht eines Bundeswehrrekruten in den elterlichen Ferienbungalow erzählt, wo er einige Tage mit Ex-Freundin und Bruder verbringt. Ganz ähnlich nimmt sich jetzt auch hier eine Person die kleine Freiheit einer Auszeit aus dem vorgesteckten Rahmen. Wie damals ist auch jetzt ein Ferienhaus erster Anlaufpunkt von Ninas Ausbruch, wo sie unerwartet ihren Bruder samt Freundin aus dem Schlaf schreckt. Jetzt könnte das übliche wortsatte Problemdrama folgen. Doch Koehler, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, skizziert Situation und Personen lediglich mit einem gemeinsamen Joint, ein paar Wortgeplänkeln und dem Scherben-Aufbruchs-Song Schritt für Schritt ins Paradies. Dann führt er Nina von einem einsamen Fahrradausflug mit der Seilbahn direkt in ein bizarres Wunderland im Wald.

Es ist ein betongegossener Hotelkasten, in dem ein aus der Zeit gefallener Tennisstar (das ehemalige Tennis-Enfant-Terrible Ilie Nastase in einer selbstzitierenden Rolle) sich bei feinen Abendgesellschaften als Matchpartner prostituiert. Nina betritt das Hotel durch Küche und Hintereingang, ein Zugang, der überraschende Perspektiven und Begegnungen ermöglicht und die unfrisierte Frau in angeschmuddelten Jeans und Skipullover am Ende ohne weitere Erklärung in ein Hotelzimmer führt, wo sie besagter Tennisspieler mit Champagner zum Tête-a-tête erwartet.

Eine bizarre Begegnung, die in Köhlers spröder Inszenierung nie ins Peinliche abrutscht. Überhaupt tut es gut, ja, ist geradezu befreiend, auf der Leinwand einmal eine Frauenfigur zu sehen, die ihre Weiblichkeit nicht immerzu auf dem Tablett präsentieren und rechtfertigen muss, sondern einfach sein darf: Das betrifft die erotische Seite ebenso wie die von Nina so schmählich vernachlässigte Mutterrolle. Nina (Isabelle Menke) ist weder begehrenswert noch unattraktiv, weder hysterisch noch Opfer. Überhaupt gibt es vorgefertigte Erklärungen für Ninas Verhalten weder auf psychologischer noch auf sozialer Ebene. Ehemann Frieder ist ein fast zu gutwilliger Familienvater, auch wenn er nach Ninas Verschwinden mit seiner Ex-Freundin ins Bett steigt. "Langweile ich dich eigentlich" fragt er Nina einmal, als er sie nach der Hoteleskapade mit dem Auto im Ferienhaus abholen will. Doch es ist wohl - eine Art Madame Bovary des 21. Jahrhunderts - mehr die Vorhersehbarkeit des sie erwartenden Lebens, die sie langweilt, als nur der Mann.

Ausgesprochen wird das nie. Überhaupt inszeniert Köhler seine ausgeklügelten Plansequenzen konsequent nicht an Plotpoints oder Handlungszentren sondern in den Zwischenräumen der Geschichte: Erzählen wie nebenbei, und doch immer ganz präsent. Dabei ist der Ausflug in den Wald ein hübscher Kunstgriff, um Ninas Fluchtversuch vor dem Abgleiten in den Sozialnaturalismus ins Reich künstlerischer Erfindung zu retten. Die Darsteller, die fast alle vom Theater kommen, agieren so unglamourös und fein, wie es im deutschen Kino selten ist. Allerdings hat sich Köhler mit der relativ langen Drehzeit von 35 Tagen auch die Freiheit zum ausführlichen Probieren genommen. Der Mann weiß, was er braucht. Trotzdem sind die niedrige Schnittrate (99 Schnitte in 88 Minuten) und die lakonische Haltung des Films nicht Programm, sondern, wie Köhler sagt, intuitiv fast gegen seinen Willen entstanden. Dieses "Ungewollte" unterscheidet Köhlers Film auch von den durchkontrollierten Tableaus von Schanelec, so wie es die Offenheit seiner Erzählung ist, die sie von Petzolds fast metaphysischen Konstruktionen unterscheidet. Doch vielleicht ist es sinnvoller, auch deutsche Filme aus dem internationalen Kontext zu verstehen, in dem ihre Regisseure das Kino erleben, von Frankreich über Iran bis Mexiko. "Neuer Realismus" wäre da ein Begriff: Für Montags kommen die Fenster könnte man es ganz konkret sagen: Wenn Nina und Frieder nicht so schön erfunden wären, es müsste es sie geben.


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00:00 27.10.2006

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