"Ganz Europa muss dies debattieren"

URTEIL IM CALABRESI-PROZESS Der italienische Publizist Adriano Sofri soll erneut hinter Gitter

Als in den Mittagsstunden des 24. Januar das Berufungsgericht sein Urteil im Calabresi-Prozess verkündet, reagiert die italienische Öffentlichkeit fassungslos. Drei Minuten, länger nicht, benötigt das Gericht, davon am längsten für die Auflistung der anfallenden Gerichtskosten. Die Revision wird zurückgewiesen und die Haftverschonung der drei Angeklagten, Adriano Sofri, Giorgio Pietrostefani und Ovidio Bompressi, unverzüglich aufgehoben. Für die ihnen zur Last gelegte Ermordung des Polizeikommissars Luigi Calabresi 1972 in Mailand haben sie die restlichen gut neunzehn Jahre ihrer zweiundzwanzigjährigen Haftstrafe zu verbüßen. Zu diesem Zeitpunkt ist Sofri längst wieder inhaftiert. Die Polizei kam im Morgengrauen. Sofri erwartete sie mit gepackter Reisetasche. Bompressi und Pietrostefani entzogen sich der Verhaftung durch Flucht.

Adriano Sofris Bild mit den vor die Augen geschlagenen Händen, als er von dem Urteil erfährt, geht durch die gesamte Presse. Es besitzt Symbolgehalt. Niemand hatte sich vorstellen wollen, dass nach all den vorausgegangenen Prozessen der letzten zwölf Jahre, all den juristischen Hürden, die für eine erneute Revision überwunden wurden, dem einmaligen Fall einer doppelten Revision, dass all das erneut völlig umsonst gewesen sein soll. Auf den ersten Seiten der italienischen Tageszeitungen verdrängt der Fall alle anderen Nachrichten. Dario Fo, Ex-Kulturminister Walter Veltroni, Massimo Cacciari, Bürgermeister von Venedig, kommentieren empört das Urteil. Der konservative Corriere dellasera verweist auf den Rechtsgrundsatz im Zweifel für den Angeklagten, und die Repubblica zieht eine Parallele zum Andreotti-Prozess. Wie kann es sein, fragt sie, dass dort sämtliche Aussagen der Kronzeugen als unglaubwürdig eingestuft wurden, während in diesem Fall die so oft revidierte und widersprüchliche Aussage eines einzigen Kronzeugens für eine Verurteilung ausreichte. Antonio Tabucchi zitiert in der gleichen Zeitung Georg Orwell mit dem Satz: Vor dem Gesetz seien alle gleich, nur manche gleicher, und endet seinen Kommentar mit der Aufforderung, dass dieser Fall in ganz Europa debattiert werden müsse.

Im Oktober war in Mestre bei Venedig das Verfahren wieder aufgenommen worden. Sieben Prozesse gingen bisher voraus. Diesmal standen die Zeichen nicht schlecht. Zuerst ermöglichte eine Gesetzesänderung die erneute Revision, im August vergangenen Jahres entließ man dann nach deren Zulassung Sofri sowie Pietrostefani nach zwei Jahren und sieben Monaten aus der Haft. (Bompressi erhielt aus gesundheitlichen Gründen schon zuvor Haftverschonung.) Als Sofri in der sechsten Prozesswoche zum ersten Mal selbst sprach, war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Sechs Stunden lang nahm er die Anklage auf all ihre Widersprüche hin auseinander, zitierte Leopardi und vereinte so in sich gleichzeitig Zola und Dreyfus. Gelegentlich gab es Applaus wie in einem Theater.

Das Gericht ging im Wesentlichen auch fast auf alle neuen Beweisanträge der Verteidigung ein. Die Behauptung des Kronzeugen Leonardo Marino, sich im Sommer 1988 in einem Akt spontaner Reue und ohne sich mit seiner Lebensgefährtin zuvor abzusprechen, der Polizei gestellt zu haben, konnte durch ein Tagebuch seiner Freundin widerlegt werden. Marino sagte aus, dass er das Tatfahrzeug gefahren und Bompressi geschossen habe. Als Vergeltung für den Tod von Giuseppe Pinelli sei zuvor die Ermordung Calabresis mehrheitlich in der Führung von Lotta Continua, darunter Pietrostefani und Sofri, beschlossen worden. In einem Akt fast biblisch zu nennender Gerechtigkeit verurteilte das Gericht alle drei zu gleichen Haftstrafen. Nur Marino kam als Kronzeuge mit weniger davon. Allerdings saß er davon noch keinen einzigen Tag ab. Und auf wundersame Weise verwandelte sich seine finanzielle Misere - ein Jahr vor seinem Reueanfall war er nachweislich an einem gescheiterten Raubüberfall beteiligt - schlagartig in bescheidenen Wohlstand. Weiterhin offen bleiben drei Wochen, in denen Marino verhört wurde, über die seltsamerweise jedoch kein Protokoll existiert. Sofri beschuldigt in seinen letzten Interviews die damalige Führung der PCI, der Kommunistischen Partei, in diese Intrige gegen ihn verwickelt zu sein. Dies würde zum Teil die Zurückhaltung der gegenwärtig regierenden Mitte-Links-Koalition erklären, in der die von der PCI zur heutigen linksdemokratisch gewandelten PDS den Regierungschef D'Alema stellt.

Doch noch wichtiger waren die Zeugen, die Bompressi als angeblichen Schützen entlasteten. Darunter Roberto Torre, heute Verkehrspolizist, der beeidete, dass er ihn kurz nach dem Zeitpunkt des Attentats einige hundert Kilometer vom Tatort entfernt in einer Bar in Massa getroffen habe. Der einzige Augenzeuge, der Mailänder Unternehmer Luciano Gnappi identifizierte auf einem ihm kurz nach der Tat von der Polizei vorgelegten Foto den vermeintlichen Mörder, der jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit Bompressi besaß. Doch diese Aussage tauchte nie wieder auf. In dem damaligen Klima der Hysterie und Einschüchterung glaubte Gnappi, dass seine Aussage nicht erwünscht sei. Als er nun zum ersten Mal nach 27 Jahren dem ihn damals vernehmenden Kommissar Allegra gegenübergestellt wurde, stellte sich heraus, dass er nie von dem wirklichen Kommissar Allegra verhört worden war, sondern von jemandem, der sich für diesen ausgab. Das war eine Sensation. Spekulationen über die Beteiligung der Geheimdienste blieben nicht aus. Einen Freispruch aus Mangel an Beweisen - wie im Fall Andreotti - nach Absatz 2 des Artikels 530 des Strafgesetzbuches, wäre zumindest zu erwarten gewesen. Innerhalb von sechzig Tagen, also bis Mitte März, muss das Berufungsgericht eine schriftliche Begründung vorlegen.

Man fragt sich: wer ist dieser Sofri, dass die Justiz ihn und seine Ex-Genossen so unerbittlich verfolgt? Ein nicht sehr großer Mann mit ironisch spöttischem Blick, der, wenn man ihn in seinem Haus bei Florenz besucht, einem in seiner offenen Art spontan sympathisch erscheint. Er ist neugierig und will wissen, was sein Gegenüber meint, dabei hört er aufmerksam zu. Ob in Sarajevo, in Tschetschenien oder im Gefängnis, dem Anderen zuhören zu können, zeichnet ebenso die Qualität seiner Texte aus. Der Titel seines Buches Nahaufnahmen lässt Missverständnisse zu, denn Sofri ist keiner, der draufhält. Im Gegenteil, für eine Fotozeitschrift schrieb er einen Text, Über den richtigen Umgang mit der Kamera, und lobt darin die diskrete Videokamera. Für eine Reportage nimmt er eine fast kynisch zu nennende Perspektive ein, indem er auf Augenhöhe der Hunde von Sarajevo die Stadt filmt. Jedoch nicht aus philosophischer Zurückhaltung, denn dies wäre eine falsche Identifikation. Sofri lebte während der Belagerung dort, organisierte Hilfstransporte und berichtete für die kommunistische Tageszeitung L'Unità. In Sarajevo ernannte man ihn zum Ehrenbürger.

Nahaufnahme meint bei ihm einen intensiven, geradezu körperlichen Aspekt von Nähe und In-sich-Aufnehmen, in dem dennoch Distanz bewahrt wird. In einem Brief an die weiblichen Häftlinge in Pisa, denen ein Schminkkurs genehmigt wurde, berichtet er von den Frauen in Sarajevo, die trotz des Mangels an Wasser und Kosmetika sich täglich sorgfältig schminkten. In diesem Bemühen sieht er einen "Akt des Widerstands" verkörpert, sich selbst zu bewahren. In diesem Brief an die "Mädels" vom Frauentrakt kommt aber ein etwas problematischer Zug zum Vorschein. Sofri räumt selbst ein, dass er paternalistisch sei. Es gibt Leute, die ihm Arroganz vorwerfen. Aber das trifft es nicht. Allerdings, es gibt eine Freundlichkeit, die ähnlich wirken kann. Sich Freunde schaffen, egal wo, ist eine seltene und nicht zu bezahlende Gabe. Und dies macht Sofri zu einer natürlichen Führerpersönlichkeit. Selbst im Gerichtssaal wirkt er, als sei er nur von Freunden umgeben. Kaum jemand, den er dort nicht begrüßt. Bei manchen weckt er dadurch aber auch übersteigerte Erwartungen, Neid und Hass, weil ihnen einfach die Luft genommen wird. Neben allen anderen Motiven spielt wahrscheinlich auch solches bei dem Kronzeugen Marino eine Rolle. Er hatte einmal an Sofri als fast übermenschlichen Revolutionär geglaubt und seinen Sohn nach ihm benannt.

Bis Mitte der Siebziger war Sofri charismatischer Führer der linksradikalen Gruppe Lotta Continua. Doch das ist lange her. Selbst im Corriere della Sera rechnet man ihm zu seinen Gunsten an, dass er mit der Auflösung von Lotta Continua und der bewussten Abwendung vom bewaffneten Kampf zu einer Entspannung der damaligen politischen Situation beitrug, einer Situation, die durch Radikalisierung, Spaltungen und Sektierertum geprägt war. Gewissermaßen im Subtext seines Buches Der Knoten und der Nagel thematisiert er die Spaltung als schmerzhafte Erfahrung aller revolutionären Bewegungen - eine Lehre, die er selbst an sich in den Prozessen neu erfuhr. "Zu Anfang, also in den ersten Verfahren", sagte er, "machte ich die Erfahrung, dass ich mich, meine Person, so wie ich vielleicht vor zwanzig, dreißig Jahren war, verteidigen sollte, aber mittlerweile stellte sich mehr und mehr heraus, dass sie es viel weniger auf den abgesehen hatten, der ich einmal war, als auf den, der ich heute bin. Das erzeugte eine irgendwie schizophrene Situation." Bei manchen militanten Ex-Genossen gilt er als Renegat. Weil er zum Beispiel die NATO-Intervention im Kosovo befürwortete. Oder weil er an der Universität in Florenz Ästhetik lehrte. Andere meinen, Sofri sollte zumindest seine damalige moralische Mitschuld an der Erzeugung einer Rhetorik der Gewalt eingestehen. In der den Gesetzen der Massenmedien geschuldeten Konzentration auf Sofri, die er als Schriftsteller professionell zu nutzen weiß, wird vergessen, dass es nicht um ihn als Person geht. Es ist irrelevant, ob er moralisch schuldig, genauso, ob er sympathisch oder eitel und arrogant ist. Sofri, Bompressi und Pietrostefani wird ein zentrales Gut unserer Rechtssprechung vorenthalten: in dubio pro reo. Das ist der eine Skandal, der zweite, dass der italienische Staat sich bis heute nicht zu seiner Verantwortung für die von den Geheimdiensten mit Hilfe von faschistischen Terroristen inszenierten "Strategie der Spannung" bekannte, die viele unschuldige Menschen das Leben kostete.

In dem vielleicht schönsten Essay von Sofri, Genosse Hiob - Über Antonio Gramsci, kommt das Wort Geduld vor. Diesen Text schrieb er noch, bevor er selbst in Haft kam. Ausgangspunkt ist ein Brief Gramscis an seine Schwester, in dem dieser seinen Gemütszustand mit dem der Matrosen auf Nansens Schiff Fram verglich, die dreieinhalb Jahre im Eis eingeschlossen in der Arktis trieben. Sofri bringt diese Bemerkung in Zusammenhang mit Gramscis Überlegungen zum Bewegungs- und Stellungskrieg, seinem Begriff der "passiven Revolution", einem Politikverständnis, das auf Geduld und Langsamkeit setzt. Dreißig Jahre zuvor galt Geduld Sofri als revisionistisch. Allein von der menschlichen Natur sprechen zu wollen, stank für ihn schon nach dem Geist der Reaktion. Heute bevorzugt er die kleinen, langsamen Schritte. Nur mit dem Prozess, da ist seine Geduld am Ende. "In diesem Prozess", sagte er "wurde, was weiß war, schwarz und umgekehrt - nur am Ende wurden wir immer verurteilt."

In unserem Gespräch noch vor dem Prozess, sagte er, auf seine Erwartungen angesprochen, dass er gelernt habe, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Tief verletzt und beleidigt in seinem Gerechtigkeitsgefühl, geht er fast demonstrativ ins Gefängnis. Vor dem Europäischen Gerichtshof will er klagen. Pietrostefani war 1988 freiwillig aus Freundschaft für Sofri nach Italien zurückgekommen, um sich der Justiz zu stellen. Nun besitzen weder er noch Bompressi mehr die Kraft, Sofris Kampf fortzuführen. Sie würden jeden Kompromiss eines Gnadenaktes annehmen, den Sofri kategorisch für sich ausschließt. Vielleicht wäre es der Justiz und dem Staat am liebsten gewesen, er hätte sich ebenso über die Grenze abgesetzt. Aber er will Gerechtigkeit und die Wahrheit, die wahrscheinlich niemals ganz ans Tageslicht gelangen wird. Er bezahlt dafür einen hohen Preis.

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00:00 04.02.2000

Ausgabe 42/2021

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