Ganz nah bei Gott

Ramadan Fasten, feiern und kämpfen im Heiligen Monat

Sicher haben Angela Grünert und Chistel Becker-Rau nicht erwartet, dass ihr Buch einmal vor diesem Hintergrund gelesen werden wird: alle Welt kommentiert, ob die Vereinigten Staaten im islamischen Fastenmonat Ramadan das Bombardement Afghanistans einstellen sollten oder nicht. Um diese Frage geht es natürlich nicht in Grünerts Buch. Es ist ein herrlicher Bildband, der vor allem eines mitteilt: für die Muslime ist der Ramadan kein Monat der Schwere, sondern im Gegenteil ein Fest, ein riesiges, freudiges Fest, das mit allen Sinnen begangen werden will. Und doch hilft das Buch auch, die Frage zu beantworten, ob Bombardements im Ramadan sinnvoll seien oder nicht. Zwar ist den Muslimen der Ramadan "eine einzige Rose in zwölf Monaten", er ist "Gottes Monat", denn am 27. Ramadan, in der sogenannten lailat al-qadr (Nacht der Macht) fand die göttliche Verkündigung ihr Ende. In dieser Nacht feiern die Muslime den "Einbruch des göttlichen Wortes in die Welt." Viel Zeit wird in diesem Monat mit Koranrezitationen verbracht, der Muslim ist angehalten, einen besonders moralischen Lebenswandel zu pflegen.

Krieg im Ramadan

Dennoch ist es den Muslimen nicht verboten, im Ramadan Krieg zu führen. Eine der wichtigsten Schlachten wurde sogar vom Propheten selbst im Ramadan geschlagen: die Schlacht von Badr, die im Jahre 624 der erste militärische Sieg der Muslime über die Mekkaner werden sollte. Auch in der Moderne hatten die Muslime keine Scheu, sich während des heiligen Monats in kriegerischen Handlungen zu ergehen. Im Jahre 1973 erklärte Ägypten Israel im Ramadan den Krieg und auch im iranisch-irakischen Krieg kam niemand auf die Idee, im Fastenmonat die Waffen ruhen zu lassen. (Im Gegenteil: eine militärische Offensive der Iraner trug sogar den Namen "Ramadan I.").

Zudem ist es Muslimen nicht nur nicht verboten, im Ramadan Krieg zu führen, es ist sogar besonders ehrenvoll. In diesem Monat, so erklärt Grünert, fallen der große und der kleine Dschihad zusammen. Der große Dschihad meint, "sich auf dem Wege Gottes zu mühen," also ein möglich moralisch einwandfreies Leben zu führen. Der kleine Dschihad ist "als Krieg auf dem Wege Gottes" definiert. Entweder soll der muslimische Herrschaftsbereich ausgeweitet werden (aber das war nach Ansicht der meisten Rechtsgelehrten nur zu Lebzeiten des Propheten legitim) oder aber dieser Dschihad bezeichnet einen Verteidigungskrieg. In diesem Sinne gilt der Ramadan sowohl als der Monat des kleinen als auch des großen Dschihad. Dass nun für die afghanischen Taliban auch noch beide Dschihads zusammenfallen, bedeutet eine zusätzliche Steigerung ihrer Kampfesmoral.

Wie gesagt, Angela Grünert konnte nicht wissen, was für eine Aktualität das von ihr Geschriebene erlangt. Noch zwei weitere Punkte scheinen interessant, liest man das Buch vor dem aktuellen Hintergrund. Muslime brauchen in Kriegszeiten nicht zu fasten. Das heißt, es ist ein bisschen weniger moralisch verwerflich, Krieg gegen die Taleban zu führen. Immerhin sind sie nicht - so zynisch das klingt - in einer besonders schwachen körperlichen Konstitution, weil sie sich an die Erfüllung eines religiösen Gebotes gebunden fühlen. Aber der andere Punkt ist entscheidender. Grünert beschreibt in ihrem Buch etwas, was vielen sicher in Vergessenheit geraten ist oder sie niemals wussten.

Am Vorabend des Ramadan im Jahre 1998 wünschte der damalige US-Präsident Bill Clinton den Muslimen in aller Welt eine gesegnete Fastenzeit, Ramadan karim! Kurz zuvor hatte er den Befehl zum Angriff auf den Irak gegeben. Etwa 300 amerikanische und britische Raketen waren auf militärische Einrichtungen und Industrieanlagen im Süden der Stadt gerichtet, sie trafen jedoch auch Wohnhäuser, Straßen, eine Schule. Zahlreiche Verletzte, so erfahren wir in Grünerts Buch, verbrachten das Fest am Ende des Ramadan im Krankenhaus. Kleiner Gag der Amerikaner, den die meisten Muslime gar nicht witzig fanden: Die US-Soldaten hatten ihre eigenen Segenswünsche auf die Marschflugkörper gekritzelt, die auf Bagdad gerichtet waren: "Ramadan karim. Dies ist unser Glückwunsch an den Irak." Der irakische Diktator, den mit dem Islam sicher nicht all zuviel verbindet, nutzte es propagandistisch aus, dass - ausgerechnet im Ramadan - der Irak bombardiert worden war.

Nachdem die Bombardements eingestellt worden waren und Saddam Hussein seinen luxuriös ausgestatteten Luftschutzbunker verlassen hatte, sprach er den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Das Mitgefühl der arabischen Brudervölker war ihm sicher. Auch daran, an die Stimmung der Bevölkerung vieler islamischer Staaten, die immer anti-amerikanischer wird, sollten die Amerikaner denken. In weltweit gesendeten Rundfunkbotschaften um Verständnis für die Fortsetzung der Angriffe zu werben, dürfte ihnen wenig helfen. Dieser Krieg ist ohnehin schon ein Public-Relations-Desaster. Das Bild, wie die mächtigste aller Nationen das wahrscheinlich ärmste Land der islamischen Welt in Grund und Boden bombt, destabilisiert die Regierungen der islamischen Welt jeden Tag ein wenig mehr. Und dann Krieg auch noch im Ramadan?

Fest der Sinne

Man täte dem Bildband von Angela Grünert und Christel Becker-Rau jedoch Unrecht, würde man ihn nur vor dem aktuellen Hintergrund lesen. Er enthält wunderbare Fotos, eine ansprechende Einleitung von Assia Djebar, der Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels 2000 und viele schöne Geschichten. Djebar erzählt von ihrem ersten Ramadan, wie sie sich darauf freute, weil sie durch ihre Teilnahme endlich als Erwachsene galt. Grünert beschreibt die verschiedenen Arten, den Ramadan in den unterschiedlichen Ländern zu begehen, von den vielen unterschiedlichen Ritualen, die er mit sich bringt. In Ägypten sind es die Ramadanlampen, die in der letzten Zeit Konkurrenz bekommen haben von Plastiklaternen, die Mama sagen. Auf Knopfdruck fängt eine Barbiepuppe an zu tanzen. Das Buch berichtet von den Verkehrsstaus kurz vor Ende des Fastens, weil alle schnell nach Hause wollen, ausgehungert und frohlockend: weil die Hausfrau wieder ein fürstliches Mahl zusammengestellt hat, um zu belohnen für die Mühsal des vorangegangenen Tages. Das ist das Schönste an diesem Buch: Dass es zeigt, was der Ramadan für ein großes Fest ist.

Angela Grünert Christel Becker-Rau: Ramadan. Fasten mit allen Sinnen. Mit einem Vorwort von Assia Djebar, Knesebeck-Verlag, München 2001, 200 S., DM 78,-

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00:00 16.11.2001

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