Ganz schön viel Text an der Wand da

Kunst Darf man politisch strittige Kunst ausstellen? Ja, wenn der Kontext mitgeliefert wird, sagt eine Diskussionsrunde
Alina Saha | Ausgabe 44/2019 1

Eine Ausstellung in Leipzig wird abgesagt, weil der eingeladene Künstler Axel Krause der AfD nahesteht, ein eventuell sexistisches Gedicht an einer Hochschulwand übermalt und ein Schauspieler nach Vorwürfen sexuellen Missbrauchs aus einem Film geschnitten – und jedes Mal wird gestritten, ob das einen Eingriff in die Freiheit der Kunst darstellt.

Weil sich diese Fälle in den letzten Jahren häufen, hat der Deutsche Kulturrat die Frage nach der Kunstfreiheit auf einem Podium diskutieren lassen. Von den Gästen allerdings fühlte sich keiner so recht in der künstlerischen Freiheit beschränkt. Weder der Maler Norbert Bisky noch Alfred Weidinger. Der Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig glaubt nicht, dass er bestimmte Kunst nicht ausstellen darf. Die Kunsthistorikerin und Journalistin Julia Voss findet Positives in der Debatte: den Wunsch nach Repräsentation. Die Studentinnen der Alice Salomon Hochschule seien ja gegen das Gomringer-Gedicht an der Fassade vorgegangen, weil sie sich darin nicht repräsentiert sahen. Nicht jeder Streit bedeute automatisch einen Angriff auf die Kunstfreiheit. Selbst Ulrich Khuon, der als Intendant des Deutschen Theaters Berlin Aufführungen erlebt hat, die von der Identitären Bewegung gestört wurden, und dem die AfD Gelder zu streichen versucht, weil er sich als Präsident des Deutschen Bühnenvereins kritisch zu der Partei äußerte, sieht darin noch keinen Angriff auf die Grundfesten der Kunstfreiheit.

Stattdessen wurde eine sich anschließende Frage diskutiert: Braucht Kunst Kontext? Im Klartext: Muss man an das Avenidas-Gedicht auf der Wand Fußnoten mit Poetikdefinition und feministischer Analyse anhängen? Der von Roland Barthes totgesagte Autor soll vielleicht nicht gleich wiederauferstehen, aber zumindest einen gut kuratierten Grabstein erhalten.

Neben die Werke Krauses könne man, meint Khuon, ein paar seiner politischen Äußerungen hängen. Damit wäre die politische Haltung des Künstlers eingeordnet und die Ausstellung in Leipzig wäre nicht in eine so angreifbare Lage geraten.

Jetzt kommt die Deutungselite

Angekommen ist der Kontext im Museum ohnehin schon längst. Weidinger beobachtet seit einigen Jahrzehnten, wie die textliche Umrahmung zunimmt. Immer mehr Künstler kontextualisieren ihr Werk selbst.

Geopfert wurde der Autor im Poststrukturalismus mit dem Ziel, die Verständnishoheit von Literatur dem Leser zu lassen. Schluss mit der elitären Deutungshoheit. Bringt man den Kontext nun wieder ein, muss man fragen, wer diesen Kontext kreiert und bestimmt, da man Debatten damit genauso effektiv lenken kann wie durch den Ausschluss mancher Gruppen und Künstler. Irgendwer verfolgt schließlich immer eine Agenda. A propos Kunstfreiheit: Muss eine Kontextualisierung dann auch vom Künstler autorisiert werden? Juristisch und organisatorisch wird die Sache nicht einfacher. Im schlimmsten Fall könnte der Kontext sogar das Werk erdrücken, wie es derzeit mit der Peter-Handke-Debatte (siehe Seite 16) vorgeführt wird.

Julia Voss erinnert daran, dass die Forderung nach Zusammenhängen von Gruppen wie der Frauenbewegung ausgeht, die damit zeigen wollen, wie sehr die Debatte um Kunst und ihre Bewertungen von einer kleinen Elite bestimmt wird. Und wer zur „Elite“ gehört und wer nicht, darüber lässt sich weiter trefflich streiten.

Ob sich das Problem ändert, wenn ein anders kuratierter, kleiner Kreis nun vorgibt, wer oder was gezeigt wird und in welchem Zusammenhang, bleibt fraglich.

06:00 02.11.2019

Ausgabe 14/2020

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