Ganz schön faktisch

Körperteilcollage Sten Nadolny hat einen vielgesichtigen Roman über das Verlagshaus Ullstein geschrieben

Dieser Bücherherbst hat uns Familien- wie Arbeitslosen-Romane gebracht - und Verlags-Haus-Bücher. Als ob man die Feste feiern müsse, bevor man fällt, waren es vorwiegend krummere Zahlen, zu denen man sich beglückwünschte. Der Ancienität nach: Reclam 175. Geburtstag, Hanser 75. und Suhrkamp: 40 Jahre seiner edition suhrkamp, gewissermaßen dem Verlag im Verlag. Und Ullstein feiert gar runde 100 Jahre. Hatte man das nicht auch schon 1977 mit einer mehrbändigen Festschrift getan? Ja, lautet die Antwort, aber das war der Zeitungsverlag, in dem von der soliden Vossischen Zeitung über die populäre Berliner Morgenpost, B.Z. am Mittag und die erfolgreiche Berliner Illustrierte Zeitung bis hin zum Humorblatt Uhu und den Schnittmusterbögen so ziemlich alles produziert wurde, was damals Massenerfolg hatte. Was nun gefeiert wird, ist der Buchverlag, der 1903 gegründet worden ist. Der Buchverlag galt im Zeitungsverlag damals aber gar nicht so recht als Verlag, sondern hieß offiziell "Romanabteilung". Diese Abteilung sollte die Zulieferung des immensen Bedarfs an Fortsetzungsabdrucken garantieren und deren Zweitverwertung im Buch optimieren. Erst mit dem Zukauf von Propyläen 1919 kamen nicht nur die soliden Klassikerausgaben mit edler Anmutung ins Haus, sondern auch Jungstars wie Carl Zuckmayer, Ödön von Horvath oder Bertolt Brecht, welch letzterer sich rühmte, einer der wenigen Autoren gewesen zu sein, der seinen Verleger ausgebeutet habe.

Heute, da die Branche kaum fragt, was Ullstein verkauft, sondern nur, wann wieder und an wen Ullstein verkauft wird, ist es allein schon für die engagiert im Verlag Arbeitenden tröstlich, sich einer Tradition versichern zu können. Und vielleicht wird ja auch die Zukunft gut, wenn der Verlag nun bald wieder zu einer Familie gehören soll - zu den schwedischen Bonniers. Dann kann wohl endlich auch die längst vorbereitete, große Festschrift zum Verlagsjubiläum erscheinen.

Zwischenzeitlich hat man sich einen Ullsteinroman gegönnt. Sten Nadolny, der Entdecker der Langsamkeit, hat ihn geschrieben. Ullsteinroman, erinnern sich allenfalls noch ganz, ganz Alte, das waren doch diese gelben Unterhaltungsschwarten - Vicki Baum, Ludwig Wolff, Walther von Hollander? Ullsteinromane waren Liebes- und Spannungslektüren für Freizeit und unterwegs. Und nicht auch Erich Maria Remarque? Nein, Remarques Im Westen nichts Neues war nebenan, bei Propyläen, der "Weinabteilung" Ullsteins erschienen. Damals war Ullstein, der Konzern, wegen seiner Gratwanderung zwischen Populismus und Seriosität spektakulär umstritten. Im Politischen, in den Zeitungen, bekämpfte die Rechte den "jüdischen Liberalismus", alarmierte die Linke wegen Opportunismus gegenüber rechts. Im Kulturellen, bei den Büchern, galt Ullstein den einen als Verrat an geheiligten Bildungsgütern, war für die anderen seine Allianz mit der Massenkultur besonders chic. Ullstein-Kultur war wie Sport damals - populär, pöbelhaft und schön provokativ. Für Ullstein zu schreiben, war frivol und brachte ordentlich Geld. Sich mit Ullsteinromanen öffentlich zu zeigen, kokettierte mit der Angestelltenkultur. Ullstein, das war der erste große Schub zur Unterhaltungs- und Spaßkultur, war - positiv - die Intellektualisierung von Unterhaltung und die Popularisierung von Bildung.

Indes, nicht zuletzt durch die Zeitungskrise nervös geworden, sorgte das Verlagshaus selbst für einen spektakulären Ullsteinroman, der von 1929 über die nächsten Jahre fortgesetzt wurde, und zwar vor Gericht und in den Medien. Franz Ullstein, der Älteste der fünf Brüder in der Firma, zudem der politischere Kopf unter ihnen, hatte die junge, ebenso intelligente wie lebenslustige Dr. Rosie Gräfenberg kennen gelernt und flott geheiratet, durch die wiederum Georg Bernhard, Chefredakteur der Vossischen und allgewaltiger Multifunktionär des Öffentlichen, sich in seiner Stellung bedroht sah. Ausgelöst durch - haltlose - Verdächtigungen, Rosie sei in Paris eine Doppelagentin gewesen, überwarfen sich die Brüder. Zugleich intrigierte Bernhard. Franz wurde entlassen. Heinz, ein eher umstrittener Ehrgeizling der nächsten Generation, witterte seine Chance. Es kam zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen, an deren Ende das inzwischen schon getrennte Paar rehabilitiert wurde, Franz jedoch nicht wieder in die Firma zurück gelangte, Bernhard gehen musste und obendrein sein Reichstagsmandat verlor. Der Familienkrach hatte in den Augen der kritischen Öffentlichkeit eine politische Seite, und die wirkte fatal. Carl von Ossietzky schrieb alarmistisch, Ullsteins Ideal sei nun "ein ›Völkischer Beobachter‹ mit der Genehmigung des Rabbinats". Während sich die Nazis, auch im Haus, auf die Macht vorbereiteten, hatten die Kräfte des Liberalismus sich zerfleischt. Wahrlich Stoff, aus dem man einen Ullsteinroman machen konnte! Und Stefan Großmann, unter anderem Autor eines Schlüsselromans bei Ullstein hat tatsächlich darüber einen erregten Schlüsselroman begonnen, der den Arbeitstitel Roman Ullstein trug. Er hat das Manuskript jedoch erst im Exil fertig stellen können. Es blieb unveröffentlicht.

Sten Nadolnys Ullstein-Roman endet gewissermaßen, wo dieser Roman begann. Wo Großmann erbittert anklagte, die Brüder hätten sich nach dem Skandal nur noch um die Rettung ihrer Kapitalien gesorgt, aber nicht mehr um die Politik, dort schließt Nadolnys Roman mit einem Ausblick auf die einsetzende Naziherrschaft. Sein Roman beginnt ein Jahrhundert zuvor: "Die Geschichte der Ullsteins im Jahre 1835 beginnen zu lassen ist noch einigermaßen rücksichtsvoll. Man könnte sie auch mit König David beginnen oder immerhin mit einem Mann namens Raw Kalonymos, der 936 dem späteren Kaiser Otto ein Pferd lieh." Nadolny also startet 1835 mit Leopold Ullstein und dem väterlichen Papier-Handel in Fürth. Es dauert seine Zeit, bis Leopold nach Berlin geht und endlich seine erste Zeitung erwirbt, eine, die seiner liberalen Gesinnung zuwiderlief und die er, als er die nächste, die Berliner Zeitung erstand, schnell einstellte. Bis dahin hat man inzwischen allerlei an Angehörigen der kontinuierlich wachsenden Familie und an sonstigem Personal kennen gelernt. Doch es währt weitere hundert Seiten bis zum Stoßseufzer: "Die Familie Ullstein wuchs unaufhaltsam." Und ebenso unaufhaltsam wächst der Roman sich aus zu einer endlosen Folge mal mehr, mal weniger bemerkenswerter Biographien der sich mehrenden Ullsteins. (Ein Stammbaum im Anhang hilft den darob Verirrten.) Gespickt mit funkelnden Bemerkungen, gelegentlich ergänzt um Informationen über eine Zeit, in der Zeitungen noch als "Inseratenplantagen" galten, bestückt mit historischem Personal und kulturgeschichtlichen Details, schreibt Nadolny das Buch der Ullsteins allmählich an das Ende der Weimarer Republik und das Ende im eigenen Hause heran.

Mimetisch bewegt sich das zunächst in der dem 19. Jahrhundert nachgesagten Betulichkeit, beginnt indes spätestens mit den zwanziger Jahren zu hetzen - atemlose Aufzählungen, stichwortartige Notizen montieren die rasanten Zeitläufte und die rapide Familienkrise. Vielleicht ist Nadolny auch bloß die Puste ausgegangen. Und so weiß man am Ende nicht recht, was man nun mit dem Ullsteinroman hinter sich hat: Versuch eines Crossover von Roman und Sachbuch? Die Überbietung des Trends zum erzählenden Sachbuch durch eine faktographische Romanze? Wir finden immer wieder liebevolle Ausmalerei von Details (Was einer, am Wasser stehend oder Kastanien aufsammelnd, empfunden haben könnte), gemixt mit Daten, die Steins Kulturfahrplan entstammen oder ihn noch hätten bereichern können. Das alles will sich so recht nicht runden. Nein, das ist kein Middlesex der Genres, sondern eher frankensteinsche Körperteilcollage. Ullsteinromane, als es sie noch gab, wären so verfranst aus der Romanabteilung nicht herausgelassen worden. Aber vielleicht ist das tatsächlich zukunftsweisend: Die Ablösung von schnörkellosem Unterhaltungsroman und ausschweifendem Sachbuch durch Hybride aus beidem. Dann wäre dieser Ullsteinroman ein weiteres Segment im Remix der Gattungen, Gegenstück zu jenen Romanen, denen von Juristen die Wiedererkennbarkeit ihres Personals vorgeworfen wird, und jenen Memoiren, deren Dementis die Bild-Zeitung füllen, das Superfeuilleton der Sonnenbank-Society: All in one, exclusiveness inclusive. Homemade food to go.

Nun gut, Nadolnys Buch ist alles in allem noch immer eher glänzendes Parkett denn roh genagelte Bohlen. Was ihm beiliegt, weist aber die Tür: Unterstützt von einem nobleren Möblierer will ein "großes Gewinnspiel" vom lieben Leser wissen, wie das neue Buch von Sten Nadolny wohl heiße: Fischernovelle, Hansergedicht oder Ullsteinroman?

Der Reclam Verlag. Eine kurze Chronik, Reclam, Stuttgart 2003, 94 S., 1 EUR

Dietrich Bode: Reclam. Daten, Bilder und Dokumente zur Verlagsgeschichte 1818-2003, Reclam, Stuttgart 2003, 239 S., 29,90 EUR

Kleine Geschichte der edition suhrkamp, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 98 S.,
4 EUR

Sten Nadolny: Ullsteinroman. Roman, Ullstein, München 2003, 495 S., 24 EUR


00:00 21.11.2003

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