Ganz schön riskant

Selbstauflösung In seinem Buch "Weltrisikogesellschaft" spielt der Münchener Soziologe Ulrich Beck den Welt-Risiko-Kommissar

War es der Autor? Der Lektor? Der Verleger? Einer muss gesagt haben: Aufstehen, los, wir müssen endlich raus mit dem Buch, die aktuelle Klima-Debatte hilft Auflagemachen. Und keiner hat widersprochen. Warum ist ihnen nicht wenigstens einer der Drucker in den Arm gefallen? Leute, der Text ist geschwätzig. Leute, Beck kann doch nicht alles, was auf dieser Welt irgendwo passiert, aus nur einer Perspektive betrachten und in ein Analyse-Modell quetschen. Nun liegt es da, in seiner ganzen Länge aus Ungereimtheiten, Wiederholungen, sehr wortreichen und deshalb vagen Beschreibungen von Ereignissen, Motiven, Machtverhältnissen und ruft dem erschöpften Leser vor allem eines zu: Ja, unser ganzes Dasein ist ein einziges Risiko.

Mit dem Werk Weltrisikogesellschaft erweckt der Münchener Soziologe Ulrich Beck den Eindruck, er wolle sich mit einem wenig gehaltvollen Buch zu dem Welt-Risiko-Soziologen hochstilisieren. Er schildert seitenlang, wie sich die Menschen weltweit und seine prominentesten Widersacher und Kritiker, unter anderem Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, im Besonderen, an seinen früheren Werken, an seiner "Theoriearchitektur" abgearbeitet haben und deshalb diese, seine Architektur, immer feiner, aussagekräftiger geworden sei. Die großen Soziologen und Philosophen dieser Welt - Handlanger des Ulrich Beck bei seinen Laubsägearbeiten an seinem definitiv besten und filigransten aller Werke? Da liegt es also. Und?

Eingangs stellt die Autor nach einem kurzen Gang durch die Welt - Terror, Überschwemmungen, genetische Selektion, Afghanistan undsoweiterundsofort - die entscheidende Frage: "Was ist der rote Erzählfaden, der diese so verschiedenen Episoden durchzieht und sie zu Bestandteilen eines einzigen Drehbuches macht?" Gute Frage. Seine Antwort: "Es sind Szenen aus dem unbekannten Bedeutungs-Kosmos der Weltrisikogesellschaft, deren Wirren, Widersprüche, Symbole, Ambivalenzen, Ängste, Ironien und versteckte Hoffnungen wir durchleben und erleiden, ohne sie zu begreifen und ohne zu verstehen." Schrecklich, alles geschieht, nichts wird verstanden. Aber deshalb schreibt Beck Bücher: "Dieses Begreifen-Wollen anzustacheln und zum Verstehen-Können beizutragen ist das Ziel dieses Buches." Und von dieser Seite 19 bis zur letzten 413ten Seite ermittelt der Welt-Risiko-Kommissar und analysiert und schreibt und analysiert und schreibt - und kommt irgendwie nicht über Seite 19 hinaus.

Lesen Sie selbst: Die industriell erzeugten Unsicherheiten und Gefahren sind nicht mehr zu kontrollieren. Diese Gefahren sind demokratisch. Ich, Beck, führe die geistige Innovation ein, dass Risiko keine Katastrophe ist, sondern die Antizipation der Katastrophe, weshalb Risiko immer ein zukünftiges Ereignis ist. Und diese Antizipation regt uns an, das Politische neu zu erfinden. Der Zusammenprall unterschiedlicher Risikowirklichkeiten wird "zu einem Grundproblem der Weltpolitik". Es gibt drei Logiken globaler Risiken, die alle zusammenhängen: ökologische Krisen, globale Finanzkrisen, terroristische Gefahren. Weltrisiken reißen Grenzen nieder und "mischen das Einheimische mit dem Fremden". Risiko wird Ursache und Medium der gesellschaftlichen Umgestaltung. Ich, Beck, erweitere auf Seite 49 die Risikosoziologie um mindestens drei Schritte: die Globalisierungsperspektive, die Inszenierungsperspektive, die Vergleichsperspektive dreier Risikologiken. Vier Sätze weiter die Frage: "Was also ist das Neue?" Gute Frage. Weiter im Text.

Die Siege der industriellen Moderne sind das Problem, nicht die Niederlagen. Die neuartigen Gefahren stehen althergebrachten Kontrollmechanismen gegenüber. Es gibt keine Klassenkämpfe mehr, sondern "Risikodefinitionskonflikte". Welche Gestalt könnte eine ökologische Arbeiterbewegung annehmen? Gute Frage. Weiter im Text.

Die Säulen der Sicherheit - Staat, Wissenschaft, Wirtschaft - erodieren. Die Weltrisikogesellschaft ist Big Business. Globale Risiken sorgen für eine unfreiwillige Demokratisierung. Globale Risiken entmächtigen das globalisierte Kapital. Es gibt für alle Menschen eine Quelle, aus der sie neue Gemeinsamkeiten und neue Konflikte schöpfen: "die Erfahrung globaler Risiken". Wir sind nun auf Seite 153, Beck zieht ein Zwischenfazit: Risikogesellschaft ist Weltrisikogesellschaft, denn die Risiken sind nicht zu begrenzen. Aha. Weiter im Text.

Die nationalstaatliche Industriemoderne ist in der Krise. Ökologie und Klimaschutz könnten schon bald ein Königsweg zum Gewinn sein. Wo liegen die Grenzen zwischen angemessener Sorge und Hysterie? Gute Frage. Weiter im Text.

Das Fehlen eines angemessenen privaten Versicherungsschutzes ist der institutionelle Indikator für den Übergang in die unkontrollierbare Risikogesellschaft der Zweiten Moderne. Es herrscht ein verhängnisvoller Magnetismus zwischen Armut, sozialer Verwundbarkeit, Korruption und Gefahrenakkumulation. Die Weltwirtschaft ist zweifellos eine zentrale Risikoquelle in der Weltrisikogesellschaft. Und: "Im Unterschied zu den Gesellschaftstheoretikern von Comte, Marx, Durkheim und Weber über Horkheimer, Adorno, Parsons, Gehlen bis zu Foucault und Luhmann, bestehe ich darauf, dass das scheinbar unabhängige und autonome System des Industrialismus seine Logik und Grenzen aufgesprengt hat und infolgedessen in einen Prozess der Selbstauflösung getreten ist." Nächste Frage: "Was ist also das historisch Neue der Weltrisikogesellschaft?" (Seite 410) Gute Frage. Ende.

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt, 2007, 440 S., 19,80 EUR


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00:00 25.05.2007

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