Ganz und groß

Sachlich richtig Es sind die Essentials, um die sich die Bücher unserer Kolumne diesmal drehen: Menschheit, Dylan, Proust, Religion
Erhard Schütz | Ausgabe 24/2016

Alexander von Schönburg hat unlängst die Geheimnisse des Smalltalks erklärt und gleich auch eine Reihe von Einübungen beigefügt, schlank portionierte Halbbildungsgänge von Moderner Kunst bis Luxushotels, von Hunden bis Helmut Schmidt. Nun hat Schönburg den Halbbildungshorizont energisch ausgeweitet, nicht minder elegant und pfiffig, in gepflegtem Parlando, durch-weg treff- und stilsicher. Weltgeschichte to go. Es ist Yuval Hararis erfolgreiche Kurze Geschichte der Menschheit in Nespressokapseln komprimiert. Keine dicken Bohnen wie Schlachten und Jahreszahlen, vielmehr feine Pülverchen à la mode – orientiert am allfälligen Hang zum Liken, Listen und Ranken. Also zum Beispiel die wichtigsten Einschnitte, Zäsuren wie das Ende Roms, die Pest, der Dreißigjährige Krieg und Ähnliches, die wichtigsten Städte (nein, Berlin ist nicht dabei), die wichtigsten Menschen und bösesten Bösewichte (Stalin fehlt, dafür ist Lenin drin, nun ja), die wichtigsten Erfindungen (was Wunder, dass für Schönburg Höflichkeit darunter fällt). Nur die zehn geilsten Götter vermisst man in der Reihe der Miniaturen, die durchdachter sind, als es zunächst scheinen könnte. Man kann über das Unternehmen, die Menschheitsgeschichte, also immerhin gute 12.000 Jahre, eben mal zu potpourrisieren, die Nase rümpfen wie über jemanden, der seine Kaffeebohnen nicht mit der Hand mahlt, was man aber schwerlich kann: dem Buch Geschick, Gescheitheit und Geschmack absprechen.

Gescheitheit wird man allemal auch dem Literaturwissenschaftler Heinrich Detering attestieren. Und wer Bob Dylan schätzt, über dessen Geschmack wird man nicht streiten wollen (siehe A–Z im Freitag 20/2016). Detering ist Dylanologe. Schon in seiner Habilitationsschrift hat er, der selbst auch Lyriker ist, dem für seine Lyrik ewigen Nobelpreiskandidaten eine Huldigung versteckt. Und seine Einführung in Dylan ist bei Reclam in der vierten Auflage. Wohl nicht nur, weil 68er-Lehrer glauben, ihre tückischen Objekte damit bekulturgütern zu sollen. Nun legt Detering ein Werk zum Spätwerk des Meisters vor, das mit Love and Theft begann – am 11. September 2001. Liebe und Diebstahl spielen in den Texten (aber auch in den musikalischen Arrangements) und seither eine große Rolle – oder sagen wir: Verehrung und Aneignung. Also Zitat und Anverwandlung, Übernahme und Anspielung. Detering hat den Songtexten seine geballte philologische Spür- und Zerlegungskunst gewidmet – und was er dabei nicht aufspürt! Spuren (und mehr als das) von, na klar, Homer, Ovid, Petrarca, William Shakespeare et. alii. Alles feinst über den Höhenkamm geschoren.

Und dann ist da noch Marcel Proust und sein vielleicht höchstversierter Ausleger, der Romanist Rainer Warning. Der inzwischen 80-jährige Adept der sogenannten Poststrukturalisten liest auf nicht einmal 200, allerdings recht eng bedruckten Seiten Prousts Suche nach der verlorenen Zeit noch einmal quer durch – und gegen des Autors Konzept der am Ende gelungenen Suche. Wer sucht, sagt Warning, kann auch etwas anderes finden, als er suchte, oder gar ins Offene und Unentschiedene gelangen. Proust hat daher am Ende, das ja längst feststand, alles das, was ihm unterwegs glücklicherweise aus dem Ruder lief, recht gewalttätig zurückgezwungen. Ein besonderes Problem waren die hineinoperierten Partien von Die Gefangene/Die Flüchtige – jener auch den gutwilligsten Leser nervende Teil. Warning geht das oft nicht ganz leicht lesbar, aber immer tapfer und hartnäckig an, in der Souveränität dessen, der sich im Labyrinth so auskennt, dass er es auf seine heiklen und wegscheidenden Stellen hin komprimieren kann. „Man vergisst im Übrigen schnell, was man nicht in den Tiefen seines Innern gedacht, sondern was einem nur der Nachahmungstrieb und ihm nahestehende Leidenschaften diktieren.“ Warning hat nichts aus den 30 Jahren seiner Befassung mit Proust vergessen. Und so ist eine bewundernswerte Einführung für Fortgeschrittene entstanden.

Das Florilegium der Proust’schen Blumen und Blüten passt dazu. Die kluge Ursula Voß, Gründungsmitglied der Marcel-Proust-Gesellschaft, hat es zusammengetragen. Naturgemäß enthält es erst einmal den Weißdorn („Ach du armer kleiner Weißdorn“) und auch die Cattleya von Odette, die Monsieur Swann manchmal bespielen darf, ebenso späterhin jene anrüchige Blütenbestäubung im Hinterhof. Aber auch Kapuzinerkresse und Flieder, Schwertlilien und Kornblumen, Fuchsien und Jasmin – das gesamte Romanwerk entlang. Ergänzt um feine zeitgenössische Illustrationen. Das Eigentümlichste an alledem ist gar nicht so sehr die bewundernswerte Beobachtungsgabe Prousts und die feinsinnige Vielfalt, sondern wie sich aus diesen Fragmenten nach und nach so etwas wie die Essenz das Gesamten ergibt, ein zauberhaftes Bouquet an Düften und Farben.

Das große Ganze noch einmal: Wenn man sich beim Kauf eines Smartphones möglichst rundum über die Angebote informiert, meint Gideon Böss, warum dann nicht auch, wenn man sich eine Religion zulegen will. Zumal die ja etwas länger halten soll. Aber gibt es nicht auch hier Modetrends und neue Technologien? Gideon Böss hat quer durch Deutschland die Angebote untersucht und sich von Praktikern beraten lassen. Herausgekommen ist ein Stelldichein von Hexern bis Heiden (das ist nicht das Gleiche!), Judentum und Katholizismus, Piusbrüdern und Protestanten, Hinduisten und Buddhisten, Mormonen und Scientologen, Bahai und Heilsarmee, dazu Sunniten, Schiiten und Aleviten, die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters nicht zu vergessen. Insgesamt 26 an der Zahl. Was erst einmal nur wie ein Kuriositätenkabinett erscheinen mag, gewinnt seinen Mehrwert wie seine hohe Unterhaltsamkeit aus der Aufgeschlossenheit des Fragers sowie dem antwortenden Geschick und den Eigenheiten der Gläubigen – handfeste Informationen und Abbau von Vorurteilen inklusive. Wenn man etwas Übergreifendes daraus lernen kann, dann dies: Man muss nur daran glauben!

Weltgeschichte to go Alexander von Schönburg Rowohlt Berlin 2016, 288 S., 18 €

Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele Heinrich Detering C. H. Beck 2016, 256 S., 19,95 €

Marcel Proust Rainer Warning W. Fink 2016, 182 S., 26,90 €

Der Flieder im Garten von Combray. Marcel Prousts Blumen Ursula Voß (Hg.) Insel 2016, 120 S., 13,95 €

Deutschland, deine Götter. Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern Gideon Böss Tropen 2016, 398 S., 19,95 €

Erhard Schütz, geboren 1946, war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität. Für den Freitag schreibt er regelmäßig die Sachbuchkolumne Sachlich richtig

06:00 29.06.2016

Kommentare