Ganz unten angekommen

Stimmungsbild Die Griechen schwanken zwischen Apathie und Wut. Wie es weitergehen soll, weiß in Athen keiner so genau
Lennart Laberenz | Ausgabe 29/2015
Ganz unten angekommen
Pars pro toto: Der Frust und die Hoffnungslosigkeit ist in Athen deutlich sichtbar

Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Früher Montagnachmittag in Athen. Mit langsamen Schritten geht Ministerpräsident Alexis Tsipras die Stufen zum Parlamentsgebäude hoch. Das Sakko am Finger über der Schulter. Die Treppen zur alten Residenz Ottos I., König von Griechenland, steigt er hinauf. Das Schloss ließ dessen Vater, Ludwig I. von Bayern, errichten: Das Königreich von Griechenland war eine Steißgeburt seiner Zeit, fremde Mächte sortierten hier ihre Interessen. Was denkt Alexis Tsipras auf der Treppe nach 17 Stunden Verhandlungsmarathon? Effektiv hat er die Troika zurückgebracht, jedes haushaltsrelevante Gesetz soll fortan in Brüssel kontrolliert werden. Zu den Zugeständnissen kratzen sich Nachrichtensprecher vor laufender Kamera am Kopf. „Kampf“ und „kämpfen“ benutzt Tsipras zwölf Mal in seiner Presseerklärung nach dem Gipfel. Sie besteht aus nur 500 Worten.

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Der britische Telegraph sah schon im Februar Europas Konservative und Sozialdemokraten von zwei Ängsten geplagt: dass Syriza in der Eurozone reüssiere – oder außerhalb. Beides gelte es zu verhindern. „Syriza muss scheitern, und man muss es scheitern sehen.“ Das hat wohl funktioniert, die letzte Parlamentsdebatte rieb die Nahtstellen der Regierungskoalition ordentlich dünn, die Ergebnisse von Montagmorgen scheuern jetzt schwer an internen Bündnissen der Regierungspartei. Tsipras verschwindet hinter den Säulen. Es wirkt, als sei da etwas zu Ende gegangen. Vielleicht ist es die Vorstellung von nationaler Souveränität, vielleicht der Glaube an eine Alternative. Sieben Tage ist es her, da bejubelten die Menschen nach dem Referendum noch beides vorn auf dem Syntagma-Platz.

„Wir müssen weiter kämpfen“, sagt am Telefon jemand aus der Syriza-Parteizentrale. Ohne den Ministerpräsidenten, ohne die Regierung gebe es keinen mehr, der diesem Europa Widerstand leiste. Es mag ein Trugbild aus flirrendem Sonnenschein und den Beschreibungen derer sein, die Tsipras noch am Morgen in Brüssel sahen: Er wirkt beim Gang treppauf aber nicht wie ein Widerstandskämpfer. Eher wie ein geprügelter Hund.

Manu-Chao-Songs und ...

Syntagma-Platz, einige Stunden später. Die Nachmittagssonne gleißt über eine träge Veranstaltung: Linke von den Rändern von Syriza und aus dem Parlament protestieren. Es gibt Manu-Chao-Lieder, alternde Redner, nur langsam steigt die Zahl der Protestler über die der anwesenden Journalisten.

Man kann sich kurz neben die mikrofonbestückten Kollegen stellen, kann den Dingen zuhören, die Menschen mit roten Fahnen sagen: Eine „Alternative zum neoliberalen Diktat“ fordert einer. Ein anderer fasst seine Enttäuschung über Tsipras in eine drastische englische Formulierung: „This president turned us into Schäuble’s bitch.“ Überall sind Mattheit und tiefer Frust zu spüren. Da ist auch etwas zu Ende, vielleicht die Hoffnung, die Regierung von links zu steuern. Der Energieminister, ein profilierter Linker, spanne schon die Muskeln, heißt es. Wenn aber dieser müde Haufen, der hier steht, zur Muskelmasse gehört, wird es schwer, im politischen Europa etwas anderes zu sehen als Enttäuschungen.

Bannerträger, Fahnenschwenker, Mitgeher sammeln sich zur Stehdemonstration. Vor dem Parlament verläuft der Verkehr vierspurig. In einer zögerlichen, auch über eigene Stärke sehr unsicheren Bewegung trägt die Demonstration ihre Transparente über die Straße, blockiert die Straße. Dann verharrt sie vor dem Platz, auf dem Evzonen exerzieren, das Wachbataillon des Parlaments. Touristen fotografieren deren zackiges Spektakel, drehen sich um, machen Bilder von Fahnenschwenkern. Tauben laufen herum, Polizisten schießen Selfies. Die Gardistenröcke ersann Amalia, Ottos Frau, 400 Falten sollen sie werfen. Es scheint, als würden viele Demonstranten lange auf diese Falten starren, die Erinnerung an 400 Jahre Türkenherrschaft im Land.

Fahrt nach Chalandri, ein Vorort von Athen. Hier ist es grüner, die Apartmenthäuser stehen freier. Dritte Etage, Eleftherios öffnet, seine Frau Anastasia ist auch da. Es gibt Wein. Sie hat beim Referendum mit der Regierung gestimmt, er dagegen. Es ist für die beiden kein Problem, sie verstehen sich als links, Syriza haben beide aber nicht gewählt. Aber eine Woche, „eine einzige Woche”, waren sie von der neuen Regierung begeistert. Dann kehrten alte Gesichter zurück, begannen ihr Spiel. Syriza? Viel alter Wein in neuen Schläuchen, sagt Eleftherios.

Er ist Fernsehregisseur beim staatlichen Sender ERT – „ein Beispiel für die Dekadenz des öffentlichen Systems“, sagt er ohne Ironie. Arbeiten geht er, wenn es Arbeit gibt. Im Moment hat der Sender kein Geld, um seine Angestellten zu beschäftigen. Wer kann, nutzt seine Beziehungen zur Regierung und kommt in der Hierarchie voran. Vor dem Referendum bekamen sie plötzlich einen „unanständig hohen“ Abschlag auf das Gehalt.

... wachsender Nationalismus

Anastasia macht ihren Facharzt, das dauert vier Jahre in Griechenland. Alexis, sieben Monate, schläft nebenan. Das Ehepaar ärgert sich über die wachsende Demagogie, den wachsenden Nationalismus, den sie in ihrem Land beobachten. Und über die Erkenntnis, selbst mit dem Abstimmen bei einer Volksbefragung einem Spiel aufzusitzen.

„Und jetzt sehe ich, dass wir auch von den europäischen Staaten betrogen werden. Um die Idee Europas nämlich“, sagt Eleftherios, ernsthaft böse. Anastasia lächelt, der Frust, sagt sie, gehöre zum Charakter ihres Mannes, die Skepsis gegenüber der Politik teilten alle auf dem Balkan. Anastasia denkt sehr pragmatisch: „Ich werde Ärztin, weil ich damit überall arbeiten kann. Hoffe ich.“

Rückfahrt mit dem Taxi, das lenkt Giorgios. Er ist in Athen geboren, hat an der University of Syracuse studiert, 1991 seinen Wirtschaftsabschluss an der University of London gemacht. Er kehrte zurück nach Athen, um in der Textilfirma seines Vaters zu arbeiten. Nach zehn Jahren war die Firma dahin, die Globalisierung trieb die ganzen Branche ostwärts: Die Deindustrialisierung des Landes ging in den 1990ern sprunghaft voran. Seither fährt Giorgios Taxi.

Er ist entsetzt über die Ergebnisse von Brüssel: „Solche Zugeständnisse von dieser Regierung? Das hätte keiner geglaubt.“ Auch er sagt, die Menschen seien erschöpft. Sechs lange Jahre gehe das schon so, Kürzungen bei immer denselben Menschen, immer mehr Steuern für die, die sowieso wenig haben. Vielleicht, wenn man lange genug auf denselben Fleck eindrischt, wird dieser für alle Gefühle taub.

Giorgios weiß, dass ein Viertel der Bevölkerung weiter gut lebt, dass sich für sie kaum etwas geändert hat. Sein Blick ist der eines Betriebswirtes: „Griechenland hat dem Euro nicht viel zu bieten. Es ist eine einseitige Beziehung. Das geht nicht gut.“ Die nächsten Wochen aber könnten leicht in Gewalt umkippen, aus Taubheit wachse schnell Wut. Dann, wir reden schon lang, ohne noch fahren zu müssen, stimmt er dem deutschen Finanzminister zu. „Schäuble hat recht. Wir sollten versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen. Gründlich aufzuräumen. Nach fünf Jahren könnten wir es noch einmal versuchen.“

06:00 26.08.2015

Ausgabe 15/2020

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