Gar nicht erst ignorieren

Medientagebuch Der sinkende Stern eines Leitmediums: Auflagenverluste der "Bild" als Symptom der Berliner Republik

Der Kabarettist Dietrich Kittner, wie auch der Bundeskanzler aus der niedersächsischen Metropole Hannover, erzielte in seinen Bühnenprogrammen der siebziger und achtziger Jahre sichere Lacher, wenn er berichtete, dass er am Zeitungskiosk auf die Aufforderung "Einmal Lügenblatt bitte!" immer Bild erhalten habe. Es war die Zeit, als der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff Der Mann, der bei "Bild" Hans Esser war mit großem Kassenerfolg in Buch und Film publizierte. Doch all dieses aufklärerische Wirken hatte die Bedeutung eines umfallenden Reissackes in China. Ich als Bild-Hasser erinnere mich genau, seinerzeit bei Wallraffs Dokumentarfilm auf denkbar unbequemsten Stühlen eines vollbesetzten Programmkinos eingeschlafen zu sein. Denn alle wussten das Bewiesene schon: Die Bild-Hasser wie die Bild-Käufer waren im Bilde. Bild-Leser sind weit davon entfernt, dem Blatt Glauben zu schenken oder es gar ernst zu nehmen. Sie lassen sich von ihm unterhalten, und, ähnlich wie es Harald Schmidt jahrelang pflegte, von ihm Gesprächsstoff liefern, um die Zeit totzuschlagen.

Die Vermögensbildung der Verlegerfamilie Springer hat darunter nicht gelitten, im Gegenteil. In den achtziger Jahren, so erinnert sich der Dortmunder Medienwissenschaftler Horst Röper, soll die verkaufte Bild-Auflage mal über fünf Millionen erreicht haben. Dann fiel sie leicht, um 1991 kurz nach der deutschen Vereinigung mit knapp 4,9 Millionen ihren bisher letzten Höhepunkt zu erleben. Das Schwesterblatt Bild am Sonntag (BamS) erzielte seinerzeit 2,7 Millionen Verkäufe. Als jedoch vom 98er-Wahlsieger Schröder die Devise durchsickerte, er wolle mit "Bild, BamS und Glotze" regieren, hatten alle Genannten eigentlich ihre beste Zeit schon hinter sich.

Der Schröder-Spruch wurde zu einer Parole der "Berliner Republik". Angeblich änderte sich mit dem Hauptstadtumzug von Bonn nach Berlin ja so viel, dass die Republik einen neuen Namen brauchte. Der Glaube, dass sich die herrschende Politik dann mehr mit der sozialen Wirklichkeit auseinandersetze, hat sich mittlerweile, nachdem diese Republik sich dem Einschulungsalter nähert (am Montag war der 5. Geburtstag), als Kleinkinderglaube erwiesen. Doch die Beziehung zwischen Politik und Medien, das glaubten bisher unzählige Berliner Podiumsdiskussionen, die sei nun wirklich völlig anders geworden.

Aber anders, als sie glauben. Während die Politiker in Bild, BamS und Glotze nachgucken, was das Volk denn so denkt, geben Bild, BamS und Glotze vor, womit sich die Politik auseinandersetzen soll. Und die "Qualitätsmedien", die natürlich streng objektiv berichten wollen, wie die Politik in Berlin wirklich läuft, schauen, weil sie ja wissen, dass die Politiker und insbesondere der Bundeskanzler und seine Frau es tun, ebenfalls in Bild, BamS und Glotze nach, welche Themen denn gerade auf der Agenda stehen.

So glauben sie wohl wirklich, dass die Zuschauer sich bei Christiansen in der Glotze über Politik informieren wollen. Dabei wollen sie sich in Wahrheit wohl eher nach dem Krimi noch ein wenig aufregen und abreagieren (oder sind eingeschlafen); die Einschaltzahlen sinken in der Regel von 8-10 Millionen beim Tatort auf rund 4,5 Millionen bei Christiansen.

Im Hauptstadtzirkus wird offenbar auch geglaubt, Phänomene wie Bohlen, Effenberg, Big Brother oder Dschungelshows würden im Volk für wichtig gehalten, weil Bild mit ihnen eine Medienpartnerschaft pflegt. Guido Westerwelle hat diesen Irrtum immerhin gerechterweise bei der letzten Bundestagswahl gebüßt. Auch Rudolf Scharping gehört sicher zu den gerechten Opfern solchen Glaubens an den Leitcharakter der Boulevardmedien.

Aber auch der angeblich so clevere Bundeskanzler ist anscheinend nicht mehr ganz von dieser Welt. Seine jüngst demonstrativ - und am völlig falschen Anlass - erklärte Feindschaft gegen Bild erweckte im Hauptstadtzirkus den Eindruck, das sei ein weiterer Beweis für die große publizistische Wichtigkeit des Blattes. Aktuell wurde es als Hauptaustragungsort der Intrigen um die Bundesbank und ihren zurückgetretenen Präsidenten Welteke genutzt, offensichtlich von beiden Konfliktparteien.

Ihnen allen sei aus der kleinen aber feinen Wochenzeitung Freitag zugerufen: Vergesst Bild! Garnicht erst ignorieren! Es ist weder Ärger noch Aufregung wert. Bild verkaufte im ersten Quartal 2004 noch 3.781.000 Exemplare, das ist ein Verlust gegenüber dem Vorjahr von fünf Prozent. Seit 1991 verlor Bild über 1,1 Millionen Auflage (-23%), das Schwesterblatt BamS fiel im gleichen Zeitraum von 2,7 auf 2 Millionen zurück. Das kann sich nur noch mit SPD-Daten messen.

Zum Vergleich: Die Gesamtauflage der übrigen deutschen Tageszeitungen fiel im Vergleichszeitraum um rund 10 Prozent und das wird von ihren Verlagen schon als Katastrophe empfunden. Sie sind in Unruhe darüber, dass sie überwiegend nur noch von den angeblich nicht werberelevanten Alten gelesen werden. Die über 40-Jährigen lesen zu über 80 Prozent eine Tageszeitung, und zwar eine Regionalzeitung (die in der Auflage bundesweit mehr als siebenmal so wichtig wie Bild sind und darüber hinaus inhaltlich von den Lesern erheblich ernster genommen werden dürften). Bei den 30-39-Jährigen sind es 72 Prozent, bei den 20-29-Jährigen 63 und bei den 14-19-Jährigen nur noch 54 Prozent. Gleichzeitig vertritt ein Verleger wie der Kölner NevenDuMont allen Ernstes die Meinung, sein Gebietsmonopol habe sich "bewährt", weil seine Zeitungen ja gekauft würden. Dann mögen die Verleger im Verein mit Bundeswirtschaftsminister Clement die Monopolisierung im Meinungsmarkt nur so weitertreiben. Schon heute nimmt ihr Verhalten wirtschaftskriegerische Ausmaße an, wenn neue Spieler sich in "ihrem" Verkaufsgebiet versuchen, wie die Süddeutsche in NRW oder die skandinavische Schibsted-Gruppe in Köln. Aktuell findet ein klitzekleiner Neueinstiegsversuch in Görlitz statt und die taz versucht sich mit einem NRW-Teil. Ob das wieder zu Panik im Verlegerlager führt?

Wer sich inhaltlich und strategisch so einigelt, wie unsere politische und publizistische Klasse, muss die nachzählbaren Folgen tragen, bei Wahlergebnissen und Auflagenzahlen. So wie ein Vakuum für eine alternative Politik entsteht, ist auch wieder eins für alternative Information und Medien entstanden. Bild hat an führender Stelle daran mitgewirkt. Dank sind wir dafür allerdings nicht schuldig.


00:00 23.04.2004
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