Garniert ideologisch

Veganismus In ihrem neuen Fall ermittelt Lisa Nerz im radikalen Tierschützermilieu
Helena Neumann | Ausgabe 16/2016

Wenn es eine Bewegung geschafft hat, wegzukommen vom Image einer Randerscheinung hin zum Trend, dann ist es der Veganismus. Kein Lokal oder Café, das etwas auf sich hält, verzichtet auf ein veganes Angebot.

„Veganer sind auf der richtigen Seite der Geschichte“, heißt es auf vegan.de. Bei einer halben Million Tierversuche jährlich allein in Baden-Württemberg nutzt die radikale Tierrechtsbewegung den Trend. Angeblich sollen bis zu 1.000 radikale Tierschützer Angriffe auf Zoodirektoren, Jäger, Metzger, Pelzhändler und Pharmakonzerne als legitimes Mittel begreifen. Ideologisch sieht sich die Bewegung als Erbe des Antispeziesismus. Laut dem australischen Philosophen Peter Singer besagt das Konzept, dass wegen der Schmerzempfindlichkeit und Trauerfähigkeit von Tieren nicht ohne Weiteres eine ethische Relevanz aus den Unterschieden zwischen „menschlichen“ und „nicht menschlichen“ Spezies gezogen werden könne. In diesem Sinne vergleichen radikale Türschützer Schlachthöfe mit dem Holocaust.

Weil nun das Motto der Krimiautorin Christine Lehmann „Leben ist Recherche“ lautet, führt sie die Serienheldin Lisa Nerz in ihrem elften Fall in die Tierschutzszene. Anlass ist der grausame Mord am bekannten Fernsehkoch Hinni Rappküfer. Der zog sich als Handlanger der Fleischindustrie nicht nur den Hass der Tierschützer zu. „Fernsehkoch Hinni Rappküfer als Hackfleisch und Filet im Handel“ – Blogs aus der kündigen das Unfassbare an. Jemand soll umgebracht werden. Menschenopfer als Fanal gegen Tierquälerei. Die Überhöhung eines Mordes durch Weltrettungsfantasien?

„Es sind einzelne Wirrköpfe“, meint hingegen der Verfassungsschützer. Doch was ist mit den Hassmails sorgsam getarnter Accounts? Und die nächtliche Befreiungsaktion von Polizeipferden, an der Nerz undercover – als Aktivistin verkleidet – teilnimmt, kostete sie fast das Leben.

Schwierige Ermittlungen sind nur im Team zu lösen, denn es geht in den Lisa- Nerz-Krimis nicht um Fantasien über Kriminalistik, vielmehr um die realistische Abbildung eines plausiblen Falls, weswegen die Kommissarin nicht als „One Woman Show“ angelegt ist oder als Kontrapunkt zu männlichen Krimi-Kommissaren. Im Mittelpunkt steht mehr noch als der Plot die Hintergrundarbeit. Und Ermitteln ist eben auch Biografie- und Milieuarbeit. Dabei zeigt sich, dass die Tierschützer einerseits gut vernetzt sind, andererseits hoch konspirativ agieren. Dabei spielt die schwäbische Kulisse atmosphärisch wieder eine wichtige Rolle. „Man traut ihr“, so die Autorin in einem Essay, „nicht das Geniale der skurrilen Verbrechen“ zu.

Diese Mischung aus Dorfkern, Industrieansiedlung, Einkaufscenter und Biobauer gebe es überall, und überall im Land lebten darin Akademiker, Journalisten, Professoren. Schön schaurig sei das „Unbekannte im Vertrauten“.

Die Geschichte eines grauenhaften Mordfalls in den Kulissen radikalisierter Tierschützer geht über den Regionalkrimi hinaus. Allesfresser ist die genaue Recherche und Beobachtung eines gesellschaftlichen Milieus. Dass der Krimi zum Lesevergnügen wird, dafür sorgt das stilistische Geschick von Christine Lehmann. Die privaten Dialoge, die Nerz mit dem Staatsanwalt über das Pro und Kontra von veganer Lebensführung führt, sind so unterhaltsam und selbstironisch wie informativ. Man sitzt mittendrin in den Grauzonen, Glaubenskämpfen, Widersprüchen.

Der Leser darf gespannt sein, wie es mit der kauzigen Feministin Lisa Nerz und ihrem Staatsanwalt weitergeht. Die sind jetzt zwar verheiratet, doch Lisa Nerz, so will es ihre Erfinderin, hat sich bisher weder auf eine Frauen- noch auf eine Männerrolle festgelegt. Wenn es sein muss, spielt sie halt mit viel Witz die eine oder andere.

Info

Allesfresser Christine Lehmann Argument 2016, 256 S., 12,99 €

06:00 28.04.2016

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