Gärstoffe der Revolte

Maghreb Es ist kein Zufall, dass der Aufstand ausgerechnet in Tunesien begann. Eine kleine Archäologie der Revolution

Doch, es waren erfreuliche Jahre. Das Land war geordnet, die Provisionen stimmten, die übrigen Einnahmen auch, und die Bürger fügten sich. Niemand redete mehr allzu laut und allzu scharf daher, und nichts deutete darauf hin, dass diese schöne Ruhe gestört würde. Alle hatten ihren Platz gefunden in dem Land, und dafür, dass es auch so bliebe, war beizeiten gesorgt worden: „Die Polizei arbeitete mit. Sie war wie Balsam auf allen Wunden.“ Auch sonst war die Strategie klar: „Wenn der Schmerz, den ich bereite, nur hinreichend grausam ist, werden die Leute auch weiterhin nicht aufbegehren.“ Stattdessen würden sie den Präsidenten wieder wählen, auch diesmal mit einem Traumergebnis: 99, 100 Prozent der Stimmen.“

Es war eine bitterböse Satire, mit der der Journalist und Schriftsteller Taufiq Ben Brik im Jahr 2003 die Zustände unter der Herrschaft des inzwischen aus Tunesien geflohenen Präsidenten Ben Ali schilderte. „Ben Brik Präsident“ war der Text überschrieben, der den Präsidenten nicht nur kritisierte, sondern vor allem lächerlich machte. Schärfer, witziger und zugleich düsterer konnte man den Zynismus der tunesischen Staatsspitze kaum beschreiben. Dieser und andere, auch in der französischen Presse veröffentlichte Texte trugen seinem Autor die tiefe Abneigung der politischen Nomenklatura ein. Im Herbst 2009 wurde er darum unter dem Vorwurf, eine Frau sexuell belästigt zu haben, verhaftet und zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, die er auch absaß.

Ben Briks Text schlug aber nicht nur ironische Töne an. Jedem Kapitel ging ein Zitat eines literarischen Klassikers voraus. So etwa eines des französischen Moralisten Étienne de la Boétie aus dem 16. Jahrhundert. Der hatte sich gefragt, wie ein einziger Mann ein gesamtes Volk beherrschen könne. Und wie es komme, dass dieses Volk darauf verzichte, gegen den Tyrannen aufzubegehren.

Ideale konnten überleben

Ja, warum hielten die Tunesier so lange still? Vielleicht hilft ein Blick auf ein kleines Bändchen, das zu einer Zeit entstanden ist, als Tunesien von Frankreich gerade in die Unabhängigkeit entlassen worden war: auf Albert Memmis Porträt des Kolonisierten aus dem Jahr 1957. Wie Frantz Fanon, Autor des berühmt gewordenen Bandes Die Verdammten dieser Erde, interessiert sich auch der 1920 geborene Memmi für die psychologischen Auswirkungen des Kolonialismus. Und die, so stellt er es dar, waren verheerend: Der Kolonisierte, schrieb Memmi, fühle sich für nichts mehr schuldig oder verantwortlich. „Er ist raus aus dem Spiel. Er ist in keinerlei Hinsicht mehr das Subjekt der Geschichte. Er erträgt deren Gewicht, das für ihn viel grausamer als für andere ist. Aber er bleibt immer ein Objekt der Geschichte. Er nimmt nicht an ihr teil und will das auch nicht. Er verliert die Erinnerung an seine Freiheit. Er vergisst, was sie kostet und wagt auch nicht mehr, den Preis für sie zu zahlen.“

Memmis Text liest sich, als wäre er heute geschrieben worden. Denn für die totale Unterwerfung schienen die meisten Tunesier sich auch gegenüber Präsident Ben Ali entschieden zuhaben. Und doch lief es zuletzt anders, begehrten sie auf gegen den scheinbar Allmächtigen, der sie fast 25 Jahre regierte. Die Frage ist, wie es dazu kam.

Die Antwort dürfte auch in den Eigenheiten der kolonialen und vor allem postkolonialen Geschichte Tunesiens liegen. Anders als das benachbarte Algerien unterlag das Land einer vergleichsweise milden Fremdherrschaft. Während die Franzosen ihre algerische Kolonie plünderten und in einen integralen Bestandteil Frankreichs zu verwandeln suchten, begnügten sie sich in Tunesien damit, das Land unter ihrer Einflusssphäre zu behalten: So betrachteten sie das Land an der Nordostspitze Afrikas nicht als „Kolonie“, sondern nur als „Protektorat“.

Damit einher ging eine erheblich sanftere Kolonialverwaltung, die im Zweifel zwar auch auf Gewalt setzte, aber längst nicht so entschlossen und kontinuierlich wie in Algerien. Das wiederum sorgte dafür, dass die französischen Werte – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – bei weitem nicht so gründlich diskreditiert wurden wie in Algerien, wo sie den Menschen wie Hohn in den Ohren klingen mussten. Der dort von beiden Seiten höchst gewalttätig geführte Unabhängigkeitskrieg ließ in Algerien alles Französische für lange Jahre verhasst werden. Entsprechend aggressiv fiel auch die postkoloniale Ideologie aus. Ein zwar verständlicher, aber aus der Spur geratener Antikolonialismus, übersteigerter Patriotismus, Fremdenhass und Verachtung alles Fremden: das waren, dem algerischen Historiker Hassan Ramaoun zufolge, die Komponenten, die die Atmosphäre im unabhängigen Algerien überwiegend bestimmten.

Die etwas friedfertigere Tradition in Tunesien mag auch zur Weigerung des Generalstabschefs beigetragen haben, das Feuer auf die Demonstranten zu eröffnen. Doch die Tradition wirkte sich schon Jahre vorher aus. Sie ersparte Habib Bourguiba, dem ersten Präsidenten des unabhängigen Tunesiens, den absoluten Bruch mit der ehemaligen Kolonialmacht. Bourguiba konnte an das politisch-kulturelle Erbe Frankreichs anschließen. Bürgerrechte, ein relativ modernes Familienrecht und Bildung westlichen Typs: das waren die Reformen, die Bourguiba verordnete.

Der Einfluss des Geschassten

Die Verwandlung der uralten Zeitouna-Universität von einer religiösen in eine säkulare Hochschule war vielleicht das spektakulärste Symbol der Transformation. Für viele war das freilich auch ein Schock. Für ihn, erklärt der 1941 geborene Islamistenführer Rached Ghannouchi, sei dies der Anstoß gewesen, die islamische Identität des Landes politisch neu begründen zu wollen. Derzeit plant Ghannouchi die Rückkehr aus dem Londoner Exil.

Die Revolution erscheint bisher als Sieg der bürgerlichen, der säkularen Klasse. Doch die Bilder, die von ihr um die Welt gehen, können vergessen lassen, dass Tunesien weiterhin – überwiegend gemäßigte – muslimische Bevölkerungsanteile hat. Ebenso wie Bourguiba musste auch Ben Ali deren Bedürfnissen entgegenkommen. Dies zeigt sich in der zuletzt unscharf ausgerichteten Bildungspolitik des Landes. Tunesien, so der Historiker Driss Abbassi, fuhr in den vergangenen Jahren einen unentschlossenen Kurs zwischen Orient und Okzident. Per Satellit sei der arabische Osten, in vielen Haushalten präsent. Das hindere aber nicht, dass die Tunesier auch über den Westen bestens informiert seien. „Der Unterricht über den christlichen Westen – vor allem die französische Revolution und die Menschenrechte – sind weiterhin fester Bestandteil des tunesischen Schulwesens.“

Es scheint – und so sehen es auch viele Intellektuelle des Landes –, als hätten sich die Tunesier in den vergangenen Monaten eher westlicher Widerstandstraditionen besonnen. Daran dürfte der geschasste Ben Ali selbst durchaus einigen Anteil gehabt haben. Er hatte immer den Kontakt zum Westen gesucht. Die so genannte „orientalische“ Welt war diesem Lebemann fremd. Allerdings konnte er den westlichen Lebensstil nicht ohne dessen geistige Voraussetzungen importieren – Voraussetzungen, die mindestens bis zur französischen Revolution zurückgehen. So waren die Gärstoffe des Aufstands in Tunesien immer schon präsent. Jetzt sind sie aufgegangen und haben den scheinbar Allmächtigen ganz einfach weggeblasen.

Kersten Knipp ist Romanist und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Erbe der französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika

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11:00 27.01.2011

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