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Geistiger Verfall im Alter: Die Zeit zerstört alles

Sterbedrama Skandalregisseur Gaspar Noé interessiert sich seit Beginn seiner Karriere für den extremen Kontrollverlust. In „Vortex“ widmet er sich ihm erstmals in einer ganz alltäglichen Form: dem geistigen Verfall im Alter
Ist das Leben ein Traum in einem Traum? (Dario Argento und Françoise Lebrun)
Ist das Leben ein Traum in einem Traum? (Dario Argento und Françoise Lebrun)

Foto: Rapid Eye Movies

Ist das Leben nicht wie ein Traum?“, fragt eine adrett zurechtgemachte alte Dame (Françoise Lebrun) ihren Gatten (Giallo-Regisseur Dario Argento). Umgeben von einem Blütenmeer, bei Wein und Häppchen auf dem pittoresken heimischen Balkon sitzend, sind ihre Worte mehr Ausdruck wohliger Zufriedenheit, als dass sie tatsächlich nach einer Antwort verlangen würden. Ihr Mann gibt sie ihr trotzdem. „Ja, das Leben ist ein Traum in einem Traum“, erwidert er und blickt dabei nachdenklich in den Himmel.

Es wird der letzte glückliche Moment des etwa achtzigjährigen Paares bleiben, der in Vortex zu sehen sein wird. Und genau genommen ist bereits dieser vergiftet: Die Replik des Ehemanns, die zunächst schlicht nach einer schöngeistigen Floskel klingt, ist in Wirklichkeit ein geschickt platziertes Innuendo.

Denn Regisseur und Drehbuchautor Gaspar Noé lässt seinen Protagonisten hier aus einem Gedicht von Edgar Allen Poe zitieren, einer Reflexion über die menschliche Urangst vor dem Verlust. Neben dem Verlust von geliebten Menschen, Hoffnungen und Sehnsüchten thematisiert das Gedicht das Sujet auch in einer allumfassenderen Form: Mit der Frage danach, ob „alles, was wir sehen oder scheinen“, womöglich nicht mehr als ein Traum in einem Traum sein könnte, wird die Realität – womöglich nicht mehr als eine Illusion – selbst in Zweifel gezogen.

Der Realitätsverlust und die Schrecken, die ihn begleiten, sind schon lange Gegenstand im Werk des in Argentinien geborenen und seit Langem in Frankreich arbeitenden Filmemachers. Bereits mit seinem brachialen Langfilmdebüt Menschenfeind (1998) legte er den Grundstein für sein Renommee als Skandalregisseur, das er mit Irreversibel (2002) dann bekräftigte. Darin verfallen der Geliebte und der Ex-Freund eines Opfers (Monica Belluci) einer brutalen Vergewaltigung in einen todbringenden Gewaltrausch, als sie sich – geblendet von Rachegelüsten – auf die Suche nach dem Täter machen. In Enter the Void (2009) wiederum wird ein junger US-Amerikaner (Nathaniel Brown), der zuvor halluzinogene Drogen eingenommen hatte, während eines Deals in Tokio von der Polizei erschossen und wandelt daraufhin als körperloses Wesen post mortem zwischen Erinnerungen, Gegenwart und Zukunft. Das Wechselspiel aus Gewalt- und Drogenexzessen, meist in Kombination mit Eskapaden sexueller Natur, als Weg in den absoluten Kontrollverlust trieb Noé dann im 2018 erschienenen Climax auf die Spitze: Darin verfällt eine Tanzgruppe durch einen mit Rauschmittel versetzten Sangría in einen Wahn, der sich als Huis-clos-Drama ins Unermessliche steigert.

In Noés neuem Film wird die Wirklichkeit einmal nicht durch einen Drogenexzess oder eine andere Grenzüberschreitung verzerrt. Der Realitätsverlust des namenlos bleibenden Ehepaars wird durch eine alltägliche Erkrankung herbeigeführt: Die Frau, eine ehemalige Psychoanalytikerin, leidet an Alzheimer.

Sie irrt durch die Straßen

Der Film zeigt sie, wie sie orientierungslos durch die Straßen irrt oder stundenlang apathisch am Küchentisch sitzt. Während sie die Kontrolle und den Zugang zu ihrer bisherigen Realität verliert, entgleitet sie auch dem Ehemann zusehends. Verzweifelt versucht er, an seiner Normalität, der Arbeit an seinem Buch über Träume im Kino und der labyrinthartigen Wohnung in Paris, festzuhalten.

Obwohl die Ursache für die Entgleisung, die das Ehepaar in Vortex erlebt, eine überaus gewöhnliche ist, ist ihr Absturz nicht minder verstörend. Im Gegenteil: Gerade, weil der Film weniger das abseitige als das alltägliche Grauen beleuchtet, ist er der vermutlich zugänglichste, zugleich aber auch einer der düstersten in Noés bisherigen Schaffen.

Dazu trägt auch die Inszenierung bei: Ohne Noés übliche grelle Farben, stroboskopischen Effekte und schrille Soundtracks wird Vortex zu einem leisen, aber umso zermürbenderen Protokoll eines unaufhaltsamen Verfalls. Trotz seiner Schonungslosigkeit ist das unbedingt sehenswert. Denn ohne das Spektakel, als das sich seine Filme ansonsten präsentieren, wird Noés besonderes Talent dafür deutlich, Inhalte mit einer extravaganten Form zu einer unverwechselbaren Gesamtkomposition zu verschränken.

Kurz nach der eingangs beschrieben Auftaktsequenz etwa liegt das Paar nebeneinander im Bett. Die Frau reißt die Augen auf, ihr Blick sichtlich verändert, sie legt zur eigenen Beruhigung ihre Hand auf den Arm des noch schlafenden Mannes. Indes senkt sich ein schwarzer Balken vom oberen Bildrand, fährt trennend zwischen die beiden Eheleute. Von da an spielt sich das weitere Geschehen auf einem Splitscreen ab. Die dokumentarisch anmutende Handkamera Benoît Debies folgt dabei parallel den beiden Protagonisten, unterstreicht durch die geteilte Leinwand, wie sehr sich ihre Realitäten voneinander entfernt haben.

Wenn sich ihre Leben punktuell kreuzen, dann meist zum Verdruss des Mannes: In ihrer geistigen Umnachtung vergisst die Frau, den Gasherd abzudrehen, oder vernichtet beim Aufräumen Unterlagen seines Projektes. Einzig der erwachsene Sohn (Alex Lutz) versucht seinen Eltern beizustehen. Er will sie zum Umzug in ein Altersheim überreden. Als alleinerziehender Vater mit einer noch nicht ganz abgeschlossenen Drogenvergangenheit hat er aber mit eigenen Dämonen zu kämpfen.

Überflüssig zu betonen, dass Noé also auch dieses Mal kein gutes Ende für seine Protagonisten vorgesehen hat. Auch wenn er sich mit Vortex mit einem ungewöhnlich gravitätischen Werk zurückmeldet, bleibt sich der seit jeher zum Fatalismus neigende Mitbegründer der New French Extremity in diesem Punkt treu. So gilt letztlich auch hier, was er schon in Irreversibel verkünden ließ: Die Zeit zerstört alles.

Vortex Gaspar Noé Frankreich, Belgien 2022, 135 Minuten

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