Hans-Jochen Tschiche
22.02.2012 | 17:50 63

"Gauck ist die falsche Person"

Bundespräsident Der frühere Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Hans-Jochen Tschiche kritisiert die Nominierung von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten

Nun ist es so weit: Joachim Gauck wird Bundespräsident. Die deutsche Öffentlichkeit tut so, als hätte sie nach einigen Nieten nun das große Los gezogen. Sie behängt ihn mit Würdigungen, die er nicht verdient. Er ließ sich in München bei einer Preisverleihung mit den Geschwistern Scholl vergleichen und wurde noch nicht einmal schamrot. Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das Neue Forum in die Volkskammer.

Aus dem Blätterwald tönt es nun: Der Bürgerrechtler Gauck. Und er reist ohne Skrupel auf diesem  Ticket durch die politische Landschaft. Er ist kein Vater der protestantischen Revolution, sondern er gehört zu denen, die sie beendet haben. Endlich ist Gauck dort angekommen, wo er schon immer hin wollte- im konservativen Teil der westlichen Gesellschaft. Aber genau dieser Teil der Gesellschaft hat den Markt entfesselt. Die Konservativen haben die Geister gerufen, die ganze Länder in die Pleite treiben. In Deutschland öffnet sich die Schere zwischen den Armen und Reichen immer weiter. Effizienz und Tempo sind die neuen goldenen Kälber. Die Hektik bringt Menschen um ihre Gesundheit. Es heißt: Wer es nicht schafft, ist selber dran Schuld.

Laut und deutlich will ich aussprechen: Gauck ist die falsche Person. Wir haben es „mit einem tönenden Erz und einer klingenden Schelle zu tun.“ Ich habe mich bisher gescheut, Joachim Gauck zu widersprechen. Nun will ich aber nicht mehr schweigen.


 

Hans-Jochen Tschiche war als Pfarrer in der DDR unter anderem Leiter der Evangelischen Akademie in Magdeburg. 1989 gehörte er zu den

Gründungsmitgliedern der Bewegung Neues Forum und wurdein die erste frei gewählte Volkskammer der DDR gewählt. Von 1990-1998 war er Fraktionsvorsitzender von Bündnis 9o/Die Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt. Von 1994-1998 war er Alterspräsident dieses Landtages. Heute ist Tschiche Ehrenpräsident des Landesverbandes Sachsen-Anhalt von Bündnis 9o/Die Grünen.

Kommentare (63)

Berufsjugendlicher v2.0 22.02.2012 | 19:57

Günter Gaus beschuldigte Joachim Gauck nach meiner Erinnerung, die Wiedereinführung des Prangers in Deutschland als Chef der Behörde die damals großsprecherisch Gauck-Behörde hieß oder immer so genannt wurde.
Mir ist in Erinnerung, wie Gauck seinerzeit im Kreise einer Gruppe des Neuen Forums wohl, die Ziele der DDR-Opposition hinsichtlich der Verfassung voll im GG abgebildet fand und spöttisch darauf hinwies, dass dort alles bereits vorhanden und idealerweise sich zusammenfügt. Die Diskrepanz zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit ist bei ihm nicht deutlich geworden. Seitdem bin ich der Meinung, dass es mit dem Herrn Gauck nicht weit her ist als Politiker. Wer sowas auf gepackten Koffern saß, wie sonst niemand mehr als Stolpe bevor ihn der Ruf als Bundesverkehrsminister erreichte, wird sicher am Amt kleben wie Wulff, aber mal sehen wegen was er zurücktritt.

Fro 22.02.2012 | 20:49

Danke für diese klaren Worte.
Ich habe mir gestern einige Videos angesehen, in denen Herr Gauck zu Wort kam, und habe nicht den Eindruck gewonnen, dass er ein zeitgemäßes Demokratieverständnis hat. Der 'Titel' 'Demokratielehrer' ist ebenso wenig gerechtfertigt, wie der eines 'Bürgerrechtlers'.

Es wäre Konsequent, wenn die von ihren Partei-Vorständen Entmündigten und Gauck-Kritiker einen eigenen Kandidaten nominieren würden. Heute fiel mir einer ein:

Der grüne Europaabgeordnete Gerald Häfner. Ein wahrer Demokrat und erhellender Kontrast zu Gauck.
Gründer des Vereins „Mehr Demokratie“.

Zu seiner Person

Ein Video

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Ehemaliger Nutzer 22.02.2012 | 21:58

Für mich ist Joachim Gauck auch nicht die positive Erscheinung, als die sich auszugeben er es stets gut verstanden hat. Gerade, was sie DDR-Vergangenheit betrifft, so gehörte er stets zu den Menschen, die zwar Mißstände berechtigterweise kritisierten, aber niemals Alternativen oder konstruktive Vorschläge aufzuzeigen vermochten. Dies mag auch damit zusammenhängen, daß er der Kirche nun mal sehr nahe stand und deren Ziel ja ohnehin nicht die Reform, sondern vielmehr die Abschaffung der atheistisch eingestellten DDR war.
Leider vermißt man heutzutage die Kritik des Herrn Gauck an zum Teil viel schlimmeren Zuständen und Ungerechtigkeiten der sogenannten Demokratie der BRD. Er gehört zu den Leuten der Nachwendezeit, die ihre vermeintlichen Verdienste in der Umbruchzeit in bare Münze umzuwandeln versuchten. Heute ist Joachim Gauck angepaßter den je - und damit in guter Gesellschaft mit anderen "Bürgerrechtlern", die mit lukrativen Posten ruhiggestellt und gefügig gemacht wurden.
Ein Bundespräsident Gauck würde nichts gutes für das deutsche Volk verheißen. Dieser Herr ist reaktionär und bei weitem nicht so redlich und ehrlich, wie es zum Teil inszeniert werden mag.
Aber er wird kommen, dessen bin ich mir ganz sicher. Und das bedeutet einmal mehr, daß die Bundesrepublik zunehmend zu einem gleichgeschalteten System der Parteien CDU/CSU, FDP, SPD und Bündnis 90/Grüne wird.
Und dies hat mit Demokratie wahrlich nichts mehr zu tun. Aber wer redet in einer Zeit der Bespitzelung, der offensichtlichen Korruption von Politik und Justiz überhaupt noch von Demokratie...?

Heinz Lambarth 22.02.2012 | 21:59

Was sollte mensch denn anderes erwarten ? Die grün-rosarote "opposition" hat seinerzeit eine provokation gestartet, von der sie annahm, dass sie für die konservativen unwiderstehlich sei.
Beim ersten mal war das also ein "lockköder" für die konservative koalition; und hätte den triumph eingebracht, die konservativen mit ihren ureigendsten mitteln geaschlagen zu haben.
Jetzt jedoch zeugt es von gefährlicher einfalt. Dieser kandidat muss selbst erstmal "gegauckt" werden! Denn - wie schon Tischiche bemerkt - er ist verdächtig früh aus dem ddr-widerstand ausgestiegen; ein gewisser Anold Vaatz lässt grüssen...
Fazit, in der verhinderung dieses kandiadten hätte das Merkelin eine grosstat vollbringen können, aber auch hier ist sie umgefallen, gerade als es darauf ankam...wie eigentlich immer, wenn es um den machterhalt ging.

hawaza 22.02.2012 | 22:17

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Könnte jemand die Aussage
"Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt."
näher untermauern? Ich sehe mich vielen Personen gegenüber, die dieses Bürgerrechtler-Image glauben - Dies zu durchbrechen gelingt sicher mit Fakten viel besser.

Jacob Jung 22.02.2012 | 22:32

Hierzu vielleicht ein Zitat von Gerhard Rein aus der gestrigen Ausgabe des WDR5 Politikum:

„Nun, was man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt, hat man früher als DDR-Opposition bezeichnet. Zur DDR-Opposition hat Gauck niemals gehört. Er trat auch nicht in den system-kritischen Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen je in Erscheinung. In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden, taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf.

Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem „Neuen Forum“ angeschlossen. Vorher ist ein politischen Engagement gegen den repressiven Staat nicht auszumachen.“

luggi 22.02.2012 | 22:55

Es entwickelt sich, das Fluchwesen.
Beim Wulff kam die Wahrheit nach einem Jahr an's Tageslicht, beim Gauck jetzt schon vorher.
Armes Deutschland, arme Gazetten.
Viel Erfolg in der Wahlversammlung und wenige Monate danach bei den ersten Fettnapfen eines sie verursachenden Gecks, eines eitlen Gauck.
Jedes Endstadium eines Systems verdient seine Repräsentanten ... oder verdingt sie.

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Ehemaliger Nutzer 22.02.2012 | 23:28

ja, vielleicht ist ja gauck jetzt dafür *gut* um die gerauften haare vieler historiker und zeitzeugen zu entschädigen und es gibt auch viele mißverständnisse über kirchen in der ddr ... nur wenige hatten zivilcourage, viele waren einfach nur reaktionär und an dem so raren *westgeld* interessiert ... hier nur ein kleiner beitrag aus der territorialen nähe von gauck

ostsee-zeitung-blog.blogspot.com/2012/02/sie-werden-eingelullt.html

thbode 23.02.2012 | 01:17

Die gesellschaftliche Rolle/Funktion von Gauck ist primär die den Status Quo zu legitimieren.
Das war früher schon immer die Aufgabe von Pfaffen und Theologen.
Fehlt nur noch dass Gauck die Besitz- und Machtverhältnisse als von Gott gewollt bezeichnet. Sollen die Grünen und Pseudo-Roten, die uns den eingebrockt haben doch zur Hölle fahren. Ich kann mir Roth und Gabriel ganz gut in dem Gemälde Pieter Bruegel der Ältere: Sturz der gefallenen Engel, vorstellen.
Unsere "Elite" in Banken und Unternehmen wird sich bei dieser Nominierung jedenfalls erst mal ganz genüsslich eine Zigarre anstecken.

Felix K. 23.02.2012 | 01:46

Während sich der MDR noch intensiv mit der Frage beschäftigt, wie präsidiabel die "Wilde Ehe" unseres künftigen Bundespräsidenten ist und ansonsten im fiebrigen Liebeswahn über Gauck berichtet, hat sich ein kleines Malheur bei einer Online Abstimmung zur Akzeptanz des Kronprinzen ereignet. In der falschen Annahme, sie sei gefälscht, wurde das Voting wegen angeblichen Manipulationsverdachtes aus dem Netz genommen, da die Ergebnisse wohl in auffälliger Art und Weise gegen Gauck sprachen.

www.mdr.de/nachrichten/voting146.html

Roger11 23.02.2012 | 03:04

Wulff wird als Innovator der Verfassung in Erinnerung heften bleiben. Niemand zuvor vermochte publikumswirksamer unsere festgeschriebenen Achsen aus den Angeln zu heben. Ein Signal für Direkte Demokratie, sollte man meinen, und hoffen. Und leider ist dies pures Wunschdenken der Spezies Vernunft.
Da reden wir immer von Bildung, Bildung, Bildung! Was soll eigentlich gebildet werden? Maschinen zusammenbauen oder Moral? Dividenden rechtfertigen oder soziales Miteinander? Es geht noch heftiger: Etwa die Eingebildetheit von Eliten?

Ich traf mich kürzlich mit einem in Deutschland lebenden Syrer. Der meinte: "Worüber debattiert Ihr eigentlich? Über das Stadium der Korruption sind wir schon längst hinaus! Hier zählt die Patrone im Lauf, nímporte quoi.
Was blieb mir übrig, festzustellen, dass es bei uns einen Weg gibt über Delegierte, Bundesversammlung, und bla und bla, bla bla bla und immer so weiter.............

SiebzehnterJuni 23.02.2012 | 10:15

Liebe Magda, bei der letzten Wahl war ich noch für Gauck. Was ich aber seit dem gelesen und gehört habe, ist erschreckend.

Aber: Gauck wird der Philosoph der Schwarz/Gelben sein. Merkel wird als ausführende dieser Gauck-Philosophie erscheinen und ihr sogenannter Pragmatismus kann in ein reaktionäres Weltbild eingeordnet werden.

Langsam wird mir klar, warum Gauck verhindert werden sollte!!

ChristianBerlin 23.02.2012 | 10:22

@Magda

Was mich rasend an Gauck stört, ist die Gnadenlosigkeit im Umgang mit anderen Menschen in der DDR.

Was mich an dieser Formulierung rasend stört, ist ihre Ungenauigkeit. Du meinst sicher den "Umgang mit anderen Menschen mit einer bestimmten DDR-Vergangenheit.

Mit "anderen Menschen in der DDR" ging auch die DDR manchmal gnadenlos um. Zum Beispiel mit meinem Freund Sven, der in sog. Sonderkinderheim gesteckt wurde.

Ich billige Dir gerne das Gegenargument zu, dass - was die Wehrlosen betrifft - die Bundesrepublik zunächst keinen Deut besser sein muss. Das liegt aber auch daran, dass dieselben Jugendamt-Mitarbeiterinnen von damals noch immer auf kommunaler Ebene über "Inobhutnahmen" entscheiden dürfen und Kinder lediger Mütter - eine davon kennst Du - in dieselben Heime stecken, die weder ihren Namen, noch ihr Personal, noch ihre Methoden vollständig ausgetauscht haben, auch wenn sie mit Beinamen jetzt "heilpädagogische Einrichtungen" heißen.

Du wirst mir auch nicht den Unterschied ausreden können, dass Familien, die bei den Behörden wie vor einer Mauer stehen mit etwas Unterstützung vor Gericht eine Chance haben, gegen das Jugendamt Recht und ihre Kinder zurückzubekommen - wie in dem Dir bekannten Fall. Bestellte und getürkte Gutachten von beim selben Rechtsträger beschäftigten Amtsärzten gibt es noch immer, aber auch Richterinnen, die sie durchschauen und verwerfen. Und unabhängige Gutachter und Beistände.

Mit anderen Worten: Der Umgang mit Wehrlosen ist immer noch schlimm, z.T. durch dieselben Personen und Institutionen, aber sie haben im neuen System wenigstens eine Chance, es gibt Lücken in der Mauer, vor der sie stehen, die Rechtsstaat bewusst offen lässt, auch im Eigeninteresse.

Dass bestimmte Entscheider, die sich unter alten Verhältnissen schon als gnadenlos erwiesen haben, auch unter neuen Verhältnissen dennoch Schaden anrichten können, wenn sie weiter entscheiden dürfen, ist eine bedauerliche Erfahrungstatsache mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Ich würde mir wünschen, dass es anders wäre, dass aus jedem Saulus ein Paulus wird - das ist aber nur möglich und nicht immer wirklich.

Ich fand und finde die Aufarbeitung des Unrechts wasserdichter Systeme einschließlich der Konsequenzen zum Schutz derer, über die entschieden wurde oder künftig entschieden werden soll, richtig und wichtig - egal, ob sich die Diktatur sich selbst links oder rechts nannte (eine "linke Diktatur" ist ja eigentlich ein Oxymeron, wenn wir z.B. JAs Definition von "links" als "emanzipatorisch" folgen). Natürlich mit Einzelfallprüfung und Einzelfallgerechtigkeit, aber nicht als generelles "Schwamm Drüber".

Dass indes Joachim Gauck persönlich besonders "gnadenlos" bei dieser Aufarbeitung war, müsstest Du belegen - vielleicht verwechselst Du ihn mit Heiner Eggert? Der hatte wirklich diesen Ruf. Aber Gauck war es, der den ehemals hauptamlichen Mitarbeitern von Horch Guck die Weiterarbeit in seiner Behörde ermöglichte - das müsste von denen eigentlich lobend anerkannt werden, die jetzt ihre Ausgliederung durch seine übernächsten Nachfolger unter anderem hier im Freitag als "gnadenlos" kritisieren.

Man kann Joachim Gauck vieles vorwerfen, aber sicher nicht, dass er unmenschlich oder gnadenlos oder kleinkarriert ist. Vom Charakter her ist er eher zu generös als zu preußisch, und das leider auch sich selbst gegenüber, wie Jochen Tschiche hier zu recht anmerkt. Auch seine Mitarbeiterinnen haben ihn in der Otto-Braun-Straße als menschlich zugänglich in Erinnerung, und manche haben ihm noch lange nachgetrauert oder sich schon unter seiner Nachfolgerin wegbeworben.

Aber ich lerne ja immer gern dazu. Wenn Du Gaucks Gnadenlosigkeit belegen kannst, bin ich der letzte, der sich nicht bedankt, wenn er etwas ihm Neues in Erfahrung bringt.

LG Christian

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 10:41

"Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das Neue Forum in die Volkskammer."

Das gleiche kann man auch über Merkel sagen! Da geben sich Leute als ehemalige DDR-Bürgerrechtler aus, die in der DDR nie etwas gegen den Staat unternommen haben und auch kein schlechtes Leben hatten!
Aber danach konnten sie erst richtig Karriere machen - ist doch bezeichnend!

ChristianBerlin 23.02.2012 | 10:54

@Dirk Bellmann

Einen Deiner Sätze finde ich sehr richtig, den nächsten aber absolut daneben. Ich fange mit der Zustimmung an:

Leider vermißt man heutzutage die Kritik des Herrn Gauck an zum Teil viel schlimmeren Zuständen und Ungerechtigkeiten der sogenannten Demokratie der BRD.

Das ist ein häufiges Problem, das ich auch bei Gauck sehe. Einige - auch wirklich verdiente - Bürgerrechtlicher bauen der Profeten Gräber für die Vergangenheit, übersehen aber das Unrecht, das sich heute vor unser aller Augen vollzieht.

Er gehört zu den Leuten der Nachwendezeit, die ihre vermeintlichen Verdienste in der Umbruchzeit in bare Münze umzuwandeln versuchten.

Das müsstest Du mit Wulff-ähnlichen Fakten belegen, die sind mir zumindest unbekannt. Normalerweise sind Leute, die Theologie studieren, eher an Geltung als an Geld interessiert (was auch eine Schwäche ist, aber nicht dasselbe). Zumal man in der DDR als Pfarrer weniger als ein durchschnittlicher Arbeiter verdiente (600 bis 800 M), freilich durch baufällige große Dienstwohnungen und mit etwas Glück auch mit Westpaketen aus der Partnergemeinde entschädigt wurde, in denen manchmal auch echte Devisen waren (damals illegal, aber heute nicht mehr verfolgbar). Die DDR war außerdem sowieso das Land, in dem niemand finanzielle Interessen hatte, weil Geld normalerweise völlig nutzlos war, weil es dort nichts gab (aber für DM alles). Deswegen muss man das mit den Niedrigverdienst der Pfarrerinnen und Pfarrer nicht als das ansehen, was er heute wäre, es kam auf Geld nicht wirklich an.

Dass man hinter die Pfarrgehälter nach der Einheit eine Null hing und sie in DM bezahlte, ist nicht nur die exakt umgekehrte Entwicklung wie bei den Fernsehern, die bis Juli 1990 6000 M kosteten und danach 600 DM - sondern hat in vielen akademischen Berufen, insbesondere im Öffentlichen Dienst, auch unzählige Nichttheologen erfreut.

Insofern hat sich die Einheit und insbesondere die DM für viele "bezahlt" gemacht, die vorher nur die M der DDR hatten und niedrige Gehälter bei hohen Preisen für "Luxusgüter" Trabbis oder Wartburgs (die zumindest ein Umwelt-Luxus waren), niedrige Mieten und Energiekosten, aber entsprechend bescheidene Wohnverhältnisse mit umweltbelastenden Energiebilanzen uvm.. Materiell oder vom Geld her geht die Zahl der Profiteure auf breiter in die Millionen - und das normalerweise ohne besonderes persönliches Zutun.

Du müsstest nachweisen, dass Gauck mehr verdient oder abkassiert hat als ein vergleichbarer Behördenleiter oder Abgeordneter unter Westverhältnissen, sonst ist er einer dieser vielen, vielen, vielen - nicht mehr und nicht weniger - wobei er dafür, dass es so kam, sogar noch weniger kann als andere, wenn wir Jochens Argumentation folgen.

LG Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 11:07

@Dirk Bellmann

PS:

Den folgenden Satz, lieber Dirk, müsstest Du mir außerdem erklären, ich verstehe ihn wirklich nicht:

Gerade, was sie DDR-Vergangenheit betrifft, so gehörte er stets zu den Menschen, die zwar Mißstände berechtigterweise kritisierten, aber niemals Alternativen oder konstruktive Vorschläge aufzuzeigen vermochten.

Meinst Du, er hätte diese Alternativen später, unter Westverhältnissen, gewissermaßen "rückwirkend" aufzeigen sollen? Wozu das?

Oder meinst Du, er hätte damals, in DDR-Zeiten, diese Alternativen oder konstruktive Vorschläge zur Veränderung der DDR aufzeigen sollen?

Ich kenne zwar einige, die letzteres versucht haben, aber keinen einzigen, der damit Erfolg hatte - die Pererstroika war ja gerade nicht gewollt. Kritisierte man das System als ganzes, war man ein Dissident, kam unter Beobachtung und wurde im schlimmsten Fall zur Ausreise gedrängt.

Übte man diese Kritik dagegen "von innen", "aus der Partei heraus", dann konnte es richtig hart werden. Der Druck, der solchen inneren Abweichlern widerfuhr, war mal sanfter und mal weniger sanft, Verwandte oder Freunde von mir, auch solche mit Parteibuch SED, sind in solchen Fällen bei der Fahne degradiert oder im Zivilleben mit der schwarzen Limousine abgeholt und in einer kleinen Versammlung sehr freundschaftlich nach ihrem "Standpunkt" befragt bzw. über diesen aufgeklärt worden. Ein echter Fall, wo Perestroika-Vorschläge irgendeine Umgestaltung bewirkt hätten, sind mir dagegen nicht bekannt. Dir vielleicht?

Lass hören, ich bin gespannt.

LG Christian

LG Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 11:25

@thbode

Das war früher schon immer die Aufgabe von Pfaffen und Theologen.

Sagt der Fürst zum Bischof: Halt Du sie dumm, ich halt sie arm.

Du übersiehst aber, dass an die Stelle der Theolügner unter modernen Verhältnissen die Ideologen getreten waren - auch die nicht nur pseudo-roten. Die Propaganda Deines schönen Arbeiter-und-Bauern-Paradieses hat Dir dessen Existenz dieser vermeintlich roten Alternative deshalb möglicherweise nur vorgegaukelt - wie auch so manchen Jahrmarkt im Himmel nicht wirklich so stattfindet, wie einige Kollegen ihn ausmalen.

Verdummer gibt es überall, ob in schwarzen oder roten Klöstern gezüchtet. Die Frage ist nur, ob daneben auch Aufklärer zugelassen sind - die ihnen ins Wort fallen und sie Maß nehmen dürfen. Und da ist mir dieses System, das Verdummer wie Aufklärer zulässt, ehrlich gesagt lieber, als eines, das unter dem Vorwand Verstummer der Verdummer werden zu wollen, in Wahrheit vor allem Aufklärer zum Schweigen brachte.

LG Christian

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 11:31

Nach dem Schmierentheater, das zu seiner Nominierung führte, ist Gauck die durchaus passende Wahl. Mich erinnert der BILD-Präsident der Herzen an die bekannten Blender aus der Literatur: Molieres Tartuffe und, mehr noch, an Dostojewskis Foma Opiskin, der "seiner eigenen, völlig nichtigen Persönlichkeit auf eine narzisstische Weise extrem viel Bedeutung beimisst".(Wikipedia)
Als Grüßaugust der deutschen Wirtschaft bei Auslandsbesuchen und Repräsentant der Wahlbürger, die zuverlässig mit überwältigender Mehrheit die Einheitspartei aus CDSUSPDFDPGRÜNE wählen, ist er doch hervorragend geeignet.

ChristianBerlin 23.02.2012 | 11:35

@Felix K.

Danke für den Link und den Hinweis. Das ist echt ein starkes Stück.

Dass die Stimmung in der Netzgemeinde - anders als im wie auch immer gemessenen Durchschnitts-Volk - eher gegen Gauck als Präsident ist, hat sich inzwischen zwar schon unter Journalisten herumgesprochen, aber glauben will es noch keiner. Wenn es z.B. einen Twitter-Hinweis auf das mdr-Voting unter einem entsprechenden #hashtag gab, könnte das ohne weiteres ein flashmobartiges Umschlagen der Abstimmungswerte bewirkt haben. Aber das ist nun einmal Bestandteil der Dynamik der Netzgemeinde - was unter Kriterien der Markt- und Meinungsforschung bedeutet, dass Umfragen dort nicht immer repräsentativ sein müssen.

LG Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 11:51

@Roger11

Das ist "Blut und Eisen"-Logik und meiner Ansicht nach falsch. Selbst da, wo das Faustrecht gilt, ist es immer das Gehirn, das Denken, die Sprache, was die Faust auf Reisen schickt. Sinnhorizonte und deren Verschiebungen setzen Menschen und Waffen in Bewegung. Umgekehrt funktioniert das nicht - auch wenn es schon öfter versucht wurde. Geschichtliche Veränderungen werden über die Sprache in Gang gesetzt. Selbst Amokläufe beginnen im Kopf.

ChristianBerlin 23.02.2012 | 12:03

@SchmidtH.

Das nun wirklich nicht, aber sie nimmt deren (auch pazifistische) Ideale im Rückblick für sich in Anspruch, ohne wirklich an sie zu glauben oder ihnen politisch verpflichtet zu sein.

www.freitag.de/community/blogs/christianberlin/von-gemalten-und-echten-soldaten-perspektiven-einer-kanzlerin

Aber das ist ja bei den Grünen seit dem Kosovo-Krieg nicht anders - mal von Ausnahmen abgesehen wie Jochen Tischiche (Als Ehrenpräsident aufs Altenteil gestellt), Christian Stroebele (beinahe abgesägt), Uli Cremer (bedeutungslos) oder Wolfgang Wieland (noch aktiv).

LG Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 12:56

@Hans-Jochen Tschiche

Lieber Jochen,

willkommen zurück beim Freitag!

Ich kann mich noch gut an den Morgen vor fast zwei Jahren erinnern, gegen 7 Uhr früh Deine Parteifreundin Katrin Göring-Eckardt den neuesten politischen Coup bekanntgab: Grüne und SPD hatten sich geeinigt, Joachim Gauck der Bundesversammlung als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorzuschlagen.

Der Clou dabei war, dass dieser Kandidat dem bürgerlichen Lager und der Springer-Presse angenehmer sein musste als den eigenen Leuten. Und beinah, im ersten Wahlgang, wäre das auch für die Kanzlerin ins Auge gegangen: Die LINKE hätte einfach nur entgegen ihrer Ankündigung für ihn stimmen müssen, dann wäre Gauck sofort gewählt gewesen und Christian Wulff hätte keinen zweiten oder dritten Wahlgang mehr bekommen.

Eine Blessur für die Kanzlerin und eine Belastung für ihre Koalition war das allemal, so wie diesmal wieder. Nur diesmal um den Preis, dass Gauck tatsächlich gewählt wird. Da verstehe ich, dass Du und andere jetzt den Mund auftun und zumindest der Mythos dekonstruiert werden muss, den Politiker und Medien wider besseren Wissens um unseren Amtsbruder herum aufbauen. Wenn wir ihn davor bewahren können, sich in dieser Rolle zu gefallen, ohne ihm Unrecht zu tun, hätten wir wenigstens etwas erreicht. Wenn er wirklich die Größe besitzt, die ihm im Kontrast mit seinem Amtsvorgänger nachgesagt oder angedichtet wird, müsste er sich selbt wie Niemöller nach dem Krieg die Märtyrerkrone vom Haupte reißen, wie auch Paulus und Barnabas ihre Kleider zerrissen, als die Menschen in Lystra glaubten, die Götter seien zu ihnen in Menschengestalt herabgekommen und sie "Zeus" und "Hermes" nannten, das Volk ihnen huldigte und seine Priester ihnen Kränze und Stiere opfern wollten.

Nichts anderes treiben unsere Jubelperser aus Parteien und Medien jetzt mit dem armen "Konsenspräsidenten", und wenn wir es gut mit ihm meinen, bewahren wir ihn davor, am Ende noch selbst an die Mythen zu glauben, die ihm da angedichtet werden.

Was mich nur wundert, ist, dass die ganze Inszenierung diesmal wie eine feindliche Übernahme des Staates durch lauter Theologen aussieht. Unser Amtsbruder Peter Hinze zum Beispiel, der u.a. Dich als den Macher des erstens Rot-Rot-Grünen Tolerierungsbündnisses (völlig zu Unrecht übrigens) vor 18 Jahren mit seiner Socken-Kampagne unter Beschuss nahm, war zwar der letzte Parteifreund, der Christian Wulff vor laufender Kamera verteidigt hat, wohl auch derjenige, der kurz zuvor die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen durch eine unvorsichtige Äußerung erst ausgelöst haben soll. Dass Katrin - diesmal nicht Macherin oder Verkünderin, sondern konkurrierend zu Gauck als Kandidatin im Gespräch - nicht nur EKD-Synoden-Präsidentin ist, sondern auch selbst mal Theologin war, oder dass unter weiteren konkurriend als Kanditatinnen oder Kanditaten gehandelten potenziellen Wulff-Nachfolgern diesmal fast nur Theologen waren, wurde schon mehrfach als Ausdruck einer Sehnsucht nach mehr moralischer Glaubwürdigkeit in der Politik gedeutet.

Letzteres ist sicher ein richtiges Ziel - aber die politische Inthronisierung von Theologen doch der falsche Weg dahin - statt über dornige Pfade zu gehen, versucht man hier eine Abkürzung über den Heiligenschein, und der trügt bekanntlich - also weg damit! Wer weiß, was bei Kirchens oder Parteiens wirklich los ist, lässt sich von sowas nicht blenden, den anderen sollten wir's vielleicht mal erzählen.

LG aus Berlin nach Satuelle

Dein Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 13:06

@Dietmar Wiening

Lieber Dietmar,

ein irgendwie kryptischer Konter.

Ich habe hier mehrere Kommentare geschrieben, und da die Replik an keinem davon direkt dranhängt, ist der Bezug rein äußerlich nicht eindeutig.

Vom Inhalt her will mir die Zuordnung ebenfalls nicht gelingen. Dass die DDR Präsident werden will, meine ich nicht behauptet zu haben, auch nicht indirekt.

Vielleicht zitierst Du einfach mal den Bezug?

LG Christian

ChristianBerlin 23.02.2012 | 13:12

@SchmidtH.

Wenn er den wirklich verkörperte, müssten sich die Grünen auf was gefasst machen.

3 von 4 Grundsätzen ("pazifistisch - basisdemokratisch - sozial") haben sie inzwischen fallen gelassen, allein "ökologisch" verkörpern sie nach wie vor glaubwürdig.

Aber Gauck scheint mir auch einer der letzten zu sein, denen ich zutrauen würde, den Grünen die Leviten zu lesen. Schade.

SchmidtH. 23.02.2012 | 13:21

Danke, dass Sie noch einmal darauf hinweisen, was möglich gewesen wäre, wenn, ja wenn!

Ich darf Sie noch einmal zitieren:

"Der Clou dabei war, dass dieser Kandidat dem bürgerlichen Lager und der Springer-Presse angenehmer sein musste als den eigenen Leuten. Und beinah, im ersten Wahlgang, wäre das auch für die Kanzlerin ins Auge gegangen: Die LINKE hätte einfach nur entgegen ihrer Ankündigung für ihn stimmen müssen, dann wäre Gauck sofort gewählt gewesen und Christian Wulff hätte keinen zweiten oder dritten Wahlgang mehr bekommen.

Aber nein sie wollte nicht.
Nun wird sie wieder lächerlich gemacht, sogar mit den lächerlichsten und dümmsten Argumenten, die man sich so vorstellen mag, in einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung: Henryk M. Broder hat das Wort:

"Nun sollte man es einer 73 Jahre alten Dame, die ihre „fifteen minutes of fame“ schon lange hinter sich hat, nicht übel nehmen, dass sie der Versuchung nicht widerstehen kann, aus dem Schatten der Geschichte wieder ins Rampenlicht zu treten. Das ist menschlich. Schließlich leidet sie darunter, dass ihr bis heute das Bundesverdienstkreuz verweigert wurde.

Das Spiel allerdings, das die Linke treibt, ist an Schäbigkeit und Zynismus nicht zu übertreffen. Ganz im Stil der 50er- und 60er-Jahre positioniert sie sich als eine Antifa-Truppe, die den „reaktionären Elementen in der BRD“ Paroli bieten will. Mit Hilfe einer Rentnerin, die von einem Lebensabend im Schloss Bellevue träumt. "

www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article13882698/Das-schaebige-Spiel-der-Linken-mit-Beate-Klarsfeld.html

Was soll uns das sagen. Eine 73 jährige Rentnerin vs. einen 72 jährigen Jungspund. Beide auf dem Weg nach Bellevue, die eine ins Rentnerdomizil, um den Lebensabend zu genießen, und der andere?

ChristianBerlin 23.02.2012 | 14:58

Die Pointe war mir sofort klar, als ich die Meldung hörte. Klevere Retourkutsche, zumal sie ja den West-Kanzler als Ex-NSDAP-Mitglied geohrfeigt hatte.

Beim Broder wundert mich auch, dass er auf dem rechten Augen langsam erblindet - die NSU hat er bei seiner Deutschland-Safari zumindest nicht aufgespürt, da hatte er zusammen mit Hamid scheinbar friedliche Nazis und ND-Leute vor die Achsen- oder (Ochsen?-)Kamera des Guten geholt.

LG Christian

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 15:13

Sehr geehrter Herr Tschiche,

ich glaube, von all denen, die bisher geschrieben haben, sind Sie einer, der es vielleicht wissen kann. Oder einer, der es wirklich weiß.

Ich bin Attheist, was nicht heißt, daß ich ohne Glauben wäre. Mein Glaube liegt aber nicht bei Gott, als einem höherem Wesen, sondern beim Menschen, und da zuerst bei meinen Kindern.
Wenn es so etwas wie Unsterblichkeit geben sollte, dann liegt sie für mich bei meinen Kindern, Enkeln, Urenkeln ...

Irgendetwas wird von mir fortleben, so gering es auch sein mag. Deshalb wünsche ich mir für meine Kinder auch eine Welt, in der es möglich ist weiterzuleben, fortzubestehen, im Einklang mit sich und der Natur. Und da es für mich keinen Himmel gibt, wo wir uns später treffen können, gibt es für mich nur die Hoffnung, daß auch für sie ein Leben in der Form möglich sein wird, wenn ich nicht mehr bin.

Sie schrieben, wir haben es "mit einem tönenden Erz und einer klingenden Schelle" zu tun.
Als Attheist mußte ich erst nachschauen, was damit gemeint ist. Dank Internet geht dies schnell.

1.Korinther 13,1

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.

Ihr Ausspruch ist also auch nicht vollständig.
Das Entscheidende ist ja wohl:

... und hätte er der Liebe nicht ...

Das ist es auch, was mich am meisten an Herrn Gauck irritiert. Diese Kälte im, von ihm wahrscheinlich vermuteten, Sendungsbewußtsein.
Auch wenn er viel von Vergebung redet; ich habe vor kurzem erst eine Sendung im Radio über einen Freund von ihm gehört, der sich ihm als Zuträger zu erkennen gab, warum glaube ich ihm weniger als einem Herrn Schorlemmer?

Wenn Sie aber solches schreiben, und Sie sagen selbst, Sie hätten sich bisher gescheut, ihm zu widersprechen; wenn Sie dies in einer Form tun, die eigentlich für Herrn Gauck als einen Pfarrer, oder ehemaligen Pfarrer, nicht gerade schmeichelhaft ist, werden Sie Ihre Gründe haben.
Es wäre aber in dieser ganzen Angelegenheit, wo es um Zitate, Äußerungen, Interpretationen , Halbwahrheiten u.ä. geht, bestimmt sehr hilfreich, Authentisches zu hören, und zwar von Menschen, die mit Herrn Gauck näher bekannt waren.
Oder wenn Sie wenigstens eine Erklärung für ihren Auspruch liefern könnten.
Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal auf meinen am Anfang erwähnten Attheismus zurückkomme:
Ich würde viel lieber wissen können, als glauben müssen.

Alien59 23.02.2012 | 15:17

Broder halt. Wenn er nur ab und zu einfach mal - äh - den Mund hielte.
Ich versuche, ihn weitgehend zu ignorieren, das bekommt mir besser.
Klarsfeld aufzustellen, wäre wirklich kreativ. Besser, als eine gute Kandidatin zu verheizen, die vielleicht beim nächsten Mal Chancen haben könnte, es wurden ja einige genannt, die ich gerne gesehen hätte. Klarsfeld würde es im Bewusstsein dessen machen, dass sie nicht gewinnen kann, aber auch nicht verlieren, denn als Kontrastprogramm würde sie Licht auf etliche Schatten werfen....

ChristianBerlin 23.02.2012 | 15:25

@txxx666

Da würde ich aber dann doch die Opfer der NSU (bzw. deren Angehörige) fragen wollen, ob sie ein Problem damit haben, wenn der designierte oder künftige Bundespräsident an der Feier teilnimmt. Vielleicht hätten die ihn sogar eingelanden, und um die geht es.

Misanthrope (also Dich) hätten sie vermutlich eher nicht eingeladen. Dein Ausdruck "Nazi Sarrazin" geht mir persönlich bei aller berechtigter Kritik auch an Sarrazin doch zu weit und ist wahrscheinlich nicht nur gegendarstellungsfähig, sondern möglicherweise eine Straftat, auf die freitag.de nicht von deren Autor verlinkt werden sollte. Aber das ist nur meine persönliche Meinung, vielleicht finden andere diesen Stil ja gut und richtig.

LG Christian

Karola 23.02.2012 | 16:06

Hallo, Christian, dass, was Sie schildern, wie es vor und nach der Wende mit den Mitarbeitern der Jugendämter gewesen ist und heute ist, ist der Teil, den die BRD-BürgerInnen nach dem Krieg hier erleben mussten.

Da wurden Opfer von Sterilisation und Zwangsarbeit z.B. in den Ämtern von denselben Personen betreut, die ihnen zuvor das Unrecht angetan hatten.
Eine Paradoxie, ja wahnsinnige Weise, in der die Betroffenen bei Anträgen ihren Folterern gegenüberstanden - immer wieder in der Rolle der Abgehängten und Abhängigen.

Es scheint, dass derartiges irgendwie vom "Umsturz" zum Neubeginn dazu gehört, was ich nicht in Ordnung finde, erst recht, wenn diese Menschen wieder über viel Macht verfügen. Und Jugendämter haben diese Macht immer noch, was einzigartig in Europa ist.
Soweit ich weiss, liegt bei der europäischen Menschenrechtskonvention auch ein Antrag vor, das System Jugendamt in Deutschland - so wie es jetzt ist - abzuschaffen. (zur Info)

Damit will ich sagen, dass mir das Unrecht, was insbesondere Kindern und deren Eltern und Müttern angetan wurde, unendlich leid tut.

Was Gauck angeht, kann ich mich nur auf das beziehen, was er seit der Wende hier so redet und das gefällt mir von vorne bis hinten nicht.

Auch wenn er sagt, dass die68-iger dazu beigetragen hätten, die Nazivergangenheit zu verarbeiten, sagt er nur die halbe Wahrheit, denn 1951schon wurde ein sog. Persilscheingesetz verabschiedet, was alle Nazis rein wusch. Ein wenig wurde damals "geputscht" -aber von gründlicher Aufarbeitung kann keine Rede sein.
Buchtipp: Ernst Klee: Persilschein - wie die Kirchen eheamaligen Nazis geholfen haben. So oder ähnlich ist der Titel und auch heute noch, wo es um - wie ich finde - gesamtdeutsche Aufarbeitung geht, immer noch aktuell ist.

Gauck hat zu viel "unsichtbaren" (redemäßigen) "Dreck am Stecken" als dass er eine gute BP-Wahl wäre.
Es geht mit seiner Kandidtur um andere Dinge, nämlich das "Volk" schläfrig zu predigen in einer Zeit des Abbruchs der Sozialstaaten hier und in Europa. Menschen zum Leiden und Bleiben in der DDR zu ermuntern, bei dem vielen Wissen was er gewusst haben muss über dieses Regime, zeigt, dass er wegen genau dieser Fähigkeiten von der "Welt"-ein Springer Blatt, der SPD - die so dusselig war, das nicht zu durchschauen, angedient worden ist. Es zeigt aber auch seine Passivität und seinen Konformismus.

Nun ist er da. Ich wollte ihn nicht und will ihn heute, erst recht mit dem neuen Wissen über ihn, nicht!

Peter Paul Schmidt 23.02.2012 | 17:50

Wir haben alle verloren!

Gratulation Herr Gauck. Sie werden der nächste Bundespräsident, das hatten Sie bereits vor zwei Jahren gewollt und nun ist es endlich so weit. Ist Ihnen in Ihrem freudentrunkenen Zustand eigentlich aufgefallen, dass mit Ihrer Nominierung nicht der für Deutschland am besten geeignete Kandidat sondern nur wieder der einer perfiden Politikpose entsprungene Kandidat gewählt werden wird? Sicher, die Medien haben durch ununterbrochene Dauerberichterstattung die Bevölkerung bereits davon in Kenntnis gesetzt, dass mit Ihnen, einem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, der Messias erschienen ist. Und es funktioniert. 70 % der Deutschen wünschen sich Gauck, ist den Medien zu entnehmen. Sie haben einen breiten Rückhalt, nicht nur politisch sondern auch gesellschaftlich.
Es wird Sie sicher nicht interessieren, aber ich gehöre nicht wirklich dazu. Dies liegt nicht in erster Linie an Ihrer Person, sondern viel eher daran, dass sich in der Nominierung von Ihnen die Verkommenheit und Entrücktheit des politischen Establishment zeigt. Aber auch dies dürfte Sie nicht sonderlich interessieren, so beglückt sind Sie. So sehr, dass Sie es noch nicht einmal geschafft hatten sich vor der Pressekonferenz zu waschen. Vielleicht wird Ihnen beim Duschen – beim Duschen hat man bekanntlich die besten Ideen - bewusst werden, dass Sie Bundespräsident Dank FDP`s Gnaden werden. Eine Partei, die Sie selbstverständlich auf Grund Ihrer überragenden Qualifikation für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen hat und nicht etwa in Folge der aktuellen und hoffentlich ewig währenden politischen Bedeutungslosigkeit. Nie käme man in der FDP auf die Idee aus der Nominierung eines von 70% der Deutschen für präsidiabel gehaltenen Mannes politisch eigenen Profit zu schlagen. Auch Ihre neoliberalen Ansichten waren für die FDP sicher kein Grund, Sie für das höchste Amt im Staate zu nominieren. Auch wenn der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Holger Zastrow Sie als „jemanden der ganz ideal zum liberal-konservativen Regierungsbündnis passt und der uns mit seinem Wertekompass, seinem Einsatz für Freiheit, für Eigenverantwortung und für die Marktwirtschaft, aus dem Herzen spricht.“ bezeichnet. Darauf verwette ich ein Kugel Eis. Wer die FDP-Granden medial und in ihrem Regierungshandeln erlebt hat weiß, dass freie Demokraten nur hehre Ziele verfolgen. Selbstverständlich ist die Unterstützung Ihrer Kandidatur durch die SPD und die Grünen auch nicht partei- und machtpolitischen Taktierereien gegenüber der Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei der Sie aus unerfindlichen Gründen vor zwei Jahren durchs Nominierungsraster fielen, geschuldet. Dies bewies die Generalsekretärin der SPD Andrea Nahles auf ihre bekannte mütterlich besorgte Art und Weise. „Die Kanzlerin ist umgefallen", es ist „der Tag einer großen Niederlage für Frau Merkel“. Dies zeigt doch nur, dass sich Frau Nahles ernsthafte Sorgen um den Gesundheitszustand der Bundeskanzlerin macht und nicht etwa wie von den Medien dargestellt ein Ausdruck der Schadenfreude und Häme ist. Allein sie hat erkannt, dass die anstrengenden Wochen der „Eurorettung“ Frau Merkel ganz schön zugesetzt haben und sie wegen eines Kreislaufkollaps umgefallen ist und sich daher niederlegen musste. Wer Andrea Nahles in den letzten Jahren verfolgt hat weiß, dass sie nur sachorientiert argumentiert und ihr kleinkindisches Geschrei völlig fremd sind. Ebenso ihre Parteikollegen, den feisten selbstverliebt grinsenden Parteivorderen, den geht es ja auch immer nur um die Sache.
Ebenso den Medien, welche sachlich Ihre Stärken und Ihre Schwächen analysieren. Welche Schwächen? Einige unterstellen Ihnen ja Eitelkeit. Ihnen, wo Sie doch bereits kurz nach Bekanntgabe Ihrer Nominierung in Ihrer so ureigenen bescheidenen Art gesagt haben, dass Sie auch nur ein Mensch sind und uns alle bitten Ihnen erste Fehler zu verzeihen. Na, na, na Herr Gauck nur nicht so bescheiden. Ich bin mir sicher Sie machen nie Fehler und wenn dann haben bestimmt die anderen etwas falsch gemacht oder sind von der gelben Natter namens Neid zerfressen. Nach dem Papst sind Sie der Einzige der unfehlbar ist. Als Protestant und auch noch Pastor ist man zudem ja so etwas wie ein emanzipierter, moderner Katholik und alle Fehler werden sowieso vergeben. Sie haben ja schon im Vorfeld aufrichtig bereut.
Ich bin mir sicher, dass einige Ihr Gespräch mit dem Taxifahrer Herrn Belon "Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten.“, als eitel bzw. anmaßend auslegen werden, da Sie ja noch nicht gewählt worden sind. Diesen Leuten kann ich nur entgegnen „grober Unfug!“ Bestimmt haben Sie dieser Bemerkung ein sympathisches Augenzwinkern folgen lassen, welches man nur als Hinweis auf eine noch anstehende, Sie legitimierende Wahl deuten kann. Aber dies ist Herrn Belon in seiner Freude den Bundespräsidenten, Verzeihung Nominierten, zu fahren sicherlich nicht aufgefallen. Wer kann es Herrn Belon verdenken. Dieses kollektive Massenglücksgefühl durften wir das letzte Mal im Sommer 2006 erleben. Das Sie gewählt werden ist ja quasi nur noch reine Formsache. Daher mein Vorschlag, wir lassen diese scheindemokratische Bundespräsidentenwahl ausfallen. Wir sparen damit sicher sehr viel Geld und der CO2-Ausstoß durch die ansonsten so zahlreich anreisenden Wahlmänner und -frauen fällt auch weg. Allerdings werden die Berliner Hoteliers und Gastronomen sehr betrübt sein und dies könnte Ihre gelben Unterstützer traurig machen. Aber dies würden Sie bestimmt ganz schnell wegschmunzeln.
Wahlen sind als Ausdruck demokratischer Freiheit meiner Meinung nach sowieso massiv überbewertet. Sie, der das „Böse“ gesehen hat, würde mir vermutlich widersprechen und von einem Unrechtsstaat berichten in dem das Wahlergebnis schon im Vorfeld feststand und man nur die Wahl hatte zwischen Scylla und Charybdis und somit unfrei unter dem Diktat einer grenzdebilen, von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugten Altherrenrunde leben musste. Lieber Herr Gauck das stimmt wohl. Allein Sie wissen auf Grund ihrer physischen Anwesenheit in einem Unrechtsstaat was Richtig und Falsch ist. Manch einer reduziert Ihre Rolle in der Wendezeit auf den Beitritt zum "Neuen Forum" im Oktober 1989 in Rostock, einem Zeitpunkt, ab dem man sagen kann: „Der Drops war gelutscht.“ Dies greift sicher zu kurz. Bei Ihnen zählt außerdem der olympische Gedanke „dabei sein ist alles“ und dies können bspw. 60 Mio. Bürger des damaligen Westdeutschlands nicht von sich behaupten. Außerdem ist die Überhöhung von wahren Helden durchaus legitim.
Bei Ihrer Wahl wir es noch einmal richtig spannend, wenn sich die Bundesversammlung zwischen Herrn und Gauck entscheiden muss. Außer irgendjemand anderes schickt einen eigenen Kandidaten ins Rennen. Vielleicht Beate Klarsfeld. Ihre Präsidentschaft wäre eine aufrichtige Entscheidung aller. Das die Geeignetheit von Beate Klarsfeld über jeden Zweifel erhaben ist, steht außer Frage. Ebenso ihre Nichtwahl. Ein Vorschlag der Linken ist per Definition schon falsch. Bei dieser Wahl geht es ja nicht um den am besten geeigneten Kandidaten, sondern um Kasperletheater. Vielleicht werden Sie Beate Klarsfeld das Bundesverdienstkreuz verleihen, als Versuch dieses Schmierentheater als anständig zu legitimieren. Egal, bei drei Kandidaten zur Auswahl muss man schon aufpassen wo man sein Kreuzchen hinsetzt. Außerdem kann es ja nicht falsch sein, wenn sich über 70% der Bürger sowie das gesamte Spektrum der demokratischen Parteien für Sie aussprechen. Na ja, mit Ausnahme der linken Schmuddelkinder. Aber die werden ja glücklicherweise zum größten Teil vom Verfassungsschutz beobachtet. Man stelle sich einmal vor, deren krude Ideen einer Gleichwertigkeit des Menschen und die daraus erwachsenen Folgen wie soziale Gerechtigkeit, soziale Teilhabe, Kontrolle der entfesselten, pervertierten und global alles beherrschenden Finanzwelt würden umgesetzt werden. Wir würden wahrlich das Jahr 2012 erleben wie es Roland Emmerich beschreibt. Das es aber soweit nie kommen wird dafür haben wir diesen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, der alles in seiner Macht stehende tun wird, damit dieser Systemwechsel nie geschehen wird und Sie natürlich Herr Gauck. Eine Symbolfigur für dieses einzig wahre und richtige System. Das Sie bereits vor Ihrer Wahl die zukünftigen Posten im Bundespräsidalamt verteilen, erinnert einen zwar schon entfernt an das Sprichwort „das Fell des Bären verteilen bevor dieser erlegt ist“, in Ihrem Fall ist der Anstandsbär aber quasi schon erlegt. In einem anderen Kontext als den Ihren, würde man das sicher als Vetternwirtschaft, rechtsstaatlich fragwürdig oder so ähnlich bezeichnen.
Es stört mich auch überhaupt nicht das Sie gerade einmal 72 Jahre sind. Einem Alter wo andere faul in der Ecke liegen und Ihre Rente genießen, die von immer weniger Jungen erarbeitet werden muss. Nein so einer sind Sie nicht. Sie werden gebraucht und keiner kann diesen Job so gut machen wie Sie. Außerdem handelt es sich bei Ihrer zukünftigen Tätigkeit auch lediglich um einen sehr gering entlohnten Job des produzierenden Gewerbes. Von Steuergeldern wird Ihr Gehalt nicht bezahlt werden. Ihr Redetexte werden Auflagezahlen erreichen wie die von J. K. Rowlings Harry Potter, Ihr Konterfei wird diverse Merchandising-Artikel wie Kloschüsseln zieren und wie bei Kate und Williams Hochzeit reißenden Absatz bei den vielen Touristen finden. Sie werden der absolute Verkaufsschlager und dem Staat viele Milliarden in die Kassen spülen. Außerdem bekommt man als ehemaliger Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen bestimmt nur eine Minirente. Immerhin haben Sie in dieser Position ja auch nur 10 Jahre gearbeitet und die Zeit davor kann man ja sowieso vernachlässigen. Da bleibt im Alter nun mal nur Flaschen sammeln im Park oder eben das Nehmen was einem angeboten wird. In Ihrem Fall eben das Amt des Bundespräsidenten. Des weiteren zeichnet Sie aus, dass Sie ganz genau wissen was ganz, ganz viele Menschen bewegt. Dies beweisen Sie mit Ihren Ausführungen zu so unüberschaubar vielen, extrem aktuellen Themen wie Freiheit, Freiheit, Freiheit und Freiheit.

Dennoch bleibt die Frage, wie könnte jemand wie Sie Wege aus der aktuellen Krise weisen und Lösungen anbieten, wenn er als systemimmanente Galionsfigur ein Teil selbiger ist. Wie können Sie Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Vielen machen, die durch dieses System ignoriert werden, wenn Sie selbst zutiefst von der Richtigkeit des Ist-Zustands dieses Systems überzeugt sind. Welch Ironie der Geschichte. Sie, der für die Freiheit und gegen ein diese beschränkendes System gekämpft hat, unterstützen die Einschränkung selbiger. Die Überwachung der Linken durch den Verfassungsschutz befürworten Sie. Die aktuelle Antikapitalismusdebatte finden Sie wie man der Presse entnehmen kann als „unsäglich albern“. "Die Protestierenden haben romantische Vorstellungen" ... Das wird schnell verebben." Dies attestieren Sie der Occupy-Protestbewegung. Was diese Menschen auszeichnet ist doch allein das Einstehen für Ihre Meinung, die Erkenntnis, dass der Finanzkapitalismus 99% der Menschen benachteiligt damit eine Minderheit alles haben kann. Ja, diese Menschen stehen für einen Systemwechsel, weil sie der Überzeugung sind, dass jeder Mensch in seiner Verschiedenartigkeit dennoch den gleichen gesellschaftlichen Wert hat. Warum denken Sie, dass die Überzeugungen dieser Menschen falsch sind? Weil sie Ihrer widersprechen? Wer sind Sie, dass Sie diese Menschen von oben herab als albern verhöhnen, um Ihnen dann gönnerhaft zu zurufen "Aber wer protestiert, ist mir hochwillkommen, weil er nicht einfach im Sessel sitzt und sagt: Ach Gott, da kann man nun nichts machen!" Wie kann man sagen "Der Nation geht es so unglaublich gut, dass sie es nicht für normal hält, dass es ihr so gut geht." Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Hartz-IV möglicherweise Existenz sichernd ist, aber eine gesellschaftliche Teilhabe nahezu ausschließt? Dass unser Gesundheitssystem auf Grund der ungezügelten Profitgier der Pharmaindustrie und diverser anderer Lobbyisten in seiner Existenz bedroht ist? Dass die Liberalisierung des Arbeitsmarktes nicht nur ein Segen war, sondern auch viele prekäre Arbeitsverhälnisse, Leiharbeit usw. zur Folge hatte? Dass viele Menschen einen Vollzeitjob haben, aber dennoch um zu überleben sich staatlich alimentieren lassen müssen? Dass ein akademischer Mittelbau an Universitäten so reich vertreten ist wie Schnee in der Sahara? Dass der propagierte Fachkräftemangel wohl eher ins Reich der Mythen und Sagen gehört? Dass wir in Deutschland eine so hohe Produktivität und Automatisierung erreicht haben, dass wir gar nicht alle arbeitsfähigen Menschen brauchen? Dass wir diesen Menschen mit der Verbreitung der Wirtschaftswachstumslüge suggerieren, sie würden doch irgendwann eine Chance bekommen? Dass die Rente mit 67 nicht die notwendige logische Folge unserer demographischen Entwicklung, sondern die Folge eines verqueren Wirtschaft- und Finanzsystem ist? Dass ganz Wenige unglaublich viel Geld bekommen und suggerieren, dass sie es auch verdienen? Warum - haben diese Menschen einen höheren Wert als andere? Dass Antisemitismus sowie Ressentiments gegen Migranten und Homosexuelle tendenziell wieder gesellschaftsfähig werden? Dass die Politik die Bevölkerung über ihre Lösungsstrategie zur Finanz-, Euro- und Griechenlandkrise unwissend im Regen stehen lässt, zu den Konflikten und Demokratiesierungsprozessen in der arabischen Welt, zu unserer Rolle im Iran und in Afgahnistan sowie zur Problematik der afrikanischen Wirtschaftsflüchtlinge in die EU schweigt? Nun könnte man selbstverständlich auf die sozialen Verhältnisse bspw. in den USA verweisen und sagen dass es uns im Vergleich dazu sehr gut gehe. Könnte man, sollte man aber nicht. Der Vergleich mit einem Staat, in dem dem Turbokapitalismus gehuldigt, soziale Gerechtigkeit als kommunistische Spinnerei und die Thesen Darwins ins Reich der Märchen verbannt werden, ist nicht gerade glücklich. Es bleibt nun einmal die einfache Wahrheit, dass es immer jemanden gibt den es schlechter, aber eben auch den es besser geht. Daher ist es zynisch anstatt sich engagiert den Problemen der Menschen zu widmen, lapidar auf schlechtere Verhältnisse zu verweisen. Lieber Herr Gauck außer von Freiheit habe ich von Ihnen bis jetzt noch nie etwas anderes vernommen. Wenn doch, dann war es eher enttäuschend. Als Bundespräsident sollte man Brücken bauen. Sie werfen bereits jetzt Gräben auf. Als Bundespräsident soll man neutral sein. Sie lassen bereits jetzt erkennen das Ihre Meinung die Richtige ist. Als Bundespräsident soll man verbinden. Sie trennen bereits jetzt.

In einem Gedicht von Robert Gernhardt lauten die ersten Zeilen „Ach was, es geht mir nicht um mich, im Vordergrund steht nicht mein Ich, es geht mir um die Sache.“ So ähnlich umschrieben CDU, SPD, Grüne und FDP ihre gemeinsame Abstimmung für Herrn Gauck als zukünftigen Bundespräsidenten. Wer bitte soll das glauben? Wie kann man guten Gewissens eine Kandidatur annehmen wenn doch offensichtlich ist, dass die Nominierung nicht primär der Geeignetheit der eigenen Person geschuldet war, als vielmehr einem machtpolitischen Schmierentheater von kleingeistigen Selbstdarstellern. Oder geht es Ihnen am Ende vielleicht auch nur um Ihr eigenes Ego, Herr Gauck? Welch Ironie, die Bundeskanzlerin erträgt den Dolchstoß Amok gelaufener Zwerge und die genüssliche Häme der Opposition staatsmännisch mit Demut und scheint das zu machen, für das sie bezahlt und gewählt wurde - sachorientiert arbeiten. Sollte sie, die mit dem Charisma eines mürrischen Nachttopfs gesegnet ist, die Einzige in diesem Zirkus sein, der es tatsächlich nicht um sich selbst sondern um ihre politischen Überzeugungen geht? Die Geschichte wird es zeigen. Wie auch immer. Nach dieser Chose sind sie, unsere geschätzten Volksvertreter, allen Ernstes noch verwundert über die steigende Politikverdrossenheit? Wenn aktuelle Probleme der breiten Masse so ignoriert und zu Gunsten einer medialen Selbstinszenierung geopfert werden, braucht man sich nicht wundern wenn sich die Menschen nur angewidert abwenden. Was sie alle noch nicht bemerkt haben ist, dass es ihnen gemeinsam bereits jetzt gelungen ist das Amt des Bundespräsidenten, von dem alles sagen es würde über den drei Gewalten stehen, zu beschädigen noch bevor Herr Gauck es angetreten hat. Was sie mit dem Vorgänger gemein haben ist die Tatsache, dass ihnen hierfür die Einsicht fehlt. Gratulation Herr Präsident. Dies ist ein Pyrrhussieg – wir habe alle verloren.

Geierwally 24.02.2012 | 06:14

naja eines ist sicher, egal wen die linke aufstellt, die springer presse wird hetzen und vesuchen den kanditaen schlecht zu reden, die linke fertig zu machen.
die dulden keinen kandiataten neben ihren heiligen mann, selbst wenn der gegenkanditat völlig chancenlos ist.
aber in diesem weltforum zu lesen, das ist der wahnsinn, ich habe größten respekt für diejenigen die versuchen dort dagegen zu halten und mit argumenten zu kommen, aber dort zeigt sich die brut des herr broders und von springer, die vernebelten, manipulierten und verblendeten geister dieser leute. da kann die linkspartei machen was sie will, gegen diese medien ist sie machtlos.
wenn man vorhin illner gesehen hat, die herren söder und brüderle, die bestimmt 10 mal den namen margot honecker der lötzsch entgegen geschrien haben, dann sieht man auch, welche leute sich noch in dieser ecke tummeln, das hatte schon was assihaftes.

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Ehemaliger Nutzer 25.02.2012 | 13:20

Ich habe zu dem von Dir angesprochenen Punkt Gnadenlosigkeit folgendes gefunden:
...
Ich erinnere mich an eine Begegnung, das war nach der Auflösung 1990 in einem Gebäude, das von Bürgerrechtlern genutzt wurde. Er sagt u.a. zu mir: Herr Amthor, Sie haben Ihr ganzes Leben lang die Schuld abzutragen, die Sie auf sich geladen haben. Und auch Ihre Enkel werden davon betroffen sein.
...
www.jungewelt.de/2012/02-22/107.php?sstr=gauck

Hat nun wieder den Nachteil, daß es sozusagen von einem "Täter" geschrieben wurde, da
Oberst a.D. Artur Amthor stellvertretender Chef der ­Rostocker Bezirksver­waltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR war.

TimoFCB 25.02.2012 | 21:00

Gauck ist die richtige Person. Er hat die Fähigkeit Begeisterung und Interesse an Politik und gesellschaftlichen Themen zu wecken. Das ist eine seltene Eigenschaft unter heutigen Politikern. Zudem kann er diese Kluft, die in unseren Köpfen herrscht und die zwischen Ost und West trennt (siehe: geschichte-wissen.de/forum/viewtopic.php?f=26=76 ) , helfen zu überwinden. Aufgrund eigener Erfahrungen ist er eine gesamtdeutsche Integrationsgestalt.

Nos Nibor 26.02.2012 | 13:13

Ich bitte um Nachsicht, dass der Beitrag als Kommentar etwas zu lang geriet. Aber ich wollte kein neues Fass aufmachen, und da ich den Text von Joachim Tschiche für außerordentlich gut halte, halte ich's mit dem Schiller-Satz: "Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an."

>ABER AUSGERECHNET DEN?

Kaum hingeschrieben, nehme ich den Titel auch schon wieder zurück. Er trifft nicht zu, keinesfalls. Außerdem wäre er Plagiat aus einem Gedicht, das Erich Weinert schrieb und auf einen ganz andere münzte, einen, den ich hier nicht mit ins Spiel zu bringen vorhabe.
Aber ist das Gegenteil von einem Plagiat nicht auch das Plagiat, wie ein anderer viele Jahre zuvor schon richtig erkannte?
Und hat nicht der, den ich aufs Korn zu nehmen gedenke, nicht viele Male ohne Not und Grund die Braunen und die Roten in einen Topf geworfen, gemischt, in der Hoffnung, beide dadurch gleichermaßen entsorgen zu können? Und deshalb, so meine ich, hat er sich dieses Missverständnis redlich verdient.
Es bleibt also dabei: >Aber AUSGERECHNET DEN?. Und wer‘s noch nicht gemerkt hat, es geht um unseren designierten Bundespräsidenten, den eine Mehrheit angeblich die Fähigkeiten für dieses Amt zutraut.

Ich nicht, und ich will es begründen:

Ein Bürgerrechtler und Widerständler in der DDR war er gewesen. Das ist aller Ehren wert, auch wenn Widerstand aus der relativen Sicherheit eines Pfarrhauses heraus geleistet wurde, nicht vergleichbar mit der Ungeschütztheit eines widerständischen Individuums ohne Rang, Namen und institutionellen Schutz. Pfarrhäuser und Kirchen waren in der DDR kleine Inseln, auf die sich die mit der Staatsmacht in Konflikt Geratenen flüchten konnten und Hilfe und Unterstützung erhielten. Auch das ist aller Ehren wert. Solche Hilfe konnte unser Herr G. freigiebig leisten, da es ihm gelungen war, die Verfolgungsbehörden der DDR über seine wahren Absichten und Auffassungen zu täuschen. So blieb zum Beispiel einem Hauptmann Terpe von der Staatssicherheit letztlich nichts anderes übrig, als unserem Pastor G. eine gute und nützliche Zusammenarbeit zu bestätigen und sogar den Gedanken reifen zu lassen, ihn stärker in den Schutz der DDR einzubeziehen.

Es gelingt mir nicht, denen alle Ehren zuzusprechen, die den Bürgerrechtler nach der Wende
wie ein abgetragenes Kleidungsstück von sich warfen und meinten, es wäre alles getan. Die wegsehen, wenn Deutschland wieder in Kriege zieht, gemeinsam erarbeiteter gesellschaftlicher Reichtum immer mehr die ohnehin prall gefüllten Tesore der Reichen füllt, gesellschaftliche Teilhabe an unterschiedlichen Bildungschancen scheitert, die Demokratie zur Parteien- und Lobbyisten-Demokratie verkommt. Um nur einige Felder zu nennen, auf denen auch heute zu ackern einem Bürgerrechtler ein Bedürfnis sein müsste.

Es gelingt mir auch nicht, alle Ehren Jenem zuzusprechen, der sich an die Spitze einer Behörde hieven ließ, die sogar, inoffiziell zwar, aber gern gelitten, seinen Namen tragen durfte: Die Gauckbehörde.
Mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Gründung wurde ihr gerade attestiert, dass sie weiter dringend benötigt wird mit allen ihren 2000 Mitarbeitern. Vor Kurzem las ich, dass in der Ludwigsburger Erfassungsstelle für Verbrechen des Nationalsozialismus maximal 200 Mitarbeiter beschäftigt waren und sind, andere Quellen nennen sogar nur 121.
Was für eine Diskrepanz! Jahrhundertverbrechen, in die Hundertausende Deutsche verstrickt waren gegen die Missetaten der Zuträgerei in der DDR, 200 gegen 2000.
Während Kriegsverbrechern, Kinderschändern, Mördern und Brandstiftern nach Verbüßen der Strafen ihre Verbrechen nicht mehr vorgeworfen werden dürfen, sorgen und sorgten die Gaucks dafür, dass das Zuträgertum zu einer Sünde biblischen Maßes aufgeblasen wurde, mit wenig Aussicht auf Vergeben und Vergessen.
„Menschenfischer sollt ihr sein!“ soll Jesus bei der Gewinnung von Jüngern Fischern am See Genezareth zugerufen haben. Unserm Mann muss dieses Gotteswort ins falsche Ohr geraten sein, denn er wurde zum „Menschenjäger“
Ein >Schnäppchenjäger musste seinen Platz räumen, ein >Menschenjäger wird ihn einnehmen.

In jeder Gesellschaft gibt es Berufe, die nötig oder zumindest unabwendbar erscheinen, sich aber doch aus vielfältigen Gründen geringer Wertschätzung erfreuen: Der gut bezahlte >Headhunter, eine Institution in den USA, geschaffen um Kautionsflüchtlinge wieder einzufangen, der Gerichtsvollzieher vielleicht, der betrügerische Spekulant und Banker, der Söldner, im Mittelalter die Henker, in der Bibel immer wieder die Zöllner, um nur einige Beispiele von vielen möglichen zu nennen. Sollen sie ihre Rollen spielen, aber als Repräsentant meines Gemeinwesens möchte ich sie nicht sehen.
Er hatte die Wahl, >nein! zu sagen und eine andere Arbeit als die des Chefs einer solchen Verfolgungsbehörde zu übernehmen. Kein Gefühl in ihm stand auf und raunte ihm zu:
“Das tut man nicht!“ oder auch nur: „Ich mach das nicht!“ Die logisch scharfe Argumentation von der Notwendigkeit dieser Behörde überzeugte ihn, wie so viele der von ihm Gejagten sich damals von logisch scharfen Argumenten zu Zuträgern der damaligen Staatsmacht machen ließen. Aber auch damals gab es nicht wenige, die der Satz:“Das tut man nicht!“
zurückhielt, die nicht anders konnten, als „nein!“ zu sagen. Und die wegen logisch scharfer Argumente ihr >kleinbürgerlicher Kleinmut manchmal bedrückte.

Ich glaube ihm nicht, was er sagt. Mein für solche Gefühle angeblich zuständiges Nervengeflecht in der Bauchgegend signalisiert mir: „Glaub ihm nicht!“ Glaub ihm nicht seine Demut und Unsicherheit, die er vor sich herträgt wie eine Monstranz, denn er ist eitel und scharf auf höchste Anerkennung. Glaub ihm nicht, wenn er von der Freiheit als höchstem Gut spricht, denn er meint nicht damit die >Freiheit der Andersdenkenden. Und wer die Freiheit der Märkte für ebenso wichtig hält wie die Freiheit des Einzelnen, die sich erst durch Abwesenheit von Existenzangst und Not einstellt, das ist nicht mein Mann.

Er ist ein Schauspieler, dem, wäre ich der verantwortliche Regisseur in dem Stück, zurufen würde: “ Nicht so auftragen, Herr G., das glaubt ihnen sonst keiner!“ Und: „Lassen sie die Salbaderei, wir sind hier nicht in der Kirche!“ Fast bin ich sicher, dass er noch lernen wird, dass Weniger mehr sein kann, Beiläufiges stärker wirkt, denn er ist im hohem Maße lern- und anpassungsfähig.
Und er weiß um das Maß, um das man widerborstig sein muss, um einen starken Charakter zu geben. Aber er kennt auch die Grenzen, die eingehalten werden müssen, um nicht in Bedrängnis zu geraten.

Gemildert wird mein Unmut über unseren künftigen Präsidenten nur durch die Erkenntnis, dass das ein sehr überflüssiges Amt ist und Unheil von dort nur wenig gestiftet werden kann.
Aber das wäre ein ganz anderes Thema. Ertragen wir ihn mit Geduld, seufzend zwar, aber mit der Ahnung, dass uns bald ganz andere Probleme ins Haus stehen werden.

Giuseppe Navetta 27.02.2012 | 18:19

@Magda

Liebe Magda!

Derlei Art von zweierlei Maß kennt man ja noch gut aus der "Vorwendezeit" und ebenso aus der Pubertät der BRD, denn wenn man so will, ist es doch eigentlich immer noch das "rechte" Maß der Adenauer-Ära, in der ein antikommunistischer Kurt Schumacher auf sozialdemokratischer Seite mit dem Verweis auf das totalitäre Regime im Osten dafür sorgte, dass es niemals eine etablierte und gleichzeitig gesellschaftlich geachtete Partei links von der SPD in unserem Land geben wird bzw. darf, die CSU die sogenannten Persilscheine vergab, Konrad Adenauer die womöglich, wie es Hoimar von Ditfurth einmal formulierte, notwendige Rehabilitation der braunen Mitläufer auf den Weg brachte, man einen Viktor Agartz aber als demokratischen Sozialisten kurz vor dem Bad Godesberger Kurswechsel aus der SPD Ende der 50er rauswarf und zu dennunzieren wußte.

In dieser Beziehung besitzt die bundesrepublikanische politische Kultur von den Berufsverboten bis zur Roten Socken-Kampagne eine gewisse Kontinuität, was die ungleichen Bewertungsmaßstäbe betrifft und eine Sozialdemokratie mit einer gehörigen Portion Realitätsverlust, was die realen Machtverhältnisse betrifft. Einem Realitätsverlust von dem noch Peter von Oertzen im hohen Alter aus dem Pflegeheim geradezu angewidert berichtete!

Was hat nun Gauck und die hohe Zustimmung mit all dem zutun? Wenn man etwas länger und intensiver darüber nachdenkt, kommt man leicht dahinter!

paulart 29.02.2012 | 14:49

Nun ja - ich bin doch froh, dass sich hier im Forum noch vereinzelt Stimmen finden, die auch mal ein gutes Wort für Joachim Gauck einlegen.

Gebloggter Gauck: Erst für ihn, als er keine Chance hatte. Dann gegen ihn, seitdem fast alle für ihn sind.

Was hat sich diese schnelllebige Republik doch in den letzten 20 Monaten gedreht! Damals wurde überregional vor dem Parteipolitiker Christian Wulff gewarnt. Wie sich im nachhinein rausgestellt hat, zu recht. Und vielerorts wurde bedauert, dass Gauck wohl keine Chance haben werde, zum Bundespräsidenten gewählt zu werden. Eine Chance hatte er - aber sie war eben nicht sehr groß.

Jetzt, wo sich diese Chance sehr vergrößert hat, stecken die Warnhinweise bezüglich eines Bundespräsidenten Gauck in vielen Kuverts. Wie kommt das eigentlich? Nun - zu allererst könnte man das ja als einen demokratisch gut ausgebildeten Reflex betrachten. Schaut auch auf das weithin Unbeachtete! Seht euch den Knaben neben Wulff doch mal genauer an!

Und heute? Nun, wo es einen (fast) "Allparteienvorschlag Gauck" gibt, irritiert diese Geschlossenheit eher den politisch interessierten Bürger. Zumal die "Linke" in die Vorgespräche unter Merkel nicht eingebunden wurde. (Warum eigentlich nicht?). Wenn sehr viele Menschen jetzt für Gauck sind, muss sich auch der ein oder andere Aspekt finden lassen, der gegen ihn spricht. Und dann hat man ein paar - zugegeben - unbedachte Sätze Gaucks über die Occupy-Bewegung und über Sarrazins Buch gelesen. Reicht das schon für ein Urteil aus? Oder wird aus diesen verkürzt wiedergegebenen Exzerpten nicht doch nur wieder ein Vorurteil?

Auch ich glaube, dass sich der eine oder andere Parteipolitiker noch über Gauck wundern wird. Ich gehe aber noch weiter: Alle Parteien, bis auf die 'Linke', werden sich in Zukunft das ein oder andere Mal über eine Äußerung Gaucks verwundert die Augen reiben. Und, soll ich ehrlich sein, das gefällt mir schon jetzt! Vielleicht wird diese in "Westdeutschland" geprägte Proporz-Demokratie ausgerechnet von einem Ex-Pfarrer wieder ein wenig "entweiht"!

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Als Fußnote will auch ich hier nochmals drei Kandidaten aufzählen, die ich mir gut als Bundespräsident(in) hätte vorstellen können: Richard Schröder (68 Jahre), Bascha Mika (58), Friedrich Schorlemmer (67).