Wie in einem Grab

Gaza Die Gewalt zwischen Israel und der Hamas lässt nicht nach. Die Folgen tragen zivile Opfer wie die elfjährige Farah Eslim

„Ich werde nie wieder laufen können“, sei ihr durch den Kopf geschossen, als sie auf der Liege eines Krankenwagens ihr blutiges Bein gesehen habe. Knapp eine Stunde zuvor hatte die elfjährige Farah Eslim in der Wohnung ihrer Familie im Viertel Al Sabra noch neben den Geschwistern im Bett gelegen. Es war kurz nach sechs Uhr an einem Morgen im Mai 2021. Sie hätten gehört, wie ihre Mutter in der Küche das Radio einschaltete – dann schlug eine Rakete ein. Farah wurde zu einem der zivilen Opfer der stets von Neuem wiederkehrenden Gewalt zwischen der israelischen Armee und radikalen palästinensischen Gruppen. Wie viele andere wird das Mädchen an den Folgen ein Leben lang zu tragen haben.

Gut ein dreiviertel Jahr später streift Farah in der Mietwohnung, in der ihre Familie jetzt wohnt, einen weißen Strumpf über den Stumpf des rechten Beins, das kurz unterhalb des Knies aufhört. Darüber zieht sie ihre cremefarbene Prothese und krempelt das Hosenbein herunter. Vor Kurzem war ihr zwölfter Geburtstag. „Am schwierigsten ist es, Treppen zu steigen“, sagt sie und wischt sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Dann schiebt sie ihren Rollstuhl in die Zimmerecke und geht mit vorsichtigen Schritten in den Flur, wo ihr Vater für einen Spaziergang wartet. Behutsam steigen beide die rohe Betontreppe hinunter. Draußen hakt sich Farah bei ihrem Vater unter und zieht sich ihre Kapuze gegen den kühlen Wind über den Kopf. Bei jedem Schritt kratzt ihr Prothesenbein ein wenig über die Pflastersteine.

Anfang Mai 2021 feuerten die regierende Hamas und andere radikalislamische Gruppen im Gazastreifen innerhalb von elf Tagen mehr als 4.000 Raketen in Richtung des israelischen Staatsgebietes ab. Israels Luftwaffe bombardierte daraufhin über 1.500 Ziele im Gazastreifen. Zurück blieben 250 Tote auf palästinensischer und 13 auf israelischer Seite, die meisten davon Zivilisten. Hinzu kamen Hunderte Verletzte, zerstörte Wohnhäuser und das Leid der Angehörigen, die mit ihrer Trauer zurückbleiben, wenn der Staub der Explosionen sich gelegt hat.

Sie sah nur noch Staub

Farahs Familie lebte zu jener Zeit in einer kleinen Wohnung im obersten Stock eines Hauses im dicht besiedelten Quartier Al Sabra. Am frühen Morgen des 20. Mai 2021, als sie schwer verletzt wurde, erinnert sich Farah, konnte in ihrer Familie wegen der israelischen Luftangriffe nächtelang kaum jemand ein Auge schließen. Farahs Mutter Umm Saad erzählt, dass sie an der Tür der Wohnung saß und angespannt die Radionachrichten hörte. „Als es passierte, habe ich keinen Schmerz gespürt”, so Farah. „Ich sah nur noch Staub und Sand.“ Ihre Mutter berichtet, sie sei von der Wucht der Explosion ins Treppenhaus geschleudert worden, habe sich dann durch Rauch und Trümmer zurück in die Wohnung getastet und ihre Kinder hinausgetragen. Erst als sie beim dritten oder vierten Mal Blut auf dem Boden des Treppenhauses gesehen habe, sei die Angst zu ihr durchgedrungen.

Farahs Vater Hazem arbeitete in der Notaufnahme der größten Klinik von Gaza, dem Al-Schifa-Krankenhaus. Er sei dafür zuständig gewesen, die ankommenden Toten und Verletzten zu registrieren. „Ich kann den Moment nicht vergessen, als ich die Tür des Krankenwagens öffnete – und da saß Farah. Ich bin in meinem Job schlimme Bilder gewöhnt, Leute werden manchmal in Stücken zu uns gebracht“, sagt er, „aber als ich meine eigenen Kinder sah, war ich wie versteinert.“ Mit Farah kamen auch ihre Geschwister ins Krankenhaus, ihr neunjähriger Bruder mit einer schweren Kopfverletzung.

Weniger als 24 Stunden später, am 21. Mai, kam die Waffenruhe. Farah hatte Glück: Mit mehreren weiteren Verletzten konnte sie für drei Monate zur Behandlung nach Jordanien, ihre Mutter begleitete sie. Derzeit lernt Farah für ihre Prüfungen in der sechsten Klasse, erzählt sie unterwegs auf einem Spaziergang. „Ich möchte Ärztin werden“, sagt sie. „Deshalb lerne ich und will gute Noten, damit ich in der Türkei studieren kann.“

Häuser werden nicht wieder aufgebaut – das Geld fehlt

Nach wenigen Minuten Fußweg stehen Farah und ihr Vater in einer engen Straße vor dem früheren Zuhause der Familie. Die Häuser sind vier oder fünf Stockwerke hoch. An Wäscheleinen trocknen bunte Kleider. Aus den Fenstern schauen Kinder. Vater Eslim steigt die fünf Stockwerke nach oben und öffnet die alte Wohnungstür. Sie gibt den Blick auf ein Flachdach frei. Nur noch orangefarbene Badfliesen an der Außenwand deuten auf die einstige Wohnung. „Hier in Gaza“, so Eslim, „baut kaum jemand sein Haus wieder auf, weil es sich niemand leisten kann. Die Wohnung war unser ganzer Besitz.“ Den Behörden und Vereinten Nationen zufolge wurden seinerzeit mehr als 1.300 Wohneinheiten vollständig zerstört. Auch sei die Verletzung seiner Tochter bis heute nicht offiziell anerkannt, sagt Hazem Eslim. Fahrten zur Nachsorge müsse er selbst bezahlen und auch die gut 200 Dollar Miete für die neue Wohnung würden nur noch für einige Monate von einer NGO getragen. „Danach weiß ich nicht, wie es weitergehen soll.“

Rund anderthalb Kilometer Luftlinie von Al Sabra entfernt führt die Al-Wahda-Straße vom Al-Schifa-Krankenhaus aus durch den Stadtteil Rimal. Viele Wohnhäuser an der Straße sind acht oder zehn Stockwerke hoch. Den Bewohnern von Gaza-Stadt galt diese Gegend als relativ sicher, weil sie in der Vergangenheit meist von Luftangriffen verschont geblieben war. So wähnten sich auch Riad Aschkantana und seine Frau in keiner großen Gefahr, als sie in der Nacht auf den 16. Mai ihre fünf Kinder ins Bett brachten. Sie hätten die Nachrichten eingeschaltet, als aus der Nachbarschaft erste Explosionen zu hören gewesen seien, erzählt Aschkantana.

Einer Recherche der New York Times zufolge warfen israelische Kampfflugzeuge in dieser Nacht mehrere der schwersten, regelmäßig eingesetzten Bomben über der Al-Wahda-Straße ab. Weil es nicht um die Häuser ging, wurden die Bewohner nicht wie üblich gewarnt. Später teilte die israelische Armee mit, dass die Angriffe einem unterirdischen Kontrollzentrum der Hamas gegolten hätten. Einige der Gebäude entlang der Straße hielten den Explosionen jedoch nicht stand und stürzten in sich zusammen, darunter jenes, in dem Aschkantana mit seiner Familie lebte. 44 Menschen starben.

Baba, Baba, schrien die Kinder

„Ich lag unter den Trümmern und habe meine Kinder schreien hören, Baba, Baba“, erinnert er sich. Er sei eingeklemmt gewesen, „das Gesicht voller Blut, aber weitgehend unverletzt. Ich zwang mich, bei Bewusstsein zu bleiben, damit ich hören konnte, wenn ein Helfer nach uns sucht. Es war wie in einem Grab“. Nach zehn Stunden wurde Aschkantana geborgen, bald nach ihm auch seine Tochter Susi. Als sein Cousin sie zu ihm ins Hospital brachte, habe er ihn beiseite genommen: „Du musst jetzt stark sein.“

In Aschkantanas heutigem Wohnzimmer hängen fünf große Bilder: Darauf zu sehen sind zwei Jungen, zwei Mädchen und eine Frau. „Dana war neun, sie kam zuerst auf die Welt, danach Susi und dann Lana“, sagt der 42-Jährige und zeigt der Reihe nach auf die Fotos. Er habe zu Allah gebetet, ihm auch einen Sohn zu schenken. „Als Jahia und Zein geboren waren, war ich glücklich. Ich hatte alles, was ich wollte im Leben.“ Er serviert süßen Tee und Kekse, während er so ruhig und gefasst erzählt, als wäre all das in einer anderen Welt passiert. Nur hin und wieder geben seine Augen preis, dass es in Wahrheit keine Worte für das gibt, was er erlebt hat. „Ich würde akzeptieren können, wenn meine Kinder an einer Krankheit gestorben wären. Aber durch Bomben? Wir haben doch mit der Politik nichts zu tun.“

Das Schlimmste sei die Leere. „Früher bin ich aufgewacht und habe als erstes mein Telefon gesucht, weil meine Kinder damit heimlich Videos geschaut haben. Wenn ich heute aufwache, liegt es immer neben mir.“ Er habe seine Kinder ständig um sich gehabt. Zum Einkaufen sei er mitunter zweimal gegangen, zuerst mit den beiden Älteren, dann mit den Jüngeren. „Das schmerzt am meisten: Aufzustehen und keine Pflichten mehr zu haben.“ Tochter Susi schaut durch die Tür ihres Zimmers in den Wohnraum. Als ihr Vater sie ruft, setzt sie sich neben ihn und lächelt schüchtern. Sie bindet sich die Haare mit einem weißen Zopfgummi zusammen und beobachtet alles aus dunkel unterlaufenen Augen. „Sie hat lange nicht gesprochen“, meint Aschkantana. Er habe sie zu Verwandten mitgenommen, um die plötzliche Leere in ihrem Leben zu überdecken. Das habe etwas geholfen. „Sie hat oft gefragt: Wo ist Mama? Wo sind meine Geschwister? Irgendwann habe ich ihr gesagt, dass ihre Geschwister ins Paradies gegangen seien. Und weil sie dort nicht allein hin konnten, sei Mama mit ihnen gegangen.“

Raus aus dem ewigen Krieg

Eine kurze Autofahrt entfernt liegt der Friedhof von Gaza-Stadt. Wie zufällig gefallene Steine breiten sich die Gräber des Friedhofs über eine weite Sandfläche aus. Aschkantana folgt mit schnellen Schritten den labyrinthartigen Pfaden, um an den Ort zu kommen, wo vier seiner Kinder und seine Ehefrau beerdigt liegen. Vor dem grauen Betonquader zum Gedenken an seine Frau bleibt er lange stehen, murmelt hin und wieder Gebete. „Ich komme nicht mehr mit Susi hierher, das hat ihr nicht gut getan“, sagt er dann. Auch ihm selbst habe der Arzt geraten, weniger herzukommen. „Aber ich muss manchmal spüren, dass sie irgendwie noch da sind.“

Die Hände vor dem Körper verschränkt schaut er der untergehenden Sonne hinterher, in der Stadt wird aus den Moscheen zum Gebet gerufen. „Susi ist ein Geschenk Gottes. Allein hätte ich es nicht geschafft. Aber für sie muss ich stark sein“, sagt Aschkantana. Seine größte Angst sei es, dass auch er eines Tages nicht mehr da sein werde. Deswegen brauche sie eine gute Ausbildung. „Eigentlich aber muss sie raus aus Gaza, raus aus dem ewigen Krieg.“

Felix Wellisch ist freier Journalist, er lebt in Tel Aviv

Nils Fricke ist freier Autor und widmet sich Themen an den Rändern der Gesellschaft

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