Gebiss und Bissigkeit

Serien Unser Autor lauscht dem melancholischen Gegrummel der „Kominsky Method“

Ein gutes Geheimnis sollte man schon deshalb möglichst lange für sich behalten, weil es ansonsten keines mehr ist. „Can you keep a secret?“, fragt Sandy Kominsky (Michael Douglas) seinen alten Freund Norman (Alan Arkin), der sich mitten in der Nacht verwirrt im Schlafanzug aus dem Staub gemacht hat und nun von Sandy aufgelesen wird. Normans Frau, die Liebe seines Lebens, ist gestorben. Er habe riesige Angst vor der Einsamkeit, so Norman, als die beiden im Auto sitzen, denn nun habe er nur noch sich selbst. Doch eben das lässt Sandy nicht gelten, schließlich sei er da. Und sein Geheimnis. „You have me, you dumb shit. That’s the Kominsky Method.“

So endete die erste Staffel von The Kominsky Method (Netflix) mit Michael Douglas als Sandy Kominsky und Alan Arkin als Norman Newlander. Einen Cliffhanger nennt man etwas anderes. Zwar blieb so manche Frage offen, doch lieferte die letzte Folge auch die für die gesamte Serie wichtigste Antwort: Um dem anderen zu helfen, muss man für ihn da sein.

Das klingt so simpel, wie es ist, kann mitunter aber dennoch sehr schwierig sein. Denn der andere muss sich helfen lassen wollen und nicht als grumpy old man der Welt nur noch bittere Verachtung entgegenbringen. Selbst dann nicht, wenn Geld und Sex ihre Bedeutung verloren haben und einem nichts anderes bleibt als ein ebenfalls in die Jahre gekommener Schauspiellehrer als Freund.

Michael Douglas und Alan Arkin sind gemeinsam hundertsechzig Jahre alt. Das ist natürlich nicht der Grund dafür, dass die 2019 völlig zu Recht mit zwei Golden Globes – als beste Serie und Douglas als bester Hauptdarsteller – prämierte Produktion in die Fortsetzung gegangen ist.

Aber mit manchen Dingen sollte man sich besser nicht allzu lange Zeit lassen. The Kominsky Method ist auch in der zweiten Staffel weder komplizierter noch spannender geworden, dafür allerdings etwas melancholischer. Es passiert nichts Schlimmeres als dass Alan Arkin mit Gaststar Jane Seymour als seiner vorehelichen Flamme Madelyn die Nacht verbringen soll; oder Michael Douglas den neuen Freund seiner Tochter kennenlernen muss, der die gleichen Prostatabeschwerden hat wie er und sich an das Schlammbad von Woodstock erinnern kann. Und, ja, es gibt auch eine medizinische Hiobsbotschaft. Ansonsten erzählt The Kominsky Method im Halbstundentakt die Geschichte um das alte Buddy-Paar einfach nur bestens weiter.

Kominsky, der weiterhin sein Schauspielstudio betreibt und seine uneinsichtigen Studenten damit auf ihre kommende Arbeitslosigkeit vorbereitet, hat sich mit seiner eigenen Altersrolle jedenfalls noch immer nicht abgefunden. Im Vergleich zu Norman ist er aber wenigstens beruflich voll bei der Sache. Wortfindungsstörungen ausgenommen. In seinem Studio kann man etwas lernen, nicht für die Bühne, sondern natürlich fürs Leben. Etwa wenn Norman nach seinem Verlust auf der kleinen Bühne ungewollt aushilft: „Being human and being hurt are the same damn thing!“

Produzent und Autor Chuck Lorre (Two and a Half Men, The Big Bang Theory), der auch einzelne Episoden inszeniert, wandert souverän auf dem Grat zwischen Drama und Comedy, zwischen notwendigem Ernst und zweckmäßiger Albernheit. Denn Lorre, einer der Besten seines Fachs, kennt das Rezept mit der richtigen Dosierung. Obwohl in der zweiten Staffel noch mehr Figuren eingeführt werden und die alten Freunde verstärkt von ihrer Vergangenheit – Norman vor allem von seiner aus der Reha-Klinik zurückgekehrten Tochter – eingeholt werden, greifen die einzelnen Episoden wie gut geschmierte Zahnräder ineinander.

The Kominsky Method hat jedenfalls auch in dieser zweiten Staffel deutlich mehr zu bieten als elaborierten Wortwitz und sarkastische Wortgefechte zwischen zwei alten Männern. Etwa eine ganze Reihe starker Frauen, denen die beiden Alten mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind: nicht nur den eigenen Töchtern (Sarah Baker, Lisa Edelstein), neuen Liebesbeziehungen, toughen Studentinnen und Kathleen Turner als Kominskys Ex-Frau, auf deren Handydisplay „Asshole“ steht, wenn er bei ihr anruft. Nicht verraten wird an dieser Stelle allerdings, ob Norman bei Madelyn sein von der Army zur Verfügung gestelltes Kondom aus dem Koreakrieg auspackt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 01.02.2020

Ausgabe 18/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare