Gebohrt wird

15. Crossing Europe Das Linzer Filmfestival erzählt vom Nord-Süd-Gefälle und dem Wiedererstarken des Nationalismus

Die unauflösbare Asymmetrie, aus privilegierter Position dem Leben minoritärer Gemeinschaften zuzuschauen, findet in Ivana Mladenovićs Debütfilm Soldaţii. Poveste din Ferentari (Soldiers. A Story from Ferentari, 2017) eine subtile Verarbeitung. So wie die serbische Dokumentaristin als Außenseiterin allmählich Zutritt zum rumänischen Roma-Milieu erhielt, ergeht es auch dem Protagonisten des Films, Adi (gespielt von Adrian Schiop, auf dessen autobiographischen Erfahrungen das Drehbuch basiert). Der knochige Anthropologe ist gerade nach Ferentari gezogen, eines der ärmsten Viertel Bukarests, um an einer Studie über Manele-Musik zu schreiben – ein von der Romakultur geprägter Popmusikstil, der mit der Revolution von 1989 über Nacht aufblühte. Der Rom Alberto, ein starker, bierbäuchiger Ex-Häftling, der mal gefährlich wirkt und mal knuffig-niedlich, bietet sich bei den Recherchen von Adi als Vermittler an.

Dass auch die Figur des Akademikers umgekehrt mit Zuschreibungen belegt ist, macht eine Szene im Film deutlich, in der dieser ein Aufnahmestudio besucht. Der mafiös auftretende Produzent ist argwöhnisch. Für einen seriösen Wissenschaftler sieht der wie ein abgeranzter Rucksacktourist daherkommende Adi einfach zu sehr „nach nichts“ aus. Ästhetisch ordnet sich der Film, der bei der diesjährigen Ausgabe des Linzer Filmfestivals Crossing Europe zu den sechs Eröffnungsfilmen gehörte, in die Tradition eines sozialrealistischen Kinos ein, dem das Nah-dran-Sein als ästhetische Idee genug zu sein scheint. Umso überraschender ist es, wenn der starke Bruch mit den filmischen Konventionen über die Figuren stattfindet. So entsteht in Soldaţii zwischen den „eher“ heterosexuellen Figuren Adi und Alberto ein Liebespaar, wie man es unter Männern noch auf keiner Kinoleinwand gesehen hat: weder die beherzten Knuddeleien noch die „unpassenden“ Körperbilder lassen sich in irgendein Schema fügen.

Auf andere Weise erzählt der dänisch-schwedische Film Charmøren (The Charmer, 2017) von Milad Alami an stereotypen Narrativen vorbei. Protagonist ist ein iranischer Migrant, der in einem gepflegten Kopenhagener Weinlokal eine dänische Frau zu gewinnen sucht, um seine drohende Abschiebung abzuwenden. Dabei lassen sich in seinem Rollenspiel Fragen von Identität und Zugehörigkeit nicht einfach beantworten.

AfD-Meuthen lässt es gröhlen

Seit seiner Gründung vor nunmehr 15 Jahren versteht sich das Linzer Festival als ein kritisches Abbild gesellschaftspolitischer Tendenzen in Europa – und als demokratiepolitischer „Wach-Macher“. Dazu gehört auch, eine Aufstiegsgeschichte wie die des AfD-Politikers Jörg Meuthen zu verstehen. Für seine Dokumentation begleitete der Filmhochschulstudent Marc Eberhard fünf Monate lang den damaligen Spitzenkandidaten durch den baden-württembergischen Landtagswahlkampf 2016 – im Auto, bei Veranstaltungen und Medienauftritten. Meuthen’s Party zeigt die Genese eines Emporkömmlings, der sich anfänglich noch etwas tapsig auf der politischen Bühne bewegt, um seine Rolle bis zum Einzug in den Landtag mit immer mehr Selbstsicherheit und Machtwillen auszufüllen.

Jörg Meuthen, der seine angeblich vernunftbasierte Haltung lange Zeit als Distinktionsmerkmal verkauft und zu den extremistischen Äußerungen in seiner Partei betont auf Abstand geht (er nennt sie dann gerne „exotisch“), reicht am Ende sehr eindeutig den ultrarechten Kräften die Hand. Als er auf dem Parteitag erfolgsbesoffen vom „links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland“ spricht, gröhlt die Masse.

Neben dem Blick auf das Erstarken von Rechtspopulismus und Nationalismus waren die durch die europäische Wirtschaftskrise verursachten Zerrüttungen eines der Themen in der Auswahl von Linz. Während Silvia Bellotti in der Reihe Arbeitswelten Behördenabsurdismus in Neapel dokumentiert – Schauplatz von Aperti al pubblico/Open to the Public ist das Amt für Sozialwohnungen –, bearbeitet der italienische Filmemacher Edoardo Winspeare den Strukturwandel in Apulien aus dem Mikrokosmos Familie heraus.

Der 1965 in Klagenfurt geborene Winspeare, dem in diesem Jahr das Tribute gewidmet war, studierte an der Münchener Filmhochschule, bevor er im Südosten Italiens sechs Langspielfilme realisierte, die gerne mit dem Begriff Neo-Neorealismus etikettiert werden. Mitunter spiegeln sich die Produktionsbedingungen in den Filmen. In grazia di Dio (Quiet Bliss, 2004), einem schnell gedrehten Low-Budget Film, der nach dem Prinzip cotto e mangiato (gekocht und gegessen) entstand, spielen Frau, Tochter und Stiefmutter einen Drei-Generationenhaushalt, dem nach der Schließung des familiären Betriebs, einer Textilfabrik, nur noch der Rückzug aufs Land und die Tauschökonomie bleibt.

Nach der Vorstellung erzählte der so liebenswürdige wie lustige Regisseur, dass auch die Laiendarsteller mit Tauschgeschäften entlohnt wurden – der örtliche Zahnarzt spendierte dafür etwa Behandlungsgutscheine im Wert von 15.000 Euro. So manche Dorfbewohnerin kam so zu einem neuen Gebiss. Auch ein Produktionsmodell.

Der Aufenthalt in Linz wurde von dem Festival unterstützt

06:00 10.05.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare