Gebot des Züchtigens

Jugendgewalt Statt härter zu strafen, sollten Rollenklischees früher überwunden werden

Selbst wenn es die Bilder des brutalen Überfalls von München vergessen machen: Gewalttätige Jugendliche gibt es seit Jahrzehnten. In den sechziger Jahren machten Halbstarke in Schwabing Krawalle; später prügelten sich Punker, ehe sie 1983 zum ersten Mal die Chaostage begingen - seit Jahrzehnten führen Hooligans in Fußballstadien ihre Schlachten. Nach der Wiedervereinigung attackierten rechtsextreme Jugendliche Ausländer in Solingen, Rostock oder Mölln. Weder nimmt heute die Jugendgewalt zu, noch sind ausländische Jugendliche brutaler als deutsche.

Boot- und Box-Camps

Doch stets fanden sich Politiker, die versuchten, eine verunsicherte Erwachsenengesellschaft mit "Konzeptvorschlägen" zu gewinnen. In der Regel ist es ein Glück, wenn ihre Ideen folgenlos und etwa die jetzt wieder propagierten geschlossenen Heimunterbringungen Geschichte bleiben. Diese Art des Gewahrsams hat sich als wenig effektiv erwiesen und Jugendliche schutzlos ihrem Aufsichtspersonal ausgeliefert. Auch die vom bisherigen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) geforderten "Erziehungs-Camps" - in ihrer amerikanischen Prägung "Boot-Camps" genannt - sind wirkungslos. Die Forschung kommt nahezu unisono zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in die Gewalttätigkeit zu hoch ist. Dies haben unter anderem die Langzeituntersuchungen des Centers for Evaluation Research and Methology des amerikanischen Vanderbilt Institute for Public Policy Studies ergeben. Zwar passen sich Jugendliche dem Drill der Boot-Camps an, aber nur solange sie dort leben - jede Art von Gefängnis ist noch immer "die beste Schule des Verbrechens".

Das Box-Camp von Lothar Kannenberg hingegen ist mit den Boot-Camps nicht zu vergleichen. Denn die vorbestraften Jugendlichen trainieren dort freiwillig. Ob es sich um ein erfolgreiches Modell handelt, in dem Gewalt abgebaut wird, ist noch offen.

Manchmal hilft nur das Gesetz. Eine Errungenschaft moderner Strafrechtspflege ist der Umstand, dass in Deutschland das Jugendstrafrecht angewendet wird. Wer aber wie die CDU jüngst in ihrer Wiesbadener Erklärung die Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahre erhöhen will, dem geht es nur um populistisches Strafen. Heranwachsende, die in anderen Ländern nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden, sind schneller wieder kriminell als hierzulande: Dies gilt für die USA ebenso wie für Russland. Auch in Großbritannien, Spanien und Frankreich führt es bei Jugendlichen zum Gegenteil: Statt abzuschrecken, werden die jungen Menschen zu Wiederholungstätern. Einer "härteren Gangart" fehlt jede fachliche Legitimation. Und man säubert nicht einfach die Straßen, indem man Jugendbanden mit Kärcher-Hochdruckreinigern verfolgt, wie das einst Nicolas Sarkozy empfahl.

Selbstverständlich sind Verbesserungen notwendig: Es ist ein Skandal, wenn etwa in Dresden ein junger Mann seit mehr als drei Jahren wartet, dass sein Prozess um eine angebliche Gewalttat bei den dortigen "Elb-Terrassen-Krawallen" eröffnet wird. Gerade bei solcherart Straftaten sind rasche Verhandlungen sowie begleitende Ausgleichs- und Sühnemaßnahmen sinnvoll. Dies ist auch für die Opfer von Vorteil, weil sie schneller materiell entschädigt werden und nicht erst in einem zivilrechtlichen Verfahren Schadensersatz erstreiten müssen.

Damit Jugendliche gar nicht erst gewalttätig werden, sollten Jugendstrafrechtspflege und Jugendhilfe besser verzahnt werden: Die Streetworker des Projektes Mobile Jugendarbeit in Stuttgart holen seit 30 Jahren Jugendliche von der Straße. Es darf als ihr Verdienst gelten, dass es heute so wenige junge Rechtsradikale in Stuttgart gibt. Das Projekt hat sich bewährt, weil Mitarbeiter gerade Stadtteile aufsuchen, in denen ärmere Familien leben - deutsche wie ausländische.

Machos und Ghettokämpfer

Doch es sind nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit der Eltern, die einige junge Ausländer gewaltbereit machen, auch ein kulturell-religiös grundiertes Züchtigungsgebot bleibt nicht ohne Belang. Besonders Türken, Russlanddeutsche und Jugendliche aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens leiden unter der Prügel ihrer Väter und naher Verwandter. Und wer als Kind diese Erfahrun macht, schlägt später möglicherweise selbst schneller zu. Aus diesem Milieu rekrutieren Jugendgangs ihre Mitglieder.

Auch wenn die Macho-Allüren muslimischer Jungen charmant wirken können, halten die sie in ihrer traditionellen Rolle gefangen. Selbst wenn sich manche in Cliquen noch einige Zeit mit "Ghettokämpfen" behaupten. Dabei war es in der von mir verantworteten Jugendarbeit schon in den siebziger Jahren beispielsweise kein Problem, türkische Jungen allein oder mit deutschen und türkischen Mädchen den Abwasch besorgen zu lassen, wie es - zugegeben - nach zeitraubender Elternarbeit meist auch kein Problem war, türkische Mädchen mit auf Freizeiten zu nehmen.

Das Elternrecht wird nicht verletzt, wenn im Kindergarten, in der Schule oder in der Jugendarbeit geholfen wird, die antiquierten Rollen von Mädchen und Jungen zu überwinden. Dazu muss - was nicht immer leicht ist - die Schulpflicht durchgesetzt werden, was für Klassenfahrten, Schwimm-, Turn- und Sexualkundeunterricht gilt. Dies ist uns immer wieder gelungen, indem wir über Jahre den Kontakt zu Eltern aufgebaut und Kolleginnen gezielt mit türkischen Müttern gearbeitet haben.

Heute versucht das Projekt der Alten Molkerei Frille in NRW die antisexistische Jungenarbeit voranzutreiben - davon profitieren langfristig auch die Mädchen: Denn der Tod von Hatan Sürücü, die 2005 in Berlin von ihren Brüdern ermordet wurde, ist letztlich ebenso ein Fall von Jugendgewalt.

Titus Simon ist Professor für Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er arbeitete in den siebziger und achtziger Jahren mit jugendlichen Gewalttätern. Von 1992 bis 1996 hatte er eine Professur an der Fachhochschule Wiesbaden.

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