Gebrauch von Nikotin

Süchte Ende vorletzten Jahres tauchte auf der Anzeigetafel DAISY der Berliner U-Bahn unter der Zeile mit der Ankunftszeit der nächsten Bahn ein Laufband mit ...

Ende vorletzten Jahres tauchte auf der Anzeigetafel DAISY der Berliner U-Bahn unter der Zeile mit der Ankunftszeit der nächsten Bahn ein Laufband mit der kryptischen Botschaft ZU IHRER SICHERHEIT DAS RAUCHVERBOT auf. Ich verstand das aus zweierlei Gründen nicht. Zum einen wusste ich nicht, was auf dem Bahnsteig der U-Bahn brennen sollte, früher gab es schließlich sogar Raucherabteile und die einzigen Katastrophen in der Berliner Untergrundbahn waren bisher immer Kabelbrände schrottreifer Wagen, zum anderen hatte der Bundestag beschlossen, dass gerade das Rauchen der Sicherheit dienen sollte. Ein Freund saß in meiner Küche, drehte eine nach der anderen und sagte bei jeder neuen Zigarette: »Is ja für´n guten Zweck, und die Sozialversicherung wird auch gleich noch entlastet.« - »Wenn du stirbst, bevor du das Raucherbein verloren hast«, sagte ich und langte nach meiner Schachtel. Zu dieser Zeit rauchte ich nur noch Zigaretten aus dem Naturkostladen. Ich genoss es, an der Kasse von den Ökomüttern mit giftigen Pfeilen durchbohrt zu werden, wenn ich »Zwei Schachteln von den grünen, das ist alles«, sagte. Als sich eine in der Schlange mal aufregte, dass Zigaretten im Ökoladen wirklich nichts zu suchen hätten, meinte der Chef: »Nicht jede Naturkost muss auch gesund sein.« Ich dachte nicht ernsthaft daran, vor meinem 40. Lebensjahr mit dem Rauchen aufzuhören.

Ich hatte aber etwas dagegen, dass meine Sucht dazu ausgenutzt werden sollte, Polizisten aufzurüsten oder biometrische Verfahren zur Identitätskontrolle zu finanzieren, die sich irgendwann gegen mich selber richten könnten. Andererseits wusste ich zu gut, dass man sich nie aus ideologischen Gründen von einer Sucht verabschieden sollte. Das geht immer schief. Also nahm ich mir Silvester nicht vor, mit dem Rauchen aufzuhören.

Ich habe es dann aber doch zwei Monate später und mehr aus Zufall auf einer Reise nach Amerika sein lassen. Dort rauchte ich nicht, weil ich mich grundsätzlich nicht gern demütigen lasse, und nach Deutschland zurückgekehrt, fand ich, dass das gelegentliche Asthma ein ausreichender Grund sei, gar nicht erst wieder anzufangen. Aus Erfahrung mit anderen Süchten bin ich eine Anhängerin der These, dass die Summe der Süchte immer gleich ist. Im Moment frage ich mich vor dem Spiegel, ob meine Ersatzsucht nicht die Fettsucht ist. Ich habe es eine Weile mit dem Verzehr von Möhren versucht, wenn mir am Computer partout nichts einfallen wollte. Aus der Zigarette pro Absatz wurde eine Möhre pro Seite. Aber leider taugen Möhren nicht als Suchtmittel. Im Gegensatz zu Kakao, Zucker oder Alkohol.

Ich finde Rauchen übrigens immer noch cool. Neulich durfte man während einer Sonderfahrt in der Straßenbahn rauchen und beinahe wäre ich rückfällig geworden.

Es ist ein bisschen wie in der Zeit, als ich noch nicht rauchte - die Leute in den Raucherecken sind immer noch die interessantesten, und ich drücke mich bei ihnen herum. Manchmal träume ich, dass ich mir eine Zigarette anzünde und habe im Traum ein schlechtes Gewissen. Das mit dem schlechten Gewissen im Traum finde ich bedenklich. Das kommt gleich vor der Selbstzensur. Das einzige, was wirklich besser geworden ist, ist meine Zwangsneurose. Ich muss nicht mehr kontrollieren, ob auch alle Kippen aus sind, bevor ich die Wohnung verlasse.

Es gibt ja Frauen - von Männern kenne ich das nicht, die können sich abends ganz entspannt hinsetzen und eine Zigarette rauchen. Eine einzige. Voller Genuss. Leider ungeeignet für Suchtmenschen wie mich.

00:00 11.04.2003

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