Gebrauchslyrik

Kehrseite "Herr Mondaugen, bitte!" Die sanfte Stimme meiner Arbeitsvermittlerin, Frau Natascha-Lou Salomé, streicht über mein schadhaftes Herz. Ich stolpere an ...

"Herr Mondaugen, bitte!" Die sanfte Stimme meiner Arbeitsvermittlerin, Frau Natascha-Lou Salomé, streicht über mein schadhaftes Herz. Ich stolpere an ihren ALG II-Behandlungstisch. - "Wie geht´s uns denn heute? Noch immer keinen Job?! - Soso, na dann legen Sie sich mal hier auf die Couch und schauen Sie in die Kugel!" Frau Salomé lächelt vielsagend, doch was sie mir vor die Nase hält, ist gar keine Kugel, sondern eine Halbkugel - aus durchsichtigem Glas, gefüllt mit einem Hexenhäuschen, Wasser und weiß glitzernden Flocken, die beim Schütteln wild umherwirbeln. Ein Erinnerungsblitz durchzuckt mich: Dies Schneeflockenglas war einst das tiefste Traumwerkzeug meiner Kindheit...

Schon bin ich wieder der kleine Junge, der bei der Familienfeier zu Onkel Horsts 65. Geburtstag im Gasthof "Zur Sonne" in Klein Pruckelsleben/Börde allein auf einem Podest steht. All meine trinkfesten Omas, Onkels, Tanten und Cousinen schauen mich erwartungsfroh an, und ich sage mit klopfendem Herzen mein erstes selbstgereimtes Gedicht auf:

Für immer Sonntag

Nun bist du endlich Rentner,
mein lieber Onkel Horst,
ab jetzt wünsch´ ich dir jeden Tag
zehn Bier und ´ne Bockworst!

Irritiertes Schweigen im Saal. Meine Mutter verdreht die Augen. Onkel Horst kaut verlegen an seiner Zigarre, hüstelt. Dann klatscht er in die Hände. Erlösender Beifall! "Bravo!"

"Bravo!!! - Da haben wir´s doch: Gedichte aufsagen, das ist Ihre Bestimmung!", ruft meine Arbeitsvermittlerin triumphierend aus. Ich verliere die Schneeflocken aus den Augen, die sich am Boden der magischen Glashalbkugel absetzen. "Sie werden Gebrauchslyriker, Herr Mondaugen! Das ist DIE Marktlücke und Ihre große Chance! Am besten, Sie fangen klein an, Gedichte für Familienfeiern, Geburtstage, Firmenjubiläen und so. Hier sind die Unterlagen für Ihre Ich-AG! Bei Ihrem Talent, mit Reimen Menschen zu begeistern, da wird das ein voller Erfolg! Glauben Sie mir - und nun machen Sie los!"

Ich spüre, wie sich mein verstaubtes lyrisches Ich innerlich angewidert schüttelt, bedenke jedoch meine prekäre finanzielle Lage und eröffne bereits eine Woche später das erste "Studio für Gebrauchslyrik" der Stadt. Im Schaufenster hängt mein Angebot:

Unikate Gedichte für alle Anlässe!
Vierzeiler: 9,90 Euro
Sonette: 15,50 Euro
Limericks und Elegien: n. Vb.
Balladen zum Sonderpreis (wegen des Heine-Jahrs) - nur 19,90 Euro!

Tags darauf bin ich schon auf ein Betriebsvergnügen in die Filiale des örtlichen Plus-Marktes eingeladen. "15 Jahre deutsche Einheit - 15 Jahre Plus machen!" steht in Goldbuchstaben über der Eingangstür. Zugegeben, der Lack ist schon ein bisschen runter von der Schrift, und der Filialleiter, ein ehemaliger Kapitän der DDR-Volksmarine, seufzt und deutet auf seine acht mürrisch blickenden Verkäuferinnen. Dann zieht er eine Flasche Korn für nur 4,99 aus dem Regal und zwei Schnapsgläser aus der Hosentasche und schenkt uns beiden ein. Wir trinken nacheinander elf Schnäpse auf die Verbesserung des Betriebsklimas und der Umsatzzahlen. Beim zwölften Kurzen erklimmt der Käpt´n verwegen die Kommandobrücke eines Einkaufswagens und beginnt voller Inspiration zu seinen Mitarbeiterinnen zu sprechen:

Nur bei uns, meine Besten, habt ihr´s gewusst,
ist minus mal minus immer noch Plus!

Ich folge dem Beispiel des Käpt´ns und erklettere torkelnd einen zweiten Einkaufswagen. Meine Augen heften sich fest auf ein Werbeschild an der gegenüber liegenden Wand, und ich deklamiere laut und lallend:

Plus heißt: Es danken
die kleinen Preise
und wanken
seekrank bisweilen
und ganz in Gedanken
bei Schnaps und bei Bier,
für nur 4,99
reihern Sie hier
gleich über die Planken!

Mir ist übel. "Tschuldigung", murmel ich verlegen in Richtung des Käpt´ns. Der aber lächelt selig, denn seine acht bisher so mürrischen Mitarbeiter-Matrosinnen schunkeln jetzt fröhlich im Takt. Der lyrisch-maritime Funke ist übergesprungen. Das soziale Band zwischen den Verkäuferinnen und ihrem Chef beginnt sich zu revitalisieren. Zur nachhaltigen Stabilisierung des Betriebsklimas trinken und dichten wir noch gemeinsam bis Mitternacht weiter. Alles wird gut durch Poetry Slam!

Am nächsten Tag hänge ich ein neues Werbeschild in mein Schaufenster:

ZusammenReimen - Business-Lyrik für das Management von morgen!
- Mitarbeiter motivieren
- Sinnressourcen erschließen
- Mit Reimen Plus machen in einer ungereimten Welt!

Dann geht alles ganz schnell: Unternehmensberater Roland Berger ruft mich an und vermittelt mir Live-Lyrik-Aufträge in motivations- und krisengeschüttelten Unternehmen wie DaimlerChrysler, Volkswagen und Infineon. Ich stelle 17 arbeitslose Bachmann-Preisträger ein, schule sie zu Gebrauchslyrikern um und schicke sie als Konjunkturmotoren hinaus in die deutsche Wirtschaft. In den nächsten Wochen veröffentliche ich drei wirtschaftswissenschaftliche Bestseller mit den Titeln:

"Hölderlin als Unternehmensberater: Thesen zum Literaturbetrieb von morgen"
"Global Poets for Global Players: Lyrik - das neue Kommunikationsparadigma für Unternehmen"
"Gebrauchslyrik im Niedriglohnsektor: Bezahlbare Authentizität für alle"

Ein halbes Jahr später habe ich mit meinem Studio für Gebrauchslyrik die elfte Million verdient, kaufe eine Fahrkarte nach Frankfurt/M. und gehe an einem sonnigen Freitagvormittag mit meiner Lyrik an die Börse. Nachmittags ist dann Autogrammstunde auf der Buchmesse. Zwischen den vielen, meinen Büchertisch umdrängenden Menschen erscheint plötzlich und unvermittelt meine große Vermittlerin, Natascha-Lou Salomé. Sie trägt ein wunderschönes blaues Kleid mit drei aufgestickten roten Blumen und lächelt mir zu: Mein Herz verfällt augenblicklich wild pochend in Reim- und Rhythmusstörungen, und meine Lippen beginnen, im Takt dazu trunkene Silben zu formen:


lieg neben dir im mondenschatten
wo unsre dunklen worte sind
und deine brüste rascheln leise
durch dein schamhaar weht der wind

ein schmerz vibriert auf deiner zunge
mein nachttier zuckend rot erwacht
mit deinen lippen, händen, brüsten
wölbst du mich schreiend in die nacht

stürzt mich durch tausend sternenriffe
durch nebelbänke, blauen schnee
durch wasserperlen, ginsterbüsche
bis ich drei rote blumen seh...

Natascha-Lou hat ihre magisch glitzernde Halbkugel hervorgeholt, sie presst sie in meine zitternde linke Hand. Während sie mich küsst, rieselt zwischen uns der erste Schnee auf das Hexenhaus.

Kurt Mondaugen lebt und arbeitet als Philosoph und Autor in Leipzig.


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00:00 10.03.2006

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