Gebrochener Stein unterm Pflug

Litauen Wer in der Landwirtschaft bisher überlebt hat, will sich auch auf dem EU-Agrarmarkt behaupten

Man sieht Antanas die Müdigkeit kaum an. Nur kurz schließt der Bauer manchmal die blauen Augen, fährt sich durch die blonden, millimeterkurzen Haarstifte, atmet durch. Gegen fünf Uhr ist er aufgestanden, Dünger ausbringen: Da war die Krume von der Nacht noch gefroren, später am Tag wäre der Traktor stecken geblieben. Im April kann das Schmelzwasser noch schwer in den Äckern stehen.

Rund 75 Hektar bewirtschaftet Antanas Saukaitis, Anfang 50, mit seinem Sohn Tomas. Die Hälfte gehört ihnen, die andere ist gepachtet. Damit sind sie schon richtige Landwirte, nicht wie die Pensionäre in der Nachbarschaft, die sich zur kargen Staatsrente auf ein paar Hektar selbst versorgen, oder die Kleinbauern, die sich auf anderen Höfen als Helfer verdingen, weil das eigene Land nicht genug abwirft. Großbauern sind die Saukaitis nicht. Anders als Stonkus, der Kolchosenchef war, als Litauen noch zur Sowjetunion gehörte: Er saß bei der Privatisierung des Gemeineigentums an der richtigen Stelle. Heute gehört ihm das meiste Land in der Gegend.

Antanas und Tomas bauen vor allem Zuckerrüben an, dazu Roggen, Kartoffeln, Hülsenfrüchte. Saatgut und Dünger für die Rüben bekommt Antanas von dem dänischen Konzern, der die örtliche Zuckerraffinerie gekauft hat. Für die Ernte zahlt ihm die Firma, was nach Abzug der Kosten für Saat und Chemie übrig ist. Für Getreide hat Antanas einen ähnlichen Vertrag. Er kommt mit den Rüben auf 1.000 Litas pro Hektar - etwa 300 Euro. Es klingt, als sei er damit ganz zufrieden.

Die vier Kühe dagegen, sagt Antanas, "die halten wir nur aus Gewohnheit. Litauer sind wie Inder, die können nicht ohne Kühe sein." Per Hand müssen die Tiere gemolken werden, Maschinen wären zu teuer bei den niedrigen Milchpreisen; drei Molkereien haben Litauen unter sich aufgeteilt. Vielleicht wird das besser in der EU, hofft Antanas. Auch die Subventionen für Milch und für das bestellte Land könnten steigen, die in den zurückliegenden Jahren - vom litauischen Staat bezahlt - nur sporadisch flossen.

Auf dem stattlichen Hof im Straßendorf - die Felder liegen außerhalb - steht ein kleiner, alter Traktor; der große neue, ein weißrussisches Modell, bleibt geschützt in der Scheune. Antanas ist stolz auf die Anschaffung. Auch einen neuen Pflug hat er gekauft. "Das Land wirft so viel ab, dass ich investieren kann. Eigentlich würde ich für unsere Fläche eine stärkere Zugmaschine brauchen, nur reicht eben der Gewinn für einen John Deere nicht aus." Auf der Messe für landwirtschaftliche Maschinen in Kaunas hat Antanas nur Technik für Großbauern gesehen, teures Gerät, das viel kann, sich aber nur auf ergiebigen Flächen rentiert. Auch die staatliche Beihilfe bevorzuge allein große Höfe, sagt Antanas. Wer in der Nähe eines zum Verkauf stehenden Grundstücks Boden besitzt, hat ein Vorkaufsrecht; dadurch konzentriert sich immer mehr auf einige wenige Betriebe.

Zahlungskräftige Ausländer haben es in den Agrarregionen Litauens verstanden, gewinnträchtige Flächen zusammenzukaufen oder zu pachten. Franzosen sind in der Gegend besonders präsent, dazu Dänen und Holländer. Inzwischen sind sämtliche Flächen vergeben, zu pachten gibt es nichts mehr, zu kaufen nur, wenn jemand stirbt. "Im Prinzip ist bis auf den letzten Hektar alles verteilt und abgemessen, denn der Boden in unserer Gegend ist sehr fruchtbar", erklärt Antanas und meint einen Landstrich an der Westgrenze Litauens zur russischen Exklave um Kaliningrad, durch den in wenigen Tagen die östliche Außengrenze der Europäischen Union verlaufen wird.

Was wird sich ändern nach dem 1. Mai? Antanas hebt die Schultern: "Wir werden älter und die Arbeit nicht weniger." Der Diesel wird teurer, weil andere Standards gelten, und wohl auch der Boden. Die Preise für Dünger steigen sowieso jedes Jahr. Der Gewinn sinkt. Es klingt nicht wie Gejammer, eher wie ein Wetterbericht, der das Unausweichliche vermeldet. Antanas glaubt, auch künftig würden Verträge wie mit der Zuckerfirma ihm und seinem Sohn ein Auskommen sichern. Was in manchen Jahren dazu kommt, wie eng es in anderen sein kann - wer weiß das. Größere Städte mit Industrie und Gewerbe sind weit, Tourismus hat anderswo in Litauen bessere Chancen, an den Seen, im Hügelland der Eiszeitlandschaft. Wald ist noch eine gute Einnahmequelle, die einheimischen Möbelfirmen hungern nach Holz, Ikea lässt in Litauen viel fertigen. Wer auf entsprechenden Böden, Sand zum Beispiel, Bäume pflanzt, bekommt Fördergeld vom Staat. "Doch in unserer Gegend, der Region Suvalkija, ist der Boden dafür zu gut", weiß Antanas.

Hier, auf dem flachen und fruchtbaren Land, waren immer Bauern. Antanas zeigt behauene Steinstücke, die er gelegentlich aus seinem Feld pflügt: Reste altertümlicher Ackergeräte. Ein halbes Dutzend solcher Funde liegt in einer Schublade. Antanas interessiert sich für Geschichte, liest Bücher. Nicht jeder Bauer würde es merken, wenn ihm so etwas unter den Pflug käme. Aber Antanas spricht nicht schlecht über die anderen: "Wer wie wir angefangen hat, dem geht es heute ähnlich - ein paar haben aufgegeben." Das ist höflich und zurückhaltend formuliert. Viele brachten nach dem Ende der Sowjetwirtschaft nicht die Energie auf wie Antanas und Tomas, nicht das Stehvermögen, die Geduld. Oder sie hatten noch schlechtere Startchancen. "Oft wird auch zuviel getrunken - Degtine, der hiesige Schnaps, hat manchen Hof ruiniert."

Die Skepsis gegenüber den eigenen Politikern, der Marktwirtschaft und der EU ist in Litauen auf dem Lande am größten. Vor allem unter den Verlierern des Kapitalismus, bei denen, die nicht zurecht kommen, hat der gerade wegen Korruption seines Amtes enthobene Präsident Rolandas Paksas mit europa-skeptischen Tönen noch bis zum Schluss seine Anhänger gefunden.


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Litauens Agrarsektor

Ein Fünftel der arbeitenden Bevölkerung des Landes war 2003 in der Landwirtschaft beschäftigt, die jedoch nur ein Zehntel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beitrug. Dieses Verhältnis ist nicht zuletzt eine Konsequenz der Umstrukturierung nach der Unabhängigkeit Litauens 1991. Die Bodenflächen der bis dahin existierenden Sowchosen/Kolchosen wurden zu 95 Prozent entweder über die Restitution den früheren, zu Zeiten der UdSSR enteigneten Besitzern oder deren Erben übertragen oder an die Teilhaber der aufgelösten Genossenschaftsbetriebe abgegeben. Die so ausgelöste Zerstückelung von Anbauflächen führte zu Gehöften mit einer durchschnittlichen Betriebsgröße von zwölf Hektar. Zu klein und zu wenig kapitalkräftig, um effizient produzieren zu können. Im Jahr 2000 wurde deshalb ein Hilfsprogramm der Regierung (Laufzeit bis 2005) mit einem Budget von 500 Millionen Dollar und einem EU-Zuschuss von 30 Millionen Dollar aufgelegt, um die Infrastruktur in ländlichen Regionen zu entwickeln. Doch für Arbeitssuchende aus der Landwirtschaft gibt es bis heute kaum Beschäftigungsmöglichkeiten (Erwerbslosenquote 2003: 12,9 Prozent) in anderen Branchen.

00:00 30.04.2004

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