Gebt der Erde eine Chance

Zukunft Artenschützer und Klimaforscherinnen ziehen jetzt an einem Strang – ihre Erkenntnisse geben neue Hoffnung
Gebt der Erde eine Chance
Korallenriffe bieten Lebensraum für verschiedenste Arten. Doch wenn die Meere nur um zwei Grad wärmer werden, sterben sie

Foto: Louise Murray/Science Photo Library

Vergangenen Sommer brannten in Sibirien bei Temperaturen von mehr als 30 Grad großflächig die Wälder. In Kanada zerbrach das letzte intakte Eisschelf, und über den Atlantik fegten so viele Hurrikans hinweg wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Laut einem Bericht der Meteorologischen Organisation der UN lag die globale Durchschnittstemperatur bereits rund 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Parallel dazu warnen Wissenschaftler*innen vor dem sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte. Laut dem Biodiversitätsrat (IPBES) sterben heute im Durchschnitt zehn bis einhundert Mal mehr Arten als in den letzten zehn Millionen Jahren. Eine Million sei weltweit vom Aussterben bedroht.

Politik, Gesellschaft und Wissenschaft betrachten die beiden Probleme meist noch getrennt voneinander. Doch das soll jetzt anders werden: Vergangene Woche veröffentlichten Wissenschaftler*innen des IPBES und des Weltklimarats (IPCC) einen 300-seitigen Bericht, der das Zusammenspiel von Klimawandel und Artensterben näher beleuchtet und mögliche Handlungsmöglichkeiten aufzeigt, die Klima und Biodiversität zugutekommen.

Auch das derzeitige Korallensterben geht auf das Konto steigender CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre. Etwa die Hälfte der Riffe ist bereits verschwunden. „Schon bei einer Erwärmung der globalen Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad werden 70 bis 90 Prozent der Warmwasserkorallen verloren gehen. Bei zwei Grad sind es 99 Prozent“, erzählt Hans Pörtner, IPCC-Mitglied und Mitautor der Studie.

Die Auswirkungen für die Artenvielfalt der Ozeane, aber auch für die Menschheit sind gewaltig, denn Korallenriffe beherbergen verschiedenste Schwämme, Seesterne, Weichtiere sowie Krebse und sind Kinderstube zahlreicher Fischarten. Damit muss nicht nur die Tourismusbranche vor Ort mit großen Einbußen rechnen, sondern auch die Fischerei. Intakte Korallenriffe leisten zudem einen wichtigen Beitrag zum Küstenschutz.

Korallen können nicht fliehen

Korallen sind sesshaft und können nicht fliehen, doch alle Arten, denen es möglich ist, wandern, wenn es ihnen zu heiß wird, in die Höhe oder polwärts. Pörtner spricht von einem „beginnenden Ausräumen der niederen Breiten, der Tropen“ – da, wo sich heute die Hotspots der Artenvielfalt befinden. Tatsächlich nähere sich auch der Regenwald im Amazonas einem Kipppunkt in Richtung Trockenwald. Damit wird er nicht nur um viele Arten ärmer werden, sondern wird sich auch seine Kapazität als Kohlenstoffspeicher deutlich reduzieren.

Gebremst wird die Migration der Arten durch geografische oder menschengemachte Barrieren. Die Autor*innen des Reports warnen denn auch von einer zunehmenden Fragmentierung natürlicher Lebensräume durch Straßen, wachsende Städte oder Tagebaue. Artenhotspots und Schutzgebiete verwandelten sich in Inseln, in denen sich der klimabedingte Artenverlust noch beschleunigen könne. Derzeit seien nur noch 23 Prozent der Landoberfläche und 13 Prozent der Ozeane „unberührt“. So plädieren die Wissenschaftler*innen von IPBES und IPCC dafür, Korridore zu schaffen und so Ökosysteme zu vernetzen.

Besonders stark trifft der Klimawandel mit Wirbelstürmen, Flutkatastrophen und Dürren den Globalen Süden, obwohl es die reichen Länder des Globalen Nordens sind, die ihn in erster Linie verschuldet haben. Nach Jahrhunderten des Kolonialismus bestehen neokoloniale Strukturen fort, vor allem viele lateinamerikanische und afrikanische Staaten verharren nach wie vor in der Rolle der Rohstofflieferanten.

Im Sinne von Klimagerechtigkeit müssten die Hauptverursacher der Erderwärmung diejenigen, die die schlimmsten Folgen tragen, unterstützen und entschädigen. Auf dem ansonsten gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen, 2009, verpflichteten sich die „Industrieländer“ auf Druck der Länder des Globalen Südens, ihnen ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar zum Ausgleich für Klimapolitik und -anpassung zu zahlen. Doch obwohl diese Zusage 2015 in Paris und vergangenes Wochenende auf dem G7-Gipfel in Cornwall wiederholt wurde, sind dem bis heute noch keine Taten gefolgt.

Die letzten verfügbaren Zahlen stammen laut dem Referenten für Klimapolitik bei Oxfam, Jan Kowalzig, aus dem Jahr 2018. Damals seien rund 80 Milliarden Dollar zusammengekommen. Dabei hätten die Geberländer jedoch großzügig alle Projekte eingerechnet, in deren Titel auch nur das Wort „Klima“ vorgekommen sei, ebenso wie Klimaschutzkredite mit Zinsvergünstigungen und ohne. „Unsere Schätzung ist, dass es sich nur bei etwa einem Viertel der 80 Milliarden Dollar um Unterstützung handelt, die sich wirklich auf Klimaschutz ausrichtet“, sagt er.

Ernüchternd endete auch das Angebot des früheren Präsidenten Ecuadors, Rafael Correa, auf Bohrungen im Yasuni-Nationalpark dauerhaft zu verzichten. Er wollegeschätzte 880 Millionen Barrel Rohöl im Boden lassen, wenn die Weltgemeinschaft seinem Land im Gegenzug Ausgleichszahlungen in Höhe der Hälfte der erwarteten Einnahmen gewähre. Die Initiative schlug jedoch fehl; auch der damalige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) zog 2010 seine Zusage wieder zurück. Seit 2016 wird dort nun doch Erdöl gefördert.

Die erste Priorität sehen die Wissenschaftler*innen von IPCC und IPBES darin, die Emissionen aus fossilen Energien drastisch zu reduzieren und unser Konsumverhalten zu verändern. So verbrennen derzeit in Brasilien viele Hektar Regenwald für die Fleischproduktion oder müssen anderorts natürliche Ökosysteme für den Anbau von Tierfutter oder Energiepflanzen weichen. Dabei stellt sich wie bei den meisten Negativemissionstechnologien die Frage der Flächenkonkurrenz. „Unbedachte Klimaschutzmaßnahmen können zu Hunger führen“, warnt Josef Settele, Leiter der Abteilung Naturschutzforschung am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ), und ebenfalls Mitautor der Studie.

Es gehe vielmehr darum, Win-win-Lösungen zu finden – wie die Renaturierung von Mooren. Weltweit seien 85 Prozent aller Feuchtgebiete zerstört. Diese gelte es wiederherzustellen, denn sie fungieren als Kohlenstoffsenken und beherbergen gleichzeitig eine seltene Flora und Fauna. Positiv schnitten auch Agroforstsysteme ab: Bäume und Hecken auf oder zwischen den Äckern förderten die Artenvielfalt und damit natürlicher Feinde von Schädlingen. Zugleich speicherten sie CO2. Auch Wiederaufforstung stehen die Autor*innen der Studie aufgeschlossen gegenüber – zumal wenn es sich um naturnahe Wälder handelt. Als Nebeneffekt ließen sich zwischen 0,04 und 2,6 Gigatonnen CO2-Äquivalente einsparen, wenn man emissionsreiche Baumaterialien wie Beton oder Stahl durch Holz ersetze. Insgesamt propagieren die Wissenschaftler*innen, eher bestehende Ökosysteme zu erhalten oder zu restaurieren, statt neue anzulegen. Im Meer heben sie neben den Mangrovenwäldern an der Küste die Bedeutung von Seegraswiesen hervor. Diese nehmen deutlich mehr CO2 auf als eine vergleichbare Fläche Wald und bieten gleichzeitig vielen Tieren und Pflanzen einen einzigartigen Lebensraum.

Der Energiehunger ist riesig

Tatsächlich werde es aber nicht immer zugunsten von Klimaschutz und Biodiversität gehen, zumal damit auch noch die Johannesburger Nachhaltigkeitsziele (SDGs) in Einklang gebracht werden müssten. Die Autor*innen des Reports geben sich zwar optimistisch, auch in Bezug auf SDGs, die nicht unmittelbar mit der Natur verknüpft seien – etwa hinsichtlich der Ernährungssicherheit durch Produkte aus dem Meer wie Algen und Muscheln –, doch der Planet Erde mit seinen Flächen und Ressourcen ist begrenzt. Vorschläge, nach denen 30 bis 50 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz gestellt würden, könnten mit der Landwirtschaft kollidieren. Ein Schutz von der Hälfte würde bedeuten, dass etwa eine Milliarde Menschen, unter ihnen indigene Völker, in den Schutzgebieten leben würden und ihre Interessen miteinbezogen werden müssten.

Eine besondere Herausforderung stellt der bestehende und wachsende Hunger der Weltbevölkerung nach Energie dar. Neben der Flächenkonkurrenz bei Negativemissionstechnologien benötigen Solar- und Windenergie oder Elektromobilität wichtige Rohstoffe, deren Gewinnung wiederum ganze Ökosysteme gefährden kann.

Schon der letzte IPBES-Report 2019 und der 1,5-Grad- Sonderbericht des IPCC 2018 betonen die Notwendigkeit eines umfassenden Wandels, der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Technologie mit einschließt. Eine solche Transformation ist sicher notwendig, setzt aber voraus, dass sich alle Akteur*innen an einen Tisch setzen. Klima-, Artenschutz- und Nachhaltigkeitsziele müssen, wo sie nicht miteinander vereinbar sind, sorgsam gegeneinander abgewogen werden. Vor allem wird aber die derzeitig profitorientierte Wirtschaft Platz machen müssen für eine neue Ökonomie.

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06:00 28.06.2021

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