Gedächtniskultur

Schuld, Flucht, Sühne Wieviel Korrektur braucht das Land?

Geschichte abarbeiten, bewältigen, wegstecken. Eine ziemlich lockere, wenn auch für viele Ostdeutsche schmerzhafte Vorstellung, die für Nichtbeteiligte wichtiger zu sein scheint, als für Beteiligten. Jetzt hat sich befasst, hat gelernt, ist tätig gewesen, Vergangenheit hat eigene Gesetze. Schuldig war immer der andere.
Das Plakat zur Verfilmung von Hochhuts Stellvertreter durch Constantin Costa-Gavras wird zum Eklat, Hakenkreuz und das Kreuz der Katholischen Kirche dürfen nicht in Beziehung gesetzt werden, Angriff auf die Würde der Gläubigen, Lästerung, Blasphemie. So wie bei der Uraufführung von Hochhuts Stellvertreter vor Jahrzehnten auf der Bühne: Die anderen waren´s, die Kirche nicht.
Und die CDU auch nicht, geht nicht, (Aufschrei wegen SPD-Stieglers Bemerkung) ist erst nach Kriegsende gegründet, von Kriegsgegnern. Absolution für die Kiesingers. Aufgearbeitet durch Neugründung. Anderer Name, neues Glück. Es wäre auch für die PDS besser gewesen, sich mit den neuen Leuten an der Spitze für das Alte nicht zuständig zu erklären. Alles ersöffe in einem schönen dicken Brei, der sich ganz von alleine zusammengerührt hat. Alle wären Opfer. Die Wehrmacht missbraucht, wenn eine Ausstellung etwas anderes belegt, ist das tendenziös. Die Zivilbevölkerung sowieso, Bombennächte, "Vertreibung aus den Ostgebieten", Hunger, Not, Verzweiflung. Opfer. Auf der jeweils anderen Seite im deutsch-deutschen Staatsgefüge bis ´89 fanden sich manchmal Täter. Und bei den entsprechenden Besatzungsmächten. Die Bombardierung des mit Flüchtlingen überfüllten Dresden wurde den Engländern angelastet, die Versenkung der Wilhelm Gustloff den Russen. Sinnlose Unternehmen, die mit dem Kriegsausgang nichts zu tun hatten, sinnloses Leid, dessen Tragik aus Gründen politischer Korrektheit selten künstlerisch bearbeitet wurde, dafür bei Bedarf von den Nachkriegsgenerationen instrumentalisiert werden konnte.
Günter Grass´ Roman Im Krebsgang entreißt den eisigen Wassertot von fast 9.000 Menschen der politischen Interpretation, schreibt an gegen Mythenbildung und historische Verzerrung. Der Fleck im Geschichtsbuch ist nicht ganz so unausgeleuchtet, wie nun behauptet wird, so wie Flucht und Vertreibung auch in der Literatur nicht völlig ausgeblendet wurden. Was ist Flucht, was Vertreibung? Jener Teil der Entvölkerung ehemaliger Ostgebiete, der der Erkenntnis eigener Schuld entsprang - man wollte und sollte sich denen, über die man hergezogen war, nicht ausliefern, die jeweiligen Gauleitungen befahlen die leidvollen "Heim ins Reich"-Märsche - war das Flucht? War es Vertreibung, weil nach den diversen Konferenzen aller späteren Siegermächte die Schrumpfung Deutschlands feststand?
Die menschlichen Tragödien gehören zum Stoff eines Nobelpreisträgers, dessen Gesamtwerk Ostpreußisches beschreibt. Die Fragen nach den Erfahrungen, die aus Vertreibung zu gewinnen wären, müssen Leser stellen. Haben Überlebende das eigene Schicksal genutzt, um sich der Vertriebenen anderer Länder anzunehmen? Hat man aus ihren Verbänden je so etwas gehört? Grass will Schuld und Leid verknüpfen. Mit der vollen Wahrheit rechten Populisten Stoff entziehen. "Niemals", sagt er, "hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen ..."
Aber Literatur hat Populisten so gut wie nie daran gehindert, Geschichtsbilder nach eigenem Gustus herzustellen und an den Mann, die Frau zu bringen. Die eine Klientel hat mit der anderen so gut wie nichts zu tun. Nicht einmal historische Beweise und Belege konnten Neonazis hindern, grölend, mit den gleichen Symbolen wie jene, die für alle Tragödien des 2. Weltkriegs Verantwortung tragen, durch die Straßen des Nachfolgelandes zu ziehen. Facetten des Leids auffächern und einem historischen Gesamtbild einfügen, ohne es zu verändern, ist eine faszinierend einfache Vorstellung, an die man glauben möchte.
Die andere: Es könnte sich die Vielzahl historischer Verdrängungskünstler animiert fühlen, ihre jeweiligen Farbklekse abzusondern, um zu korrigieren, was Grass als Korrektur der Gedächtniskultur gedacht hatte. Und damit etwas auslösen, was später einmal Literatenstreit genannt werden könnte.
Abarbeiten, bewältigen, aber: wohin stecken?

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00:00 22.02.2002

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