Gedemütigt leben

Cybermobbing Weil der Youtuber „Drachenlord“ sich gegen die Quälerei gewehrt hat, muss er ins Gefängnis. Der Fall ist Sinnbild für die heutige Gesellschaft
Gedemütigt leben
Das „Drachengame“ hat ein klares Opfer, aber wer ist konkret für die Taten verantwortlich?

Screenshot: Drachenlord/Youtube

Mit Zeitdiagnosen ist es wie mit dem Wolf in Äsops Fabel vom Hirtenjungen: Intellektuelle erkennen früh eine bedenkliche Tendenz. Dann mahnen sie, was die Tastaturen hergeben. Das geht so lange, bis sich die Leute von diesen verfrüht klingenden Alarmrufen nicht mehr aufschrecken lassen. Genau dann aber kommt er wirklich, der Wolf. Geräuscharm tritt ein, wovor so lange gewarnt wurde.

So war etwa das Unken über den „Überwachungsstaat“ zur Zeit der Volkszählung von 1987 viel lauter als heute, wo das einst Befürchtete längst übertroffen ist. Noch spektakulärer ist freilich das Schicksal von Rainer Winkler. Vor fast 40 Jahren diagnostizierte der Philosoph Peter Sloterdijk seiner Gegenwart den Zynismus als Hauptcharakteristikum. Damals sorgte seine Kritik der zynischen Vernunft für besorgte Debatten. Heute zeigt Winklers Causa, dass sich ein wahrer Exzess an Zynismus über ein Jahrzehnt erstrecken und vor Millionen voyeuristischen Augen, aber ungestört vollziehen kann.

Das alles begann 2011, als der 1989 geborene Winkler als „Drachenlord“ Youtube-Videos einzustellen begann. Darin sprach er, wie so viele, über sich, seine Weltsicht, Heavy Metal und so weiter. Doch während andere zu Kinderzimmerstars aufstiegen, brachte es Winkler zu negativem Ruhm. Sein Dialekt, sein Provinzialismus, sein Körper und seine Ausdrucksweise machten den „Drachen“ zur „Lolcow“: ein Nutztier, das man sich hält, um ab und zu richtig loszuprusten.

Über Jahre baute sich die Geschichte auf. 2015 etwa näherte sich Winkler in Chats eine Frau – um ihn, als er sich ihr per Livestream offenbarte, vor Zehntausenden auszulachen und mit einem seiner Hauptquäler anzustoßen, der plötzlich ins Bild sprang; beide zehrten noch jahrelang vom Ruhm dieses „Pranks“. Alsbald ging das „Drachengame“ auch offline. Am Ende fast täglich suchten „Haider“ – „Hater“ in Verballhornung durch seinen Dialekt – Winklers Haus in einem fränkischen Weiler heim. Es kam zu Massenaufläufen. Mehr und mehr geriet Winkler nach sorgsam geplanten Provokationen in reale Konflikte. Nun soll er wegen Körperverletzung in Haft.

Natürlich ist es richtig, Partei für Winkler zu ergreifen und nach Gesetzen gegen Online-Mobbing zu rufen – wie Sascha Lobo jüngst bei Spiegel online. Doch ist seine Verurteilung des „faschistoiden“ Mobs noch keine Kritik des Phänomens.

In gewisser Weise ist dieses Verdikt nämlich auch bequem: gefühllose Schnösel, AfD-Spacken, die üblichen Verdächtigen? In Reaktion auf Lobos Kommentar tönt es in Teilen der Drachen-Blase doch anders: Hat nicht auch Winkler misogyne, revisionistische, menschenfeindliche Dinge gesagt? Einem Schwachen per Mobbing entlockt, gewiss. Aber klingen hier nicht Komplikationen an? Wer sagt, dass eine Mauer steht zwischen den „Haidern“ und etwa Fridays for Future?

Kritik ist nicht bloß ein Abpacken und Wegschieben. Sondern das Begreifen, wie es zum Sachverhalt kam. Und sollte dieser nicht in Schmuddelecken, sondern in der Mitte gewachsen sein, hilft hier Peter Sloterdijk. Zynismus, schreibt er, ist ein Bewusstsein, das „seine Aufklärung gelernt“ hat, aber nicht hat „vollziehen können“. Er nutzt die Mittel des alten Kynismus, der die Mächte verspottet und niedermacht, nur in verbogener Richtung.

Klares Opfer, unklare Schuld

Das „Drachengame“ hat nun ein klares Opfer, aber wer ist konkret für die Taten verantwortlich? Es ist eine böse Seifenoper, die sich selbst schreibt. Die netzförmige Demütigung eines Einzelnen versinnbildlicht ein allseits gedemütigtes Leben. Eine Gesellschaft, die so zynisch wirkt, dass die Frage „Wer bist du?“ mit einer Berufsbezeichnung beantwortet wird. Eine Ordnung, die immer wieder und immer mehr dazu verleitet, sich wegen suboptimaler Begierden und Gewohnheiten niederzumachen, bis wir unsere eigenen Lolcows sind. Auch hier gibt es bestimmte Opfer, nämlich uns alle. Aber wer ist ursächlich schuld?

Am Ende führt das zu der Frage nach jenem Raubtier, das plötzlich in der Herde wütet: Was tun? Äsop hilft hier nicht viel weiter, aber die andere einschlägige Fabel. In Peter und der Wolf will der Großvater das gefangene Biest erschießen, doch der Enkel setzt sich durch: Meister Isegrim kommt in den Zoo, sodass ihn alle ganz genau studieren können. So sollten wir es auch in diesem Fall halten.

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06:00 07.11.2021

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