Gedenken in Berlin: Tage der Entflaggung

Sieg und Befreiung Die Feiern in Berlin zum Sieg der Sowjetunion über die Nazis fallen dieses Jahr merkwürdig entseelt aus. Ein Mann aus St. Petersburg und einer aus Tallinn diskutieren
„Du willst Flaggen? Da vorne an der Straße hängen an einem Haus gleich fünf ukrainische Flaggen!“
„Du willst Flaggen? Da vorne an der Straße hängen an einem Haus gleich fünf ukrainische Flaggen!“

Foto: Bianca Otero/Zuma Press/dpa

Es sagt einiges über Gedenktage aus, wenn zuerst darüber gesprochen werden sollte, was es alles nicht gegeben hat. Gehaltvolle Reden von Politikerinnen etwa. Würdevolle Gesten von Würdenträgern. Und Flaggen, vor allem Flaggen gab es kaum welche, auch keine Wimpel oder Fähnchen, jedenfalls nicht dort, wo sie sonst gewesen wären. Berlin hat am 8. und 9. Mai zwei seltsame Tage verlebt. Weder der Tag der Befreiung noch der Tag des Sieges fühlten sich an wie sonst. Nichts an ihnen war befreiend, gewonnen hat gar keiner.

Am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin geraten in den Morgenstunden des 9. Mai zwei Männer auf Russisch aneinander. Beide sind um die 30, der eine hat Locken, der andere einen Kurzhaarschnitt.

Kurzhaar: „Wieso hast du gerade ,Schande‘ gerufen?“

Lockenkopf: „Weil es eine Schande ist, was die Russen in der Ukraine veranstalten.“

Kurzhaar: „Aber heute geht es um die Veteranen.“

Lockenkopf: „Mir geht es um Butscha und Mariupol.“

Kurzhaar: „Nur dank der Veteranen bist du überhaupt frei, kannst hier stehen und rumbrüllen.“

Lockenkopf: „Ich darf hier nicht einmal die ukrainische Flagge hissen.“

Kurzhaar: „Du willst Flaggen? Da vorne an der Straße hängen an einem Haus gleich fünf ukrainische Flaggen!“

Lockenkopf: „Und hier feiern Leute wie du den Krieg in der Ukraine.“

Kurzhaar: „Ich bin gegen diesen Krieg!“

Lockenkopf: „Da sind wir uns ja einig.“

Kurzhaar: „Natürlich! Aber wir müssen auch darüber reden, was die Amerikaner im Irak und in Afghanistan veranstaltet haben.“

Lockenkopf: „Mir geht es heute aber um die Ukraine!“

Kurzhaar: „Ich bin gegen den Krieg in der Ukraine!“

Lockenkopf: „Wenn du es sagst.“

Kurzhaar: „Aber es ist falsch, dass der Westen da immer mehr Waffen reinpumpt.“

Lockenkopf: „Die Ukrainer müssen sich doch verteidigen.“

Kurzhaar: „Wenn es brennt, kippst du dann noch mehr Benzin drauf oder versuchst du, zu löschen?“

Lockenkopf: „Manchmal muss ein Feuer erst ausbrennen. Wer hat denn diesen Krieg angefangen?“

Wie sie da stehen und streiten, laufen an den beiden der russische Botschafter und mehrere orthodoxe Priester vorbei. Die Gedenkstätte füllt sich mit Menschen, die alle so wirken, als wollten sie gerne etwas sagen, aber nicht so recht wüssten, wie. Lockenkopf stammt aus St. Petersburg, Kurzhaar aus Tallinn. Ihre Geburtsstädte trennen nur einige Autostunden – die beiden selbst trennen Welten.

Ist es Zufall, dass die Tage des Weltkriegsgedenkens in Berlin so geworden sind wie die Fernsehansprache von Olaf Scholz am 8. Mai: eine Leerstelle? Der Kanzler hat kühl gesprochen, deutsche Sicherheitsinteressen verteidigt. Der Senat hat irgendwie das Gleiche für Berlin getan, ein Flaggenverbot für 15 ausgewählte Orte verhängt, über 50 angemeldete Demos verwaltet. Er hat verhindert, dass es zu größeren Auseinandersetzungen kommt. Es sind die Zeiten kleinster gemeinsamer Nenner in Deutschland. Man einigt sich höchstens auf das, was nicht gesagt, geschwenkt und getan werden soll.

Der Berliner Senat wollte der aufgeregten Welt ein stilles Gedenken entgegensetzen. Manchmal aber ist erzwungene Stille so laut, dass sie jedes vernünftige Gedenken verhindert. Ein großes Friedenskonzert, eine stadtweite Demo, eine mitreißende Rede: Es hätte vieles gegeben, was besser gewesen wäre, weil alles besser gewesen wäre. So aber reiht sich dieser Tag ein in eine unschöne Berliner Tradition mutloser Unzuständigkeit.

Am Morgen des 8. Mai steht Jörg Morré vor dem Museum in Berlin-Karlshorst. Morré trägt Anzug und ein verbindliches Lächeln, das dem geneigten Besucher zeigt, dass er bereit ist zu erläutern, in der Sache aber hart bleiben wird. Bis vor Kurzem war Morré noch Leiter des deutsch-russischen Museums Berlin-Karlshorst, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat das Haus seinen Namen geändert. „Formell hießen wir schon zuvor Museum Berlin-Karlshorst“, erklärt Morré. So gesehen habe das Museum quasi nur seinen Künstlernamen abgelegt. Aber kleinreden will Morré die Angelegenheit auch nicht. „Der Krieg hat uns vollkommen schockiert. Wir wollten ein Zeichen setzen.“

Während hinter Morré einige Menschen den würfelförmigen Bau betreten, in dem 1945 die deutsche Kapitulation besiegelt wurde, erklärt er, dass an der Dauerausstellung nichts verändert worden sei. Er sagt das im Gespräch später noch mal, es scheint ihm besonders wichtig. Sein Haus will nicht die Historie umschreiben, sondern nur auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. „Erst bekamen wir für die Umbenennung viel Lob, zuletzt auch einige Kritik“, erklärt Morré. Eine Rückkehr zum alten Namen mit dem Russland-Bezug sei aber nicht geplant, selbst wenn in der Ukraine morgen Frieden herrschen würde. Morré sagt: „Hier ist wirklich etwas zu Ende gegangen.“

Später an diesem Tag kommt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk zum Sowjetischen Ehrenmal in den Tiergarten. Während der Mann, der die deutsche Politik seit Wochen am Nasenring durch die Arena zieht, Blumen niederlegt, skandieren einige Demonstranten „Melnyk raus!“. Eine pro-ukrainische Gruppe hält lautstark dagegen, Butscha und Mariupol hallen über die Straße des 17. Juni. Eine große ukrainische Flagge wird ausgerollt und von Polizisten gleich kassiert.

Nie wieder! Oder: Powtorim!

Am 9. Mai zieht der „Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug“ über dieselbe Straße. Menschen tragen Fotos ihrer im Zweiten Weltkrieg gefallenen Ahnen, rufen „Spasibo dedu za pobedu!“ – „Danke Opa für den Sieg“. Diese aus Moskau bekannte Parade läuft organisiert und friedlich ab, aber weil das einigen nicht reicht, geht eine Frau durch die Menge und bedeutet den Menschen, sich in Fünferreihen zu formieren, als seien sie eine römische Legion. Es bleibt leise, so richtig laut will niemand die Lieder anstimmen, selbst die Katjuscha, sonst gesungene Allzweckwaffe, liebliche Bauernjungfer und mörderische Stalinorgel zugleich, bleibt den meisten im Halse stecken. Es wäre interessant zu erfahren, was Iwan Arkadjewitsch Kowalchenko, Sergej Alekseewitsch Manaew, Efim Iwanowitsch Oblomow und all die anderen Rotarmisten von diesem Aufzug halten würden, die im Krieg umgebracht worden sind und nun mit ihren Namen und Gesichtern für eine Erinnerungskultur herhalten müssen, deren Maxime schon lange nicht mehr „Nie wieder!“ heißt, sondern: „Powtorim!“ – Wiederholen wir es!

Um den Aufzug herum kreisen Menschen mit Kameras. Einer von ihnen ist Nikolai Nerling, ein Videoblogger und Holocaustleugner, der sich selbst „Volkslehrer“ nennt. In seinem braunen Anzug und mit einer weißen Armbinde, auf der „Presse“ steht, filmt er so lange ungefragt Menschen, bis er glaubt, von einer Frau unverschämterweise gezielt fotografiert worden zu sein. Nerling nimmt die Verfolgung auf, bedrängt die Frau, beschuldigt sie, ihn fotografiert zu haben. Sie geht weg, ihr Begleiter fordert Nerling auf, sich zu entfernen, der kommt stattdessen näher, verfolgt die beiden. Es wäre interessant zu erfahren, was Iwan Arkadjewitsch Kowalchenko, Sergej Alekseewitsch Manaew und Efim Iwanowitsch Oblomow zu diesem Clown im braunen Anzug eingefallen wäre.

Als der Gedächtniszug vor dem Ehrenmal ankommt, warten dort einige pro-ukrainische Aktivisten, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind. Es kommt zu einigen Handgreiflichkeiten, Beteiligte werden abgeführt, alles halb so wild. Später am Tag kommen noch die Nachtwölfe nach Berlin, die russisch-nationalen Rocker, deren Ankunft lange angekündigt worden ist. Sie rollen in kleiner Formation an, legen Blumen nieder. Der Krieg in der Ukraine geht auch an diesem Tag weiter.

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