Gedenken in der Zeit

Erinnern nach Auschwitz Nicht um die richtige Deutung streiten, sondern die Heterogenität der Vergangenheitsbilder verstehen lernen

In Montaignes Essay Von den Büchern heißt es über das Verhältnis von Gelehrsamkeit und Unwissenheit sinngemäß, dass man in der Beschäftigung mit einem Thema weniger den Gegenstand, als vielmehr sich selbst zu erkennen vermöge. Unser heutiges Verhältnis zum Vernichtungslager Auschwitz ist von Büchern bestimmt. Es birgt nach wie vor und auch sechs Jahrzehnte nach seiner Befreiung durch die Rote Armee Elemente von Gelehrsamkeit und Unwissenheit. Und es zeigt stets mehr über uns Erinnernde als wir uns klar machen. Auschwitz wurde seinerzeit gedacht, gewollt, geplant, gebaut und betrieben. Es wurde erduldet, erlitten und nur in den seltensten Fällen überlebt. Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz-Birkenau sind Orte auf einer Landkarte, deren Maßstab nicht allein von der Folgegesellschaft des Nationalsozialismus bestimmt werden kann. Und Auschwitz kerbt sich als mentale Zäsur des "Zivilisationsbruchs" (Dan Diner) nicht nur in die Kartographie des Raumes, sondern auch in das temporale Paradigma unseres Geschichtsverständnisses ein.

Gestaltwandel der Erinnerung

Die Vergangenheitsbezüge zeitgenössischer Erinnerungskultur werden aber immer häufiger kritisiert. Mitunter wirkt diese Kritik jedoch wohlfeil und scheint sich nicht selten auf die disparaten Seiten überschießender oder als negativ empfundener Formen des Gedächtnisses zu beschränken. So aber kommt ein Bewusstsein abhanden, was es eigentlich heißen könnte, Erinnerungskultur zu verstehen - und das eben paradoxerweise nicht aufgrund von zu wenig sondern aufgrund von zu viel Gedächtnisdiskursen.

In den meisten Fällen thematisiert unser Verhältnis zu vergangenen Ereignissen das gemeinsame Grundproblem einer Gesellschaft, die sich entscheiden muss, was an vergangenen Ereignisse erinnerungswürdig ist, wie der eingeforderte oder abgewiesene Anspruch auf Gegenwartsbedeutung begründet werden kann und in welchen Formen dies jeweils angemessen ist. Dabei wird deutlich, dass ein Charakteristikum von Erinnerungskultur gerade in den selbst gewählten Bezugnahmen auf Vergleichen besteht: Vergleiche zwischen Gestern und Heute, zwischen "uns" und "anderen" und zwischen wichtig und lässlich. Das Spezifische des Phänomens zeigt sich auch dort besonders deutlich, wo wir es mit verschiedenen Varianten von paralleler historischer Erinnerung zu tun haben - also in Gegengedächtnissen und in den verschiedenen Formen des Erinnerungskampfes. Und die Besonderheit des Gedenkens ist nicht zuletzt auch dort unmittelbar einsichtig, wo es sich um eingeklagte oder kritisierte Konjunkturen der Erinnerung handelt - eine gerade mit Gedenktagen verbundene Frage, die eine gegenwärtige Gesellschaft nicht nur in das Gespräch mit der Vergangenheit bringt, sondern vornehmlich in eine Auseinandersetzung über sich selbst.

So wäre demnach in einer umgekehrten Definition auf der Grundlage dieser drei Paradigmen des Eingedenkens festzuhalten, dass Erinnerungskultur weniger einen Gegenstand umfasst, als vielmehr ein Verhältnis. Sie ist nicht allein auf Inhalte bezogen, sondern ist zunächst einmal ein Phänomen der "zweiten Ebene", eine Form gewordene Beziehung zu Vergangenheit, zur Tradition und zum vorgefundenen historischem Erbe. Und immer ist sie zugleich auch die Kritik an diesen Formen. Es kann sich dabei sowohl um Geschichte als Waffe handeln als auch um Gestaltetes Gedenken, um zwei jüngere Buchtitel von Edgar Wolfrum und Matthias Hass zu zitieren. Ob es sich um eine steinerne Gedenktafel handelt, die den Vorübereilenden an den kurzen Aufenthalt eines berühmten oder vergessenen Menschen erinnert oder um die Verfilmung von 50 Jahre zuvor verfassten Memoiren, um die Jahresfeierlichkeiten an die literarische Klassik vor 200 Jahren oder um eine Neuerscheinung auf dem um Aufmerksamkeit kämpfenden Buchmarkt, um eine Ausstellung oder um den Umgang mit architektonischen Überresten, um die Namensgebung einer Straße oder eines Platzes oder aber um die Musealisierung von Fotografien - stets gehen den so Artefakt gewordenen Repräsentationen von Vergangenheit konkrete Bemühungen um Erhalt oder Bewahrung von Erinnerungen an Ereignisse, Personen oder Gebäuden voraus beziehungsweise Interventionen, wenn das Vergessen oder der Verlust von Erinnerungsresten zum Innehalten mahnt.

Schillers Büste

So ist es ein Phänomen der Erinnerungskultur und deswegen eigener Aufmerksamkeit wert, wenn wir Schiller im Jahre 2005 als weltentrückte Dannecker-Marmor-Büste des Stein gewordenen Idealismus vor uns sehen, und die repetitive Abbildung dieser ikonographischen Vergegenwärtigung des 18. durch das 19. verändert auch den Schiller des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um Verschiebungen der Erinnerungskultur, wenn wir uns kurz nach dem Ende des 20. Jahrhunderts für Bücher interessieren, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurden und bis dato keiner Erwähnung wert befunden worden waren. So bei den Erinnerungen des Komponisten, Pianisten und Schriftstellers Wladyslaw Szpilman, denen beim Erscheinen im Jahre 1946 über Jahrzehnte hinweg weder im kommunistischen Polen, noch im Westen ein erwähnenswertes Interesse zuteil wurde. Und es sagt etwas über uns und unseren vergangenheitspolitischen status quo, wenn wir den Fokus der Erinnerung an Auschwitz in diesem Jahr vor allem über den Skandal der NPD-Fraktion im sächsischen Landtag vorgegeben bekommen und uns ihre auf Dresden bezogene Vokabel vom "Bomben-Holocaust" sozusagen als Beweis zu dienen hat, dass das Eingedenken sinnvoll ist.

Zeitgeschichte, Streitgeschichte

Erinnerungskultur umfasst also nicht nur Texte, sondern auch Marmor und Inschriftentafeln, Zelluloid und Ferseh-Features, Symbole und Begriffe. Und deutlich wird auch, dass die derzeit publizierten Artikel über den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz nicht bloß "Bericht" sind, sondern selbst einen Teil dieses Geflechts von unterschiedlichsten Formen historischer Selbstverständigung und Selbstthematisierung darstellen. Geschichts- und Erinnerungskultur - so hat dies der Historiker Jörn Rüsen einmal zusammengefasst - bezeichnet einen Zusammenhang von Wissenschaft, Kunst und Politik - inklusive der mit allen drei Bereichen jeweils unterschiedlich motivierten Faszination und Interessenlage und deshalb auch mit allen damit zusammenhängenden Konflikten gegenseitiger Korrekturen und Widersprüche. Erinnerungskultur ist nicht nur das Ergebnis davon, "wie Geschichte gemacht ist", sondern sie ist in gewisser Hinsicht gerade als "Streitgeschichte" und in den vielen Kontroversen um Vergangenheitsdeutungen bei sich selbst, denn sie umfasst nicht nur das Erinnerte als solches, sondern auch den Konflikt des Aushandelns jeweiliger Relevanz und Legitimität. Sie findet immer statt - auch wenn man sich ihr zu verweigern versucht, denn auch in diesem Fall werden Entscheidungen im Umgang mit Vergangenheit gefällt, die das Ereignis in der jeweiligen Gegenwart einfärben und mit einem Interessen-Vektor versehen. Und sie findet überall statt, insofern unterscheiden sich unter diesem Gesichtspunkt Schule und Denkmalspflege, Museen und Fachwissenschaft, Film und Zeitung nicht kategorial voneinander, sondern lediglich in den ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Formen und Sprachen.

Von Erinnerungskultur ist also in allen Fällen zu sprechen, in denen sich das jeweilige Verhältnis einer Gegenwart zu der von ihr als bedeutungsvoll eingeschätzten Vergangenheit im Modus der Belehrung, Bewahrung, Aufklärung oder Unterhaltung versichert. Zu diesen Modi gehören Kritik und Antikritik stets zusammen, und es handelt sich natürlich nicht allein um Versuche des Erhalts, sondern immer auch um deren Gegenteil, also um das Bemühen, bestimmten Erinnerungen die Legitimation abzusprechen oder deren Status einzuschränken. Insofern ist Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein zwar nicht dasselbe, aber nicht ohne einander denkbar. Eine Definition, an die im Zusammenhang mit dem allgemeinen Unwohlsein über das vermeintliche "Zuviel" von Erinnerung anzuknüpfen wäre, lautet deshalb, dass das Phänomen von Erinnerungskultur im weitesten Sinne den wahrnehmend-lernenden, deutenden, orientierenden und zwecksetzenden Umgang mit vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Zeit darstellt und gar nicht dispensiert werden kann.

"Thorheit" und "Weisheit"

Die Dynamik dieses Zusammenhangs wird dadurch evident, dass "Zeit" hier immer kulturell gedeutete Zeit ist und jeweils verschiedene Qualitäten annimmt, je nachdem, wie sie in erinnerungskulturellen Zusammenhängen zur Geltung kommt. Sie kann Abbildung von Wahrnehmung, anders gesagt: "Erfahrung" sein - und ist so in ihrem Charakter als "Inhalt" individuell unangreifbar. Sie kann aber auch Argument sein, nämlich als Hervorbringung bestimmter komplexer oder einfacher Deutungsleistungen. Zeit kann erinnerungskulturell mithin auch zur Struktur selbst werden, dann nämlich, wenn sie selbst zur Orientierungsgröße geworden ist, nach der eine Zeitspanne oder Epoche entweder vorbildhaft oder aber als Warnung vorgestellt wird. Und nicht zuletzt kann sich daraus auch der normative Charakter von Zeit ableiten lassen, nach dem wir erinnern, um für ein andermal Lehren bereit zu haben.

Aleida Assmann, die grundlegende Arbeiten zu Formen und Funktionen des kulturellen Gedächtnisses vorgelegt hat, hat vor einigen Jahren die besondere gegenwärtige deutsche Situation der Erinnerungskultur beschrieben, die durch die so genannte "doppelte Vergangenheit" von Nationalsozialismus und DDR-Kommunismus durch kollektive Verantwortung für emblematisch gewordene Verbrechen und durch eine besondere Zweigeteiltheit von Erinnerung geprägt ist. Ihre Einsicht - sie ist auch nach anderthalb Jahrzehnten der staatlichen Einheit keineswegs überholt -, dass wir als Deutsche am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts vor diesem Hintergrund unsere eigene, erinnerungskulturelle Situation nur mit einem Paradox beschreiben können, führt zu einer ganz eigenen, selbst nicht anders als historisch zu verstehenden Besonderheit: "Wir haben nicht die Wahl, diese Erinnerung auszuschlagen, und müssen uns doch frei für sie entscheiden."

Dieses Feld umfasst Friedrich Schiller ebenso wie Auschwitz. Mit dem Klassiker im Jahr des Gedenkens an den 200. Jahrestag seines Todes zu sprechen, "die ganze moralische Welt" und "alle abwechselnde Gestalten der Meinung". Es umfasst "Thorheit" und "Weisheit", oder aber in heutigen Worten: Primärerfahrung und Wissenschaft, individuelles Erinnerung und kollektives Gedächtnis, Gruppen-Erinnerung und die in ihr nicht enthaltene "Gegenerinnerung". Und da sie eben am besten durch die hieraus entstehenden Konflikte charakterisierbar ist, kann die mit Schillers 1789 gehaltener Antrittsrede "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" aufgeworfene Frage, was es denn heute heißen könne, Probleme der Erinnerungskultur zu studieren, mit einem Plädoyer beantwortet werden. Das Plädoyer lautet, diesen Konflikten nicht auszuweichen und sie stattdessen als Zugang und als Methode einer gegenwärtigen kritischen Selbstreflexion zu verstehen. Ziel einer solchen Methode ist nicht, im Streit um verschiedene Wertungen von Vergangenheit "Recht zu behalten", sondern die Heterogenität unserer Vergangenheitsbilder selbst zu verstehen. Erinnerungskultur bezeichnet somit weniger einen Gegenstand als vielmehr ein Verfahren, mit der wir uns zu verschiedenen Zeiten den Problemen der Vergangenheitsrepräsentation stellen.

Dr. Nicolas Berg ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. Sein 2003 erschienenes Buch Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung hat eine breite und internationale Diskussion über das Verhältnis von persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung ausgelöst und liegt inzwischen in der dritten Auflage vor.


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00:00 28.01.2005

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