Gedichtbaum so blau

Musik der Sprache Das Festival "Poesie International" in Dornbirn

Tarek Eltayeb wurde als Sohn sudanesischer Eltern in Kairo geboren. Seit zwanzig Jahren lebt er in Wien. Chiellino Gino Carmine stammt aus Kalabrien und lebt seit 1970 in Deutschland. Ilma Rakusa wurde als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Slowakei geboren und lebt nach Kindheitsjahren in Budapest, Ljubljana und Triest in der Schweiz.

Von wo jemand stammt, ist nach den Worten des für das Programm verantwortlichen Franz-Paul Hammling in unserer Zeit immer schwerer zu beantworten. Und so bekommt der Name "Poesie International" für jenes Festival, das bereits zum sechsten Mal in Dornbirn stattfand, einen weiteren Sinn. Nicht nur sind aus aller Welt Dichter angereist, um hier ihre Arbeit vorzustellen - viele von ihnen repräsentieren bereits als Individuum eine Internationalität, die sie zwang, ihre Sprache zu wechseln, sich in andere Kulturen einzuleben, neue Erfahrungen zu machen. Aus den sich daraus ergebenden Reibungen, aus dem "doppelten Blick" des Migranten oder des Exilierten erblüht eine Poesie, die eine Konzeption der Nationalliteraturen in Frage stellt, diese jedenfalls bereichert und verändert.

Vorarlberg ist jenes westlichste Bundesland Österreichs, wo man so konservativ ist, dass man keine Frau in der Politik sehen möchte, wo aber Benita Ferrero-Waldner bei der Bundespräsidentenwahl dennoch einen höheren Stimmenanteil erringen konnte als im übrigen Österreich, weil ein Weib an der Spitze der Republik immer noch erträglicher erscheint als ein Roter. Gerade hier, in der gescholtenen "Provinz", leistet ein erstaunliches Kulturleben Widerstand. Dazu gehört der Spielboden in Dornbirn, dazu gehört das dort stattfindende weltoffene Poesiefestival.

Zu Beginn hielt die Waliserin Mererid Hopwood einen temperamentvollen Vortrag, dessen Charme man sich nicht entziehen konnte, der aber auf die ebenso zutreffende wie bekannte Tatsache hinauslief, dass Gedichte nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie Mitteilungen sind, sondern klangliche, metrische und rhythmische Gebilde. Weil das so ist, schafft es ein durchaus ästhetisches Vergnügen, wenn Dichter in Sprachen vortragen, die man nicht versteht. Poesie lässt sich aufnehmen wie Musik. Dass das nicht alles sein kann, ist klar. Aber ist es weniger als eine Rezeption, die nur den unmittelbaren, den nacherzählbaren Sinn von Gedichten wahrnimmt und nicht deren Musik?

Musik: offenbar enthalten Mundarten mehr davon als die Hochsprache. Die alemannischen Gedichte von Markus Manfred Jung, der in Lörrach aufgewachsen ist, zeichnen sich durch eine Mischung von Witz und Sensibilität, vor allem aber durch ihren Klang aus, der beim mündlichen Vortrag erst voll zur Geltung gelangt. Mit ihren Anspielungen auf den Schutzpatron alemannischer Dichtung, auf Johann Peter Hebel, oder auch auf Hölderlin belegen sie aber auch einen für viele heutige Lyriker charakteristischen Zug: das Übermaß an literarischer Bildung, die Vorliebe für Zitate und Kontrafakturen.

Ein gesteigertes Formbewusstsein als Alternative zur weithin beobachtbaren Auflösung der Form zugunsten von Erzähltexten mit Zeilenbruch bewiesen vor allem Ilma Rakusa mit hochartifiziellen Langgedichten, Arne Rautenberg mit seinen symmetrischen Gedichten, in denen Syntagmen nach dem Prinzip des Palindroms so angeordnet sind, dass sie von vorn und von hinten gelesen werden können, und am radikalsten Ulrike Draesner, die sich bei ihrem Vortrag von der Flöte und der Stimme Thomas Kumlehns begleiten ließ, nicht im Sinne einer Vertonung, sondern im Dialog von Text und Musik.

Von hier war es nicht weit zur aktuellen oder auch nur modischen Slam Poetry. Die arbeitet, wie sie in Dornbirn repräsentiert war, zum Teil mit der Komik der bunten Abende auf Schulschikursen. Nichts scheint anstrengender zu sein als demonstrative Lustigkeit. Der interessanteste unter den Slammern, der aus Vietnam stammende kambodschanisch-afrikanische Amerikaner Ben Porter Lewis, machte wiederum deutlich, wie viel Slam der Beat Poetry, ja noch Majakovskij zu verdanken hat, dass er also so neu nicht ist. Ginsberg, Ferlinghetti oder Corso, gefiltert durch Hip Hop: so ungefähr.

Aufregend dagegen das Wiener Duo onophon, das in äußerster Präzision Verfahren der Minimal Music auf die Sprache überträgt. Repetition, Verschiebungen, Permutationen - hier findet eine Synthese statt aus Steve Reich, Phil Glass, Terry Riley und Ernst Jandl oder Gerhard Rühm mit einheimischen Überlieferungen, die so ähnlich lauten wie: "Drunt´ in der grean´ Au steht a Birnbaum bleahblau, bleahblau..."


00:00 07.05.2004

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