Geduld des Kaffeehauses

Allen Prognosen zum Trotz Der Aufstand der »arabischen Straße« während des Irak-Krieges blieb aus

In der altehrwürdigen Kairoer Al-Azhar-Moschee - einer der einflussreichsten Institutionen in Ägypten und der islamischen Welt überhaupt - endet das Freitagsgebet an diesem 25. April bereits nach 25 Minuten. Eigentlich dauert es inklusive Ansprache mindestens doppelt so lange, aber seit den teils gewalttätigen Antikriegsprotesten vom 21. März, die hier ihren Ausgang nahmen, läuft ein verordnetes Notprogramm.

Plötzlich jedoch, als die Gläubigen die Moschee verlassen, beginnt ein Mann um die 40, eine Kampfesrede zu halten. »Nieder mit den Amerikanern!« Flugblätter wirbeln durch die Luft, etwa hundert Gläubige drängen sich um den Redner, der immer wieder von Allahu-akbar-Sprechchören unterbrochen wird oder von Rufen wie »Bush ist der Feind Gottes!« Nach einigen Minuten verlieren die ersten Zuhörer das Interesse und schleichen davon. Langsam löst sich die Menge auf. Schließlich schreibt der einsame Vorsänger des Aufruhrs noch seine Handy-Nummer auf Zettel, die ihm aus der Menge gereicht werden, und wirkt dabei wie ein Popstar, der Autogramme gibt. Dann verschwindet Omar Azzam, Mitglied der islamistischen Hizb al-´Amal, der Partei der Arbeit, in der Moschee.

Während des Irak-Krieges hat es genau drei Demonstrationen in Kairo gegeben, daran nahmen nicht einmal 0,3 Prozent der Einwohner teil, nur einige Zehntausend. Wohl gerieten brennende Feuerwehrwagen und Polizeiketten in die internationalen News, aber die eigentliche Nachricht hätte lauten müssen: Auf Kairos Straßen bleibt der Volkszorn weitgehend aus. Wo er sich entwickelte, verharrte er am Fernsehapparat, entfacht durch Bilder getöteter irakischer Zivilisten. Fazit: Die oft beschworene »arabische Straße« glich in Ägypten eher einem »arabischen Sofa«.

»Es war niemand da, der die Menschen wirklich hätte mobilisieren können«, sagt Hossam el-Hamalawy, Journalist und Politikwissenschaftler. Außerdem verbiete der seit 22 Jahren gültige Ausnahmezustand jede Demonstration. Wer es dennoch versuchte, sah sich von Polizeikordons umstellt. Die Einsatzkräfte verhafteten willkürlich jeden zufälligen Passanten, obwohl die Wasserwerfer blau gefärbtes Wasser versprühten, um Demonstranten zu kennzeichnen. Trotz dieser Repressionen: Kairo blieb nicht aus Angst, sondern aus Apathie zu Hause.

Jeder zweite Ägypter ist heute unter 20 Jahre alt. Währenddessen bringen es die Führungsriegen der drei wichtigsten, aber schwachen Oppositionsparteien - die bürgerliche Wafd, die linke Tagammu sowie die Nasseristen - auf ein Durchschnittsalter von 75, sie sind dreimal älter als die Hälfte der Ägypter, die sie zu vertreten vorgeben. Solange das so bleibt, braucht die alles dominierende Nationaldemokratische Partei des Präsidenten Hosni Mubarak nichts zu befürchten. Hisham Seif, ein Postkartenhändler aus dem Armenviertel Boulaq Al-Dakrur, hält die Oppositionskräfte ohnehin nur für eine dürftige Kopie der Regierungspartei. »Mubarak redet immer davon, dass vor allem die jungen Menschen die Gelegenheit zur Entfaltung erhalten sollen. Dann sehe ich, dass sein Sohn Gamal in oberste Positionen aufsteigt und wahrscheinlich sein Nachfolger wird. Ist das die Jugend, die der Präsident meint?«

Vor zehn Jahren war Hisham Seif noch bei den Akhwn al-Muslim aktiv, den Muslimbrüdern, die damals fast in jeder Moschee seines Viertels auftauchten und Schriften verteilten. Die Bruderschaft, offiziell verboten, aber geduldet, bildet noch immer die am besten organisierte Oppositionskraft. Ihre Strategie des gewaltfreien Marsches durch Institutionen und Berufsverbände lässt sie allerdings inzwischen für viele zu angepasst erscheinen.

Während des Irak-Krieges veranstalteten die Muslimbrüder in einer Art Sicherheitspartnerschaft mit der Regierungspartei einen gemeinsamen Protestzug mit etwa 20.000 Teilnehmern. Ägypten ist weltweit einer der größten Empfänger von Wirtschafts- und Militärhilfe aus den USA. Und kaum jemand im Lande nimmt Präsident Mubarak deshalb ab, dass er sich je gegen diesen Krieg stark machen wollte.

So legen sich die Gefühle des Versagens und der Ohnmacht wie Blei auf die Gemüter. In Hisham Seifs Stammkaffeehaus an der Ecke läuft das Fernsehprogramm Mazzika, ein arabischer Musikkanal mit westlichen und eigenen Popvideos. Am unteren Rand des Monitors läuft ununterbrochen eine Zeile mit SMS-Botschaften, die von Zuschauern an ihre Geliebten gerichtet sind. Buchstaben, die nur im arabischen Alphabet vorkommen, werden mit Zahlen ins globalisierte lateinische Schriftbild transformiert, so erscheint: »Inti nur el-3ini 7abibtak Amr« und heißt - »Du bist mein Augenlicht, dein Liebling Amr«.

Der überraschende Widerstand der Iraker gegen die Invasoren in den ersten beiden Wochen wurde im Kaffeehaus mit Euphorie und Bewunderung aufgenommen. Dann starrten die Leute zwei Tage lang wie hypnotisiert auf GI´s, die durch Saddams Paläste und Boudoirs streiften. Hisham zeigt auf einen Tisch in der Ecke: »Da drüben sitzt Amm Yussif (Onkel Yussif). Er hat immer gegen Saddam gewettert, aber als er sah, wie dessen Statue in Bagdad mit Hilfe der Amerikaner gestürzt wurde, stand er auf und schaltete den Fernseher aus. Diese Schmach ertrug er nicht.« - In den ersten Kriegstagen hatten sich spontan knapp 10.000 freiwillige Dschihadis bei der Juristenvereinigung in Kairo gemeldet, um sich Visa für den Irak besorgen zu lassen. Sie füllten Papiere aus und warteten. Keiner hat Ägypten je verlassen.

Khaled Sharif glaubt, das Gefühl, der Politik völlig entfremdet zu sein, könnte eine Minderheit junger Leute wieder radikalisieren. Im Feisal-Viertel - zwischen Investruinen und himmelblau angestrichenen Wohnbauten für die untere Mittelschicht - betreibt der 38-Jährige eine kleine Agentur, direkt neben einer Konditorei. Im Büro bearbeitet sein Mitarbeiter gerade ein Foto von Ariel Sharon am Computer. Khaled Sharif beliefert die Website eines saudischen Sheikhs mit Text- und Bildmaterial. In den achtziger Jahren war er Mitglied der Extremistengruppe Gama´at al-Islamiya, die 1997 für den Anschlag auf Touristen in Luxor verantwortlich zeichnete. »Die Gama´at-Führer sitzen heute im Gefängnis, und die Bewegung hat kaum noch Einfluss. Außerdem lehnen derzeit fast alle Ägypter, auch die meisten Radikalen, Anschläge gegen Touristen ab. Die wahren Feinde sind Amerika und Israel«, sagt Khaled.

Möglicherweise, glaubt er, würden neue Zellen zorniger Aktivisten entstehen, kleiner und informeller als zuvor, vorzugsweise an Universitäten und Moscheen. Eine Demokratie wäre vielleicht in der Lage, sie einzubinden, aber die gibt es nicht in Ägypten oder sonst wo unter den Nachbarn. Insofern könnte die Leere der »arabischen Straße« während des Irak-Krieges auch ein denkbar schlechtes Omen gewesen sein.

00:00 02.05.2003

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