Gefährliche Partner

Nordallianz Ihre Machtkämpfe zerstörten einst Kabul und riefen die Taleban auf den Plan. Nun soll sie diese an der Seite des Westens bekämpfen, ohne dabei allzu mächtig zu werden

In Kabul gibt es für die Air Force kaum noch lohnende Ziele. Die Stadt ist zerstört, lange schon. Kabul haben jene auf dem Gewissen, die heute als "Bodentruppe" der Anti-Terror-Allianz gehandelt werden. Zwei Jahre lang - von 1994 bis 1996 - stritten die siegreichen Mudschaheddin um die Macht in der afghanischen Hauptstadt. In Kabul selbst plünderten und metzelten die Tadschiken-Milizen von Ahmad Schah Massud, die schiitischen Kämpfer der Wahadat Islami und die Wahhabiten-Krieger des Abdolrhab-Rasul Sayyaf nieder. Von außen lag die Stadt unter dem Beschuss des Usbeken-Generals Dostum und des paschtunischen Warlords Gulbuddin Hekmatyar. Erst die Eroberung Kabuls durch die Taleban bereitet dem ein Ende - und läutete die nächste Etappe in der Leidensgeschichte der afghanischen Hauptstadt ein.

Dass diese, heute in der Nordallianz "vereinten" Rivalen nun erneut dort einmarschieren könnten, löst dort alles andere als freudige Erwartung aus. Und selbst, wenn es die Erinnerungen und die anhaltenden Machtkämpfe untereinander nicht gäbe: Allein die ethnische und religiöse Komposition der potenziellen "Befreier" schließt eine erfolgreiche Machtübernahme aus. In dem Zweckbündnis dominieren ethnische Minderheiten - Tadschiken, Usbeken, Turkmenen und mongolischstämmige Hazara. Paschtunen, die in Afghanistan 40 Prozent der Bevölkerung stellen, sind unterrepräsentiert. Relativ stark ist dagegen die Rolle religiöser Minderheiten in der Allianz, vor allem der Schiiten und Wahhabiten, der saudiarabischen Variante eines orthodox-sunnitischen Islam.

Politischer Führer der Allianz, deren Kommandeure im Norden Afghanistans fünf bis zehn Prozent des Landes kontrollieren sollen, ist Burhanuddin Rabbani. Der 1992 zum afghanischen Präsidenten gewählte Gelehrte gilt als ein Mann des Ausgleichs. Das heißt auch, er verstand es in den Jahren des Bürgerkrieges, sich - je nach Situation - mal moderat, mal radikal-islamisch zu geben. Rabbani gehört zu den Vätern des islamischen Widerstandes. 1971 gründete er - zusammen mit Hekmatyar - die Hezb-e Islami Afghanistan (Islamische Partei Afghanistans), spaltete sich acht Jahre später davon ab und rief die Jami´at-e Eslamii (Islamische Gemeinschaft) ins Leben, deren erklärtes Ziel die umfassende Islamisierung der afghanischen Gesellschaft ist.

Rabbanis militärische Stütze war - bis zu dessen Ermordung am 9. September - Ahmed Shah Massud, Kommandeur der Tadschiken-Miliz. Unter seiner Führung fand sich die Nordallianz nach der Eroberung Kabuls durch die Taleban 1996 erneut zu einem Zweckbündnis zusammen. Dessen erste Auflage wurde 1992 von Iran zwischen ihm, dem Usbeken-General Dostum sowie den schiitischen Milizen der Hazara geschmiedet und führte schließlich zum Sturz Mohammad Nadschibullahs, des letzten von den Sowjets eingesetzten Staatschefs. Als die Taleban 1996 Kabul eroberten, und Nadschibullah kurzerhand ermordeten, gelang es Massud als einzigem Führer der verfeindeten Mudschaheddin-Gruppen, seine Verbände relativ unbeschadet in den Norden des Landes zu retten und so zum militärischen Kopf der Nordallianz aufzusteigen.

Dass sein von Rabbani ernannter Nachfolger, Mohammad Fahim, eine ähnlich starke Position einnehmen kann, wird allgemein bezweifelt. Zumal diesem die guten Verbindungen nach Saudiarabien und zu den Wahhabiten des Abdolrahab-Rasul Sayyaf fehlen. Sayyaf stellte etwa 50 Prozent der Kriegskasse Massuds. Das sicherte dem eine gewissen Unabhängigkeit von Rabbani und erhöhte umgehrt das Gewicht Sayyafs in den islamistischen Kreisen der Allianz. Inhaltlich unterscheiden sich Sayyafs Positionen von denen des Präsidenten jedoch kaum.

Die Nordallianz


Jebheh-ye Mottahed-e Islami Nejat-e Afghanistan (Nationale Islamische Einheitsfront zur Befreiung Afghanistans)
Jami´at-e Eslami (Islamische Gemeinschaft)
Burhanuddin Rabbani (Tadschike, Sunnit)
Jonbesch-e Melli-ye Islami Afghanistan (Nationale Islamische Bewegung)
General Dostum (Usbeke, Sunnit)
Hezb-e Islami Afghanistan (Islamische Partei Afghanistans)
Gulbuddin Hekmatyar (Paschtune, Sunnit)
Jebheh-ye Islami Afghanistan (Islamische Front Afghanistans)
Abdolrahab-Rasul Sayyaf (Paschtune, Wahhabit)
Wahadat Islami Afghanistan (Islamische Einheit Afghanistan)
Karim Khalili (Hazara, Schi´it)
Sayyid Mohammad Akbari (Hazara, Schi´it)
Harakat-e Enqlabi Afghanistan (Revolutionäre Bewegung Afghanistans)
Ayatollah Scheich Asef Mohseini (Schi´it)

Das von Massud hinterlassene Machtvakuum hat die Nordallianz in den ersten Tagen und Wochen des Krieges handlungsunfähig erscheinen lassen. Es mangelt an Führung und Koordination der einzelnen Kommandeure, die sich eher als selbstständige Einheiten, denn als Teil eines Bündnisses begreifen. Wenn jetzt, wie gemeldet, amerikanische Militärberater im Norden Afghanistans operieren, dann ganz sicher auch mit dem Ziel, der Allianz zu mehr Geschlossenheit zu verhelfen.

Diese wird auch nötig sein, denn es mehren sich Zeichen, dass zwei andere Warlords der Allianz die Gunst der Stunde nutzen könnten: Der usbekische General Dostum und sein Gegenspieler Gulbuddin Hekmatyar. Beide stehen nahezu exemplarisch für die einzig verlässliche Konstante im afghanischen Bürgerkrieg: das Streben nach Macht und Machterhalt um nahezu jeden Preis.

Dostum kämpfte einst an der Seite der Sowjets und war nach deren Abzug ein Gefolgsmann Nadschibullahs. Im April 1992 wechselte er die Fronten und lief mit seiner 53. Afghanischen Division zu Massud über. Diese Liaison hielt jedoch keine zwei Jahre. 1994 tat sich der Usbeken-General mit Hekmatyar zusammen, der ihn zuvor leidenschaftlich als "Kommunist" und "Verräter" gebrandmarkt und bekämpft hatte. Zwei Jahre lang beschossen ihre Milizen gemeinsam Kabul, bis die Taleban dem ein Ende setzten. Hekmatyar - lange Zeit ein Günstling Pakistans und erklärter Widersacher Massuds - flüchtete daraufhin zunächst nach Iran. Auch Dostum verschwand für zwei Jahre von der afghanischen Bildfläche, er ging ins Exil nach Usbekistan und in die Türkei.

Alle Erfahrung müsste die Anti-Terror-Koalition also lehren, diese Allianz von Todfeinden nur mit ganz spitzen Fingern anzufassen. Ein Staat ist mit ihr in Afghanistan nicht zu machen. Sie dennoch als eine Art Bodentruppe einzusetzen, birgt ein hohes Risiko. Wird die Nordallianz militärisch zu mächtig, erhält sie ein politisches Gewicht, dass weder einem inner-afghanischen Ausgleich zuträglich wäre, noch den Interessen des US-Verbündeten in Islamabad entspricht. Wiederholte Vorwürfe aus den Reihen der Allianz, man könnte bei besserer amerikanischer Unterstützung längst auf dem Weg nach Kabul sein, zeugen von Selbstüberschätzung. Sie zeigen aber auch, dass sich Washington der Gefahr bewusst ist, die von dem zweifelhaften Verbündeten ausgeht.

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00:00 26.10.2001

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