Gefallene Tarnkappe

BILDSTÖRUNG Grenzen techologiegläubiger Kanonenbootpolitik

In den Geschichtsbüchern über Kosovo wird das Foto von der Frau nicht fehlen dürfen, die im serbischen Dorf Budjanovci auf dem gecrashten amerikanischen F-117 »Tarnkappen«-Kampfflugzeug tanzt. Absturzursache noch nicht ganz geklärt, aber anscheinend ein Volltreffer der jugoslawischen Flugabwehr. Die auf Radarschirmen »unsichtbare« amerikanische Wunderwaffe ist also doch verwundbar. Nach US-Presseberichten hat das Verteidigungsministerium die Fernsehbilder anfangs »kaum glauben können«. Symbolträchtiger geht's kaum: Der Krieg im Balkan (oder - auf amerikanisch - die »Krise«) zeigt die Grenzen technologiegläubiger Militärpolitik auf.

Gerade eben hatten sich der amerikanische Fernsehzuschauer an andere Bilder gewöhnt: NATO-Kampfflugzeuge starten und landen. »A new round of attack«, intonierten die Nachrichtensprecher jeden Abend. Eine neue Angriffsrunde, das klingt so, als ob der Kartenspieler im Wirtshaus noch »eine Runde« bestellt. Nachts Brände und Lichter im dunkeln, am Morgen danach zerstörte »militärische Einrichtungen«.

Ein bißchen Golfkriegsnostalgie wollte aufkommen, wo man wochenlang bei geringen »Verlusten« Einsätze geflogen war, allein die F-117 problemlos mehr als tausend. Bei der Suche nach Saddam Hussein hatten sie damals - schon am ersten Kriegs tag - als einzige US-Flugzeuge downtown Bagdad bombardiert. Da verunsichert das Foto von den Flugzeugtrümmern in Serbien. Stand die Überlegenheit der US- Technologie doch Pate bei der Heranbildung der Überheblichkeit nach dem Kalten Krieg, daß Amerika als Führungsmacht der Neuen Weltordnung zuschlägt, wenn politische Wünsche nicht anders durchgesetzt werden: Kostet ja nichts, nur ein paar 100 Millionen Dollar für Marschflugkörper, Bomben und Flugbenzin, wen kümmern schon die Langzeitfolgen? Das paßt zu Clinton, der gewöhnlich »Prinzipien« pflegt, so lange sie keine Opfer verlangen.

Keiner bombardiert so locker wie dieser Präsident. Erstmals im Juni 1993 im Irak, später Sudan, Afghanistan, die bosnischen Serben - Leichen gab es keine auf den amerikanischen Bildschirmen. Und Angriffe auf Milosevic´s Einrichtungen - nebenher noch die gleichzeitigen gegen den Irak - erscheinen fast antiseptisch.

Die Bildstörung mit dem abgeschossenen F-117 konnten die Pentagonplaner noch überwinden, der Pilot kam ja nicht zu Schaden. Das könnte aber schlimmer werden, wenn der Bombenkrieg andauert. Und gleichzeitig drängt sich eine gewaltige weitere Bildstörung ins amerikanische Bewußtsein: Die fliehenden Kosovo-Albaner mit ihren Berichten von eskalierenden Massakern.

Das ist entsetzlich und sieht nicht gut aus für die Planer des Bombenkrieges. Fernsehbilder von kurdischen Flüchtlingstrecks in den Bergen nach dem Golfkrieg hatten die Amerikaner zum Einrichten von »Sicherheitszonen« im Norden Iraks gezwungen, wie inzwischen selbst Vertreter der damaligen Bush-Regierung zugestehen. Und jetzt im Kosovo? Werden Bodentruppen geschickt, verliert die technologische Luftsuperiorität etwas von ihrer Bedeutung. Bombardiert man weiter und schickt keine Bodentruppen, und dauern die Flüchtlingsströme an, könnte nicht nur manches NATO-Flugzeug zusätzlich vom Himmel fallen, sondern die Rechtfertigung der modernen Kanonenbootpolitik crashen.

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00:00 02.04.1999

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