Gefangen im eigenen Hass

Die Absurdität des Irak-Krieges Auch der Mächtigste bleibt stets mit einem Rest Ohnmacht an einen Rest Macht des Ohnmächtigsten gefesselt

Wenn ich zur Zeit von Schulen eingeladen werde, um mit Jugendlichen der höheren Klassen, also mit 16- bis 20-Jährigen, über Krieg und Frieden zu sprechen, so freue ich mich sehr darüber, dass in diesen Jahrgängen wieder ein Verantwortungsbewusstsein mit weiterem Horizont heranreift. Kürzlich habe ich bei einer dieser Einladungen erlebt, dass auf einer großen Leuchttafel, unter der wir uns versammelt hatten, die Mahnung meines verehrten Freundes Joseph Weizenbaum zu lesen war: Jeder Einzelne müsse so handeln, als ob die Zukunft der Menschheit von ihm abhinge. Und weiter: "Alles andere ist ein Ausweichen vor der Verantwortung und selbst wieder eine enthumanisierende Kraft und bestärkt den Einzelnen in seiner Vorstellung, lediglich Figur in einem Drama zu sein, das anonyme Mächte geschrieben haben, und sich weniger als eine ganze Person anzusehen, und das ist der Anfang von Passivität und Ziellosigkeit."

Eine erhabene Wahrheit. Wie kann sie als innerer Antrieb wirksam werden? Werde ich von Schülern danach gefragt, erwähne ich manchmal eine kleine Begebenheit: Als ich mit 18 Jahren als Soldat an die Russlandfront versetzt war, konnte ich während einer kurzen Ruhestellung das Leben in einer russischen Bauernfamilie beobachten, das sich in dem einzigen Raum ihres kleinen Holzhauses abspielte. Ich war so angerührt von der Wärme und Empfindsamkeit, wie ein junges Paar mit seinen kleinen Kindern und der Großmutter umging, und wie man selbst mir entgegenkam, dass ich davon bewegt wurde und zugleich erschrak. Ich schämte mich zutiefst, zum Überfall auf diese Russen, die nicht meine Feinde waren, gezwungen worden zu sein.

Dieses Gefühl von Unerträglichkeit hat in mir viel bewirkt. Es war das Leiden an meinem, wenn auch aufgezwungenen menschlichen Versagen, zugleich die positive Entdeckung der Nähe zu Menschen, denen ich beistehen wollte, anstatt ihr Feind zu sein. Dass es mich später immer wieder zu Ausgegrenzten hinzog, um in persönlicher Nähe Spaltungen zu überwinden, ist sicher durch diese Kriegserfahrungen sehr gefördert worden. Erst sehr viel später habe ich Sätze gefunden wie den von Emmanuel Lévinas: "Dem Anderen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen - das bedeutet, nicht töten zu können".

"Selbst in den schlimmsten Zeiten im Gefängnis" - schrieb Nelson Mandela im Rückblick auf 27 Jahre Haft - "als meine Kameraden und ich an unsere Grenzen getrieben wurden, sah ich einen Schimmer von Humanität bei einem der Wärter, vielleicht nur für eine Sekunde, doch das war genug, um mich wieder sicher zu machen und mich weiterleben zu lassen. Die Güte des Menschen ist eine Flamme, die zwar versteckt, aber nicht ausgelöscht werden kann."

In dieser unmittelbaren Nähe zu seinen Unterdrückern entdeckte Mandela ein Mitgefühl mit ihnen und eine Gemeinsamkeit im Leiden. Es ging ihm auf, wie er schreibt, dass der Unterdrücker und der Unterdrückte beiderseits ihrer Menschlichkeit beraubt sind, der Unterdrücker durch seine Erniedrigung in der Gefangenschaft des Hasses und der Unterdrückte durch die entwürdigende Ohnmacht. Also mussten beide von ihrem jeweiligen Leiden befreit werden.

Längst hatten die Medien in aller Welt einen blutigen Rachekrieg nach der weißen Apartheidherrschaft in Südafrika für unvermeidlich erklärt. Da brachten Mandela und Bischof Tutu das scheinbar Unmögliche zustande. Sie wagten das einzigartige Experiment der Wahrheitskommissionen, um mit Tätern und Opfern von Angesicht zu Angesicht die von Weißen, aber auch die von Schwarzafrikanern während der Apartheid verübten Verbrechen zu verhandeln. Ein Experiment mit mancherlei Schwierigkeiten. Dennoch setzte es ein weit ausstrahlendes Zeichen. Man kann nur bedauern, dass Mandelas Weg zu keiner erkennbaren Orientierungshilfe für den Umgang etwa mit den Problemen in Israel/Palästina und im Irak geworden ist.

Warum aber ist das so? Diese Frage ist nicht weniger wichtig als jene nach den Motiven der Streiter für eine Humanisierung. Es muss erklärt werden, warum es so schwer fällt, große politische Erfolge für die Menschlichkeit, wie sie in Südafrika zu Stande kamen, fest im Bewusstsein zu verankern und daraus Grundsätze für künftiges Handels abzuleiten. Die Menschen feierten Gorbatschow für seine Initiative zur Überwindung des Kalten Krieges, und sie bewunderten Mandela für sein Versöhnungswerk. Für kurze Zeit fühlten sich Millionen mit erhoben auf ein höheres moralisches Niveau. Sie identifizierten sich mit den Triumphen, als wären es die ihrigen. Aber dann fielen sie bald wieder zurück in Skepsis und Passivität, sie rafften sich nicht auf, den eröffneten Wegen zu folgen.

Sie ließen Gorbatschow im Stich, als dieser weitsichtig erkannte, dass die angehäuften Atomwaffen einer auf Vertrauen gegründeten Friedensordnung auf ewig den Weg versperren würden. Wieder und wieder verlangte er seit 1987 fast flehentlich eine totale nukleare Abrüstung bis zum Jahr 2000. Aber die Besitzer dieser Waffen rührten sich nicht. Man applaudierte Gorbatschow, wenn er davon sprach, dass nie wieder das Gleichgewicht oder Ungleichgewicht der Waffen, vielmehr allein die Verständigung unter den Menschen, über den Frieden entscheiden dürfe. Doch man tat das bereits wie eine Selbstverständlichkeit ab. Weil die Ost-West-Spannung abgeebbt war, schien es so, als seien damit auch die atomaren Bestien für alle Zeit sicher verwahrt und unschädlich gemacht. Ich habe in jenen Jahren in einem kleinen internationalen Kreis, den Gorbatschow betreute, die tiefe Enttäuschung dieses Mannes über die Uneinsichtigkeit besonders der amerikanischen Partner miterlebt.

Kaum jemand mochte damals voraussehen, dass die USA zu Beginn des neuen Jahrtausends die Welt mit einer sogenannten "Nationalen Sicherheitsstrategie" konfrontieren würden, durch die sie jeden, der ihre Überlegenheit anzutasten wagt, mit einem Angriffskrieg bedrohen. Sie möchten durch ein Raketenschutzschild selbst unverwundbar sein und sich in die Lage versetzen, alle anderen Völker gefügig machen zu können, das heißt, eine hegemoniale Weltordnung auf der Basis militärischer Erpressung zu errichten.

Das wird ringsum fast unbewegt und sprachlos zur Kenntnis genommen, als hätte man eine solche Situation längst erwartet. Diese Gleichgültigkeit verstärkt die Vermutung, dass die verkündete Strategie auf einem kaum mehr kritisch befragten Wege liegt. Das hieße, die USA zögen nur eine normale Konsequenz aus ihrer überlegenen Stärke. In der Tat hofiert unser neoliberales System das Prinzip, wonach es gelte, in unerbittlichem Wettbewerb um Machtvorteile einen endgültigen Vorsprung zu erringen, um sich schließlich zu maximaler Unabhängigkeit aufzuschwingen.

Das amerikanische Vorhaben ist illusorisch, aber weil es auf der Linie des kulturell eingewurzelten Bemächtigungswillens liegt, behauptet es sich vorerst eigensinnig, obwohl der 11. September und die Tragödie in Israel/Palästina so augenfällig wie nur möglich beweisen, dass auch die gewaltigste militärische Übermacht nichts gegen die Gegengewalt von Selbstmordanschlägen ausrichten kann. Der Stärkste kann Schwächere noch und noch besiegen, aber in einer Welt, in der wir alle wechselseitig aufeinander angewiesen sind, kann er nie durch Unterdrückung der anderen unabhängig werden. Auch der Mächtigste bleibt stets mit einem Rest Ohnmacht an einen Rest Macht des Ohnmächtigsten gefesselt. Die Macht des Ohnmächtigsten kann jederzeit in Terror explodieren, wenn die Unterdrückung unerträglich wird. Das hat der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber in einem Brief an Präsident Bush in einem einzigen lapidaren Satz klargestellt: "Der Terrorismus ist nur die negative und verzerrte Form der gegenseitigen Abhängigkeit, die wir in der positiven und nützlichen Form nicht anzuerkennen bereit sind."

Einst hatten sich die Amerikaner dem frommen Jimmy Carter in die Arme geworfen, als ihnen die Schmach und die Schande von Vietnam auf der Seele brannten. Auch Carter verdankte somit seinen kurzfristigen Aufstieg dem Verlangen nach einem Läuterungshelfer in einer nationalen Selbstachtungskrise. Nun spricht vieles dafür, dass der Westen gerade wieder in eine von den USA ausgelöste moralische Krise hineintaumelt, die an jene von Vietnam erinnert, diesmal indessen zugleich unsere Weltordnung bis in die Grundfesten zu erschüttern droht. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen, den ein absurder Irak-Krieg mit erlogener Begründung hinterlassen hat. Die vermeintliche Befreiungstat hat die Befreiten zu Hass und Guerilla-Widerstand gegen die angeblichen Erlöser getrieben. Das schon nahe geglaubte Ziel der Amerikanisierung des gesamten islamischen Mittleren Ostens ist in weite Ferne gerückt. Und die atomaren Bestien Saddam Husseins, vor denen die Welt gerettet werden sollte, erweisen sich als Projektion eines Alptraums des Angreifers selbst. Das innerlich verfolgende Böse, das ersatzweise als Bedrohungspotenzial in der Hand des Monsters von Bagdad ausgetilgt werden sollte, entlarvt jetzt den vermeintlichen Verfolgten als den eigentlichen Verfolger. Nun mögen die GIs den irakischen Wüstensand noch so oft umgraben, sie werden kein Entsorgungslager für die eigene Gewissenslast finden.

Kürzlich hatte Hiroshimas Bürgermeister Tadatoshi Akiba noch gemeint, die Amerikaner huldigten ihren Nuklearbomben wie einem Gott. Das war gewiss für lange Zeit so. Sie hatten sogar geglaubt, in Gottes eigenem Land zu leben und mit diesem Gott eins zu sein. So hatten sie den Hiroshima-Bomber christlich einsegnen lassen. General Thomas Farrel war beim Anblick des atomaren Infernos 1945 in Japan sogar die Strafe des Jüngsten Gerichtes eingefallen, die nun die Amerikaner mit den Kräften vollzogen hätten, die zuvor dem Allmächtigen vorbehalten gewesen seien. So hatte er es Präsident Truman berichtet. Nun aber stehen die Amerikaner im Irak - wie in einem klassischen psychiatrischen Lehrbuchfall - vor dem Spiegelbild eigener Destruktivität, gefangen im eigenen Hass, moralisch isoliert, nämlich von der Erkenntnis geschlagen, dass das vermeintliche Heldenstück à la High Noon sie in Schmach und Schande zu stürzen im Begriff ist.

Aber es gibt auch die anderen Amerikaner, die am 15. Februar zu Hunderttausenden in New York und Boston, in Detroit und Chikago zusammen mit Millionen in Sydney und Rom, in Kapstadt, London, Madrid, Berlin und anderen Metropolen auf die Straße gegangen waren. Es gibt also so etwas wie eine große friedenswillige internationale Gemeinschaft - bereit, das andere Amerika zu unterstützen, das einmal 1945 maßgeblich dafür eingetreten war, dass in der UNO das Prinzip der Ebenbürtigkeit und Gleichheit aller Nationen festgeschrieben wurde.

Der Bankrott des Kolonialkrieges im Irak - so hat ihn der einstige UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali genannt - bietet nunmehr die große Chance zu einem Wandel des Denkens. Dieser Wandel muss von unten ausgehen, vom Willen der Menschen, sich nicht länger künstlich in Gute und Böse spalten zu lassen, nachdem sich herausstellt, dass sich fundamentalistisch selbstmörderischer Terror mit staatlichem militärischem Terror immer mehr zu einer paradoxen Komplizenschaft entwickelt. Die Gut-Böse-Spaltung erfolgt unter der Regie der nuklearen Massenvernichtungswaffen, denn mit diesen zu drohen, verlangt zur Gewissensbetäubung eine absolute Selbst-Idealisierung und eine ebenso absolute Dehumanisierung der Bedrohten. Deshalb hatten US-Medien vor Hiroshima die Japaner nicht selten als Ratten, Affen oder schlicht als Tiere etikettiert. Aber eine Nation, die alle anderen in nukleare Geiselhaft nimmt, beraubt sich auch selbst der Menschlichkeit und verleugnet, dass sie sich einer Waffe unterwirft, die schon als Bedrohung Terror ausübt, indem sie die wichtigste soziale Bindungskraft der zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört, nämlich das Vertrauen.

Der Irak-Krieg war für eine große Zahl von Amerikanern nur möglich, weil in ihren Köpfen die Iraker mit Saddam Hussein verschmolzen. Sie durften und wollten deshalb auch gar nicht genau wissen, wer diese Menschen waren und was sie fühlten. Als die damalige Außenministerin Madeleine Albright 1996 gefragt wurde, ob es angemessen sei, für die Wirtschaftssanktionen den Tod von über einer halben Million irakischer Kinder in Kauf zu nehmen, antwortete sie prompt: "Wir meinen, das ist ein angemessener Preis." Tatsächlich lagen die offiziellen Schätzungen der Opferzahlen durch WHO und UNICEF in dieser Höhe. So ist die momentane Entwicklung einer vierten Generation von Nuklearwaffen durch die USA nur möglich, weil die Vorstellung darüber unterdrückt wird, was mit den Menschen geschieht, die ins Visier dieser Destruktivität geraten.

00:00 10.10.2003

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