Thorsten Hild
11.10.2011 | 11:34 5

Gefangen in der Modellwelt

Ökonomie Nicht nur Politik und Medien, auch die Ökonomen selbst orientieren sich oft blind an Zahlen. Doch Konjunkturprognosen helfen nur im Verbund mit wirtschaftspolitischen Zielen

Jeder, der einmal mit Modellen zur Konjunkturanalyse gearbeitet und dabei einen klaren Kopf bewahrt hat, weiß um den ökonomischen Hokuspokus, der dort getrieben wird: Hier ein bisschen am Konsum gedreht, dort ein wenig an der Investitionsschraube, und irgendwie bekommt man dann schon eine Wachstumsprognose hingebogen, die sich nicht allzu sehr von den anderen Mitbewerbern unterscheidet, aber dennoch Eigenständigkeit wahrt.

Die einschlägigen Zeremonienmeister der Konjunkturabteilungen, welche die so zustande gekommene Zahl dann mit staatstragender Miene bekanntgeben, dürfen sich der Aufmerksamkeit der Medien und der Politik sicher sein. Regierung und Opposition stürzen sich gleichermaßen gierig auf sie und versuchen sie für sich auszuschlachten. Da bleibt kaum Zeit zu fragen, wie die Zahl denn zustande gekommen ist und welchen wirtschaftspolitischen Zielen sie dient beziehungsweise gerecht wird. Widerspruch, sofern er überhaupt laut wird, geht in diesem Tumult regelmäßig unter. Und selbst wenn sich abzeichnet, dass die ökonomischen Wahrsager wieder einmal gründlich versagt haben, dürfen die sich mit einem „überrascht“ und „enttäuscht“ aus der Affäre ziehen und zur Tagesordnung übergehen. Und die heißt: Eine neue Konjunkturprognose muss her.

Das Dumme ist nur, dass dieser Kotau vor der Zahl denkfaul macht. Ökonomische Zusammenhänge, auch jene, die den Konjunkturmodellen zugrunde liegen, treten hinter die schiere Zahl zurück und werden nicht gebührend hinterfragt. Zwar untersucht das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung bereits seit Jahren die eigenen Wirtschaftsprognosen. Dabei wird jedoch weniger das eigene Konjunkturmodell kritisiert, sondern auf nicht vorhersehbare Ereignisse abgestellt. Hinzu kommt, dass diese Analysen zumeist nur einen engen Leserkreis erreichen.

Vielsagend für den verinnerlichten Zahlenkult sind dann Sätze wie dieser aus der „kritischen“ Bestandsaufnahme des Ifo-Instituts 2009: „Nahezu perfekt getroffen wurde schließlich der staatliche Budgetsaldo im Jahr 2008.“ Geradezu tautologisch wird es, wenn die fehlerhafte Prognose des Konjunkturverlaufs dann noch auf „den stark veränderten konjunkturellen Verlauf“ zurückgeführt wird.

Immerhin aber zeigt das Ifo-Institut auch auf, welche Stellschrauben des Modells nicht richtig justiert waren: So wurde für das Jahr 2008 die Inlandsnachfrage überschätzt. „Maßgeblich hierfür war die ungünstigere Entwicklung beim privaten Konsum…“

Kein Stoff zum Nachdenken

In seinem letzten Rückblick auf das Jahr 2010 kommt das Ifo-Institut gar zu der Schlussfolgerung: „Angesichts der Größenordnung der weltwirtschaftlichen Verwerfungen, die durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 ausgelöst wurden, sind Wirtschaftsprognosen an ihre Grenzen gestoßen…“

Freilich hält dies die Konjunkturforscher nicht davon ab, auch diese Untersuchung mit dem seit Jahren immer gleichen Satz zu schließen: „Trotz aller Schwächen sind und bleiben Konjunkturprognosen für die Orientierung der Entscheidungsträger von Wirtschaft und Politik unentbehrlich.“ Und man darf sicher sein: Die nächste in eine Zahl gegossene Konjunkturprognose wird wieder genauso begierig aufgegriffen werden wie die davor. Von den dafür zuständigen Ökonomen wird eines aber gewiss nicht zu hören sein: Wir bitten aber, diese Zahl mit Vorsicht zu genießen. Schließlich haben wir uns in der Vergangenheit noch immer aufgrund dieser und jener Zusammenhänge gehörig geirrt.

Für die wirtschaftspolitische Praxis ist dies fatal. Es wird nämlich kein Stoff zum Nachdenken, zur Diskussion und zum wirtschaftspolitischen Handeln, ja, auch zum Durchdenken wirtschaftspolitischer Alternativen geliefert.

Dass die Zahlengläubigkeit nicht nur Politik und Medien befallen hat, sondern auch die Ökonomen selbst, wurde jüngst noch einmal besonders deutlich. So äußerten sich so unterschiedliche Protagonisten wie der Bankvolkswirt Jörg Lüschow von der WestLB und der gewerkschaftsnahe IMK-Chef Gustav Horn fast wortgleich und gleichermaßen inhaltsleer „überrascht und enttäuscht“ über die jüngste „Abkühlung“ der deutschen Konjunktur. „Alle Indikatoren hätten auf ein höheres Wachstum hingedeutet“, verteidigte sich Gustav Horn in der Zeit, obwohl die Entwicklung der Masseneinkommen und selbst die der Tariflöhne in den zurückliegenden zwölf Monaten deutlich unter der im selben Zeitraum verzeichneten Preissteigerung lagen, die Arbeitnehmerentgelte aber mit 66 Prozent Anteil am Sozialprodukt eine zentrale Rolle für das Wirtschaftswachstum spielen. Und weil ringsherum in der Welt Sparprogramme aufgelegt wurden, hätte auch der Entwicklung des Außenhandels besondere Skepsis entgegengebracht werden müssen.

Gefangen in ihrer Modellwelt, bleibt den Konjunkturforschern aber anscheinend nichts anderes übrig, als „überrascht“ und „enttäuscht“ zu sein darüber, dass die Wirklichkeit ihren Vorhersagen nicht entspricht. Auch im Scheitern beziehen sie sich noch auf die Zahl, anstatt ökonomische Zusammenhänge aufzuzeigen, die in ihren Modellen möglicherweise keine ausreichende Berücksichtigung finden.

Aber selbst wenn die ökonomischen Wahrsager einmal recht behalten mit ihrer Prognose – eine Orientierungshilfe für die Wirtschaftspolitik ist dies allein noch nicht. Sie wird es erst dann, wenn sie einen Bezug zu einem wirtschaftspolitischen Ziel herstellt; wenn beispielsweise deutlich wird, dass das Wirtschaftswachstum ausreichen wird, die Arbeitslosigkeit zu senken. Auch eine positive und im Nachhinein zutreffende Prognose ist in dem Fall nichts wert, wenn das Wachstum nicht hoch genug ist, um die Arbeitslosigkeit zu senken, dann jedenfalls nicht, wenn die Wirtschaftspolitik eine höhere Beschäftigung oder gar Vollbeschäftigung anstrebt. Weil aber die Zahlengläubigkeit so verbreitet ist und allein die Ziffer zählt, werden die Wachstumsprognosen nicht oder zu selten auf solche wirtschaftspolitischen Ziele hin hinterfragt und Maßnahmen zu deren Erreichung diskutiert und umgesetzt.

Das weitgehend in Vergessenheit geratene „Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ aus dem Jahre 1967 verlangt aber eben dies. In Paragraf 1 heißt es darin: „Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“

Angesichts der erheblichen Leistungsbilanzüberschüsse – einer Verletzung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts also –, hoher Arbeitslosigkeit und sich ausweitender prekärer Beschäftigungsverhältnisse wie auch der im internationalen Vergleich niedrigen Wachstumsraten in den vergangenen Jahren (laut Statistischem Bundesamt belief sich das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum im Zeitraum 1999 bis 2009 auf lediglich 0,9 Prozent) müsste doch jeder gesetzestreue und am gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht interessierte Politiker aufschrecken und über Maßnahmen nachdenken beziehungsweise Lösungsvorschläge hierzu von den Ökonomen einfordern. Davon aber ist nichts zu hören. Stattdessen haben Politiker parteiübergreifend zusammengefunden und die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben. Damit aber haben sie sich selbst die Hände gebunden und sich den nötigen finanziellen Handlungsspielraum zur „Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft“ genommen. Und müsste heute nicht auch jede Konjunkturprognose daraufhin geprüft werden, inwieweit das vorhergesagte Wirtschaftswachstum den für einen ökologischen Umbau als notwendig erachteten Investitionen entspricht?

Nichts passt zusammen

Wie aktuell das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz ist, um den heutigen Herausforderungen zu begegnen, zeigt auch die Eurokrise, die ja realwirtschaftlich durch die hohen Außenhandelsüberschüsse Deutschlands maßgeblich mit hervorgerufen wurde. Diesem außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht liegen ­wiederum eine, an der Produktivitäts- und Preisentwicklung gemessen, viel zu geringe Lohnentwicklung und, damit einhergehend, ein niedriges Binnenwirtschaftswachstum zugrunde.

Nichts, aber auch gar nichts passt in der deutschen Wirtschaftspolitik, gemessen am Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, zusammen, und das schon seit Langem. Es ist daher höchste Zeit, dass Konjunkturprognosen wieder mit wirtschaftspolitischen Zielen in Verbindung gebracht und entsprechend hinterfragt werden. Bei der allgemein herrschenden Verunsicherung sollten sich die Parteien dabei vielleicht in einem ersten Schritt ihrer wirtschaftspolitischen Ziele versichern. Hierüber würden die Parteien eventuell auch wieder unterscheidbarer. Damit wiederum wäre auch dem demokratischen Meinungsbildungsprozess insgesamt gedient.

Thorsten Hild ist Volkswirt. Er hat bei einer Landesbank gearbeitet und war Referent bei verschiedenen Bundestagsabgeordneten. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin und bloggt unter

wirtschaftundgesellschaft.de

Kommentare (5)

lebowski 12.10.2011 | 01:39

Gegen das Rechnen mit Modellen an sich ist ja nichts einzuwenden. In der Naturwissenschaft ist das ja gang und gebe. Ein Modell ist ja erst mal nur eine zweckmäßige Simplifizierung, um gewisse Phänomene separat untersuchen zu können. Nur "Wirtschaftswissenschaftler" kommen auf die Idee, sie können mit ihren Modellen die wirtschaftliche Realität abbilden.
Aber hey, das ist Mathematik und das ist hierzulande die einzige Wissenschaft, die man wirklich für voll nimmt. Sie brauchen nur ein paar wilde Formeln an die Wand zu klatschen und schon können Sie mit diesen Quark ganze Hörsääle einschüchtern.

TH 12.10.2011 | 12:08

@lebowski: Diese Sicht teile ich. Um Zusammenhänge erklären zu können, ist es natürlich notwendig, Komplexität zu reduzieren, die Wirklichkeit auf wesentliche und schlüssige Wirkungszusammenhänge hin zu untersuchen. Dafür sind nicht einmal komplexe Modellrechnungen notwendig, die suggerieren, man könne die ganze Wirklichkeit in einem Modell unterbringen und abbilden. Das Arbeiten mit kleinen "Modellen" hat insbesondere in der angelsächsischen Volkswirtschaftslehre eine lange Tradition und wertvolle Erkenntnisse zu Tage gefördert. Ich denke bspw. an das Kapitel "Über Maschinerie" in David Ricardos "Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung", in der er schon in den 1820er Jahren versucht, den Zusammenhang von technischen Fortschritt und Arbeitslosigkeit aufzuzeigen bzw. die Voraussetzungen herauszuarbeiten, die gegeben sein müssen, damit technischer Fortschritt nicht zur Arbeitslosigkeit führt - und dabei ganz nebenbei auf sehr sympathische Weise seine bis dahin vertretene Auffassung korrigiert. Heute taucht David Ricardo ja leider nur noch in völlig reduzierter, kontextloser Form seiner Außenhandelstheorie in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern auf. Für das Lesen der volkswirtschaftlichen Klassiker im Original fehlt ja denke ich heute den meisten Studierenden die Zeit bzw. werden sie nicht oder viel zu selten dazu ermutigt.

Oder Paul Krugmans "Baby-Sitting the Economy": www.slate.com/articles/business/the_dismal_science/1998/08/babysitting_the_economy.html Brilliant!

Aber diese Art der modellhaften Herangehensweise hat natürlich mit dem im Artikel kritisierten Zahlenkult und dem fehlenden Zusammengehen von Prognose, volkswirtschaftlichen Zusammenhängen und wirtschaftspolitischen Zielen nichts oder wenig gemein.

Bries 12.10.2011 | 12:36

Sehr interessantes Thema! Ein Standardwerk dazu ist auch "Mankiw: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre". Erklärt wird an relativ einfachen Modellen wie wirtschaftliche Zusammenhänge funktionieren.
Bietet einen guten Einstieg ins Thema.
Nur ist es eben auch sehr blauäugig, menschliches Handeln bzw. überhaupt "Menschengemachtes" in naturwissenschaftliche Formeln zu packen und das dann als Maß der Dinge zu nehmen.
Klar, keine Wissenschaft gibt gerne zu, dass sie nicht exakt ist. C.P. Ortlieb (Mathematiker) hat zu diesem Thema diverse Kritikpunkte geäußert. Modelle spiegeln eben immer nur einen Teil der Wirklichkeit wider. Der Einfluß den sie dennoch haben, kann fatale Auswirkungen haben. Guter Artikel!

lebowski 12.10.2011 | 12:49

Zur Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften ist folgender Artikel interessant:
www.streifzuege.org/2011/fiktion-und-berechnung

"Die menschliche Gesellschaft wird in der modernen Zivilisation überwiegend vermittels Zahlen gesteuert. Im naturwissenschaftlichen Kontext erwies sich diese Praxis auch als erfolgreich. Physikalische Maßgrößen wie Länge, Gewicht oder Geschwindigkeit verlangen eben nach mathematischer Repräsentation. Weniger plausibel scheint der Einsatz der quantitativen Methoden jedoch im sozialen Kontext. Weder Durchschnittswerte der Lebenserwartung, des Einkommens oder medizinischer Messergebnisse noch in Geld dargestellte Größen scheinen im Leben der Mehrheit der Bevölkerung wirklich hilfreich zu sein. Jeder Mensch erlebt sich selbst eben stets als Individuum, damit als etwas Besonderes, sodass der Durchschnitt für ihn jeder Lebenswirklichkeit entbehrt. Ein besonders schwerwiegender Denkfehler scheint zudem der Verwendung finanzieller Größen in mathematischen Modellen zugrunde zu liegen. Vor allem finanzielle Rechenwerke besitzen daher zumeist kaum einen relevanten Bezug zum sozialen Umfeld."

Wir wären schon einen großen Schritt weiter, wenn man die Wirtschaftswissenschaften mehr als Sozialwissenschaften denken würde. Zwar würden sie dann ihr Renomee als "exakte" Wissenschaft verlieren, aber angesichts der Tatsache, dass Ökonomen mit ihren Modellen ohnehin fast immer daneben liegen, ist sowieso wenig Renomee übrig.

Wir wären dann immerhin wieder auf dem Stand der Antike. Schon Aristoteles forderte, zwischen der Chrematistik (der Wissenschaft der Geldvermehrung) und der Ökonomik zu unterscheiden.