Gefangene der Geschichte

Nahost Solange Israelis und Palästinenser nur die eigenen Opfer sehen, sind sie dem Krieg näher als dem Frieden

Kaum ein Tag, an dem in Tel Aviv, Haifa oder Jerusalem nicht Bomben explodieren oder Anschläge in letzter Minute vereitelt werden. Der Terror palästinensischer Attentäter ist - und das soll er auch sein - für jeden Israeli an jedem Ort und zu jeder Minute eine tödliche Gefahr. So sprechen denn die meisten israelischen Politiker dem Gros der Bevölkerung wohl aus der Seele, wenn sie ihre ebenfalls Tod und Zerstörung bringenden Militäreinsätze in Ramallah, Jenin oder Hebron mit dem Recht des Staates Israel auf »aktive Selbstverteidigung« begründen.

Auf der palästinensischen Seite sind es dagegen genau diese israelischen Operationen und gezielten Liquidationen, die als Terror empfunden werden. Seit der Besetzung im Jahr 1967 beweist Israel den Palästinensern tagtäglich und brutal seine militärische Macht und seine Überlegenheit. So gelten für sie die nationalistischen Bombenleger oder Heckenschützen auch nicht als Mörder, sondern als »Märtyrer«, die sich für Volk und Vaterland opfern.

Beide Seiten betrachten sich in dem Konflikt als Opfer und leiten daraus die Legitimation für ihr Handeln ab. So treibt man den Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt an - ein Kreislauf, der beide Kontrahenten an den Rand eines neuen Krieges führt. Diese Opferperspektive ist indes nicht neu. Sie wurde dem Staat Israel ebenso in die Wiege gelegt wie der palästinensischen Gesellschaft: Die Jahrhunderte lange Geschichte des Antisemitismus und vor allem die Erfahrung der deutschen Vernichtungspolitik stand 1948 Pate bei der Geburt Israels als Ort des Schutzes und der Sicherheit für die Juden in aller Welt. Einen Holocaust sollte es nie wieder geben.

Israels Staatsgründung zog im Krieg von 1948 allerdings Flucht und Vertreibung der Palästinenser nach sich. Diese Katastrophe steht am Beginn ihrer Geschichte - eine Erfahrung, die sich im Krieg von 1967 wiederholte. Zwar sind die historischen Leiden von Juden und Palästinensern nicht zu vergleichen, sie stehen auch nicht in direktem kausalen Zusammenhang, für beide Seiten gilt aber, dass sie bis heute den Kern ihres gesellschaftlichen Selbstverständnisses bilden.

Und dieses Selbstverständnis macht es Israelis und Palästinensern seit jeher so schwer, sich auch als Täter zu begreifen sowie die Opfer der anderen Seite und deren durch die Opfergeschichte geprägtes kollektives Gedächtnis anzuerkennen. So wird der Holocaust in der arabischen Welt weitgehend ignoriert. Vor ein paar Jahren etwa erlebte der französische Holocaust-Leugner Roger Garaudy in einigen arabischen Ländern einen wahren Triumphzug. Schindlers Liste dagegen durfte in vielen Staaten nicht gezeigt werden. Dissidente Stimmen wie die der beiden palästinensischen Intellektuellen Edward Said oder Azmi Bishara sind in diesem Zusammenhang selten zu hören. Im Gegenteil: Die Anerkennung Israels besitzt für viele Palästinenser bis heute eher formalen Charakter. Immer lauter dagegen ertönen die alten Drohungen, den jüdischen Staat vernichten zu wollen. Israel hat also allen Grund, besorgt zu sein.

Israel hat aber auch allen Grund, neben seiner kolonialistischen Besatzungspolitik den eigenen Gründungsmythos zu überdenken. Anzuerkennen wäre etwa endlich, dass 1948 tatsächlich hunderttausende Palästinenser vertrieben worden sind. Bis vor wenigen Jahren galt die Version, dass die arabische Bevölkerung ihre Heimat freiwillig verlassen habe. Die Revision dieser Geschichtsbetrachtung war in Israel dann mit der von den »Neuen Historikern« dokumentierten Vertreibungspolitik einen großen Schritt voran gekommen. Von diesem offeneren Klima ist heute nur noch wenig zu spüren.

Vielmehr blendet man in Israel die Geschichte und - wie der israelische Historiker Moshe Zimmermann schreibt - die Interessen der Palästinenser vollständig aus. Jüngsten Meinungsumfragen zufolge befürworten sechs von sieben Israelis die international verurteilte Liquidierungspolitik, Regierungsmitglieder sprechen über die Vertreibung der Palästinenser aus den besetzten Gebieten und Ministerpräsident Ariel Sharon droht Konkurrenz nicht von Kritikern seines kompromisslosen Kurses, sondern ausschließlich von Hardlinern aus der eigenen Partei wie dem Ex-Premier Benjamin Netanjahu. Gleiches gilt für Politik und Gesellschaft auf der palästinensischen Seite. Hier kann sich Yassir Arafat nur noch Gehör verschaffen, wenn er auf palästinensische Terrorgruppen zugeht, die Israel auslöschen wollen. Zuletzt war - wie in Israel - eine Einheitsregierung im Gespräch.

In diesem Moment absoluter Verhärtung verlegen sich beide Seiten darauf, den Finger auf die offenen historischen Wunden des anderen zu legen - in der so zynischen wie aussichtslosen Hoffnung, dieser möge irgendwann doch noch klein beigeben: Israel demonstriert seine militärische Stärke und reproduziert damit Tag für Tag das Ohnmachtstrauma der Palästinenser. Dem begegnen diese, indem radikale Gruppen den Terror in die israelischen Städte tragen und dort immer wieder das latente kollektive Gefühl von Bedrohung und Verletzlichkeit aktivieren, dem zu begegnen der Staat Israel doch einmal angetreten war.

Wer in dieser Situation Verständnis für die andere Seite zeigt, gilt als Schwächling, wenn nicht gar als Nestbeschmutzer. Kaum jemand lässt sich darauf ein. Das gilt für israelische und mehr noch für palästinensische Intellektuelle. Erst recht aber für die Politiker: Wer hier nicht die alten Geschichten erzählt, wer gar auf die Idee käme, die Opfer der anderen Seite zu bedenken, verlöre wohl binnen kürzestem alle Macht. Das trifft auf die demokratische Gesellschaft in Israel ebenso zu wie für die autokratisch-patriarchale in Palästina - und doch ist es der einzige Weg zu einem Frieden, der diesen Namen verdient.

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00:00 24.08.2001

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