Gefangene der Zeitschleife

Im Kino "Die Reise nach Kandahar" des Iraners Mohsen Makhmalbaf zeigt Afghanistan als Land, in dem niemand mehr sein Ziel erreichen kann

Im iranischen Kino ist Afghanistan vor allem als Grenzregion präsent, aus der Flüchtlinge und Schwarzarbeiter kommen. Einige der Filme, die sich diese Problematik zum Thema gemacht haben, sind mit Festivalpreisen ausgezeichnet worden und kommen wegen ihrer vermeintlichen Aktualität demnächst auch bei uns ins Kino: Hassan Yektapanahs Djomeh etwa, oder Baran, Madjid Madjidis süßliches Kunstmärchen über die Liebe eines Bauarbeiters zu einem afghanischen Flüchtling, oder auch Abolfazl Jalilis Delbaran, eine mit sehr trockenem Humor angereicherte Parabel, die im staubigen Grenzgebiet spielt.

Mohsen Makhmalbaf hatte bereits 1988 ein düsteres Sozialmelodrama zum Thema abgeliefert, mit Anleihen an Sidney Lumets Tanzmarathon-Tortur They shoot horses, don´t they: In Der Fahradfahrer drahteselte ein afghanischer Familienvater ununterbrochen im Kreis, um mit der Wettbewerbs-Prämie die Operation seiner Mutter zu finanzieren. Gleichzeitig war er dabei vor den Karren diverser iranischer Geschäftemacher gespannt.

Jetzt, mit Kandahar wagt sich Makhmalbaf mitten hinein in das Reich des Bösen: Eine afghanische Journalistin erhält im kanadischen Exil einen Brief aus Kandahar, in der ihre verzweifelte Schwester ankündigt, sich bei der nächsten Sonnenfinsternis das Leben zu nehmen. Binnen dreier Tage muss Nafas sich durch das von Bürgerkriegen und Talebanmisswirtschaft zerrüttete Land schlagen, um ihr Hoffnung zu bringen.

Wie im iranischen Film nahezu üblich, basiert die story auf einer wahren Begebenheit: die Darstellerin Nilofar Pazirai, tatsächlich eine Journalistin, spielt teilweise ihren eigenen Fall nach, gedreht wurde heimlich, mit Laiendarstellern, in der Grenzregion. Auf den Etappen diese Road-Movies wird deshalb einiges an dokumentarischen Realitäten transportiert: das Elend der Frauen, die Ehrsucht der Männer, das Verbot von Musik, überhaupt aller Lebensfreude, die Indoktrination der Kleinsten in den Koranschulen der Taleban, die unzähligen Tretminen-Opfer, die in UNO-Krankenstationen mitten in der Wüste verzweifelt um Prothesen anstehen.

Kandahar beginnt mit einer starken, dynamischen Sequenz - im Helikopteranflug auf das Grenzland -, um sich dann zusehends in kleinere Episoden aufzufächern. Die einzelnen Sequenzen sind in ihrer Farbigkeit von prachtvoller Schönheit, oft virtuos rhythmisiert durch die Verschränkung von Bild, Musik und Dialog, doch mit zunehmendem Verlauf wird der dramaturgische Zusammenhalt immer schwächer, versandet fast. Das deutungsoffene Ende schließlich verknüpft die letzte Einstellung mit der ersten, und kurz vor dem Ziel erscheint Nafas so als Gefangene in einer unheilvollen Zeitschleife - nun: Reise nach Kandahar bezeichnet im Persischen eine mit großem Gepäck angetretene Reise ins nächste Dorf.

Gefeiert wird dieser zeitgemäße Film nun als Manifest der Menschlichkeit, das erschütternde Einblicke gibt in ein gottverlassenes Land. Aber genau das tut er genau besehen weniger, als viele Leser der begeisterten Filmkritiken wohl erwarten. Vieles wird hier nämlich als bekannt vorausgesetzt, die Machtverhältnisse etwa, oder die unterschiedlichen Dialekte der Ethnien, und nur Wenige werden den abrupten Wechsel ins plötzlich unerwartet Humorige, Zynische oder Makabre wirklich nachvollziehen können. Makhmalbafs Perspektive ist oft viel zu kauzig, als dass man Kandahar ein braves Lehrstück nennen möchte. George Bush hat ihn gesehen, um sich ein Bild und womöglich Rechtfertigung zu verschaffen. Der arme Mann.

Wo´s schwammig wird im iranischen Kunst-Kino, das gerne aus dem jahrhundertealten Fundus mystischer Lyrik schöpft, sucht man gerne das Gleichnis, die subversive Botschaft, die geheime Wahrheit. In Kandahar gibt es nicht wenig Symbolismen: der geldgierige kleine Begleiter von Nafas (= "Atem"), der ausgerechnet Khak (= "Staub") heißt, findet inmitten eines Wüstenfriedhofes ein Gerippe, an der Hand einen Ring. Den will er ihr unbedingt verhökern, schließlich sogar schenken. Kaum dass sie zugreift, scheint ihr Schicksal besiegelt. Das ist fast barocke Emblematik.

Oder: In der ideologischen Kaderschmiede mag ein kleiner Taleban bei der Koranrezitation partout nichts über die Lippen bringen als ein unverständliches Gebrabbel. Der Lehrer fragt ihn: "Du hast wohl was anderes im Kopf." Das ist nahezu lustig. Oder: Bei der ärztlichen Diagnose von Nafas, die nach Maßgabe der Taleban, ohne Körper- und Sichtkontakt durch ein quer durch den Raum gespanntes Laken stattfinden muss, nähert der Doktor sein Auge einem kleinen Guckloch und betrachtet Nafas Mund. Das ist richtig erotisch. Man kennt das aus dem Werk Kiarostamis, Panahis: Solche Szenen erscheinen über die Verdichtung des Augenblicks mit einem geheimnisvollen Mehrwert angereichert - magisch eben.

Nur mag sich hier so recht keine durchgehende Deutung, kein einheitliches Bild, kein Gesamtzusammenhang ergeben. Makhmalbafs Film lässt sich kaum als oberflächliches Kunstgewerbe abzutun, ihn wegen seines Aktualitätsbezuges zum politisch korrekten Meisterwerk zu erheben, erscheint aber auch zu zweckgebunden.

Kandahar, der Film über eine Reise in das Herz der Finsternis, der mit der Verdunkelung der Sonne anhebt und schließt, liegt am Ende eines langen Weges, auch für den Autor: Makhmalbafs großes filmisches Thema, darin ist er ganz altiranischer Zoroastrier, ist seit jeher der Widerstreit von Licht und Schatten, der Kampf von Gut und Böse. Zunächst als er, den Folterkammern des Shahs entronnen, Propagandafilme für die islamische Revolution dreht, dann als er, zunehmend regimekritisch, mit sozialen Milieustudien - wie Der Fahrradfahrer - Mitleidskino macht. Und auch später, als er für sich Pluralismus und Relativismus entdeckt, und in weltentrückten Nomadenmärchen (Gabbeh) und exotistischen Kinderfilmen (Sokut) - einfach die Schönheit der Welt feiert.

Mit Zauber im Blick kehrt er nun zurück, in das alte Grenzland - schaut hinüber, nach Afghanistan, - und alles, was sein Kameraauge erfasst, gerinnt ihm zum Gleichnis. Vielleicht taugt ihm das wüste Land als übergroßer Zerrspiegel all dessen, was ihm am Iran missfällt: die patriarchalen Strukturen, den Egoismus, die Gier selbst der Ärmsten, und die einfache monotheistische Moral. Auch die Sonne, altes Gottes- und Herrschaftssymbol, kriegt ihr Fett weg: "Wenn jeder von uns eine Kerze hätte, bräuchten wir keine Sonne", sinniert Nafas, die irgendwann zur Chiffre der orientalischen Frau schlechthin gerät.

Wie sich das Leben, die Realität denn doch immer wieder in die Kunst einschleicht, wie im Bösen das Gute, und im Guten das Böse aufscheint, zeigt eine Begebenheit, aus der man selbst wiederum einen dieser typisch iranischen Filme machen könnte: Der afghanische Arzt, den Nafas aufsucht, erweist sich im Film, hinter falschen Bart, als Afroamerikaner, der in das Land kam, um Gott zu suchen, aber Menschen fand. Und der Schauspieler Hassan Tantai, der als dieser Arzt Tabib Sahim poetische Weisheiten von sich gibt, hat angeblich zahlreiche weitere Namen: als Hassan Abdul Rahman sei er aus dem Iran eingereist, als David Belfield 1969 zum Islam konvertiert, und als Daoud Salahuddin habe er 1980 den iranischen Botschafter in den USA ermordet - wegen dessen allzu liberaler Gesinnung.

Den wahren Bart, den inneren, so scheint es, konnte Makhmalbaf nicht sehen. Makhmalbaf bleibt ein engagierter Filmemacher: bereits vor Monaten hat er einen sehr langen, kundigen und differenzierten Text geschrieben, über die Tretminen, das Elend der Flüchtlinge, über Drogenhandel und Bildungssystem, über die katastrophale wirtschaftliche Lage des Landes, über Gründe für die Nichteinmischung (kein Erdöl) und Einmischung (Pipelinetrassen) von USA, Pakistan, Russland, der GUS-Staaten, über die niedrige Kriminalität unter der drakonischen Talebanjustiz und die über 10 Millionen vom öffentlichen Leben ausgeschlossenen Frauen. Vor allem über den Tribalismus, die ethnischen Konflikte, die die Geschichte des Landes seit jeher bestimmen (beziehungsweise seine Nationwerdung überhaupt verhindern) und die jetzt nicht über Nacht verschwinden werden. Der Text lag schon eine Weile im Netz (www.makhmalbaf.com) - jeder konnte ihn lesen, wenige haben es getan, nun hat ihn die Zeitschrift Lettre veröffentlicht. Vielleicht ist es jetzt wirklich an der Zeit, dass Makhmalbaf einen Dokumentarfilm macht. Aber das hat er ja vor ...

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00:00 18.01.2002

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