Gefangene werden nicht gemacht

Vor neuen Einsätzen in Afghanistan Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr in Spielfilm und Wirklichkeit

Keiner sieht sie kommen. Mitten in der Nacht werden deutsche Soldaten mit dem Hubschrauber von ihrem Standort in Deutschland in den Kaukasus geflogen. Dann geht es sehr schnell. In der Dunkelheit schleichen sie sich an eine alte Fabrik heran. Davor hält ein Mann Wache. Sein Kopf im Fadenkreuz. Ein schallgedämpfter Schuss. Der Mann zuckt eine Sekunde, dann fällt er um. Die deutschen Soldaten stehlen sich in die Fabrik, Maschinenpistole im Anschlag. Fünf, sechs malerische Gestalten sitzen im Halbdunkel auf dem Boden vor einem Fernsehgerät. Ein paar Schüsse aus den deutschen Maschinenpistolen - sie sind tot.

Es ist Heimtücke - sie werden ohne Anruf, ohne Warnung erschossen. Heimtücke ist nach dem Paragrafen 11 unseres Strafgesetzbuches ein Tatbestandsmerkmal von Mord. Soldaten sind Mörder? Ist das die Aussage des Fernsehfilms Das Kommando, der vor einer Woche zunächst im Programm des Kulturkanals arte und diesen Mittwoch schließlich um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen war? Autor Thomas Bohn ist Reserveoffizier, er war selbst bei der Bundeswehr. Er will der Bundeswehr sicherlich nichts Übles nachreden. Die Soldaten der geheimen Sondereinsatzgruppe haben beim Mord einen Befehl zu befolgen: "Gefangene werden nicht gemacht."

Der Film steht damit in deutscher Tradition. "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht", sagte Wilhelm II. zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in seiner berühmten Hunnenrede, mit der er die deutsche "Schutztruppe" - so hieß das schon damals - nach China entsandte. Aber dieser ARD-Streifen ist weder Historienfilm noch einfach nur Spielfilm - sondern lebendige Gegenwart.

"Keiner sieht sie kommen. Keiner weiß, dass sie da sind. Und wenn ihre Mission beendet ist, gibt es keinen Beweis dafür, dass sie jemals da waren." So wurde in der Zeitschrift Die Bundeswehr (8/97, S.66) für die eigene Geheimtruppe geworben.

Keiner sieht sie kommen - so hieß vor einigen Jahren ein ARD-Dokumentarfilm über die "geheime Truppe der Bundeswehr", über das Kommando Spezialkräfte (KSK), über die schwarz vermummten Männer dieser Sondereinsatzkorps der Bundeswehr. Reporter Jörg Hafkemeyer zeigte seinerzeit sichtlich Sympathie für diese "verschworene Gemeinschaft", für "diese Elitesoldaten der Bundeswehr". Irgendwann einmal aber kam er um die Frage nicht herum: "Und wenn der Feind auftaucht, wird er erschossen, warum macht jemand das?" - "Für mich ist das eine Herausforderung. Ich wollte das eigentlich schon immer machen", antwortete ein maskierter KSK-Mann: "Danach bin ich froh und glücklich, dass ich das wieder geschafft habe ..."

Bald darauf waren unter Verteidigungsminister Scharping rund hundert KSK-Männer in Afghanistan eingesickert. Was sie dort taten, blieb streng geheim. Man wusste nur: Zunächst waren sie dem US-Kommando unterstellt. Scharpings Nachfolger Struck änderte das. "Elitetruppe erhält mehr Freiraum", meldete die Frankfurter Rundschau im November 2002.

Das KSK durfte nun in Eigenregie, wie es hieß, gegen das Terrornetzwerk al Qaida vorgehen, obwohl dies durch den offiziellen Parlamentsbeschluss zum Mandat Enduring Freedom in keiner Weise abgedeckt war, wie Union und FDP monierten. Selbst der Verteidigungssausschuss blieb wirksam uninformiert, beispielsweise über die Frage, ob das KSK je Gefangene gemacht habe - und wenn ja, was mit ihnen geschah.

Das Kommando Spezialkräfte gilt übrigens als Kreatur des Generals Reinhard Günzel, der wegen seiner Sympathiebekundungen für die judenfeindlichen Äußerungen des einstigen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann gefeuert wurde. Seither tritt der General a. D. auf den Veranstaltungen von Rechtsextremisten als Redner auf, mit NPD-Leuten als Saalschutz. Reinhard Günzel hält seine Männer "für die besten Soldaten Deutschlands, vielleicht sogar die besten der Welt. Die gehen, wenn es sein muss, auf den Himalaya, weil sie brennen."

Wurde nach der Entlassung Günzels vor einem Jahr die Truppe durchleuchtet, die er von Anfang an führte und prägte? Gab es einen Untersuchungsausschuss, der prüfte, ob und warum Günzels Spezialeinheiten unter Umständen keine Gefangene machten? Die Mitglieder des Verteidigungsausschusses wagen sich an dieses Thema nicht heran. Als die KSK-Männer zurückkamen aus Afghanistan, durfte nicht gefragt werden, welche Aufträge sie dort tatsächlich ausgeführt hatten.

Eine Woche vor der Ausstrahlung des ARD-Films Das Kommando wurde die erneute Entsendung von KSK-Formationen nach Afghanistan bekannt gegeben. Nach Angaben Strucks soll sie dort Bundeswehreinheiten schützen, die wiederum "die britischen und amerikanischen Kräfte beim Kampf gegen die Schlafmohnproduktion" unterstützen sollen.

Der stellvertretende Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion, Winfried Nachtwei, warnt: "Wer meint, die Bekämpfung des Drogenanbaus übers Knie brechen zu können, der wird sich dabei die Knochen brechen. Auf diese Weise kommt man dort nicht heil raus."

Keine Sorge, der ARD-Film jedenfalls nimmt ein ziemlich gutes Ende. Zum Schluss sind deutsche Soldaten nicht einfach nur Mörder. Einer von ihnen rettet - entgegen dem Befehl "Gefangene werden nicht gemacht" - eine Frau, die nach dem Massaker seiner Truppe schwerverwundet in der Fabrik liegt. So hisst Autor Bohn am Ende die Flagge der Humanitas. Die Mordaktion wird einem der Täter zur Gewissensqual. Ein halbes Happy End für den Film. Und für uns alle die neue, alte Legende von der sauberen Bundeswehr.


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00:00 21.01.2005

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