Gefesselt im Luftraum

Lufthansa in Turbulenzen Als hätte die Airline mit teuren Streiks und sinkenden Kursen nicht genug Ärger. Jetzt protestieren auch noch Gegner des Abschiebegeschäfts - im Internet

Abendbrot in einer Frankfurter Wohngemeinschaft. Janis, Ali, Uwe und Rita haben Farbe und Rubbelbuchstaben weggeräumt, mit denen sie an Flugblättern gearbeitet haben und sitzen um einen dampfenden Spaghetti-Topf. Auf dem Küchenboden kleben noch Farbreste. "Hat schon jemand die Protestsoftware heruntergeladen?" fragt Janis. "Ist erst ab Samstag verfügbar. Aber du kannst Canan eine SMS schicken, dass sie von der Arbeit aus mitdemonstrieren kann, sie braucht dann nur das Applett (*) zu starten", antwortet Rita. Wenn viele diese Programmerweiterung aktiviert haben und der Lufthansa im Internet einen Besuch abstatten, könnte das Unternehmen Server-Probleme bekommen, hoffen die Organisatoren der "Deportation-Class-Kampagne", die im Internet dagegen protestieren wollen, dass der Konzern mit der Abschiebung Geld verdient.

Am Tag der Hauptversammlung, für den sich der Vorstand schon heute wegen einer miserablen Quartalsbilanz und dem teuren Tarifabschluss mit der Pilotenvereinigung Cockpit warm anziehen muss, wollen Internet-Aktivisten dem Kranich auch virtuell die Flügel stutzen. Am 20. Juni, ab zehn Uhr, wird das Internetportal des Konzerns blockiert. Die Idee ist denkbar einfach: Wenn viele gleichzeitig das Gleiche wollen droht Chaos. Durch massenhafte Anfragen von Cyber-Aktivisten zum gleichen Zeitpunkt soll der Server der Lufthansa überlastet und der Konzern auch ökonomisch unter Druck gesetzt werden. Das Unternehmen verkauft über die Homepage inzwischen einen erklecklichen Teil seiner Tickets - eine halbe Million allein im vergangenen Jahr.

Uwe schmeißt entnervt seinen Löffel in die Tomatensoße und mault, dass er demonstrieren wolle und zwar richtig! Online-Demos, das seien doch spinnerte Ideen der so genannten Postfordisten, die sich nur noch mit Technik beschäftigten, es auf die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt nicht mehr ankommen ließen, und die Entpolitisierung der verbliebenen Linken vorantrieben. Er erntet erst einmal betretenes Schweigen.

Initiatoren der Aktion sind das Netzwerk Kein Mensch ist illegal (KMii) und die Gefangenhilfsorganisation Libertad. Sie wollen mit ihrer "Deportation-Class-Kampagne" die Lufthansa endgültig aus dem Abschiebegeschäft drängen, seit der abgelehnte Asylbewerber Aamir Ageeb in einem Flugzeug mit dem Kranich-Emblem ums Leben gekommen ist. Am 28. Mai 1999 wurde der Sudanese auf dem Flug mit der Nummer LH 558 nach Kairo abgeschoben. Der gefesselte Flüchtling wehrte sich so heftig gegen seine "Rückführung", dass die drei begleitenden BGS-Beamten ihm "zu seinem Schutz" einen Helm überzogen und seinen Kopf nach unten drückten. Diese Tortur überlebte Ageeb nicht. Er erstickte. Drei an Bord anwesende Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen. Innenminister Schily verfügte daraufhin, Abschiebungen auf dem Luftweg auszusetzen, wenn mit Widerstandshandlungen gerechnet werden muss. Vier Wochen später allerdings wurde die Anordnung wieder aufgehoben. Zur zweifelhaften Humanisierung der Abschiebepraxis soll seitdem eine neue Richtlinie beitragen, nach der in Zukunft bei der Anwendung von Gewalt "eine unbeeinträchtigte Atmung" gewährleistet sein muss.

Dennoch: An der Mitwirkung der Lufthansa bei Abschiebungen hat sich nichts geändert. Obwohl die Pilotenvereinigung Cockpit inzwischen ihre Mitglieder dazu aufgerufen hat, "Schüblinge", die nicht ausgeflogen werden wollen, nicht zu befördern, weil im Luftraum allein der Pilot die volle Verantwortung trage, beruft sich der Arbeitgeber auf seine Beförderungspflicht. Das halten Vertreter von KMii für vorgeschoben. Die allgemeine Beförderungspflicht solle lediglich gewährleisten, dass jeder Kunde auf Wunsch befördert werde. Keinesfalls könne man daraus eine Verpflichtung ableiten, Passagiere gegen deren Willen zu transportieren. "Fliegen ist freiwillig".

Es dürften wohl eher ökonomische Gründe sein, die den Konzern veranlassen, auch Passagiere gegen ihren Willen auszufliegen: Deportation is money. Von den circa 30.000 Abschiebungen jährlich, übernimmt die Lufthansa nach Schätzungen von Menschenrechtsgruppen ungefähr ein Drittel. Gut fürs Image ist das allerdings nicht. Seit das Wall Street Journal in einem ganzseitigen Artikel über die Beteiligung bei Abschiebungen berichtete, sorgte das auch in Börsen- und Analystenkreisen für Aufmerksamkeit.

Die Online-Demo am nächsten Mittwoch ist nach Demonstrationen und Sit-Ins der Höhepunkt der "Deportation-Class-Kampagne". Die Kommunikationsguerrilla will allerdings den Lufthansa-Server nicht zum Absturz bringen, sondern lediglich die Funktionsfähigkeit durch ordnungsgemäße Benutzung beeinträchtigen. "Wenn die Lufthansa am 20. Juni ihre Server einfach abstellt, wäre das natürlich ein großer Erfolg. Das hieße, dass die große Lufthansa vor zwei kleinen NGOs kapituliert hat", sagt Sven Mayer von der Vorbereitungsgruppe. Bei den Kunden würde das sicherlich einige Verunsicherung auslösen, möchte doch der Konzern den Online-Verkauf um 25 Prozent steigern und investiert kräftig in eine PR-Kampagne für ein Image als moderner Netzkonzern. Deshalb zielen die Aktivisten auch auf das Internet. "Wenn ein Konzern, der mit Abschiebungen Geld verdient, seine größte Filiale im Internet aufbaut, muss man auch dort demonstrieren", sagt Mayer.

Dank des ungewöhnlichen Vorgehens ist es den Aktivisten gelungen, das Thema in den Medien zu halten, auch wenn es dabei vor allem um die Form statt um den Inhalt geht. Der Internet-News-Ticker Heise veröffentlichte mehrmals Ankündigungen zur geplanten Online-Demo. Ein Blick in die Diskussionsforen zeigt aber schnell, dass sich mit der vielbeachteten Protestform noch lange kein antirassistischer Konsens herstellen lässt. Hier werden die gleichen Positionen wie an Stammtischen und in Fußgängerzonen vertreten. Aber anderes hat wohl niemand ernsthaft erwartet.

Vor überzogenen Erwartungen warnt auch Ricardo Rodriguez (s. Artikel unten), New Yorker Pionier elektronischer Protestformen, der zur Zeit durch Deutschland tourt und Vorträge hält. Online-Demonstrationen bräuchten auch die herkömmliche Offline-Demonstration. E-Protest sei eben nur ein Mittel, keine Strategie. Deshalb werden die Organisatoren auch auf der Aktionärshauptversammlung in Köln protestieren. Das hat Uwe überzeugt.

(*) Die Demo-Software (1 MB) steht unter http://go.to/online-demo kostenlos zum Herunterladen bereit. Das Programm, das ohne weitere Installation gestartet werden kann, greift bei bestehender Internetverbindung wiederholt und ausschließlich auf Lufthansa-Seiten zu. Die Organisatoren garantieren, dass die Software weder in fremde Rechner eindringt noch Daten dort zerstört oder verändert. Nach der Demo kann das Programm einfach gelöscht werden.

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00:00 15.06.2001

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