Gefragter Lustschreiber

Schweiz Die Tage, als Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt die Schweizer wachrütteln wollten, sind vorbei. Der Autor Lukas Bärfuss steht in ihrer Tradition. Und ist doch anders

"Was für eine Elite braucht die Schweiz?" – titelte vor ein paar Wochen Das Magazin, die viel gelesene Wochenendbeilage des Zürcher Tages-Anzeigers, und reagierte damit auf die Identitätskrise, die Banken- und Steuerskandale, Minarett-Verbot und die schwächelnde politische Haltung im Streit mit Gaddafi im Land ausgelöst hatten. Die Auswahl derer, die die Redaktion um eine Stellungsnahme bat, sprach für sich: bekannte Unternehmer, Bankiers, Politikerinnen, Wirtschaftsanwälte – und als einzigen Vertreter der Schriftsteller den Bestellerautor Martin Suter, dessen neuer Roman Der Koch zwar zurzeit auf den oberen Plätzen der meistverkauften Bücher herumturnt, dessen Äußerungen zur Lage des Landes aber weitaus weniger gut gewürzt sind als die Menüs, die sein tamilischer Protagonist auf die Teller zaubert. Die Situation ist deutlich: Wie eh und je sprechen in der Eidgenossenschaft das Geld und die Geschichte. Aber wo bleibt der Geist? Wo bleiben die neuen Dürrenmatts und Frischs?

Das Schweigen der Denker

Diese Fragen trieb Lukas Bärfuss um, als er Ende 2007 mit seinem Text „Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?“ im Tages-Anzeiger eine Debatte über die Rolle der Intellektuellen ins Rollen brachte. Die Schweiz hatte gerade mit den ausländerfeindlichen Wahlplakaten der rechtskonservativen SVP, auf denen weiße Schäfchen ein schwarzes mit Fußtritten aus dem Land kickten, von sich reden gemacht. Die Eidgenossen hatten sich damit den Titel „Europe’s Heart of Darkness“ eingebrockt – noch lange, bevor die Anti-Minarett-Kampagne mit einer bedrohlichen Muslimin in Schleierrüstung und Minaretten, die wie Missiles die Schweizer Flagge als Abschussrampe nutzen, eine internationale Karriere antrat.

Bärfuss’ Frage traf einen wunden Punkt. Und während er noch zu erklären versuchte, warum in der Schweiz bei brisanten gesellschaftspolitischen Fragen kein Aufschrei durchs Land geht, erklärten umgekehrt die Zeitungen den 1971 geborenen Schriftsteller und Dramatiker schon zum neuen Chef-Intellektuellen des Landes. Als Bärfuss ein paar Monate später, im Frühjahr 2008, mit seinem fulminanten Roman Hundert Tage die Schweizer Entwicklungshilfepolitik in Ruanda hart angriff und der DEZA, der Eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, auf literarischem Weg ein Mitverschulden am Völkermord an den Tutsi vorwarf. Das war der Ausgangspunkt für seine Rolle als neuer Intellektueller einer jüngeren Generation.

Doch zwei Jahre später ist die Schweiz in der Denker-Debatte noch nicht viel weiter. Bärfuss hat sich in den letzten beiden Jahren immer wieder öffentlich geäußert, gleichzeitig fühlt er sich aber gedrängt: „Der Erwartungsdruck ist enorm. Die Redaktionen sind äußerst scharf auf Statements zu aktuellen Themen.“ Bärfuss hat es vorgezogen, erst einmal auf Distanz zu gehen. Zum Schreiben.

Malaga liegt in der Schweiz

Jetzt gibt es ein neues Stück: Malaga. Losung oder Sehnsuchtort? Mancher Schweizer Politiker hätte in diesen Tagen nichts dagegen, dort bei süßem Wein in süße Träume hinüberzudämmern. Für Bärfuss aber ist Malaga der Kristallisationspunkt von Schuld, Verantwortung und individueller Lebenszielverwirklichung.

Ein frisch getrenntes Paar, zwischen den beiden ein Kind. Vera möchte mit ihrem neuen Freund für ein Wochenende nach Malaga, Michael muss zu einem Kongress. Weil keiner zuhause bleiben will, passt ein in aller Eile organisierter Babysitter auf die Tochter auf. Doch dann stößt dem Kind etwas zu – und keiner weiß mit dieser Kata­strophe umzugehen. Malaga ist ein düsteres Kammerspiel für drei Personen, das über manche Schweigeschleife von der Komödie in die Tragödie kippt.

Das klingt nicht nach einem Bärfuss-Stück, wie man es erwartet. Zieht sich derjenige, der sich bisher mit Sterbehilfe, Sex für Behinderte, Vaterschaftstests, Hirnforschung und den Verschuldungen der europäischen Entwicklungshilfe in Afrika auseinandergesetzt hat, nun auf private Stoffe zurück? Ist nun auch er, der mit Öl noch im letzten Jahr ein Lehrstück über Abhängigkeiten im Industreizeitalter auf die Bühne brachte, vom Virus des apolitischen Schreibens über subjektive Befindlichkeiten befallen, der unter deutschsprachigen DramatikerInnen umgeht? Bärfuss sieht das anders. „Das Stück hat sehr viel mit der momentanen politischen Großwetterlage zu tun. Es geht um die zentrale Verantwortung jedes Einzelnen für die sozialen Strukturen, die ihn umgeben.“ Verantwortung tragen: Das würde auch heißen, sich Fragen zu stellen, die wehtun. Zum Beispiel, woher diese grassierende Panik vor dem Fremden kommt, die sich in dem Minarett-Verbot so eklatant zeigt; ob die Schweiz international noch jemals eine Rolle spielen kann, wenn sie sich Europa weiterhin so deutlich verweigert, oder wie sie die wachsenden sozialen Ungleichheiten lösen will, wenn sie es nicht einmal schafft, die Verantwortlichen der Bankenkrise öffentlich zur Rechenschaft zu ziehen. Verantwortung ist das große Thema, und Malaga liegt auf einmal nicht mehr nur in Spanien.

Dass in der Schweiz in öffentlichen Debatten der Wunsch nach einer neuen Elite laut wird, sagt nämlich nicht so sehr etwas über die mangelnde Qualität des geistigen Schaffens aus, sondern entlarvt in erster Linie die Sehnsucht nach Intellektuellen, die Visionen entwickeln und neue Werte wie Pflöcke einschlagen. Dieses Bedürfnis ist verständlich, aber auch gefährlich, denn Vordenker laufen schnell die Gefahr, zu Vorkauenden zu werden.

Bärfuss’ Weg ist ein anderer. Er führt über das Eintauchen in die persönlichen Abgründe und das Einlassen auf den eigenen Ekel. „Ich bin ein Lustschreiber, und dazu gehört das Graben in abseitigen und manchmal perversen Ängsten. In ein solches Thema wie Völkermord hineinzugehen, das ist schon fast eine Angstlust.“ Die Konfrontation mit der Angst: Klingt nach einem politischen Programm für die Schweiz. Genauso wie die in Bärfuss’ Stücken immer virulente Frage nach der Integration des Einzelnen in die Gesellschaft, seien es Ausländer, seien es Störenfriede.

Die Außenseiter ziehen sich wie ein roter Faden durch Bärfuss’ Stücke. Zum Beispiel der Säufer Franzeck, der alles daran setzt, vom scheiternden Politiker Simon Korach adoptiert zu werden, obwohl jener gerade erfahren hat, dass sein leiblicher Sohn nicht nur gegen den Baum gefahren, sondern auch das Produkt einer Affäre seiner Frau mit seinem schlimmsten Feind ist. Oder der Busfahrer Hermann, der die Pilgerin Erika, die aus Versehen in seinem Bus sitzt, umlegen und im Wald verscharren will, weil er sein sektiererisches Grüppchen Selbstmordwilliger ungestört in die Schlucht karren möchte. Oder die geistig zurückgebliebene Dora, die sich nicht nur Sex, sondern auch richtig dreckigen Sex wünscht. Bärfuss’ Figuren sind ungewöhnlich; sie bleiben haften, weil sie mit unmoralischer Hartnäckigkeit für ihr Lebensziel fechten. Bösartig sind sie oft, gierig, schamlos und egoistisch. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Dramatiker beherrscht Bärfuss die Kunst der bitterbösen Pointe an der richtigen Stelle. „Komik ist für mich sehr wichtig. Lachen hat etwas sehr Subversives, weil wir nicht entscheiden können, was wir lustig finden und was nicht. Durch den Kontrollverlust ist das Lachen gefährlich. Aber gerade im deutschsprachigen Theater ist es schwierig mit dem Humor. Ich will ja kein Schenkelklopftheater machen.“ Doch Bärfuss lacht seine Figuren nicht aus, er liebt sie: „Man hat ja eine Fürsorgepflicht seinen Figuren gegenüber. Manchmal denke ich, dass ich sie doch nicht so quälen kann. Das sind Stimmen in meinem Kopf, die reden mit mir. Und die Sauhunde, das sind meine Lieblinge.“

Heimisch im Unsicheren

So spricht einer, für den die Integration keine Selbstverständlichkeit ist, einer, der selbst lange nicht wusste, wo er seinen Platz suchen und behaupten sollte und als Gabelstapelfahrer und Gärtner jobbte, bis er schließlich eine Buchhändlerlehre machte. Einer, der irgendwann beschlossen hatte, zu schreiben, um damit zu den Menschen und aus dem bergigen Berner Oberland, wo er geboren ist, nach Zürich zu kommen. Die freie Theatergruppe 400asa um Regisseur Samuel Schwarz wurde für Bärfuss in den frühen Nullerjahren zum Sprungbrett: Schwarz inszenierte, Bärfuss schrieb. „Ich habe das Schreiben schon damals sehr ernst genommen. Für mich hieß es: Jetzt oder nie, Bärfuss!“ Noch immer macht 400asa Extremtheater und hat zuletzt mit Bärfuss’ Stück Der Bus (Das Zeug einer Heiligen), das auch auf deutschen Bühnen rauf- und runtergespielt wurde, die Zuschauer im Bus in einen dunklen Wald gefahren, ins pochende Herz der Angst.

Doch Bärfuss’ Zeiten mit der Gruppe sind vorbei. Heute ist er Dramaturg mit Sonderstatus am Schauspielhaus Zürich. Intendantin Barbara Frey, die 2003 die Uraufführung seines Stücks Die sexuellen Neurosen unserer Eltern am Theater Basel einrichtete, hat ihn ins künstlerische Denkerteam eingebunden. Nun leitet er die Diskursreihe „Weiße Flecken“, die in die schwarzen Löcher an den Grenzen unseres Wissens führt. Reizt ihn die Überforderung? Natürlich. „Die Unsicherheit ist eine Angst, die sehr lustvoll sein kann, sie setzt eine enorme Freiheit des Denkens frei.“ Bärfuss ist einer, der lieber sich selbst provoziert, statt andere zu provozieren. Einer, der sich nicht so exponiert und nicht so polarisiert wie das viel beschworene janusköpfige Denkerduo Dürrenmatt und Frisch, der aber im Theater auf ambivalente Weise nicht nur Denkräume, sondern auch sich den eigenen Ängsten öffnet. Solche Akte sind nicht privat, sondern haben gesellschaftliche und politische Dimensionen. Genau wie Malaga.

Wie visionär Bärfuss’ Schreiben sein kann, zeigt eine aktuelle Meldung, zwei Jahre nach seinem Ruanda-Roman: Die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey verfügte Ende März, dass die Verwicklungen der Schweizer Entwicklungshilfe im Tschad einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Sie wird wohl länger als hundert Tage dauern.

MalagaLukas Bärfuss, Regie: Barbara Frey. Premiere am 9. Mai am Schauspielhaus Zürich

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11:00 10.05.2010

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