Gefühl und Wahrheit

Literatur Die Historikerin Hedwig Richter beschreibt die Geschichte der Demokratie als eine der Empathie. Ute Frevert ist das suspekt

E s könnte ein Buch der Stunde sein, Hedwigs Richters Demokratie. Eine Deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Richters Ansatz ist spannend, zudem glänzte die Historikern in internationalen Vergleichen, zuletzt mit einer Studie über die Demokratie in Preußen und den USA. Leider ignoriert sie in ihrem Buch, das für den diesjährigen Bayerischen Buchpreis nominiert war, wichtige kulturelle, technische und ökonomische Kontexte des internationalen Demokratisierungsprozesses weitgehend. Ihre Geschichte der Demokratie ist hier zunächst „eine Geschichte des Körpers, seiner Misshandlung, seiner Pflege, seines Darbens – und seiner Würde“.

Aber kann man von einer einfachen Befreiung des Frauenkörpers über die vergangenen Jahrhunderte sprechen? Klar muss man es als einen Fortschritt werten, dass man die Körper von Frauen nicht mehr rechtlich als Eigentum des Vaters oder des Ehemannes betrachtet. Doch brutale Schönheitspraktiken beispielsweise, die im absolutistischen Zeitalter den Adligen vorbehalten waren, wurden ja ebenfalls demokratisiert. Wenn die Abschaffung der Prügelstrafe zur Demokratie gehört, so müsste auch die Genitalrasur als Teil des gleichen Komplexes verstanden werden.

Nicht alle Beispiele sind so frivol. Wer leidet nicht an Depressionen, Angstzuständen, Schlaflosigkeit, wenn es stressig wird? Natürlich litten die Menschen auch früher an stressbedingten Krankheiten, aber ihre Verbreitung in der Moderne ist ein wohlerforschtes Feld. Richter weist einen großen Teil dieser Forschung stellvertretend mit einem Satz zurück: „Man kann mit Foucault diese Internalisierung von Macht für problematisch halten. Aber liegt es nicht näher, sie als einen Gewinn für beide Seiten zu verstehen?“ Hier würde man sich ein Argument wünschen, doch es kommt keins. Genauso wenig kommt eine Auseinandersetzung mit den körperlichen Folgen der Fabrik, der Massenmedien oder der Leistungsgesellschaft. Die Körperlichkeit im Zusammenhang mit Demokratie besprechen zu wollen, ohne dabei die Körperlichkeit des Kapitalismus einzubeziehen, muss man naiv nennen.

Diese Naivität hat nichts mit der Erfahrungslosigkeit und mangelnden Weisheit zu tun, die dem weiblichen Geschlecht gewöhnlich vorgeworfen wird. Viel eher erinnert sie an den zum Klischee gewordenen alten weißen Mann. Richter weist Foucault ab, genau wie jene kalten Krieger etwa wohlwollende Bemerkungen zu Marx mit einer Anekdote über die Stasi diskreditieren. Sie scheint die Privilegien, die sie als Professorin an der Universität der Bundeswehr genießt, so verinnerlicht zu haben, dass sie die Leiden von weniger privilegierten Menschen nicht ernst nehmen kann – zu dem verkrümmten Körper der Fabrikarbeiter sagt sie, dass sie sich freuen sollten, nicht der Prügelstrafe ausgesetzt zu sein. Ähnlich wie beim alten weißen Mann ist es nicht die Anglerweste, sondern die Taubheit für reale Probleme, die stört, die Ablehnung von echtem Leid. Das gerät besonders bitter, weil das Buch sich explizit mit Empathie auseinandersetzt. „Mitleid war ein Kind der Aufklärung“, behauptet Richter am Anfang ihres Buches, in einer richtunggebenden Passage. Mitleid, behauptet sie, war das entscheidende Mittel, womit die Welt verändert werden konnte: „Mitleid nährte die Idee der Gleichheit.“

Und Barmherzigkeit?

Hier sollte man aufhorchen. Selbst wenn das Wort Mitleid tatsächlich erst im 17. Jahrhundert belegt ist, sollte das noch lange nicht heißen, dass die Menschen erst vor 200 Jahren anfingen, sich Gedanken um ihre Mitmenschen zu machen. Was ist mit Barmherzigkeit, Nächstenliebe oder Wohltätigkeit sowie sämtlichen anderen religiösen Konzepten, die der Gemeinsinn der Vormoderne gestiftet hat?

Eine andere Neuerscheinung liefert elegant die Widerlegung von Richters unbegründeter Behauptung. „Heutzutage ist Empathie ein Allerweltswort, vor hundert Jahren sprach man von Einfühlung, vor zweihundert von Mitgefühl“, schreibt Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, in ihrem Buch Mächtige Gefühle. Gleich im nächsten Halbsatz stellt Frevert die Verbindung her, die Richter über 400 Seiten entgeht. Denn Mitleid war Ludwig Gotthard Kosegartens Übersetzung von „Adam Smiths Hauptbegriff sympathy aus dessen Abhandlung Theory of Moral Sentiments“. Wenn Mitleid ein Kind der Aufklärung sei, so muss der Vater der Kapitalismus gewesen sein. Für Frevert ist Mitleid oft suspekt, denn es gehe mit moralischen Wertungen einher und befestige soziale Unterschiede. Wer Mitleid zeige, befinde sich in einer Position der Stärke und schaue auf „die herab, die Mitleid brauchen“. Für Frevert gilt es, dieses Gefühl auf sämtlichen Ebenen zu behandeln. Wie unterscheidet es sich von anderen Gefühlen? Wie wird es ausgebeutet, korrumpiert, eingesetzt, verstärkt, verbreitet und verstanden? Wenn man Mitleid in dieser Weise betrachtet, fällt Richters Argument auseinander, denn Mitleid wurde, wie Frevert schreibt, vor allem von bürgerlichen Frauen empfunden und nur für geeignete Subjekte – weitergehend nicht also für die „eklige“ Arbeiterklasse. Es galt vor allem für Tiere, denn: „In Deutschland entstanden die ersten Vereine gegen Tierquälerei lange vor Initiativen, die Kinder vor Ausbeutung und Misshandlung schützen wollen.“ Hier spürt man die Aktualität von Freverts Denkweise, denn auch wir leben in einer Gesellschaft, in der eine vegane Ernährung propagiert wird, will man aber sichergehen, dass das Essen unter menschenwürdigen Bedingungen produziert worden ist, steht man fast alleine da.

Der sperrige Untertitel von Freverts Buch – Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1900 – ist eine ausgesprochen bescheidene Beschreibung dessen, was der Text bietet. Die vergangenen 120 Jahre bilden zwar einen Orientierungspunkt und Deutschland ist eine wichtige Kulisse, aber Freverts rigorose Denkweise versetzt uns mal in die griechische Antike, mal in die zeitgenössischen USA. Wie könnte es anders sein, denn selbst wenn unsere Ängste, Hoffnung, Liebe und Wut vom modernen Deutschland geprägt sind, sind sie die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit der tiefsten Vergangenheit und der fernen Zukunft, mit fremden Kulturen und dem eigenen Kinderzimmer. Frevert ist zwar eine Generation älter als Richter, ihr Schreiben wird aber wohl noch in hundert Jahren ganz jung wirken.

Info

Demokratie. Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart Hedwig Richter C.H. Beck 2020, 400 S., 26,95 €

Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung. Deutsche Geschichte seit 1900 Ute Frevert Fischer 2020, 496 S., 28 €

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