Gefühl und Konvention

Melancholisches Ende der Macht Jean Jourdheuil inszeniert Mozarts "Idomeneo" an der Stuttgarter Staatsoper

Idomeneo ist eine in den letzten 50 Jahren in ihrer Lebenskraft neu entdeckte Opera seria Mozarts, die 1781 in München und in einer überarbeiteten, konzertanten Fassung 1786 in Wien uraufgeführt wurde. Ein schwerer, tragischer Stoff für das Karnevalsvergnügen, deshalb auch mit obligatorischem Happy end. Mozart hatte eines der damals besten Orchester Europas zur Verfügung und konnte seiner experimentiererischen Freude am "vernünftigen" Gebrauch der Instrumente freien Lauf lassen. So trat ein "ganzes Arsenal rhetorisch-musikalischer Erfindungen" (Lothar Zagrosek, musikalische Leitung) in einen Konflikt mit der starren Konvention der Opera seria.

Das ist ein Grunddilemma dieser Oper: Je mehr sich die Musik des Ganzen des Theaters, der vollen Menschendarstellung bemächtigt und ihr eigenes dramatisches Recht geltend macht, desto weniger ist sie vereinbar mit dem "dramatisch vorgeprägten Zeremoniell und der statuarischen Haltung" der Opera seria, so Stefan Kunze in seinem Mozarts Opern. Regie und Bühne sehen sich so gezwungen, ein dramatisches Konzept zu entwickeln, in dem die Musik ihren Sinn entfalten kann, ohne das Libretto zu verraten.

Regisseur Jean Jourdheuil und Bühnenbildner Mark Lammert nehmen das Textbuch ernst und geben schon während der Ouvertüre einen Schlüssel für ihre besondere Lesart: Eine strahlend blaue Wand öffnet sich gerade so weit, dass wir ein in sich verlorenes Liebespaar sehen, während der gerettete Idomeneo die Bühne betritt, die beiden erblickt und sich zurückzieht. Damit ist der Anstoß zu Spekulationen gegeben und das Publikum zur kriminalistischen Mitarbeit aufgefordert. Gleich wird man hören, welche Verhängnisse über den Personen schweben, doch im Gegensatz zur klassischen Tragödie sehen wir kein Uhrwerk, dessen unerbittlicher Ablauf das Unglück in Bewegung setzt, das alle zermalmt.

Der erste Satz des Textes könnte auch der letzte sein (trotz des Happy End): "Wird diese Zeit des Leidens jemals zu Ende gehen?" Es rezitiert ihn Ilia (Alexandra Reinprecht), einst trojanische Prinzessin, jetzt Sklavin der Sieger. In ihr kämpfen Hass und Liebe, denn sie erwidert die Liebe Idamantes, den sie als Sohn des Zerstörers ihrer Heimat hassen muss. Idamante (Johan Weigel), der die Heimkehr seines Vaters Idomeneo erwartet, will im Namen seiner Liebe Frieden stiften und schenkt den gefangenen Trojanern die Freiheit. Sein Schmerz ist grenzenlos, als er trotzdem von Ilia zurückgewiesen wird. Auch Elektra (Karine Babajanian), nach ihrer Flucht aus Argos Gast in Kreta, liebt Idamante und fühlt in ihrem Herzen "Furien der Rache toben", als sie von der Freilassung der Gefangenen hört und deren Grund errät. Idomeneo (Norman Shankle) wird aus einem Seesturm gerettet, weil er gelobt, den ersten Lebenden, dem er begegnet, Poseidon zu opfern. Ohne sich zunächst zu erkennen, begegnen sich Vater und Sohn. Idomeneo ist verzweifelt über die unglückselige Fügung. Er verbirgt dem Sohn sein Gelübde und dieser spürt vom geliebten Vater nur den "eisigen Hauch", der seine Seele streift.

Jourdheuil und Lammert verweigern jede Verbildlichung oder Illustrierung dieser Situationen. Sie verzichten im 2. Akt auf einen wütenden Poseidon und ein grässliches, von diesem geschicktes Seeungeheuer und im 3. Akt auf Tempel, Priester, Pomp der Opferszene. Es gibt keine Requisiten, Spannung wird mit minimalen Mitteln erzeugt: Bewegung des Chors (der, in moderner Kleidung, von einer getriebenen zur treibenden Kraft wird), Bewegung der Protagonisten (historisch gekleidet, in den eigenen Gefühlen gefangen), Kleidungsstücke, die Wechsel andeuten, Blicke, die Perspektiven öffnen. So werden Verknüpfungen oder Beziehungen hergestellt, die im Libretto enthalten, doch nicht expliziert sind.

Der dramatische Raum, den Mark Lammert geschaffen hat, ist eine Mischung von Maschine und Labyrinth, Rationalität und Irrationalität, bedient von den Sängern beziehungsweise vom Chor, die die Wände verschieben und sich den Raum für ihren Atem, ihre Bewegung herausschneiden, sich in ihm dann verlieren, bis das Orakel sein Machtwort spricht.

Schließlich ist Idamante bereit, zu sterben. Ilia will ohne ihn nicht weiter leben. Der Vater fleht Poseidon um Gnade, Elektra denkt nur an Rache. Wir wissen von einem Bericht Konstanzes, Mozart sei bei einer häuslichen Aufführung dieses Quartetts in Tränen ausgebrochen. Idomeneo bekennt endlich sein Gelübde. Das Opfer soll vollzogen werden, der gehorsame Sohn vertraut dem Vater die Braut an und dieser nähert sich Ilia auf eine Weise, die alle Spekulationen aufflammen lässt: Idomeneo steht zwischen Ilia und Idamante, nach der Rettung hatte sein Blick das Liebespaar getroffen (Ouvertüre), der Vater wählt den Sohn zum Opfer, um sich Ilia zu nähern. Diese Lesart, die sich in einer früheren Fassung des Stoffes findet und im vom Mozart benutzten Libretto Spuren hinterlassen hat, die sie legitimieren, verlangt einen anderen Schluss als den des pompösen Happy End. Laut Orakelspruch werden Idamante und Ilia König und Königin, Idomeneo steigt herab vom Thron. Statt Mittelpunkt der Feiern zu sein, bleibt Idomeneo vor der schwarzen Brandmauer einsam auf der Bühne. Die Glücklichen haben ihn verlassen und der Chor verkrümelt sich. Das Publikum sieht nicht ohne Unbehagen und pünktlich zu Schröders Vertrauensfrage ein melancholisches Ende der Macht. So haben die Fülle widerstreitender Empfindungen und die wunderbaren Rätsel der Seele, die Mozarts Musik uns aufgibt, in dieser Inszenierung ein dramatisches Bühnengeschehen gefunden, das Hören und Sehen zum Genuss macht.


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00:00 08.07.2005

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