Gefühle als Landschaften

Im Kino "Veer & Zaara" gelingt die Kombination von indischem Formel-Kino und besten politischen Absichten

Seit einigen Jahren gehört es zum guten Ton zu wissen, dass nicht etwa in den USA, sondern in Indien die meisten Filme der Welt produziert werden. Mit in Rekordjahren bis zu 1.200 Filmen übertreffen Indiens Produktionsziffern tatsächlich den Output Hollywoods um mehr als das Doppelte. Betrachtet man die harten Umsatzzahlen, die weltweit mit dieser Produktion erzielt werden, sieht die Bilanz zwar wieder etwas anders aus; trotzdem oder vielleicht gerade deshalb steht das zunehmende Interesse am indischen Kino im vagen Zusammenhang einer Globalisierungskritik, die sich nach Gegengewichten zur Dominanz der amerikanischen Kulturindustrie sehnt.

Vor diesem Hintergrund kann man sich zwar daran ergötzen, dass es Hollywoodfilme in Indien gerade mal auf einen Marktanteil von fünf Prozent bringen - gegenüber den 85-95 Prozent in der westlichen Hemisphäre. Bevor der Anti-Kulturindustrie-Affekt mit einem durchgeht, sollte man sich jedoch klarmachen, dass europäische Filme auf dem indischen Markt so gut wie gar nicht vorkommen. Nein, Indien ist nicht das bessere Filmland. Vielmehr ist "Bollywood" eine Art Paralleluniversum, mit dem es sich zu beschäftigen lohnt, weil es das uns bis zum Überdruss vertraute Hollywood auf interessante und manchmal verblüffende Weise spiegelt.

Nicht nur, dass in vielen Filmen hemmungslos erfolgreiche Szenen "unserer" Filmgeschichte von Spiel mir das Lied vom Tod bis zu Pretty Woman kopiert und recycelt werden. Besonders in seinen kommerziellen Hochglanzprodukten steht das indische Kino dem amerikanischen an Formelhaftigkeit in nichts nach. Von der Gesamtlänge - es müssen schon die drei Stunden plus Intermission sein - über die Anzahl und Platzierung der Sing-and-Dance-Nummern bis zu den Gefühlen der Hauptfiguren folgen Bollywoodfilme einem bestimmten Rezept, das mit jedem einzelnen Werk immer nur weiter variiert und selten fortentwickelt wird. Dennoch sind diese Variationen eigentlich nie langweilig. Im Gegenteil: es kommt zu jenem typischen Effekt, der wahrer Traditionskunst eignet: Je mehr man davon sieht, desto interessanter wird es.

Veer Zaara, der nun bei uns in die Kinos kommt, hat so gesehen alles, was Bollywood ausmacht, und dann noch einiges mehr. Farbenfroh und melodramatisch geht es um die wahre Liebe, was sonst. Allerdings erstreckt sie sich diesmal über die Grenze nach Pakistan und ist deshalb entsprechenden Prüfungen ausgesetzt. Und außerdem noch wird die Geschichte eingebettet in einen Appell für die Gleichberechtigung der Frau. Schon allein dafür, mit wie viel Gefühl hier diese guten Absichten mit dem Genre verschmolzen werden, muss man den Film lieben.

Es beginnt in der Gegenwart in einem der finsteren Gefängnisse Pakistans; dort sitzt seit 22 Jahren ein indischer Gefangener, dessen wahren Namen keiner kennt. Eine junge Rechtsanwältin macht sich nun auf, gegen die Widerstände ihrer patriarchalischen Umwelt natürlich, für diesen Gefangenen die Freiheit zu erkämpfen. Ihr Einsatz besteht zunächst darin, dass sie ihn zum Reden bringt. Und schon schwenkt der Film zurück in die Vergangenheit und schildert die Geschichte von Veer und Zaara, die mit einer spektakulären Szene begann: Veer, der Rettungsflieger, seilt sich zu Zaara, einer der letzten Überlebenden eines Busunglücks, ab. Während er bereits völlig fasziniert ist von der Frau, die mit ihm in der Luft hängt, verlangt sie, sofort wieder heruntergelassen zu werden, da sie ihre Handtasche verloren habe. Im Überwinden solcher Missverständnisse lernen sie sich in den folgenden Tagen kennen und lieben. Dann allerdings stellt sich heraus, dass Zaara in ihrer pakistanischen Heimat bereits einen Verlobten hat. Sich für einen anderen, dazu noch einen Inder zu entscheiden, würde bedeuten, den eigenen Vater zu brüskieren ...

Sorgfältig vermeidet Veer Zaara jede im eigentlichen Sinne politische Anspielung. Der indisch-pakistanische Konflikt ist hier nichts anderes als ein plot device, ein Handlungsmovens, das verhindert, dass die Liebenden zu schnell zusammenkommen. Aber in dieser für das Illusionskino typischen Ignoranz des Wirklichen drückt sich vielleicht auch eine Art Sehnsucht aus: Man wünschte, man könnte den Konflikt auf ein Liebeshindernis reduzieren.

Wie überhaupt Veer Zaara vor Augen führt, dass das indische Hochglanzkino eines der großen Sehnsüchte ist; spektakuläre Landschaftsaufnahmen bebildern den Zustand der Seelen und Frauen sind am schönsten, wenn sie von Wind umweht werden. Wie hypnotisiert umkreist die Kamera ihre Idole und mit ihr begibt sich der Zuschauer in einen Gefühlstaumel, der an Subtilität jedes Interesse verliert.

Nein, es sind nicht die kleinen raffinierten Gesten oder die ausgefeilte Charakterdarstellung, die die Stärke Bollywoods ausmachen. Man sieht es am Hauptdarsteller des Veer, Sha Rukh Khan, der zur Zeit der Megastar des indischen Kinos ist: Weder sieht er am Besten aus, noch empfindet man seine Schauspielkunst als überragend, aber gerade damit, dass er die Ideale verfehlt und nie ganz erreichen wird, rührt er die Herzen seines Publikums und bindet sie um so mehr.

Die ersten Versuche, indisches Kino hierzulande populär zu machen, verfolgten einen camp-Ansatz: Man sollte das Pathos, die Gesänge, die wallenden Tücher und die Fixierung auf Schweizer Berglandschaften schrill und ungeheuer schräg finden. Doch wer sich lustig machen will über weinende Männer und Tanznummern in allen Gefühlslagen, verliert schnell den Spaß daran. Bollywoodfilme wollen ernst genommen werden. Wer das tut, findet darin etwas, das dem westlichen Kino, vor allem dem anspruchsvollen, schon lange suspekt geworden ist: die großen Gefühle. Stellt sich am Ende nur die Frage, warum man die so viel besser ertragen kann und warum sie so viel glaubwürdiger erscheinen, wenn sie im exotischen Gewand daherkommen.


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00:00 03.06.2005

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