Gefundenes Fressen?

TV-Serie „Morgen hör ich auf“ mit Bastian Pastewka setzt auf eine möglichst lange Mindesthaltbarkeit
Sarah Khan | Ausgabe 01/2016 2

Vor 30 Jahren produzierte das ZDF eine recht spaßige, auf deutsche Verhältnisse runtergebrochene Variante der US-amerikanischen Ölbaron-Serie Dallas: Das Erbe der Guldenburgs hieß die Chose, die im spätkapitalistischen Adelsmilieu zwischen Privatbrauerei und Privatbank, zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein angesiedelt war und aufgrund der großen Nachfrage drei prächtige Staffeln voll mit Cabriolets, Schlossmotiven und Föhnfrisuren bekam. Es darf denn auch niemanden verwundern, wenn sich das ZDF für das Bastian-Pastewka-Vehikel Morgen hör ich auf von der epochalen Serie Breaking Bad inspirieren lassen wollte, um die Geschichte vom Mittelstandsmann in einer mittleren Kleinstadt mit Geldmittelproblemen auf eigene Art zu erzählen.

Allein, die Zeiten sind vorbei, in denen heimische Zuschauer ihren heimischen Fernsehsendern alles aus der Hand fraßen. Dank eines globalisierten und auf vielen Distributionswegen agierenden Serienmarkts geraten deutsche TV-Produktionen unter Druck, qualitativ mitzuhalten – aus der Sicht des Publikums ist das so. Wie aber stellt sich das ZDF diesem Druck? Statt den Vergleich mit dem Über-Vorbild auszuhalten, wurde hektisch die Kommunikation korrigiert, mithilfe zweier Agenturen namens Orgeldinger Mediagroup (aus Esslingen) und Agentur 67 (aus Köln), die auf Krisenkommunikation und PR spezialisiert sind. Die ZDF-interne Parole „Wir machen ein deutsches Breaking Bad“, die der Programmdirektor Norbert Himmler in einem Interview selbstbewusst ausgegeben hatte, wurde massiv zurückgenommen, nicht nur von der verantwortlichen Redakteurin Elke Müller, sondern auch von Hauptdarsteller Pastewka. „Das Missverständnis bestand darin, dass alle glaubten, das ZDF würde Breaking Bad nachdrehen, mit mir als Walter White“, sagte er dem Spiegel, und dass er seine Mitwirkung in Frage gestellt habe, sollten die Ausführenden den Vergleich nicht fallen lassen.

Das Pressematerial des ZDF besteht aus zahmen Interviews und Statements, die die Berater Hermann Orgeldinger und Karoline van Baars unter Totalverzicht auf die Reizworte „Breaking“ sowie „Bad“ austüftelten. Ob er nicht Angst gehabt habe, von seiner Partnerin Susanne Wolff an die Wand gespielt zu werden, wird Pastewka gefragt. Das Wording seiner Antwort beinhaltet die Droppings „Ehrfurcht“, „Respekt“, „gestandene Schauspielerin“ und „optimal ergänzt“. Doch solche Nebelkerzen nützen wenig, wenn sowohl die Grundidee als auch die Handlung und das filmische Mittel der Vorlaufsequenz – kurze Flashs in die Zukunft, die ästhetisiert und gewaltvoll, dramatisch und dabei mysteriös sind und später in der Handlung sinnvoll aufgehen – permanent „Das ist wie bei Breaking Bad!“ schreien.

Kein Sonderkredit

Es soll also um den Familienvater und Druckereibesitzer Jochen Lehmann gehen, der aus finanzieller Verzweiflung nachts an seinen Maschinen falsche Fuffziger druckt. Die Gattin betrügt ihn tagsüber mit einem Dumm-fickt-gut-Typen, seine drei Kinder interessieren sich nicht für ihn, und die Bank gibt dem Phrasendrescher keinen Sonderkredit mehr, daran ändert auch die Tennisfreundschaft mit einem dieser Bankenheinis nichts.

Dass es diese kleinstädtische Welt mit den selbstherrlichen Filialleitern eigentlich nicht mehr gibt, seit Internetbanken und Kreditalgorithmen sie ersetzen, interessierte das dreiköpfige Autorenteam Martin Eigler, Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser leider nicht. Die Unverbundenheit mit unserer Gegenwart, mit den Widersprüchen und Schwierigkeiten unserer Zeit, ist ein Problem, das weit über diese einzelne Produktion hinaus im deutschen Fernsehen existiert. Man favorisiert eine künstliche Alltagswelt, voll individueller Sorgen und Nöte, aber ohne Genauigkeit, ohne die Historie des Ortes, der Geschichte oder der Menschen. Dieses Ausblenden von Gegenwart ist gewollt und geradezu ideologisch, weil man meint, dass die Produktionen dann weniger altern würden, länger frisch bleiben für die Verwertung. Doch letztlich werden sie nie satisfaktionsfähig, nie erwachsen.

Erinnern wir uns an die Zumutungen, die Walter White in der Exposition aufgehalst wurden: Der begnadete Chemiker und Vater eines körperbehinderten Jugendlichen arbeitet schlecht bezahlt als Lehrer und geht dazu in einer Autowäscherei nahe der mexikanischen Grenze einem miesen Nebenjob nach; als seine Frau erneut schwanger wird, erhält er die Diagnose Lungenkrebs. Das ist die Katastrophe, die das Umschlagen des Charakters motiviert. Daraufhin folgt die überwältigende Überraschung, dass White sich vom Trottel in ein getriebenes kriminelles Subjekt mit Talenten verwandelt, das die Zuschauer süchtig nach seinem neuen Lebenselixier macht: das kleinbürgerliche Arbeitsethos voll in der Kriminalität auszuleben.

Jochen Lehmann dagegen ist es nicht vergönnt, eine Energie zu entwickeln, die das brave Mittelstandsdilemma vergessen machen könnte. So lautet jedenfalls das Urteil auf Grundlage von zwei gesichteten Folgen und einem Handlungsexposé von insgesamt fünf Episoden. Dass der Drucker Lehmann blass bleibt, ist nicht Pastewkas Schuld, ihm gelingt der Wechsel vom Komödianten zum Charakterdarsteller, er kann sorgenvoll dreinschauen und schimpfen, ohne in alte Grimassen zu verfallen. Nur liefert ihm das Buch zu wenig Material für seine Figur. Die langatmige und redundante Exposition, die fast zwei gesamte Folgen in Anspruch nimmt, dreht sich um das Geld, das fehlt, beim Tanken, beim Taschengeld oder für die Klassenreise des Kinds. Diese Problemlage ist nicht wirklich am Rande der äußersten Verzweiflung angesiedelt, aber es scheint für einen existenziellen Großalarm in Bad Nauheim zu reichen, einem Ort im Frankfurter Speckgürtel, in dem nichts Aufregendes mehr geschah, seit Elvis Presley sich 1959 in die 14-jährige Priscilla verliebte.

Familie Lehmann aber lebt nach wie vor in einem schönen Eigenheim mit auffälliger Flamingo-Tapete, nur der Umgangston untereinander ist betont gleichgültig bis schwer vorwurfsvoll. Wie konnte das kommen? Das wird nicht ausgeführt. Hier hätte es sich gelohnt, nachzuhaken. Vom vorwurfsvollen Dialogton kommt die Serie auch nur schwer runter. Der erste interessante Charakter ist ein Österreicher namens Damir (Georg Friedrich), dessen Dialekt auffällig eingesetzt wird, vielleicht um älteren ZDF-Zuschauern, die noch an den Schimpansen Charly oder das Forsthaus Falkenau gewöhnt sind, Hinweise auf einen möglichen Fortgang der Handlung zu geben: „Achtung, aufpassen, das könnte ein Krimineller sein, so wie der sich von allen anderen unterscheidet mit seinen Tätowierungen und seinem komischen Schmäh.“

Hauptsache Milieukontakte

Pastewkas Lehmann tauscht seine Blüten nämlich ausgerechnet im Frankfurter Bahnhofsviertel, in der Kaiserstraße rund um das legendäre „Dr. Müller’s Sex-World“. Die Gegend ist mittlerweile mehr von Gentrifizierung und Schickimicki-Restaurants bedroht als von der österreichisch-serbokroatischen Mafia. Aber egal, Hauptsache, die Drehbuchautoren finden Gelegenheit, dem armen Lehmännchen zu Milieukontakten zu verhelfen, was weitere Blütendrucke, Zwangshandlungen und dann auch Todesfälle nach sich zieht. Eine halbe Million in drei Tagen zu drucken, und dann so schön, das kann nur ein wahrer Künstler, schwärmt Damir. Lehmanns Talent aber kann kaum in visuelle Reize überführt werden, seine Expertise bleibt eine Behauptung – was im PR-Gesülze schöngeredet wird. So sagt Pastewka im Gespräch mit der PR-Beraterin van Baars: „Wir haben sehr genau darauf geachtet, den Druckprozess nicht zu voyeuristisch erscheinen zu lassen und ‚den falschen Fuffzigern‘ nicht zu viel von ihrem Geheimnis wegzunehmen.“

Wenn aber die zugrunde liegende Idee uns davon erzählen will, dass einer neoliberal prekarisierten Mittelstandsfamilie durch Kriminalität der Ausbruch in die emotionale Wiedervereinigung gelingt, dann sollten die Zuschauer doch wenigstens gefühlt daran teilhaben, wie man so ein Ding wirklich dreht. Walter White machte uns in seinen Campingwagen, Küchen und Laboren zu seinen Cooking-Assistenten. Jochen Lehmann aber schaltet nachts nur den Maschinenknopf um und zieht die Scheine aus der Presse. Doch Gelddrucken – und das wissen wir Zuschauer einfach besser – ist nicht ganz so einfach, wie das gebührenfinanzierte ZDF sich das vorstellt.

Info

Morgen hör ich auf Miniserie in fünf Folgen Jeweils samstags, 21.45 Uhr, im ZDF

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06:00 03.02.2016

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