Gegen das Behagen in der Unkultur

Gute und schlechte Musik "Blumfeld", die Linksintellektuellen der Rockmusik in Deutschland, haben sich aufgelöst. Ein Nachruf

Die Unterscheidung von E- und U-Musik war selten hinfälliger als im Verhältnis zur am 22. Januar 2007 aufgelösten Band Blumfeld. Sinnvoller ist, folgt man dem Diktum von Kurt Weill, die Unterscheidung von "guter und schlechter Musik". Begreift man darüber hinaus die Musik als Einheit von Text und Klang und addiert man dazu die politisch-praktische Bedeutung dieser Einheit für die Humanisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, dann bekommt man ein Verständnis für die ungewöhnliche Rolle und Entwicklung von Blumfeld. Diese Entwicklung beschreibt eine Pasolinirolle rückwärts, die jedem Gramscianer, das heißt gegenhegemonial denkenden Menschen eine helle Freude bereiten muss.

Schon dass eine Musikgruppe sich nach einer Kurzgeschichte von Franz Kafka benennt, ist eher ungewöhnlich. In Blumfeld beschreibt Kafka den beziehungsunfähigen "älteren Junggesellen", der sich durch Ordnungssinn und Reinlichkeit vor den Verlockungen der Natur in die Sublimation rettet. Anders dagegen die 1990 in Hamburg gegründete Band Blumfeld: Mit dem Bewusstsein über das Unbehagen in der Kultur ist das Behagen in der Unkultur unvereinbar. Jenes Unbehagen bestimmte die Texte von Blumfeld in der ersten Phase ihres Bestehens, die von ihrer ersten Single Ghettowelt (1991) über ihr erstes Album Ich-Maschine (1992) bis zum zweiten Album L´Etat et Moi (1994) reichte. In dieser Phase war der Titel Programm: Die Kritik von Jochen Distelmeyer, dem Sänger und Texter von Blumfeld, zielte auf Fragen der Machtverteilung in zwischenmenschlichen Verhältnissen, der Entfremdung und der Selbstverwirklichung, mithin den Themen und Befindlichkeiten der postmodernen Linken der 1980er und 1990er Jahre.

Bei all dem pflegte Distelmeyer eine expressionistisch-dichterische Sprache, die in der Popkultur auf Dauer unerreicht bleiben wird. Das leidige postmoderne Zitieren erschien bei Blumfeld eher dezent. Distelmeyers Texte sind durchzogen von Querverweisen zu Celan, Rilke, Lasker-Schüler, Bachmann, Hofmannsthal, Benn, Fassbinder und Nietzsche und lassen dabei auch die anderen Meister der linksradikalen politischen Ästhetik innerhalb der Popkultur, die Goldenen Zitronen, nicht aus. Die Herkunft einer derartig mit kulturellem Kapital gespickten Sprache lässt sich erahnen. Jochen Distelmeyer formulierte sie in schnoddriger Art, wenn er über die eigenen Wurzeln zu Protokoll gab: "Mittelstand, Bildungsbürgertum, für die Verhältnisse und den Background maximal progressive und antiautoritäre Erziehung, liberal, nicht links, Lehrer, also eigentlich völlig normal."

Blumfeld wurden, eifrig gefördert von der Szenezeitschrift Spex, Anfang der 1990er Jahre zum Aushängeschild des gehobenen Untergrundpopkonsums. Ein Massenpublikum war für ihre Musik nicht denkbar, argumentierten sie doch immer wieder kompromisslos: Der Kapitalismus hat nicht gesiegt; er ist nur übriggeblieben; die Probleme, die der Sozialismus zu lösen versuchte, stellen sich nach wie vor. Von wegen "Ende der Geschichte", in Ich: Wie es wirklich war (1994) heißt es: "Und es fragt sich: War das etwa schon alles? Lügt denn die Welt, und wenn nicht, ist sie am Ende im Rückstand gegenüber der Moral der Geschichte?"

Danach waren fünf Jahre Pause angesagt. Erst 1999 kehrten Blumfeld mit Old Nobody zurück. Und das sehr verändert. Ihr hochwertiger Indierock wich seichteren Klängen. "Das klingt doch nach Münchener Freiheit", echauffierten sich die Kritiker. Blumfeld hefteten sich den Vorwurf ans Revier und wendeten ihn affirmativ. Nach eigenen Angaben richteten sie sich nun an ein Publikum von Hausfrauen, Arbeitern, Angestellten, Schülern. Mit ihrem 2001er Album Diktatur der Angepassten wurden Blumfeld denn auch klassen- und milieuübergreifend erfolgreich. Das war sie, die Pasolinirolle rückwärts: Von der mystisch-gesellschaftskritischen Metapher sich abwendend, übernahmen sie die Verantwortung öffentlichen Denkens und stellten sich der dialogischen Pädagogik organischer Intellektueller im Sinne Gramscis. Blumfeld, die ehemaligen "Diskurspopper", reflektieren den Zusammenhang zwischen Neoliberalismus und Postmoderne, ohne deren Stärke, die Antiliberalismus- und Teleologiekritik aufzugeben. Ähnlich wie Zygmunt Bauman kehrten sie zur postmodern aufgeklärten soziallinken Kritik zurück.

In Zukunft wird man Schallplatten, die mit fast zehnminütigen Gedichten beginnen, und Konzerte, die mit eben diesen enden, doch sehr vermissen.

00:00 02.02.2007

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