Gegen den Strich trösten

Kurzprosa zum Mitdenken Zum Tod des Schriftstellers Heinz Knobloch

Anfang Juni hatte Heinz Knobloch einen großen Auftritt im Festsaal des Roten Rathauses. Die Ankündigung einer "Lesung aus seinen Werken" hatte viele Besucher angelockt. Langsam aber zielstrebig steuerte er auf das Podium zu, und als er sich zum applaudierenden Publikum umwandte, hatte sein Anblick etwas ungewohnt Verwegenes. Doch gleich beruhigte er uns, sein eines, blau unterlaufenes Auge sei nicht seiner Frau zuzuschreiben, sondern einem Sturz am selbigen Morgen, und er bat um Nachsicht mit seinem eingeschränkten Sehvermögen.

Doch anderthalb Stunden kein einziger Versprecher. Mit der gewohnten Selbstironie und gutgelaunt unterhielt er seine Zuhörer so, wie man ihn kannte: erzählend, lesend, deklamierend. Unterbrochen nur von Beifall und Lachern. Er begann mit seinem letzten Buch: Das Lächeln der Wochenpost. Geschichten aus jener Zeitung, die nach dem 17. Juni gegründet wurde, als es plötzlich nicht nur mehr Wurst und Ölsardinen, sondern auch mehr Unterhaltung und Erbauung geben sollte. Dass die Wochenpost zum erfolgreichsten Blatt der DDR wurde, bei einer Auflage von über einer Million nur unterm Ladentisch zu haben war, daran hatte Heinz Knobloch, vom ersten Tag dabei, maßgeblichen Anteil. Sein wöchentliches Feuilleton Mit beiden Augen hatte viele Anhänger. Er verteidigte es gegen das in DDR-Medien übliche, kleinliche Hineinreden, oft mit mehr, mitunter mit weniger Erfolg. Erst als 1988 das Tausendste erschienen war, sagte er: Nun ist Schluss.

Schließlich sollte auch das fünfzigste Buch geschrieben werden. Dass dies keine Frage von Quantität war, bestätigten vor und nach der Lesung noch einmal die respektvollen Wortmeldungen von Vertretern aus beiden Teilen der Stadt, von Freunden und Lesern. Mit seinem Herr Moses in Berlin und Meine liebste Mathilde hat sich Heinz Knobloch gerade auch im Westen viele Sympathisanten erworben. Er ließ sich nicht lange bitten, noch drei, vier Kostproben als Zugabe zu geben, sagte dann aber entschlossen: Nun ist Schluss.

Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich jetzt in der Nähe der Ostsee. Die vielen signierten Bücher, die Briefe und Zeitungsausschnitte - alles zu Hause in Berlin. Zurückgeworfen auf die eigene Erinnerung an den frühen Mentor und langjährigen Kollegen: Der Meister hielt in Leipzig Vorlesungen und Seminare zum Fach Feuilleton. Allein das Wort war ursprünglich in der DDR unerwünscht, es galt als bürgerlich, oberflächlich. Aber das hat unseren Gastlehrer nur insofern gekümmert, als er das klassische literarische Feuilleton als eigenständiges Genre der Kurzprosa wiederbeleben wollte, wie es von Auburtin, Kerr, Kraus, Polgar, Karl Emil Franzos und Tucholsky gepflegt wurde. Diese "halbverbogene Brücke" zwischen Prosagedicht und Zeitungsaufsatz. Damals erfuhr ich etwas über Kopf- und Handwerk: Wie ein Stoff seine Überraschungen erst nach genauester, ja penibler Recherche preisgibt, was Zwischentöne sind und wie man in Deutschland mit Ironie umgeht, wie antithetische Gedankenführung ein "heiteres Darüberstehen" erleichtert, wie Pointen platziert und aus unbekannter Nähe Sensationen gewonnen werden.

Alle Studenten sollten schließlich ein solches Feuilleton zustande bringen. Knobloch drohte nicht mit schlechten Noten, sondern mit Abdruck der besten Texte in seiner Zeitung. Er sparte nicht mit Ermutigung, Nachwuchs für sein Genre zu fördern. Zögerlich schickte ich ihm weitere Textchen. Die prompt mit vielen roten Korrekturen zurückkamen. Schließlich lud der Chef-Feuilletonist sechs junge Talente zu einer "individuellen Betreuung". Der Schriftstellerverband ließ in seinem Heim in Petzow "längerdienende Autoren auf kleine Gruppen des literarischen Nachwuchses einwirken". So oder ähnlich spottete er im Vorwort der Feuilleton-Anthologie Schattensprünge, die 1975 das Ergebnis seiner "Einwirkungen" war.

Nun wäre es doch gut, in einigen Büchern zu blättern, genau zu zitieren. Die nächste Bibliothek ist weit. Die Ärztin im Dorf besitzt vier Knobloch-Bücher. Sie ruft die Lehrerin an, den einstigen Brigadier der LPG, Patienten. Ältere Leute kommen mit dem Fahrrad und reichen Bücher durchs offene Fenster, andere schicken ihre Kinder, die mit dem Auto vorfahren und hupen, Tüten hinterlassen. Sie alle wollen, dass ihr Knobloch einen schönen Nachruf bekommt. Nach wenigen Stunden breite ich neun Bände vor mir aus.

Oft ist es erst die vierte oder fünfte Auflage, die ergattert wurde. Ich stoße auf Widmungen zum Geburtstag oder Weihnachten. Auf Unterstreichungen, Randbemerkungen: "Fritz (Unleserlich) hat erzählt, er habe Rosa Luxemburg erschossen?" "Wo hat (Unleserlich) Vater in Berlin gewohnt?" Knobloch hat seine Leser zum Mitdenken und weiterrecherchieren animiert.

"Ich schreibe nur, was ich will, was mir Spaß macht. Auch für Spaß muß man bezahlen. Die Währung heißt manchmal Kompromiß, manchmal Gesundheit, manchmal Schweigen, manchmal Geld, manchmal Spaß." Und von dem, was so entstand, seien 97,77 Prozent gedruckt worden, schrieb er 1988. Zu den 2,23 Prozent, die erst später veröffentlicht wurden, gehört die mir sehr liebe, bereits 1962 verfasste Erzählung: Neun Tage vor meiner ersten Nierenkolik. Darin schildert der unschwer als junger Redakteur Knobloch erkennbare Ich-Erzähler sehr persönlich und sensibel seine Scham- und Schuldgefühle, als er einen Monat nach Mauerbau mit anderen Kollegen den Auftrag erledigte, die Bewohner eines Hauses in der Bernauer Straße in eine andere Wohnung zwangsumzuziehen.

"Ich sah auf meine Uhr und bemühte mich, den Sekundenzeiger zu erkennen. Er eilte ungerührt vorwärts, und ich bemerkte erstaunt, daß er mir nichts sagte, denn bloß die Uhr gehört mir, die Zeit nicht."

Redlich gewappnet, musste sich Knobloch nach der Wende nicht wenden. Er blieb sich treu - mir schien, er habe das zuvor begonnene Kapitel einfach weiterschreiben können. Die neuen Spielräume und Leser freuten ihn. Aber er war nicht nur der heitere Wahlverwandte von Schweyk. Er war auch bekümmert, ärgerlich, gelegentlich sarkastisch. Die feindliche Übernahme der Wochenpost durch die Woche hat ihn geschmerzt. Die Nachfrage für die kleine, geschliffene Form ließ zu seinem Verdruss wieder nach, in der Zeitschrift Ossietzky, Nachfolgerin der Weltbühne, fand er ein kleines Refugium. Auf einem der Redaktionstreffen begriff ich im Gespräch, wie sehr ihn der Verlust seines engsten Freundes, des wegen lapidarer IM-Vorwürfe an den öffentlichen Pranger gestellten und so in den Selbstmord getriebenen Schriftstellers Jürgen Borchert, quälte.

Der Dresdner Berlin-Spezialist Heinz Knobloch hat die Stadt, die ganze, geliebt und liebenswert gemacht. Aber gerade deshalb sah er sie auch kritisch. In einem Interview zu seinem 70. Geburtstag sagte er der Berlinischen Monatsschrift: "Berlin ist zur Zeit eine Stadt mit einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der Leute für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt werden, von der Strafrente ganz zu schweigen. Das wird wohl noch zwei Generationen dauern. Bis wir Letzten, die noch etwas von der DDR wissen, weggestorben sind."

Gegen den Strich trösten. Mögen all die, die Heinz Knobloch (tatsächlich oder lesend) zu so vielen Grabsteinen geführt hat, den Weg zu ihm und seinen Büchern für künftige Generationen kenntlich halten.

00:00 01.08.2003

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