Gegen die große Malaise

Identität Die arabischen Gesellschaften müssen ein starkes Selbstverständnis entwickeln. Die postkoloniale Erfahrung zeigt, dass dieser Prozess schwierig ist

Im letzten Jahrhundert kreisten die politischen und kulturellen Debatten der arabischen Welt um eine Frage: Die der Identität. Der Untergang des Osmanischen Reichs zwang die arabischen Gebiete dazu, von osmanischen Provinzen in unabhängige Nationen überzugehen und sich neu zu definieren. Angesichts der Übergriffe des westlichen Kolonialismus musste die arabische Bevölkerung ihre kulturelle und politische Souveränität verteidigen. Im Rahmen der Formierung neuer Nationalstaaten wurde es nötig, nationale Gemeinschaften zu umreißen und Vorstellungen von der Vergangenheit und Zukunft jeder dieser Gemeinschaften zu entwickeln. Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit galt es schließlich, diese Definitionen und Konstruktionen angesichts der oft desillusionierenden Erfahrungen dieser Ära zu überholen. In jeder dieser Phasen entwickelten arabische Denker, Ideologen und Politiker eine Bandbreite von Konzepten des Selbst.

Ab dem frühen 16. Jahrhundert war ein Großteil der arabischen Welt vierhundert Jahre lang teil des multiethnischen und multireligiösen Osmanischen Reichs, das von sunnitischen Türken beherrscht wurde, die im Namen des muslimischen Kalifats regierten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts sah sich dieses Reich einem wachsenden finanziellen, militärischen und politischen Druck ausgesetzt, dem die Herrscher in Istanbul einerseits mit unterschiedlichen Reformationsbemühungen, Modernisierungsansätzen und egalitärer Toleranz und andererseits mit konservativen Mitteln wie Türkifizierung, Autoritarismus und Chauvinismus begegneten.

Protonationalistische Bewegungen formierten sich als Reaktion auf diese Spannungen und strebten nach verschiedenen Formen der Unabhängigkeit. Im Fall des arabischen Raums ging es dabei mehr um eine Autonomie innerhalb des Osmanischen Reichs, die kommunale Selbstverwaltung sowie kulturelle und sprachliche Freiheiten erlauben würde. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg und die Abschaffung des Kalifats durch die Führer einer erwachenden türkischen Nation erforderten ein Umdenken in eine arabische Zukunft, die außerhalb des Osmanischen Reichs liegen musste, möglichst verschont von der Einmischung westlicher Mächte.

Verschiedene Modelle wurden erarbeitet: So setzten sich einige für eine vereinte arabische Nation ein, geeint durch einen arabischen Nationalismus, während andere regionale Bündnisse anvisierten, etwa das syrische, welches das heutige Syrien, Palästina, Jordanien und den Libanon umfasste. Wieder andere strebten nach engeren Formen des Nationalismus. Jedes dieser Modelle verfügte über hinreichend historische, geografische und bisweilen ökonomische Überzeugungskraft, um die Beteiligten – zu denen auch die in der Region aktiven westlichen Mächte zählten – von sich zu überzeugen.

Unabhängigkeitswelle

Regierungsformen wurden ebenfalls diskutiert: Einige plädierten für die Wiedereinführung des arabischen Kalifats, andere lehnten es ab, viele Araber bevorzugten einen unabhängigen arabischen Staat. Doch statt einer übergreifenden Nation bekamen sie eine Reihe einzelner arabischer Staaten, regiert von westlichen Mandatsmächten, vor allem Frankreich und Großbritannien. Zwischen den beiden Weltkriegen kämpfte die Region gegen Kolonialismus und Mandatsherrschaft; Widerstand, der zu einer Unabhängigkeitswelle Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts führte. Für manchen waren diese neu entstandenen Staaten lediglich temporäre Einrichtungen, die es in eine übergreifende arabische Lösung zu vereinen galt. Doch in dieser Phase ließ sich das Vorhaben der Vereinigung nicht umsetzen; die wenigen Versuche, zwischenstaatliche Zusammenschlüsse herbeizuführen, etwa zwischen Ägypten und Syrien oder Libyen und Ägypten, misslangen, vor allem aufgrund von Machtkämpfen zwischen den beteiligten Staaten.

Die Identitätsdebatte, welche diese politischen Ereignisse begleitete, war – wie Identitätsdiskurse andernorts auch – geprägt von Strömungen wie Essentialismus, Determinismus und Romantik. Für jene, die die Identität in der Religion begründet sahen, stellte der Islam die entscheidende Grundlage der Geschichte und des Charakters der Menschen dar. Für diejenigen, die den Nationalismus in den Mittelpunkt rückten, bildeten Sprache, kulturelles Erbe und Geschichte die Säule, um welche sich Vergangenheit und Zukunft ansiedeln lassen sollten.

In beiden Fällen interpretierte man die konstitutiven Elemente von Identität in deterministischer Weise, d.h. man ließ keinen Raum für Wahl, Handlungsfähigkeit und Verantwortung. Religion, Sprache, Tradition und Geschichte waren als bekannte, endgültige Bestandteile vorausgesetzt, formten das Wesen des Arabers und diktierten ihm seine Existenz, seine Geschichte und seine Zukunft. Das hatte den Vorteil, dass sie eine solide Basis für Identitäten schufen, die es festzuschreiben galt. Doch bei den vermeintlich unabänderlichen Wesenzügen handelte es sich in Wahrheit um facettenreiche historische Phänomene. Statt sich ihnen zu stellen, tat der deterministische Diskurs indes so, als gebe es unausweichbare Schicksale, und sprachen sich selbst und ihren Diskussionspartnern jede Handlungsfähigkeit und Verantwortung bei der Erarbeitung einer Identität im Rahmen einer freien öffentlichen Debatte ab. Aber es kam anders: Der deterministische Diskurs stellte das Konstruierte als etwas „Natürliches” dar und rechtfertigte so das Entstehen eines autoritären Regelwerks, egal ob in Politik oder Kultur.

Bereits Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erhoben sich Stimmen gegen diese deterministischen Ansätze, etwa die des syrischen Historikers Qustantin Zurayq, einem der führenden Ideologen des arabischen Nationalismus. Zurayq warnte vor allen Formen des Determinismus, egal ob metaphysisch, kulturell oder historisch betrachtet, und appellierte an die Fähigkeit der Menschen, ihre Werte selbst zu bestimmen und aufrechtzuerhalten, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und innerhalb einer humanistischen Perspektive Vorstellungen von der Zukunft zu entwickeln. Ein anderer syrischer Historiker, Aziz al-Azmeh, griff seinerseits die naturalistische Darstellung von Identität scharf an, im Zeichen einer gewissen romantischen Denkweise. Der marokkanische Historiker Abdallah Laroui wiederum kritisierte, dass Sprache, Tradition und Religion zum Fundament einer Identität erklärt wurden, die in Wirklichkeit nur durch kritische Aneignung entstehen und geformt werden kann. Verehrung des Absoluten nannte er das.

Entmüdigung und Schmerz

Hinzu kommt, dass die arabische Nationalismen wie die meisten Formen des Nationalismus in der Regel Vielfalt und Pluralismus unterdrücken und Minderheiten – ethnischen wie Kurden und Berber oder religiösen wie den Kopten – Existenzrechte und Freiheiten verwehren. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten viele das Bedürfnis, diese homogenisierenden Konzeptionen des arabischen Nationalismus zu revidieren. Doch in der Ära, die nach der Unabhängigkeit folgte, gab es kaum Platz für Kritik. Unter den meisten arabischen Regierungen entstanden despotische Regimes, die ihre Bevölkerungen entrechteten und Misswirtschaft mit den Schätzen ihrer Länder betrieben.

Die Folge waren ein verbreitetes Gefühl der Verzweiflung und Demütigung sowie der wachsende Unmut einer Bevölkerung, die sich einem unhaltbaren Zustand der Ungerechtigkeit, Kriminalität und Verlogenheit ausgesetzt sah. Genau diese angesammelte Wut führte zu den Aufständen, die wir seit Kurzem in der arabischen Welt beobachten können. Kulturelle Authentizität und Spezifizität spielen eine weitere Rolle in der arabischen Identitätsdebatte. Diese Aspekte reichen zurück in die Zeit der „Nahda”, der arabischen Renaissance, die ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, als arabische Völker sowohl im eigenen Land als auch in Europa selbst erstmals aus erster Hand Erfahrungen mit der europäischen Kultur sammeln konnten.

Üblicherweise wird hier auf Napoleons Invasion in Ägypten 1798 zurückverwiesen, um den Beginn dieser Erfahrungen zu markieren. Napoleon blieb indes nur wenige Jahre, gefolgt von einem neuen ägyptischen Herrscher, der darauf bedacht war, Armee und Administration zu modernisieren und sein Land als autonome Macht ­gegenüber dem Osmanischen Reich zu positionieren. Der stark von europäischen Modellen beeinflusste Modernisierungsprozess einerseits und das Bewusstsein der Araber von Europas Überlegenheit in Wissen, Ausrüstung und Wirtschaft andererseits schufen einen dringenden Reformierungsbedarf. Seither setzen sich arabische Denker intensiv mit Fragen der Reform und der kulturellen Affirmation auseinander. Wie kann man europäische Einflüsse zulassen, ohne die eigene Kultur und Identität zu verraten? Was steckt hinter Europas Fortschritt und der Rückständigkeit der arabischen Welt? Mit der zunehmend eigennützigen Einmischung westlicher Mächte in arabische Angelegenheiten, mit den britischen und französischen Mandaten, mit der unerschütterlichen Unterstützung eines israelischen Staats und später mit der neokolonialen und unverhohlenen Besetzung arabischer Gebiete verschärfte sich das Dilemma zwischen einer Öffnung Richtung Westen und dem Bedürfnis, sich gegen diesen zu schützen.

Dieses Dilemma ist allen Gesellschaften bekannt, die unter westliche Vorherrschaft gerieten. Genau wie die anderen Gesellschaften steht auch die arabische vor der Herausforderung, ein stärkendes Selbstverständnis zu entwickeln. Die postkoloniale Erfahrung zeigt, dass dieser Prozess ein mühsamer Weg ist, der sowohl die Sackgassen exzessiver Selbstverherrlichung und Selbstabwertung aufzeigt als auch die Gefahren der totalen Imitation oder der völligen Abschottung. Vor allem aber macht er die abstumpfende Verheißung der Selbstessentialisierung bewusst. Diese Verheißungen, Gefahren und Sackgassen zu ­benennen und vor ihnen zu warnen angesichts schwierigster ökonomischer, poli­tischer und intellektueller Bedingungen, ist die Aufgabe, die sich allen postkolonialen kritischen Denkern stellt, auch denen in der arabischen Welt.

Im Fall der arabischen Welt wird die kulturelle Malaise von den dramatischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts weiter verkompliziert – von der Gründung Israels 1948 und der Niederlage von 1967 im Krieg gegen dieses Israel, von der Konsolidierung der meisten repressiven Regimes bis zum Golfkrieg und der Invasion des Irak. Trotz (vielleicht auch: wegen) dieser desaströsen Bedingungen haben arabische Denker sich klar und deutlich zur kulturellen Malaise positioniert, deren politischen Hintergründe identifiziert und die Menschen aufgerufen, sich zu emanzipieren und für politische Teilnahme einzusetzen.

Diese kritischen Denker schienen weniger präsent als jene, die für kulturalistische Analysen und Abhilfen plädierten, oder jene, die totalitären Vorstellungen anhingen, wie die Islamisten, doch es waren mutige Stimmen. Sie wehrten sich gegen die Verlockungen des Kulturalismus, welche die Malaise der arabischen Welt auf intrinsische Missstände in der arabischen Kultur reduzierte. Stattdessen wandten sie sich der Politik zu, der Entmündigung der Bevölkerung, dem Missbrauch des Staats durch jene, die ihn an sich gerissen hatten. Aus dieser Entmündigung und dem angesammelten Schmerz entsprang jene massive politische Reaktion, die Millionen von Arabern auf die Straßen trieb, um für ihre Rechte als Bürger und als Menschen kämpfen.


Elizabeth Suzanne Kassab
ist Philosophin. Sie hat im Libanon und in den USA gelehrt. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der postkolonialen Debatte. Zuletzt erschien von ihr: Contemporary Arab Thought. Cultural Critique in Comparative Perspective





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.

Übersetzung: Therese Hopfmann

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10:00 11.09.2011

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