Gegen die Megafone

Im Gespräch "Die Medien haben die größte Kraft für Frieden auf der Welt" – ein Interview mit der Medienaktivistin Amy Goodman über Journalismus im Zeitalter der Monopole

Frau Goodman, Sie behaupten, die amerikanische Demokratie ginge den Bach hinunter – und die Medien seien schuld.

Amy Goodman: Unsere Journalisten kommen ihrer Verantwortung nicht nach: Sie sind nicht die vierte Gewalt im Staat, sondern Hofberichterstatter. Sie stellen Softball-Fragen und geben klein bei, anstatt die Politiker zu hinterfragen. Was kommt dabei heraus? Propaganda! Schauen Sie sich die Berichterstattung über den Irakkrieg an: Wie die Fernsehsender und auch die Zeitungen hier die Trommel geschlagen haben für den Krieg. In Deutschland, England und Spanien war das anders. In den USA dagegen schwänzelten alle Journalisten beziehungsweise jene, die sich so nennen, um Bush, herum. Der hatte ein kleines Megafon an den Stufen zum Weißen Haus und wiederholte beständig "Massenvernichtungswaffen, Massenvernichtungswaffen" - und die Medien verbreiteten die Botschaft im ganzen Land ohne einmal nachzuhaken. Das ist natürlich auch bequemer – so werden sie immer wieder zu gemeinsamen Abendessen mit dem Präsidenten und Co. geladen. So verfallen die Journalisten hier immer mehr der Sünde: Anstatt die Wahrheit zu suchen und zu publizieren, handeln sie mit ihr.

Und jene, die am meisten zahlen, bekommen die schönsten Berichte?

Genau. Es ist ein enormes Problem, dass sowohl politische Einrichtungen hierzulande als auch die Medien von Großkonzernen finanziert werden. Wie sollen Fernsehsender über Kriege berichten, wenn sie vom Waffenhandel leben? Wie sollen Journalisten über die Ölkatastrophe schreiben, wenn BP für ihre Gehälter aufkommt? Wie über die Gesundheitsreform, wenn sie von Krankenversicherungsgesellschaften bezahlt werden? Die großen Medienunternehmen sind alle mit den Großkonzernen vernetzt. Erst recht seit der Hyperkonzentration, seit der Entstehung der Monopole nutzen die Medienmogule selbst die öffentlichen Sender als wären sie ihr Privatbesitz. Dabei geht mit der Genehmigung, jene Wellen zu nutzen, eine Verantwortung für die Öffentlichkeit, für unsere Demokratie einher. Wir brauchen unabhängige Medien, auch wenn das bedeutet, dass die Journalisten dann auf Abendessen mit den Mächtigen und hohe Gehälter verzichten müssen.

Wie soll ein solches System dann finanziert werden?

Mit Spenden von Leuten, denen unabhängige Stimmen wichtig sind. Das ist ein Modell, das funktioniert: Das Reporterbüro ProPublica zum Beispiel finanziert sich ausschließlich durch solche Spenden und überzeugt mit kritischer, unabhängiger Recherche. Gerade in den vergangenen zwei, drei Jahren wuchs die Nachfrage hierzulande nach qualitativ hochwertigem Journalismus. Als die Leute sahen, dass die Medien sich getäuscht hatten, dass die Massenvernichtungswaffen im Irak gar nicht existierten, gab es einen Wendepunkt. Auch die Sendung Democracy Now ist dadurch sehr viel populärer geworden – wir waren schließlich diejenigen, die korrekt berichtet haben. Wir haben Fragen gestellt.

Reicht es, die Mächtigen zu hinterfragen, um guten Journalismus zu machen?

Nein, genauso wichtig ist es, gerade diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die sonst kaum Gehör finden. Wir versuchen jeden Tag, bestmöglichen Journalismus zu machen, und das bedeutet täglich, die größtmögliche Vielfalt an Stimmen zu veröffentlichen. In den Netzwerken der großen Medienkonzerne gibt es einen kleinen Kreis an Sprechern, die so wenig über so viel wissen, die uns die Welt erklären wollen und sie so missinterpretieren. Weil sie nicht mit den Menschen sprechen, weil sie in den Suiten der Hauptstädte sitzen anstatt die Krisengebiete oder auch nur die Communities zu betreten.

Sie vertrauen mehr auf die Wirkung einer authentischen Stimme als auf die kritische Analyse eines möglichst objektiven Betrachters?

Ich fühle, dass Medien die größte Kraft für Frieden auf der Welt haben, wenn sie die Menschen für sich selbst sprechen lassen. Man muss nicht übereinstimmen, mit dem was sie sagen, aber es bewirkt etwas, es erinnert einen an was: Das palästinensische Kind hört sich vielleicht an wie der eigene Sohn.

Und diese Empathie mobilisiert die Menschen?

Genau und deshalb ist sie genauso wichtig für die Demokratie wie die Kontrolle der Mächtigen. Wir müssen die Gatekeeper weglassen, die alten Redakteure, die bestimmen, wer was sagen darf – und das ist dank der neuen technischen Entwicklungen möglich. Wir Journalisten müssen das Internet nutzen, nicht weil es sonst zur Konkurrenz wird, sondern weil es Journalismus ist: Genau da, wo die großen Medienkonzerne gar nicht hingehen, müssen die Menschen selbst berichten, was los ist. Dieser Bürger-Journalismus ist eine Gefahr für Murdoch und Co., weil jene früher die einzigen waren, die Informationen bereitstellen konnten, und damit ihr Geld gemacht haben. Deshalb versuchen sie, die dezentralen Medien, die Online-Medien zu kontrollieren, und genau deshalb müssen wir für Netzneutralität kämpfen. Wir müssen dafür kämpfen, dass nicht das Geld entscheidet, in welcher Reihenfolge Google etwas listet.

Das Internet ist zudem global – und das wollt Ihr mit

Ein wirklich unabhängiges Mediensystem kann nur global sein, eines, das nicht mehr an irgendwelche einzelnen nationalen Regierungen oder Unternehmen gebunden ist. Jetzt schon senden wir in fast 900 Stationen in der ganzen Welt, in den USA, Kanada, Österreich, Schweden, Japan. Und wir übersetzen Democracy Now. In je mehr Ländern wir sind, desto mehr geben die Leute auch zurück. Sie können uns wissen lassen, was bei ihnen los ist, können uns Geschichten und Perspektiven vermitteln, die wir zuvor vielleicht nicht gekannt haben.

Amy Goodman ist Mitbegründerin und Moderatorin der spendenfinanzierten US-amerikanischen Nachrichtensendung , die zuerst im unabhängigen New Yorker Radio-Sender WBAI lief. Inzwischen wird die Sendung international von mehreren hundert Stationen übernommen.

14:30 12.11.2010

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