Gegen dotzen

Schwimmen I Warum es niemand kann

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, dass jeder schwimmen kann. Zumindest jeder Mensch, dem im zarten Alter die Bewegungen der Gliedmaßen von einer lehrenden Person demonstriert wurden. In Wahrheit verhält es sich aber umgekehrt: nur wenige Menschen können schwimmen, wenn denn mit "Schwimmen" mehr gemeint sein soll, als "sich über Wasser halten". Andernfalls wäre von "Wassertreten" die Rede. Die Grundidee des eigentlichen Schwimmens vermittelt ein Besuch in jedem beliebigen Aquarium oder ein Blick in die zahlreichen TV-Sendungen meeresbiologischen Inhalts: die Eleganz der Fischlein im Schwarm oder auch im Korallendickicht basiert auf einem ungeheuer wendigen Gleiten, sie stoßen nie irgendwo an.

Der Besuch eines beliebigen Berliner Schwimmbads belehrt auf einen Blick, dass nach diesem Maßstab streng genommen niemand schwimmen kann. Natürlich sind Menschen keine Fische, aber auch hinkende Vergleiche haben eine gewisse Aussagekraft. Ausgenommen aus der harten Prüfung seien gnadenhalber folgende Personenkreise, die grundsätzlich gegen andere Schwimmer dotzen: kreischende Kinder jeden Alters - denn sie sind nun mal Kinder; grölende oder kichernde Jugendliche beiderlei Geschlechts - da verwirren die Hormone; still vor sich hin und allen in den Weg treibende Rentner - hier sind es vermutlich die Augen. Selbst nach Abzug all dieser, in gewissem Sinne Unschuldiger, bleibt ein erstaunlich großer Rest Nicht-Schwimmer, gerade unter denen, welche sich für große Wasserprofis halten.

Da wäre zunächst der Mann, der meint, sich als solcher stets beweisen zu müssen. Der, ob durchtrainiert oder bauchig, wild entschlossen ist, in Form zu bleiben oder zu kommen, besser zu sein oder zu werden als andere Männer seines Alters, der niemandem etwas verdankt und keinem etwas schenkt. Diese Spezies besitzt Null Instinkt und weicht nie aus, hier wird auf das Wasser eingeprügelt und natürlich auch auf andere Schwimmer, die nicht rechtzeitig abtauchen. Diese Typen können - entgegen der eigenen Überzeugung - nicht schwimmen, hier wird eindeutig Wasser getreten.

Dann wäre da noch die Frau über 30, die sich, von der Sorge um den Körper getrieben, durchs Becken kämpft. Sie schwimmt nicht etwa, weil es ihr Spaß macht - ebenso wenig wie das Laufen oder all die Gymnastik zwecks Stretchen oder Shapen des Bodies - sondern, weil ihre persönliche Trainerin dringend zum Schwimmen als Ergänzung geraten hat. Diese Spezies weicht auch nicht aus, vor allem um der Maxime ihrer Coacherinnen zu folgen: "sich durchsetzen". Die Damen können nicht schwimmen und wollen es auch nicht, denn in erster Linie sollen verborgene Muskeln schwer erreichbarer Partien mobilisiert werden: es wird Wasser getreten.


Was ist zu tun? Selbst die derzeit laufende Schwimm-WM in Montreal bietet sich für visuelle Nachhilfe in Sachen Wasserstil nicht an, denn die Profis schwimmen gewissermaßen unter Laborbedingungen: Jeder bekommt seine eigene Bahn, um dieselbe - ohne rechts oder links zu schauen - schnellstmöglich zu durchqueren. Michael Phelps, der bei den Olympischen Spielen in Athen fünf Goldmedaillen gewann, trainierte kürzlich an der Côte d´Azur - allerdings nicht im Meer. Der Amerikaner kommentierte das in einem Interview: "Fische beim Training sind mir unheimlich." Laien können also Stil und Techniken der Wassergrößen studieren, doch das hilft im überfüllten Freibad keinem weiter. Die Schwimmdisziplinen in Montreal versprechen ohnehin nicht die optimale Spannung. Der australische Freistilexperte "Thorpedo" Ian Thorpe, der in Athen zwei Mal Gold holte, hat abgesagt. Der Holländer Pieter van den Hoogenband, in Athen mit einer Gold- und einer Silbermedaille erfolgreich, kann nach einer Bandscheibenoperation nicht antreten. So fehlt die hochkarätige Konkurrenz für Michael Phelps. Es steht zu vermuten, dass der ungewöhnlich vielseitige Schwimmer, der in acht Wettbewerben antritt, ungehindert von Sieg zu Sieg schwimmt und seinem legendären Landsmann Mark Spitz nacheifert. Bei den Damen sehen die Wettbewerbe mindestens aus deutscher Sicht unterbesetzt aus, da Franziska von Almsick nur vom Beckenrand aus kommentieren wird und Hannah Stockbauer pausiert.

Für das missliche Schwimmbadproblem empfiehlt sich zur Betrachtung eher ein erst seit 1984 olympischer Wassersport, der sich in Athen zu einem Geheimtipp mauserte: das Synchronschwimmen. Gelingt es, von der Albernheit der Veranstaltung zu abstrahieren, ist hier etwas zu lernen, das die Schwimmbadtauglichkeit merkbar erhöht. Die Sache sieht zwar nicht wie Schwimmen aus, sondern wie eine absurde Form der Gymnastik, bei der Ohren- und Nasenlöcher verstopft werden müssen, basiert aber auf einer Fähigkeit, die Phelps Co. ebenfalls beherrschen müssten (schon um die Wenden nicht zu vermasseln): der Wahrnehmung von und Koordination mit anderen Körpern im Wasser. Denn Schwimmen beinhaltet eine Interaktion mit der Umwelt, im Falle der Fische mit Artgenossen, Feinden, Pflanzen und allerlei Zeug im Wasser, im Falle der Schwimmbadbesucher mit den Mitmenschen, die ihn im Nass umkreisen. Von den Fischen lernen, heißt die Devise, umsichtiges Gleiten statt Wassertreten würde das Ungemach im Becken jedenfalls erheblich reduzieren.


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00:00 22.07.2005

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