Gegen jede Autobahn

Sachsen-Anhalt Vor der Landtagswahl sieht sich eine Waldbesetzung in der Altmark rechter Wut ausgesetzt
Gegen jede Autobahn
Die Notwendigkeit des Ausbaus der A14 wird hier, zwischen Colbitz und Tangerhütte, total offensichtlich

Foto: Stephan Schulz/dpa

Eine Wegbeschreibung zum Lager gibt es nur per Koordinaten. 30 Aktivist:innen sitzen auf der geplanten Trasse der A14, die hier in wenigen Jahren durch den Wald führen soll. Der Protest gegen diesen Bau bedient sich keiner klassischen Baumhäuser, vielmehr sind in etwa fünf Meter Höhe palettenähnliche Plattformen an Kiefernstämmen befestigt, die Dachkonstruktionen darüber bestehen aus Zeltplanen. AfD-Wahlplakate dienen als Wände einer selbst gebauten Waldtoilette.

Kritiker des seit einigen Wochen aktiven Protests merken gerne an, dass der hiesige Losser Forst künstlich angelegt wurde und eine Monokultur ist. Im Gegensatz zum Hambacher Forst, der seit einigen tausend Jahren gedeihen konnte, hat der Wald bei Seehausen in der Altmark eine kurze Historie. Für die Aktivist:innen spielt das keine Rolle. „Die Monokultur ist trotz allem besser als die Autokultur“, heißt es im Netz. Unter dem Motto „Moni bleibt!“ wenden sie sich gegen Rodung und A14-Weiterbau.

Um die Autobahn, die von Magdeburg über Wittenberge nach Schwerin führen soll, gab es in Sachsen-Anhalt lange Streit. Im Sommer 2019 einigte sich das Land mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz, beide Seiten machten Zugeständnisse. Inzwischen sind erste Teilabschnitte fertiggestellt, arrangiert haben sich aber längt nicht alle mit dem Großprojekt. Zuletzt klagten die „Naturfreunde Sachsen-Anhalt“ gegen das Teilstück zwischen Osterburg und Vielbaum.

Feuer und Scherben

Die Besetzer:innen im Losser Forst betonen, dass sie den Dialog suchen – mit den Anwohner:innen ebenso wie mit den Befürworter:innen der Autobahn. Hierzu wurde der stillgelegte Bahnhof im wenige Kilometer entfernten Seehausen angemietet, der inzwischen in privater Hand ist. Er dient den Aktivist:innen als Basislager sowie als Infopunkt für Interessierte. Statt zu Dialog kam es zu Gewalt: In den wenigen Wochen, die das Basislager besteht, wurde es schon mehrfach Ziel von Anschlägen. In der Nacht zum 17. Mai brannte eine Couch vor dem Gebäude, Fensterscheiben gingen zu Bruch. Die Feuerwehr konnte den Brand eindämmen, bevor er auf ein hölzernes Zwischendach übergreifen konnte.

Eine Woche später legten mutmaßliche Gegner:innen der Aktivist:innen nach: Sie brachen in das Bahnhofsgebäude ein, verwüsteten den Innenraum und zündeten laut einer Polizeisprecherin einen „Böller“. Die Waldbesetzer:innen sprechen von einem „Sprengsatz“, einer Art selbst gebastelter Rohrbombe. Kurz nach der Tat konnte die Polizei eine Gruppe von Personen stellen, auf die Zeugenaussagen zutrafen, die Ermittlungen dauern noch an.

Dass mutmaßlich Befürworter:innen der A14 so vehement gegen die Proteste vorgehen, liege auch an der örtlichen Presse, beschwert sich das Bündnis „Keine A14!“: Die Tageszeitung Volksstimme lasse generell jene Personen und Lokalpolitiker:innen zu Wort kommen, die für den Bau sind, und spare Gegenargumente und überhaupt Stimmen von Autobahnkritiker:innen aus. Die zweite Tageszeitung der Region, die Altmark Zeitung, gebe sich ausgewogener und lasse auch Aktivist:innen zu Wort kommen. Das Hintergrundrauschen für die Auseinandersetzung liefert die heiße Phase des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl an diesem Sonntag.

Etliche Lokalpolitiker:innen sowie Bürgermeister:innen überbieten sich mit Forderungen, den Wald zu räumen und den Protest aufzulösen. Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde von Seehausen, Rüdiger Kloth, hatte früh sein Unverständnis gegenüber den Aktivist:innen erkennen lassen. Kloth verließ 2019 die CDU, gründete zunächst das Bündnis „Pro Altmark“, ehe er sich Anfang 2020 den Freien Wählern anschloss. „Linke Ideologen“ hätten den Wald gekapert, sagte er der Volksstimme Ende April. Niemand aus der hier lebenden Bevölkerung verstehe diese Proteste. Die Aktivist:innen hingegen sprechen von breiter Unterstützung aus dem Umland.

Auch Chris Schulenburg, CDU-Kreisvorsitzender und innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Magdeburg, mischt in der Angelegenheit mit. Der 40-jährige Polizeibeamte war früh vor Ort, lästerte hernach im Internet über „Berufsdemonstranten“ und sprach von „seltenen Exemplaren“. Der Unterton eines entsprechenden Videos erinnert an den Duktus der AfD, und nicht nur der: Schulenburg hielt etwa im Februar 2020 eine Landtagsrede, in der er es ablehnte, den 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum Feiertag zu erklären: „Bei vielen Menschen in Ost- und Mitteldeutschland hat an diesem Tag nicht der Frieden, die Freiheit, die Zuversicht und die Freude Einzug gehalten.“ Zu denken sei an „Flucht und Vertreibung“, den „Verlust der Heimat und des Lebens“, und weiter: „Von der einen Seite wird der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung gesehen. Von der anderen Seite der Gesellschaft wird er als Tag einer neuen Diktatur gesehen.“ Der CDU-Mann erhielt dafür viel Zuspruch von der AfD und aus der Neonazi-Szene. Es sind derartige Annäherungen, die den anstehenden Wahltag so heikel machen; AfD und Union liegen in Umfragen gleichauf, wer mit wem regieren wird und überhaupt kann, ist offen.

Rund um den Losser Forst bleibt es nicht bei der Agitation gegen die Waldbesetzung aus den Reihen von CDU wie auch AfD. Die Aktivist:innen sehen sich Beleidigungen und anonymen Drohungen ausgesetzt, dass man die Bäume fällen werde, auf denen die Plattformen aufgeschlagen sind.

Ambivalente Grüne

Diplomatisch hingegen agiert der SPD-Landrat des Landkreises Stendal, Patrick Puhlmann: Bei einem Besuch vor Ort verwies er einerseits darauf, dass man sich an die Beschlüsse und somit den Weiterbau halten müsse. Andererseits äußerte er viel Verständnis für die Anliegen der Besetzer:innen, er könne deren Wunsch nach einer Verkehrswende nachvollziehen.

Die Grünen wiederum, denen Umfragen eine knappe Verdopplung ihres Landtagswahlergebnisses auf rund zehn Prozent prognostizieren, geben ein ambivalentes Bild ab. Mit Claudia Dalbert stellt die Partei zwar die Umweltministerin im Land, lokale Belange scheinen für sie jedoch von geringem Wert zu sein. Schon seit Wochen sieht sie sich heftiger Kritik von Bürgerinitiativen und lokalen Verbänden ausgesetzt, weil sie die Gefahren einer Giftschlammgrube bei Brüchau im Altmarkkreis Salzwedel herunterspiele und verharmlose.

Unterstützung und Solidarität erfahren die Gegner:innen des Autobahn-Ausbaus eher von lokalen Vertreter:innen. Cathleen Hoffmann, Vorsitzende des Kreisverbandes Altmark der Grünen, wies Mitte Mai darauf hin, dass die Melange aus „rechtsextremen (...) und konservativen Stadträten, Politikern und Bürgermeistern“ ein Klima geschaffen habe, das zur Eskalation beitrage. Auch der grüne Stadtrat der Hansestadt Osterburg, David Elsholz, und Susanne Bohlander, Stadträtin der Hansestadt Seehausen, stellen sich gegen das Zündeln und fragen, ob einige Kolleg:innen wohl „zu viele Western-Filme gesehen“ hätten.

Derweil arbeiten die Gegner des Protestcamps im Hintergrund an dessen Räumung. Bislang ist die Besetzung nur ordnungswidriger, nicht strafrechtlicher Natur. Die Besetzer:innen fürchten, bei einer entsprechenden Regierungskonstellation im Land könnte ihr Camp schnell dem Erdboden gleichgemacht werden.

Marc Fischer arbeitet als freier Journalist in Sachsen-Anhalt, unter anderem für den MDR

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06:00 03.06.2021

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